Quelle: Archiv MG - USA AUSSENPOLITIK - 45 Jahre Weltherrschaft
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USA
SCHWARZE KNIEHOSEN FÜR FRIEDEN UND FREIHEIT
Worum ist es gegangen, letzte Woche in London, Versailles, Rom,
Bonn, Berlin? Um die feierliche Bestätigung des gemeinsamen west-
lichen Beschlusses, die Freiheit in jeden Erdenwinkel zu tragen?
Um neue Erpressungen der NATO gegenüber dem Osten? Um die Klar-
stellung des Beitrages, den jeder Bündnispartner zu diesem Pro-
gramm zu leisten bereit ist? Irgendwie schon - aber doch eigent-
lich nebenbei.
Laut "Time" z.B. ging es um folgendes:
"Gipfeltreffen erinnern die meisten bewußt denkenden Menschen
daran, daß amerikanische Nuklearwaffen die Russen im Zaum halten,
amerikanische Kriegsschiffe die Frachtrouten sichern; sogar
daran, daß britische Harriers in den Falklands amerikanische Si-
dewinder-Raketen abfeuern. Der wirklich entscheidende Gegenstand
der extravaganten Schau in Europa ist die Führungsrolle der USA.
Ronald Reagan scheint das begriffen zu haben. Als Yankee mit der
Prärie im Blut, begleitet von einer schönen Frau in glitzernden
Kniehosen, der auf Dinner-Parties Furore macht, hat er in dieser
Hinsicht einiges zu bieten." (Time, 14.6.82)
Erstens also: die imperialistische Gewalt der USA ist der Garant
des Weltfriedens, ihr Erfolg gibt allen dafür. benötigten Mitteln
recht. Zweitens: Reagans Teilnahme am NATO- und Wirtschaftsgipfel
i s t die Reise eines Oberherrschers zu seinen Vasallen, was
auch immer die sich an eigenständiger Weltpolitik gerade deswegen
herausnehmen. Drittens aber: worauf es bei dieser Reise eigent-
lich ankommt, ist die adäquate Selbstdarstellung dieser Macht,
ihrer Einigkeit und ihrer Freiheit. Viertens interessiert einen
demokratischen Hofberichterstatter deshalb nichts so sehr wie die
Frage: wie hat ER "es" denn "gebracht", die Verkörperung dieser
Machtvollkommenheit? War ER der Aufgabe gewachsen, die die freie
Presse als seine hervorragende hinstellen möchte: in seiner Per-
son den Beweis anzutreten, daß ihm zurecht die Entscheidung über
Krieg und Frieden anvertraut ist? In kniefälliger
Bewunderung für den Erfolg
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einer Macht, die nur noch um das Wie ihrer endgültigen Vollendung
zu verhandeln braucht, erlaubt sich die amerikanische Presse nur
noch eine (Schein-)Frage, deren Antwort damit natürlich auch
schon fentsteht! Die Fähigkeit zur Zerstörung ganzer Landstriche,
so es für die Verteidigung westlicher Freiheit geboten erscheint,
in Verbindung zu bringen mit dem Modefummel der Frau Präsidentin
erscheint deswegen weder pervers noch peinlich: Schließlich sind
neben dem amerikanischen Modellcharakter des Präsidenten selbst
die Roben dieser alternden Ami-Schickse mit Bedacht unter eben
diesem Gesichtspunkt gewählt: daß sie ein Attribut der Herrschaft
sind, die es sich leisten kann, das Maß an Extravaganz zu zeigen,
das nur den Erfolgreichen zusteht. So gesehen, sind Nancy's Kla-
motten ein Stückchen Beweis dafür, daß Reagan seine ganz persön-
liche Eignung für die schwierige Aufgabe unter Beweis gestellt
hat, die die amerikanische Journaille für ihn in Versailles und
Bonn entdeckt hat: der "natürlichen Führungsrolle" der USA im
Bündnis Geltung zu verschaffen. Und wie?
"Das Weiße Haus betrachtet die Reise als eine wichtige Gelegen-
heit für den Präsidenten, dessen bedeutendste politische Qualität
sein ansteckender persönlicher Charme ist, den in Europa noch im-
mer weit verbreiteten Eindruck zu zerstreuen, daß die Führung der
westlichen Allianz sich in den Händen eines schießfreudigen
Cowboys befindet..." (Time, ebda)
Daß es im Ernst Reagans Charme wäre, der europäische Staatsober-
häupter dazu bewegt, nicht nur mit ihm auszureiten und zu tafeln,
sondern dabei auch noch die Kreditzinsen für die Russen zu erhö-
hen und die Zuständigkeit der NATO auszuweiten, glaubt natürlich
so niemand. Aber daß es letztlich irgendwie mit dem amerikani-
schen Nationalcharakter zusammenhängt, wenn Europa der
"amerikanischen Führungsrolle" bewundernd zu Füßen liegt, soll
sich der Durchschnitt schon vorstellen, wenn er im Geiste durch
Versailles wandelt und Taubenbrust mit Hummersoße stellvertretend
verspeisen läßt. Für wen, außer für einen amerikanischen Präsi-
denten, wäre europäisches Gepränge kaiserlichen Zuschnitts wohl
ein angemessener Rahmen?
