Quelle: Archiv MG - USA AUSSENPOLITIK - 45 Jahre Weltherrschaft
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Wehrerfassung in den USA
DER RUF DES PRÄSIDENTEN FÜR DEN BIG BANG
"Ganz abgeschmackt ist die Meinung, daß es in der heutigen mili-
tärischen Waffenwelt irgend etwas gäbe, das durch die Rationali-
sierung des Krieges durch die Atomwaffe überflüssig geworden
wäre. Von wegen! Jede Streitmacht und jede Teilstreitmacht ver-
fügt über alles, was auf ihrem Sektor in jüngeren Zeiten erfunden
worden ist, kein strategischer oder taktischer Kunstgriff auf dem
Schlachtfeld hat seine Berechtigung verloren, und der persönliche
Einsatz Mann gegen Mann ist durch das vollautomatisierte
Schlachtfeld komischerweise auch nicht ausgestorben. Die Entfes-
selung der Gewalt durch die Atomwaffe erheischt eben Gewalt in
jeder Form!" (RESULTATE - Theoretisches Organ der MG, Nr. 5/1980,
S. 62 f.)
"In the Navy...
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...you can see the Seven Seas!" Kaum hatte dieser Hit die vorde-
ren Plätze der Charts geräumt, verordnete der Präsident 4 Millio-
nen US-Boys im Alter von 19 und 20 Jahren das zackige Angebot der
"Village People" als potentielle Pflicht! Seit März läuft das
drafting, die Registrierung in den Listen des Pentagon, die auf
den Postämtern ausliegen. Seitens der Betroffenen eine durchaus
repräsentative Reaktion von Steven Ray aus Dallas, Texas:
"Es gibt keinen Krieg, keine direkte Bedrohung unserer nationalen
Sicherheit, und trotzdem möchte Mr. Carter meinen Namen und meine
Adresse. Will er etwa mein Leben? Mein Gott, ich hoffe, das Land
wird nicht in eine weitere sogenannte Polizeiaktion hineingezo-
gen. Ich möchte nicht, daß mein Leben verschleudert wird!" (US
News and World Report).
My God, Stevie, dein Leben wird genauso wenig "verschleudert"
werden, wie sich "dein Land" in irgendetwas "hineinziehen" läßt.
Daß es jahrelang, genauer gesagt, seit dem Ende des Vietnamkriegs
in den USA keine Wehrerfassung gab und die Berufssoldaten die
"nationale Sicherheit" besorgten, lag mitnichten an der außeror-
dentlichen Wertschätzung, die Mr. Carter und seine Vorgänger dei-
nem Leben entgegenbringen, sondern an ihrer Handhabung der Welt-
lage, die die "Polizeiaktionen" bislang von Deinesgleichen auf
freiwilliger Basis erledigen ließ. Jetzt aber braucht dich "dein
Land" und du kannst froh sein, daß es bisher nur auf deine
Adresse und deinen Namen Wert legt.
Der Ami-Staat verfährt mit einem Rekruten eben so wie ein ameri-
kanischer Arbeitgeber: bei lohnender Anwendungsmöglichkeit wird
eingestellt, falls nicht mehr benötigt, entlassen: daß er alle
seine wehrpflichtigen Bürger einsetzen kann, ist unbestritten,
weswegen Abschaffung und Einführung der Wehrpflicht keines Geset-
zes bedürfen, sondern der Entscheidung des Präsidenten überlassen
sind. Ohnehin gab es in den USA nie Probleme mit der Auffüllung
der Truppe im Ernstfall: die Erfassungsbehörden hatten in Welt-
krieg I und II die Aufgabe, aus der Unzahl der Freiwilligen die
Brauchbarsten auszuwählen, und auch jetzt fällt die Erfassung zu-
sammen mit Versuchen der Armee, die zahlreichen Weiber, die sich
im Zuge der Gleichberechtigung per Gerichtsentscheid den Zugang
selbst zu den Marines erkämpft haben, wieder loszuwerden. Aus den
Ghettos der Großstädte strömen allen drei Waffengattungen Frei-
willige noch und noch zu, die für drei warme Mahlzeiten pro Tag
die Freiheit eines Arbeitslosen für den Drill der Kaserne eintau-
schen.
