Quelle: Archiv MG - USA INNENPOLITIK - Vom American Dream

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       Präsident Reagan feiert seine Macht:
       

EIN FEST DES DEMOKRATISCHEN IMPERIALISMUS

I. "Man hüte sich, die Kraft eines Ideals zu niedrig einzuschätzen. Wer in dieser Hinsicht heute kleinmütig wird, den möchte, ich, falls er einst Soldat war, zurückerinnern an eine Zeit, deren Heldentum das überwältigendste Bekenntnis zur Kraft idealer Mo- tive darstellte. Denn, was die Menschen damals sterben ließ, war nicht die Sorge um das tägliche Brot, sondern die Liebe zum Va- terland, der Glaube an die Größe desselben, das allgemeine Gefühl für die Ehre der Nation." Zugegeben, Ronald Reagan hat in seiner Antrittsrede als frisch vereidigter 40. Präsident der USA weniger bescheiden gesprochen als der verstorbene Verfasser obiger Parole. Er hat seine Lands- leute von den diversen Berufsständen des Proletariats bis zu den Unternehmern der Nation, ganz persönlich als "Helden" angespro- chen, die, jeder auf seine Art und alle gemeinsam - ein Staats- mann kennt keine Klassen, sondern nur mehr oder weniger einsatz- freudige Volksgenossen! -, an der Größe Amerikas mitwirken. Mit dem Aufruf, "Träume" von der Größenordnung zu "träumen", wie sie sich für den Nationalismus eines guten Amerikaners ganz einfach gehört, hat Reagan sehr offensiv an eine imperialistische Gesin- nung appeliert, die als Geringstes die unbedingte Bereitschaft einschließt, die imperialistischen Taten der Regierung in jeder Hinsicht mitzutragen. Auch dem neuen Führer Amerikas ist als Vor- bild solchen "Träumens" und seiner Verwirklichung der gefallene Weltkriegssoldat eingefallen; das Rührstücklein vom jungen Kämp- fer, der, in militärisch wichtiger Mission unterwegs, von feind- lichem Artilleriefeuer dahingestreckt, einem intimen Tagebuch den Schwur auf die Notwendigkeit des vaterländischen Sieges anver- traut hatte, ist dem Urheber unseres Anfangszitates nie ergrei- fender gelungen als dem neuen USA-Präsidenten bei seiner Bot- schaft an seine selbstbewußten Untertanen, welche Rolle ihnen im Rahmen der großen "amerikanischen Vision" zufällt. Kurzum: Das Lob des nationalen Fanatismus" das der verflossene Führer des Großdeutschen Reiches da hingeschrieben hat (Mein Kampf, S. 487), sieht matt aus im Vergleich zu dem Idealistischen S e l b s t w e r t g e f ü h l a l s A m e r i k a n e r, das der neue Führer des freien Westens bei seinem Volk voraussetzt. Immerhin und deswegen steht es da - zeigt es sehr deutlich, worin maßgebliche Staatsmänner, jenseits aller parteilichen, weltan- schaulichen und nationalen Grenzen, allemal zutiefst einig sind. Die Menschen, über die sie zu gebieten haben, sollen gefälligst ein E h r g e f ü h l besitzen, und zwar ausgerechnet in bezug auf die E r f o l g e d e r H e r r s c h a f t, die über sie ausgeübt wird. Die Lüge, auf die dieser unbescheidene Anspruch sich beruft, ist das "W I R (Amerikaner)", in dem die Regierung sich mit dem Menschenmaterial ihrer Pläne und Unternehmungen zu einem fiktiven Subjekt des nationalen Machtstrebens zusammen- schließt. Und in dem fatalen Kompliment an die Betroffenen, in ihrer Betroffenheit dürften sie sich als Helden wissen, wird so- gar die U n w a h r h e i t dieses "Wir" zu einem Mittel, ihm G l a u b w ü r d i g k e i t zu verschaffen. So geht Faschismus an demokratischen Festtagen. II. Nichts ist daher alberner als die Manier europäischer Kommentato- ren der amerikanischen Machtergreifungsfeier, mit dem Habitus des geschichtsschweren, gereiften Abendländers das dargebotene Zere- moniell geschmäcklerisch für "schmalzig" zu befinden, einem "unbefangeneren Verhältnis der Amerikaner zum Pathos" aufs Konto zu schreiben, am entfalteten Prunk und seinen Kosten behutsam An- stoß zu nehmen - dies auch noch regelmäßig im Anschluß an eine Hofberichterstattung, deren Devotheit noch weit peinlicher ist als der Operettenbariton und die Renommier-Halbnegerin mit ihren Gesängen auf die exklusive Liebe Gottes zu Amerika zusammengenom- men -; und nichts dümmer, als die blöde Anmerkung, Reagan wäre in seiner "18-minütigen Rede" ja gar nicht auf "die drängenden Pro- bleme des Landes" eingegangen, für eine Kritik zu halten. Es hat schon seinen guten Grund und seine eindeutige Bedeutung, daß ei- nem amerikanischen Präsidenten bei seiner Vereidigungsfeier eine detaillierte Rechenschaft über seine politischen Vorhaben - oder gar darüber, wie er sie finanzieren will - ebensowenig abverlangt wird wie irgendeine Bednklichkeit darüber, ob zur "Bürde des Am- tes" die Feier wohl paßt. Gegenstand des Festaktes ist ja eben nichts anderes als die F r e i h e i t d e s n e u e n S o u v e r ä n s, dem höchsten Zweck seines Amtes: der E h r e d e r N a t i o n, also ihrem Imperialismus nach innen und nach außen, e i n e n I n h a l t z u g e b e n. Und