"Es war ein prächtiges Spektakel, das große Theater, mit der gan-
zen Welt als Bühne, wie Ronald Reagan es liebt. Treffen mit sechs
internationalen Führern im atemberaubenden Palast von Versailles.
Staatsmännische Bestätigungen westlicher Einheit. Und natürlich,
wie immer bei Reagan, freundlich neckende Wortwechsel mit auslän-
dischen Politikern und amerikanischen Reportern gleichermassen."
Richtig beeindruckend wird das historische Szenario erst dadurch,
daß der gewählte amerikanische Volksvertreter dort seine bürger-
lichen Tugenden der Volksverbundenheit, gepaart mit staatsmänni-
schem Schaueffekt, zur Geltung bringt. Schließlich sind die USA
der wahre Repräsentant aller erlauchten europäischen Traditionen
- das beweist gerade das Gepränge eines absolutistischen Herr-
schers, weil niemand mit größerer Machtvollkommenheit regiert als
der, der über den freiwilligen Gehorsam seines Volks verfügt. Al-
lein deswegen ist Reagan schon ein toller Bursche - weil er
A m e r i k a n e r ist:
"Ein Börsenmakler, ein General und ein Schauspieler waren die
drei wichtigsten Würdenträger der USA. Dieser Umstand erstaunt
die professionellen Staatsmänner Europas immer noch. 'Woher
kriegt ihr Amerikaner diese Burschen?' fragte ein Gastgeber. 'Wir
wissen es nicht, aber sie sind trotzdem unser', kam die Replik."
(Time)
Dem Land soll nicht die Weltherrschaft zustehen, wo jeder Bürger,
wenn er es im Leben zu etwas gebracht hat, damit auch über die
kaiserlichen Herrscherqualitäten verfügt, die es braucht, um die
Welt im Einklang mit den Regierten zu dirigieren? So einer kann
sich dann auch die Leutseligkeit leisten, auf Kosten anderer
Staatsoberhäupter Witzchen zu reißen und beim Ausritt mit der
Queen mit den Reportern zu scherzen. Man vergleiche nur den lau-
nigen Hinweis des Präsidenten auf die hausfraulichen Qualitäten
der First Lady - hat sie doch vor der Abreise eigenhändig den
Toasterstecker rausgezogen! - mit der kleinlich-bornierten Weige-
rung der Oberschichtenmieze Elisabeth, sich mit Nancy in ihren
Privatgemächern fotografieren zu lassen!
"Natürliche Führungsrolle"
und der dazu passende "Charme" heißen also mitnichten, daß "Mr.
President" zwar von der "Sache" keine Ahnung habe, es aber deswe-
gen umso mehr darauf ankomme, daß er an der richtigen Stelle lä-
chelt. Wer so argumentiert, macht die Lüge mit, zur Ausübung der
Macht gehöre mehr als der absolute feste Wille, ihrer Durchset-
zung mit der ganzen Person zur Verfügung zu stehen. Das ist in
der Tat die "Sache"; und die kann die Journaille nur deshalb als
d i e Aufgabe und d a s Problem der Herrschaft unterbreiten,
weil diese sich über die Gefügigkeit der Beherrschton keine Sor-
gen zu machen braucht. Die "Leistung" Reagans besteht dann nicht
etwa in dem, was er mit seinen Untertanen anstellt und über sie
verfügt, sondern darin, als würdiger Repräsentant westlicher Ge-
schlossenheit, als der "große Heiler und Versöhner", als "great
communicator" ganz persönlich Frieden und Freundschaft zu stiften
bei den Unterherrechern jenseits des Ozeans. Den Untertanen und
Opfern dieser Gewalt kann zwar der Unterschied zwischen einem
verbindlich lächelnden und einem grimmig befehlenden Kommandeur
der westlichen Freiheitsbataillone ziemlich wurscht sein. Den
professionellen Anbetern demokratischer Machtentfaltung kommt es
auf eben diesen Zynismus sehr an: daß es sich für eine ordentli-
che Weltherrschaft nicht gehört, ja, daß sie es gar nicht nötig