Völlig schief liegt der zitierte Texas-Boy mit seiner Kritik,
seine Erfassung sei eine zur Zeit überflüssige Maßnahme: Wann
denn sonst sollte ein Staat einen Krieg vorbereiten, wenn nicht
im tiefsten Frieden? Absurd der Vorwurf ausgerechnet an die
Adresse des Oval Office und des Pentagon, man ließe sich dort wo-
möglich in einen Krieg "hineinziehen". Den Befehlshaber der
schlagkräftigsten Vernichtungsmaschinerie der Welt, die mit den
vorzüglichsten Mordinstrumenten überall auf der Erde - und in al-
len Luft- und luftleeren Sphären - für die Verteidigung der Frei-
heit präsent sind, sollte man nicht mit so einem abwegigen Vor-
wurf kommen. Der Rückgriff auf zusätzliches Menschenmaterial, der
ja nur eine Maßnahme im Arsenal amerikanischer
"Verteidigungsanstrengungen" ist, läßt nun wirklich nicht auf
scheue Zurückhaltung schließen. Die "Bedrohung der nationalen Si-
cherheit" sieht da eben auch etwas anders aus, als daß drohende
Invasionstruppen an den Grenzen aufmarschieren: "Gesichert" wer-
den muß die Kontrolle über (fast) den ganzen Erdball und von die-
sem globalen Sicherheitsbedürfnis her kalkulieren die USA Afgha-
nistan als B e d r o h u n g d e r F r e i h e i t und haben
den P r e i s d e r F r e i h e i t für ihre jungen Bürger
erhöht: Er kostet mindestens die Registrierung, wahrscheinlich
ein paar Jahre Urlaub vom Privatleben und - wenn es notwendig
werden sollte - das Leben. Billiger kommt keiner davon: Wer sich
dem draft entzieht, dem drohen 5 Jahre Gefängnis und 10.000 Dol-
lar Geldstrafe.
Von "Verschleudern" kann da wohl keine Rede sein, der personelle
Ausbau der US Armed Forces räumt ja unter anderem mit der Vor-
stellung auf, das Szenario des "Big Bang" kürze sich zusammen auf
den Einsatz der nuklearen Raketenpotentiale und verlege von daher
den Ort der Kriegsentscheidung in einige wenige abgelegene und
abgehobene Schaltzentralen, die dem überwiegenden Teil der enga-
gierten Menschheit den Strahlentod als Überraschung auf den Früh-
stückstisch servieren. Auch beim nächsten Weltkrieg bleiben die
Weltmächte ihren Idealen treu: auf den einzelnen wird es ankom-
men, das Individuum wird auf der einen Seite ebenso gefordert wie
das Kollektiv auf der anderen.
"Who's gonna fight for America?"
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jammert Time-Magazin und konstatiert eine "Menschenmaterial-
Krise", womit der Nation eingeredet werden soll, die Schlagkraft
der Nation büße etwas von ihrer Qualität ein, weil sie zu schwarz
oder zu doof werde als ob das Kriegshandwerk ein weißes High
school-Kolloquium sei. Solches Räsonnieren, ob die kämpfende
Truppe es bringt, gehört zur üblichen Debatte einer Weltmacht,
die eine Armee unterhält, die auch in Friedenszeiten ständig im
Einsatz ist. So ist die in den letzten Monaten öffentlich ge-
führte Diskussion um die Schlagkraft der Truppe die Begleitmusik,
mit der die "Erhöhung der amerikanischen Verteidigungsbereit-
schaft" über die Bühne geht. Daß die USA auch zuschlagen
k ö n n e n, wenn es sein m u ß, ist dabei als selbstverständ-
lich unterstellt, auch in dem Leserbrief Steven Rays. Zwar ist er
weder Präsident noch Minister, aber das hindert ihn nicht, in al-
ler Privatheit die g l e i c h e Kalkulation wie der Präsident
anzustellen, nur gelangt er aus verständlichem persönlichem In-
teresse zu einem anderen Schluß, bezweifelt, ob das eigene Opfer
auch wirklich positiv für Amerika zu Buche schlägt, und hält das
drafting j e t z t für nicht nötig. Diese Einstellung garan-
tiert, daß er sich erstens melden, und zweitens auch seinen Kopf
hinhalten wird, wenn es die "nationale Sicherheit" verlangt und
die ist im Krieg der Natur der Sache nach immer bedroht. Mit
Recht weisen die Draft-Kritiker nichts soweit von sich wie den
Vorwurf mangelnden Patriotismus, mit dem Ronald Reagan im Wahl-
kampf gegen sie und für sich Stimmung macht.
Aus der superpatriotischen Ami-Lehre von der Rentierlichkeit al-
ler kriegerischen Unternehmungen bezieht das Anti-Draft-Committee
seine Protestbezeugungen: die Anlehnung an einen populären Film-
titel mit dem Slogan "Apocalypse never" appelliert an den gesun-
den Menschenverstand mit dem trostreichen Vorwurf ans Weiße Haus,
daß ein hysterischer Präsident g e g e n j e d e s r a t i o-
n e l l e K a l k ü l und völlig unnötigerweise seine Bevölke-
rung mit der eigenen Militärmaschinerie dem Untergang ent-
gegenführen wolle. Weder am Krieg noch am Militär noch an den
ganz friedlich am Rest der Welt exekutierten Zwecken amerikani-
scher Politik wird da Anstoß genommen, sondern ausschließlich die
komplette Einbeziehung einer Generation von Ami-boys als leicht
übertriebene und Sinne Amerikas nicht unbedingt erforderliche
Maßnahme betrachtet. Kein Wunder, daß für solche Fans einer sinn-
vollen Menschenschlächterei der Alltag imperialistischer Herr-
schaft in Asien, Afrika und Lateinamerika als F r i e d e n
völlig in Ordnung geht, und daß sich der W i d e r s t a n d
gegen die Erfassung auf ein paar Sit-ins und zugeleimte Post-
amtstüren beschränkt.
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