Quelle: Archiv MG - USA INNENPOLITIK - Vom American Dream
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Bonner Hochschulzeitung Nr. 7, 12.11.1980
REAGAN HAT GEWONNEN - DAS IST ALLES
Welche persönlichen Qualitäten erfordert die Macht im mächtigsten
Staat auf Erden? Seit dem 4. November wissen wir, daß es die fol-
genden sind: man muß Schauspieler gewesen sein, 70 Jahre alt,
Millionär und Ex-Gouverneur von Kalifornien. Haben muß man eine
Frau namens Nancy, einen faltigen Hals, eine Ranch mit Pferden
und eine Republikanische Partei. Ausgesprochen disqualifizierend
ist hingegen der Besitz einer Erdnußfarm, einer Frau namens
Rosalyn und einer Demokratischen Partei. Diese Eignungsmerkmale
haben jedoch nur für den 4. November 1980 Gültigkeit. Vor vier
Jahren konnte man noch mit einem chronischen Grinsen Präsident
werden, während volles Haar in hohem Alter selbst mit ausgiebigem
Einsatz von Pomade nicht einmal zur Nominierung als Kandidat hin-
reichte.
Da selbst "mangelnde Erfahrungen in der Außenpolitik" im Falle
eines Wahl s i e g s "besonders wertvoll" sind, demonstrierten
die Staatsmänner in West und Ost ebenso wie die Journalisten-
schar, die seit dem 5. November "spürbar erleichtert" ist dar-
über, daß nach dem "unsteten" Carter der "kalkulierbare" Reagan
"unser" oberster Bündnispartner bzw. Feind ist. Wie die Macht
"schmeckt", wissen wir nicht, daß sie auf jeden Fall
q u a l i f i z i e r t, das steht fest: wer ins weiße Haus ein-
zieht, ist ein großer Politiker, auch wenn er hinterher als
"schwacher Präsident" verabschiedet wird. Denn die Macht kennt
nur eine Qualität: daß man sie h a t.
Ronald Reagan hat im Wahlkampf sein einziges Handicap beim Griff
zur Macht geschickt ausgeglichen. Da e r nicht Präsident war,
sondern nur Gouverneur gewesen ist, mußte er überzeugen, daß er
ein b e s s e r e r Präsident sein würde. Er tat's nach allen
Seiten: für den alltäglichen Faschismus im demokratischen Ameri-
kaner erwog er die Blockade Cubas, die Kürzung der Sozialausgaben
und ließ durchblicken, daß die Rassenfrage am Ende nichts anderes
sei, als eine subversive Erfindung unamerikanischer Kreise. Die
Angst des patriotischen Amerikaners vor dem Krieg beschwichtigte
er mit dem Versprechen, die Vernichtungsmaschine so auszuüben,
daß sie jeden Feind, auch die Russen, vernichtend zusammenschlägt
und so der Krieg nicht auf dem Boden der "greatest nation of
earth" stattfindet. Und schließlich schmeichelte er dem Nationa-
lismus des imperialistischen Amerikaners mit der grandiosen Lüge,
die USA würden seit 4 Jahren nur noch auf dem Globus
"herumgeschubst" und das müsse sich ändern. Dem kapitalistischen
Amerikaner versprach er, Arbeitslosigkeit und Inflation durch
rückhaltlose Unterstützung des Kapitals zu bekämpfen und das Ver-
sprechen an alle steuerzahlenden Amerikaner, die hauptstädtische
Bürokratie zu dezimieren, war ihm beim Wahlgang den Verlust der
Elektorenstimmen von Washington D.C. wert. Insgesamt gesehen also
alles Z i e l e, deren Verfolgung auch der noch amtierende Prä-
sident versprach und mit denen in vier Jahren der nächste demo-
kratische Bewerber gegen Reagan oder seinen Republikanischen
Nachfolgerantreten wird. Nicht einmal in den M i t t e l n las-
sen sich ernsthafte Differenzen ausmachen: wie leicht erinner-
lich, trat auch Jimmy Carter damals seinen Weg von Plains, Geor-
gia, mit einem "eisernen Besen" an und
forderte seine Landsleute auf, nachzurechnen, ob es ihnen nach 6
Jahren republikanischer Herrschaft besser ginge, rüstete wie der
Teufel und ließ keine Unklarheiten darüber aufkommen, daß russi-
sche Soldaten in Afghanistan lässig ein G r u n d für Krieg
sind, wenn auch noch nicht gleich der A n l a ß. Damals er-
reichte er den Gipfel seiner Popularität nach seiner Wahl und
jetzt wird er wohl ernsthaft grübeln, ob nicht eine nette, kleine
Aktion mit akuter Weltkriegsgefahr Ende Oktober ihm den Sieg An-
fang November gesichert hätte.
Jetzt scheidet er aus dem Amt mit der Verbitterung eines Staats-
mannes, der das Beste nicht nur g e w o l l t, sondern auch
g e m a c h t hat für freedom and democracy. Wie er selbst und
alle anderen nicht müde werden zu bestätigen, hat die
D e m o k r a t i e am 4. November einen Sieg errungen, ganz
gleich wer ihr vorstehen darf. Und da es auf die Person bei dem
Geschäft der Machtausübung nicht ankommt, was noch jede Wahl in
einer funktionierenden Demokratie beweist, findet Carter seine
Abwahl mit dem gleichen Recht unverdient wie Reagan seinen neuen
Job redlich verdient hat.
Die Weltlage nach dem Urnengang der Weltmacht verzeichnet einst-
weilen Kursanstiege beim Dollar und einen rapiden Kursverfall bei
amerikanischen Geiseln im Iran. Ferner gedenkt der neue Mann,
entgegen anderslautender Spekulationen mit seinem Wahlprogramm
aufrichtig ernstzumachen und die militärische Erpressung des
Ostens statt mit SALT II gleich mit SALT III zu eskalieren und
die Menschenschlächterei in der "Dritten Welt" ohne Menschen-
rechtspropaganda zu garantieren, was ihm den Beifall aller Fa-
schisten der Freien Welt, von Südkorea über Israel bis Südafrika,
gesichert hat. Das sind natürlich nur Stilfragen, aber ebenso wie
Ronald Reagan wegen seines schneidigen Stils die Wahlen gewann,
läßt sich auch wegen einer stilistischen Entgleisung ein Krieg
fahren. Letzteres hat seinen Grund nicht in der Person, sondern
in der Macht, weshalb in den USA alles andere als ein
Macht w e c h s e l stattgefunden hat.
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