hat, als eigenmächtiger Herumkommandierer ihrer Verbündeten auf-
zutreten. Herumgeschubst werden die Unter-Souveräne nur im Osten,
heißt die Botschaft; bei "uns" werden ihre nationalen Eitelkeiten
hofiert (auch wenn es "uns" manchmal schwerfällt); hier wird für
ihre Sorgen Verständnis geäußert, auch wenn diesen nicht entspro-
chen werden kann. Ganz im Einklang mit dieser diplomatischen
Richtlinie für den Gipfel widmet sich die amerikanische Presse
verständnisinnig den "Schwierigkeiten", die europäische Machtha-
ber angeblich so plagen in ihrem Bemühen, dem großen Vorbild USA
nachzueifern - und denen, die sie aufgrund dessen dem großen Bru-
der USA verursachen. Daß "Europa " dem gemeinsamen Anliegen ver-
pflichtet ist, will man hiesigen Herrschern dabei gar nicht ab-
sprechen -
"daß die NATO nicht die militärische Stärke erlangen kann, die
Reagan wünscht, wenn die Ökonomien des Westens durch hohe Ar-
beitslosenzahlen beeinträchtigt werden" -
wären sie nur nicht so ideologisch verbohrt: Mitterand mag die
Reaganomics nicht, die Briten sind in Falkland etwas zu halsstar-
rig, Bonn will von seinem Osthandel nicht lassen, Japan hat eine
unverständliche Vorliebe für hohe Einfuhrzölle und selbst die
Italiener meckern am Dollarkurs herum. Genug zu tun also für den
"grand impresario", trotz allem die wahren Werte der Gemeinsam-
keit in den Herzen der Verbündeten wieder wachzurufen! Und wie er
das macht - geschickt, geschickt! Mitterand hat er das Angebot
eines gemeinsamen Anliegens in Sachen britischer "Zurückhaltung"
in Falkland anzubieten, den Briten wiederum den Einklang in Fra-
gen der Ökonomie. Bonn bekommt einen Besuch an die Mauer und die
Aufforderung, die Verbindung zu Ostberlin zu stärken, die Italie-
ner dürfen froh sein, daß er sie überhaupt besucht, und den Ja-
panern verspricht er, nur einen "beruhigenden Einfluß" auf die
anderen Oberhäupter auszuüben - die kann nämlich sowieso keiner
leiden.
Für die Bewältigung dieser hohen Aufgaben ist dem Präsidenten
keine Anstrengung zu groß und kein Sicherheitsrisiko zu brisant.
Dem "pazifistischen Bazillus" tritt er entschlossen entgegen -
und ansonsten wird alles getan, um den amerikanischen Bürgern
sein weiteres segensreiches Wirken zu erhalten:
"Italienische Sicherheitskräfte, durch amerikanische Truppen un-
terstützt, haben die umfangreichsten Sicherheitsvorkehrungen ge-
troffen, die je für einen ausländischen Würdentrager organisiert
wurden, zum Schutz gegen Anschläge durch Gruppen von den Roten
Brigaden bis zu der Geheimen Armee für die Befreiung Armeniens"
(was es doch in Europa alles für seltsam-gefährliche Umtriebe
gibt!) (Newsweek, 14.6.)
Den "Gewalttaten", die Reagans Besuch in Paris, Rom und Bonn
"ankündigten", widmet Newsweek die Hälfte eines vierseitigen Ar-
tikels über Reagans Reise in die Höhle feindseliger Stimmungen -
wobei Gründe und Motive solcher Aktivitäten keinmal erwähnt zu
werden brauchen. Es reicht, daß sich Leute in Europa herausneh-
men, etwas gegen den amerikanischen Präsidenten zu haben, um die-
sen ganzen Kontinent als einzige Herausforderung erscheinen zu
lassen, der sich kein anderer als eben der amerikanische Präsi-
dent erfolgreich stellen kann - und mutig stellt:
"Er weiß, daß diese Reise eine physische Anstrengung sein wird,
und er wird in einige schwierige Angelegenheiten verwickelt sein.
Er arbeitet sich gründlich ein und verwendet viel Mühe auf seine
Reden. Ich glaube, er ist diesem Abenteuer gewachsen (ein Spre-
cher des Weißen Hauses)."
