Quelle: Archiv MG - USA INNENPOLITIK - Vom American Dream


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       Marxistische Schulzeitung Bremen, 27.11.1980
       
       USA: Fortsetzung der alten Politik mit noch älterem Präsidenten:
       

RONALD REAGAN

Welche persönlichen Qualitäten erfordert die Macht im mächtigsten Staat auf Erden? Seit dem 4. November wissen wir, daß es die fol- genden sind: man muß Schauspieler gewesen sein, 70 Jahre alt, Millionär und Ex-Gouvemeur von Kalifornien. Haben muß man eine Frau namens Nancy, einen faltigen Hals, eine Ranch mit Pferden und eine Republikanische Partei. Ausgesprochen disqualifizierend ist hingegen der Besitz einer Erdnußfarm, einer Frau namens Rosa- lynn, einer kurzsichtigen Tochter und einer Demokratischen Par- tei. Diese Eignungsmerkmale haben jedoch nur für den 4. November 1980 Gültigkeit. Vor vier Jahren konnte man noch mit einem chro- nischen Grinsen Präsident werden, während volles Haar in hohem Alter selbst mit ausgiebigem Einsatz von Pomade nicht einmal zur Nominierung des Kandidaten hinreichte. Daß selbst "mangelnde Erfahrungen in der Aussenpolltik" im Falle eines Wahl s i e g e s "besonders wertvoll" sind, demonstrierte die Staatsmännerschar in West und Ost ebenso wie die Journali- stenschar, die seit dem 5. November "spürbar erleichtert" ist darüber, daß nach dem "unsteten" Carter der "kalkulierbare" Rea- gan "unser" oberster Bündnispartner bzw. Feind ist. Wie die Macht "schmeckt" wissen wir nicht, daß sie auf jeden Fall q u a l i f i z i e r t, das steht fest: wer ins Weiße Haus ein- zieht, ist ein großer Politiker, auch wenn er hinterher als "schwacher Präsident" verabschiedet wird. Denn die Macht kennt nur eine Qualität, daß man sie h a t. Ronald Reagan hat im Wahlkampf sein einziges Handicap beim Griff zur Macht geschickt ausgeglichen. Da e r nicht Präsident war, sondern nur Gouverneur gewesen ist, mußte er überzeugen, daß er ein b e s s e r e r Präsident sein würde. Er tat's nach allen Seiten: für den alltäglichen Faschismus im demokratischen Ameri- kaner erwog er die Blockade Cubas, die Kürzung der Sozialausgaben und ließ durchblicken, daß die Rassenfrage am Ende nichts anderes sei, als eine subversive Erfindung unamerikanischer Kreise. Die Befürchtungen des patriotischen Amerikaners, der nächste Krieg könnte auch das US-Territorium in Mitleidenschaft ziehen, be- schwichtigte er mit dem Versprechen, die Vernichtungsmaschine so auszubauen, daß sie jeden Feind, auch die Russen, vernichtend zu- sammenschlägt und so der Krieg nicht auf dem den der "greatest nation on earth" stattfindet. Und schließlich schmeichelte er dem Nationalismus des irnperialistischen Amerikaners mit der grandio- sen Lüge, die USA würden seit 4 Jahren nur noch auf dem Globus "herumgeschubst" und das müsse sich ändern. Dem kapitalistischen Amerikaner versprach er, Arbeitslosigkeit und Inflation durch rückhaltlose Unterstützung des Kapitals zu bekämpfen und das Ver- sprechen an alle steuerzahlenden Amerikaner, die hauptstädtische Bürokratie zu dezimieren, war ihm beim Wahlgang den Verlust der Wahlmännerstimmen von Washington D.C. wert. Insgesamt gesehen also alles Z i e l e, die auch der noch amtierende Präsident verfolgt und mit denen in vier Jahren der nächste demokratische Bewerber gegen Reagan oder seinen republikanischen Nachfolger an- treten wird - Nicht einmal in den M i t t e l n lassen sich ernsthafte Differenzen ausmachen: wie leicht erinnerlich trat auch Jimmy Carter damals seinen Weg von Plains, Georgia mit einem "eisernen Besen" an, forderte seine Landsleute auf, nachzurech- nen, ob es ihnen nach 6 Jahren republikanischer Herrschaft besser ginge, rüstete wie der Teufel und ließ keine Unklarheiten darüber aufkommen, daß russische Soldaten in Afghanistan lässig ein G r u n d für Krieg sind, wenn auch noch nicht gleich der A n l a ß. Damals erreichte er den Gipfel seiner Popularität nach seiner Wahl und jetzt wird er wohl ernsthaft grübeln, ob nicht eine nette, kleine Aktion mit a k u t e r Weltkriegsge- fahr Ende Oktober ihm den Sieg Anfang November gesichert hätte. Jetzt scheidet er aus dem Amt mit der Verbitterung eines Staats- mannes, der das Best nicht nur g e w o l l t, sondern auch g e m a c h t hat für freedom and democracy. Wie er selbst und alle anderen nicht müde werden zu bestätigen, hat die D e m o k r a t i e am 4. November einen Sieg errungen, ganz gleich wer ihr vorstehen darf. Und da es auf die Person bei dem Geschäft der Machtausübung nicht ankommt, was noch jede Wahl in einer funktionierenden Demokratie beweist, findet Carter seine Abwahl mit dem gleichen Recht unverdient wie Reagan seinen neuen Job redlich verdient hat. Die Weltlage nach dem Urnengang der Weltmacht verzeichnet einstweilen einen Anstieg der Aktienkurse der Rüstungsindustrie - und einen rapiden Kursverfall bei ameri- kanischen Geiseln im Iran. Ferner gedenkt der neue Mann, entgegen anderslautender Spekulationen, mit seinem Wahlprogramm aufrichtig ernst zu machen und die militärische Erpressung des Ostens statt mit SALT II gleich mit SALT III zu eskalieren und die Menschen- schlächterei in der "Dritten Welt" ohne Menschenrechtspropaganda zu garantieren, was ihm den spontanen Beifall aller Faschisten der Freien Welt, von Südkorea über Israel bis nach Südafrika und Chile gesichert hat. Das sind die Stilfragen einer Außenpolitik für US-Amerikas Größe und deswegen auch alles andere als harmlos. Stellt sich nämlich die Gegenseite auf diesen Stil nicht ein, dann läßt sich deswegen schon mal ein Krieg führen. Und das hat seinen Grund nicht in der Person Reagan, sondern in der Macht des US-Präsidenten, weshalb in den USA alles andere als ein Macht w e c h s e l stattgefunden hat. zurück