das unter- scheidet einen amerikanischen Präsidenten eben von Machthabern kleineren Kalibers, die stets die Bedingungen und Schranken na- tionaler Macht und Herrlichkeit als ihre souveräne Leistung dar- zustellen haben und zu diesem Zweck mit Vorliebe unter der "Last" ihres Herrschen-Dürfens demonstrativ ächzen. Ein Ronald Reagan kennt und hat keine Instanz, vor der die Gleichsetzung der Ehre der Nation mit seinem höchstpersönlichen Ehrgeiz sich - auch nur in Fragen des Geschmacks - blamieren könnte; diese Wahrheit des US-Imperialismus dokumentiert seine Einführungsfeier gerade in ihren auserlesenen Widerwärtigkeiten (inklusive Gattin). Und was sein Programm betrifft, so ist es aus demselben Grund ganz natür- licherweise die Sache der subalternen Machthaber in anderen Län- dern sowie des berufsmäßig subalternen Geistes, der demokrati- schen Weltöffentlichkeit, sich an den "Leerformeln" des neuen Führers abzuarbeiten. So sieht ein Imperialismus aus, wenn er sich feiert. III. Was im übrigen Reagans Regierungsprogramm betrifft, so ist dessen angebliche "Unklarheit" entweder eine Kommentatorendummheit oder eine Kommentatorenheuchelei. Die ganze Welt ist ja schon dabei, aus der neuen amerikanischen Entschlossenheit, den g a n z e n Globus als Material amerikanischer Größe zu behandeln, für sich die Konsequenzen zu ziehen und untertänigst auf Schwierigkeiten zu hoffen, an denen diese Entschlossenheit sich ausgerechnet dort relativieren soll, wo sie jeweils das eigene Interesse trifft. Inzwischen kann man sogar schon im Bayerischen Rundfunk hören, was ungefähr so schon seit ungefähr einem Jahr in der MSZ und un- seren Hochschulzeitungen steht: daß die USA ein neues rollback gegen die Sowjetunion starten; daß ihnen dafür ihre westeuropäi- schen Verbündeten, einschließlich des von diesen so "friedensfördernd" betriebenen Osthandels, als weltpolitisches und strategisches Mittel zur Verfügung zu stehen haben; daß auf diesem kleinen Umweg auch der Widerspruch zwischen geplanten Steuersenkungen in der USA und einer Vermehrfachung ihrer Rü- stungsinvestitionen seine elegante Auflösung finden soll; daß vor allem der BRD sehr nachdrücklich die Leistungen abverlangt wer- den, um deretwillen sie als Satellit eingerichtet worden ist, und daß ihre Bewohner das nach den Plänen ihrer Regierung mit neuen Härten bei der Reallohnsenkung und in Fragen des "sozialen Net- zes" zu bezahlen haben. Schließlich: daß das so großzügig dimen- sionierte Erpressungsprogramm der Weltmacht Nr. 1 gegen ihren Hauptfeind den Atomkrieg bewußt mit einkalkuliert, weil es dem entsprechend gerüsteten Gegner lauter Gründe dafür liefert und ihm am Ende k e i n e a n d e r e W a h l - außer der Kapitu- lation - l a s s e n w i l l. Das alles ist allerdings kein Grund für die selbstmitleidigen Sorgen und die "Rolle Europas", um die "Eigenständigkeit der BRD" oder gar um die "geplagte" Bonner Regierung, in die solche Wahr- heiten, wo sie schon einmal öffentlich zur Sprache kommen, regel- mäßig eingewickelt werden; und schon gar keinen für einen neuen westdeutschen Antiamerikanismus. Sicher, die westeuropäischen Na- tionen kriegen wieder einmal die Kostenseite ihres Geschäfts als Mit-Macher der amerikanischen Weltherrschaft präsentiert und se- hen dabei eher popelig aus. Das Ärgerliche daran ist aber doch nicht, daß sich da mal wieder die Relativität ihrer weitweiten Macht, ihre Abhängigkeit und die Bedingtheit ihres National- stolzes so sichtbar herausstellt - oder vielmehr: ärgerlich ist das nur für die Idiotie eines nationalen Selbstbewußtseins, zu dem es nun einmal gehört, sich mit seinem US-amerikanischen Ge- genstück zu v e r g l e i c h e n. Schlimm ist vielmehr, daß das Menschenmaterial westlicher Weltmacht, und zwar in Europa wie jenseits des Ozeans, täglich in seiner Arbeit wie in seinen hei- ßen Aussichten auf militärische Benutzung die Unkosten für die weltweite Machtentfaltung seiner staatlichen Herrschaft zu bezah- len hat, gleichgültig wie diese Herrschaft supranational und na- tional ihre Durchsetzung regelt. Und es sind allemal auch bei uns die demokratisch gewählten nationalen "Repräsentanten", die diese Unkosten eintreiben: die Rechten mit ihrer verhaltenen Schaden- freude über die Blamage Schmidt-Genscher'scher Großsprecherei in Weltfragen, die Sozialliberalen mit ihrem heuchlerischen Bedauern über "unvermeidliche soziale Härten" und ihrer nationalistisch- renitenten und dann doch sehr dienstbeflissenen Botmäßigkeit ge- genüber "übergeordneten Bündnisinteressen". Und ärgerlich ist vor allem die - an den Amerikanern ebenfalls ironisch belächelte und für übertrieben befundene - Idiotie, mit der die geschätzten mündigen D e u t s c h e n unverdrossen ihre Ehre in den politischen Erfolg derer setzen, denen sie je- weils gehorchen. Denn so geht mit ihnen der Imperialismus des freien Westens! zurück