Als Präsident Amerikas und
oberster Weltpolizist
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kann er dabei natürlich seine anderen Pflichten nicht vernachläs-
sigen: Nicht nur muß er sich gleichzeitig noch um die Abstimmung
über das Budget im Kongreß kümmern, ihm kommen auch noch andere
lästige Kleinigkeiten in den Weg. Ausgerechnet während seiner Eu-
ropa-Tournee kamen z.B. die Israelis auf die Idee, im Libanon die
Endlösung der Palästinenserfrage einzuleiten, so daß der Präsi-
dent ganz aus seinem Terminplan kam:
"Jede freie Minute, die er normalerweise gehabt hätte, wurde ihm
durch Sitzungen über den Mittleren Osten, die Falkarlands und so-
gar über die Budget-Abstimmuag im Kongreß genommen." (New York
Times, 12.6.)
Und überhaupt - nicht auszudenken, daß tatsächlich während des
Reagan-Besuchs eine Weltkrise ausgebrochen wäre - bei Pannen fol-
gender Art: in Rom funktionierten diverse von den Amerikanern in-
stallierte Telefone nicht, die Bundesdeutschen haben überhaupt
ihre Hauptstadt für solche Zwecke ganz falsch gewählt ("half the
size of Chicago cemetery and twice as dead"): keine großen Ho-
tels, so daß der Stab des Weißen Hauses überall verstreut war,
die Telefone dauernd besetzt und die nötigen Informationen nicht
rechtzeitig zur Hand - und in Versailles passierte doch die un-
glaubliche Blamage, daß der Präsident nicht über das Abstimmungs-
verhalten der USA-Vertreterin in der UNO informiert war!
Nur "Flower Power"?
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Kein Wunder, daß - trotz richtiger Gewänder der Gattin, kalifor-
nischem Wein und markigen Worten an der Mauer - die amerikani-
schen Begutachter mit dem Ergebnis dieses schwierigen Unterfan-
gens, genannt Gipfeltreffen, so recht nicht zufrieden sind. Zie-
hen denn jetzt alle am gleichen Strang?
"Unter den gegebenen Bedingungen verließ keiner der Teilnehmer
den Gipfel mit irgendwelchen Illusionen über die Welt, die unten
(!) auf sie wartet. Ihre Entscheidungen werden nicht viel dazu
beitragen, den zerrütteten Zustand der westlichen Ökonomie zu
verbessern. Ihr bescheidener Fortschritt in einigen Randfragen
könnte die Atmosphäre für spätere Kooperation verbessert haben."
(Newsweek)
Na klar - gemessen am Ideal imperialistischer Herrschaft, das die
Amerikaner pur auf den Begriff bringen: Einigkeit - sofort und
ganz! Durchschlagskraft: unbeschränkt! Frieden und Freiheit: be-
dingungslos! - sehen die praktischen Ergebnisse des Gipfels äu-
ßerst matt aus. Für die "New York Times" gelten sie gar als
"flower power":
"Mr. Reagan will die Infrastruktur der Demokratie nähren - das
System der freien Presse, Gewerkschaften, politische Parteien und
Universitäten - die einem Volk erlauben, seinen eigenen Weg zu
wählen. Seine Langzeit-Hoffnung besteht darin, den Marxismus-
Leninismus auf dem Schutthaufen der Geschichte enden zu lassen.
Er hat aber versäumt, den Weg von hier nach da anzugeben oder
Moskau eine plausible Bandbreite politischer Alternativen anzu-
bieten... (z.B. folgende:) Wann wird Mr. Reagan einen Verhal-
tenskodex für die Supermächte verfassen, dem er mit seiner Han-
delspolitik Nachdruck verleihen könnte? Flower power kann funk-
tionieren, aber wo ist sein Spaten?"
Und wo bleibt - angesichts von "drei ausgewachsenen Kriegen" die
NATO-Weltordnung? Die "Washington Post" beliebt sich den NATO-
Gipfel als "bloße Theorie" vorzustellen, die sich an der Realität
der gerade geführten Kriege blamiere, die angeblich beweisen sol-
len, daß die zuständigen Herren ihrer eigenen Kriegsführung gar
nicht mächtig sind:
"Trotz der überlegenen Leistung der britischen Streitmacht und
den starken Worten in London ist es schwer zu glauben, daß die
britische Regierung die Navy auch dann geschickt hätte, wenn sie
wirklich damit gerechnet hätte, sechs Schiffe zu verlieren."
Die weltherrschaftsbegeisterten Vertreter der westlichen Füh-
rungsmacht kennen nur einen Zweifel: ob die Juniorpartner auch
über die notwendige Entschlossenheit verfügen, für den Sieg auch
die notwendigen Opfer zu bringen. Mitten im Krieg erhält man sich
und dem aufgeklärten Publikum die Überzeugung, daß hier letztlich
unbezähmbare Mächte walten, die einzudämmen nicht einmal die
Weltmacht Nr. 1 ganz schafft, was ein sehr überzeugender Grund
für ihre weitere Stärkung ist:
"Mr. Reagan hatte ganz recht, das starke Interesse der USA an der
Reduktion s t r a t e g i s c h e r Waffen zum Ausdruck zu
bringen. Aber wie die drei kleinen Kriege zeigen, hat das Prinzip
weitergehende Anwendungsgebiete."
Demnächst also der Vorschlag, der UdSSR den Waffenexport zu ver-
bieten?
Auch umgekehrt wird eine brauchbare Lüge aus dem Gedanken, das,
was dem Westen f e h l e, sei der Beschluß zur konsequenten
Verwirklichung seiner Ideale: Beschäftigt sich der Herr der Herr-
scher vielleicht z u v i e l mit kleinlichen Problemen wie dem
Krieg im Libanon oder der Abstimmung in der UNO und bekommt so
die großen Linien weltpolitischer Entwicklung gar nicht mit, für
die er, als US-Präsident, a l l e n der sichere Garant ist?
Egal: zu einem anderen Vorwurf als dem, trotz aller gutgemeinten
Absichten könnte sich vielleicht der westliche Oberführer (die
europäischen Unterführer sowieso) dem selbstgesetzten Anspruch
nicht gewachsen zeigen, bringen es amerikanische Journalisten
nicht. Ein größeres Lob könnte man Herrn Reagan gar nicht aus-
sprechen!
*
Die freie Presse der Weltmacht Nr. 1 macht sich die Welt nach dem
Maßstab unbeschränkter Freiheit der Nr. 1 zurecht: Die Staatsmän-
ner und Völkerschaften aller Herren Länder werden als Kulisse für
die Profilierung des Chief Executive begutachtet und erhalten
dementsprechend eine "gute" oder auch eine schlechtere Presse.
Über die Untertanen außerhalb der USA ist dem amerikanischen Pu-
blikum genügend mitgeteilt, wenn es erfährt, daß die Deutschen
"in ihrer Mehrheit zu den USA stehen", die Italiener den Präsi-
denten geradezu verehren und die Franzosen zwar einen sozialisti-
schen Präsidenten gewählt haben, dem gewählten obersten Repräsen-
tanten der USA aber seinen Aufenthalt in Versailles durch keiner-
lei Demonstrationen verunziert haben. Wenn in irgendeinem Land-
strich Mittel- oder Südamerikas ein US-Vizepräsident mal mit Ei-
ern beworfen worden ist, dann kann das nur der Drahtzieherschaft
aufgehetzter Elemente geschuldet sein, genauso wie in den USA
selbst von vornherein feststeht, daß es sich bei allen Anschlägen
auf das Staatsoberhaupt um die Tat von Verrückten gehandelt haben
muß. Die Perfektionierung demokratischer Machtausübung in den
USA, die auch in den Formalia zur Schau stellt, daß erfolgreiche
Politik mit dem Erfolg des Politikers identisch ist, kennt folg-
lich nicht die in der "seriösen" Presse Europas übliche Trennung
von Meldungen über Reden, Beschlüsse, Schlußcommuniques und Stim-
mungsbildern über "Atmosphäre", Ambiente und äußerliche Details
eines Staatsbesuchs, die hierzulande auf den dritten Seiten der
Gazetten angeboten werden: Wie sie auftritt, sich darstellt, sich
"verkauft" ist für den US-Pressemann ebenso I n h a l t der Po-
litik, wie das, was die Politiker sagen und machen. Das
S i c h - D u r c h s e t z e n pur, der Erfolg, der ja immer
einer der USA ist, sind die Kriterien, mit denen US-Journalisten
ihre Präsidenten kommentierend begleiten. Die Differenz zum euro-
päischen Journalismus ist keineswegs eine mangelnder "Kritik":
Die leiseste Schwäche des Politikers wird da gnadenlos aufge-
spießt und an Respektlosigkeit vor dem großen Mann gemessen, sind
die BRD-Fernsehreporter verglichen mit ihrem US-Kollegen allesamt
langweilige Speichellecker. Es ist der Respekt vor der Macht, der
US-Journalisten zu fröhlichen Zynikern bei der Bewertung ihrer
Ausübung macht, während das "kritische Verständnis" westdeutscher
Schreiber, mit dem sie die Probleme von Politikern beim Machter-
halt als "Schwierigkeiten der P o l i t i k" verständnisvoll
besprechen, sie zu devoten Bewunderern der P o l i t i k e r
macht.
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