Quelle: Archiv MG - USA INNENPOLITIK - Vom American Dream
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Vorwahlen in den USA:
HOW HARD IT CAN BE, TO FIND THE MAN
FOR THE TOUGHEST JOB IN THE WORLD
Zur Ausübung des obersten Amtes im Staat bedarf es keiner beson-
deren Fähigkeiten weder in den USA noch sonst irgendwo auf der
Welt. Wer das Amt einmal hat, dessen Entscheidungen gelten kraft
der Macht, die das Amt ihnen verleiht. Dem geistigen Inhalt sei-
ner Fernsehreden nach zu urteilen, ist Jimmy Carter jedenfalls
dumm wie die Nacht und seine Hauptkontrahenten Kennedy und Rea-
gan. Aber geistige Leistungen verlangt auch niemand von einem
Präsidenten. Stattdessen die Bereitschaft, jederzeit jede Menge
Menschen- und sonstiges Material seines eigenen und anderer Völ-
ker in die Waagschale zu werfen, wenn es um schwerwiegende Ent-
scheidungen geht wie die, ob und wann man die SU wegen Afghani-
stan moralisch mit Olympia und ökonomisch mit Weizen und LKWs
oder auch noch militärisch unter Druck setzt und ob eine Mili-
täraktion in der persischen Wüste eine ausreichend überzeugende
Demonstration ist, daß die USA ihre Souveränität im Iran als
'matter of honour' zu betrachten gedenken und sie mit allen Mit-
teln verteidigen werden. Schwierig, schwierig: Aus den unbegrenz-
ten Möglichkeiten der Weltmacht Nr. 1 das Mittel auszuwählen, das
beim Gegner die meiste Überzeugungskraft hat!
Das bringt noch jeder fertig, so er die Macht h a t. Warum also
so viel Umstände, wenn es darum geht, für die Handhabung dieser
Macht den richtigen Mann zu finden? Im freien Westen, wo die füh-
renden politischen Figuren bekanntlich nicht vom Politbüro ausge-
sucht, sondern von Parteizentralen dem Volk zur Auswahl präsen-
tiert werden, ist die W a h l der Macher ein äußerst komplexer
Vorgang, weil das Einsetzen der Figur zugleich den einfachen
Zweck verfolgt, das Einverständnis der Beherrscher mit ihrer
Herrschaft machtvoll zu demonstrieren. So wie sie es in allen
Fragen des Kapitalismus zur Perfektion gebracht haben, haben die
Amis sich auch hier etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um
klarzustellen, daß bei ihnen nur der Präsident wird, der es wirk-
lich v e r d i e n t. Indem die Parteien ihre Führergestalten
dem Volk nicht einfach vor die Nase knallen, sondern sie erst
einmal gegeneinander antreten lassen, um sie in
V o r w a h l e n Anhang für sich gewinnen zu lassen, wird dem
Volk vorgeführt, daß jeder Kandidat auch die Probe auf die Quali-
tät bestehen muß, auf die es bei ihm ankommt: daß er sich
d u r c h s e t z e n kann.
The American Dream
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Dafür braucht jeder Kandidat nur eine Voraussetzung mitzubringen:
er muß in den USA geboren sein (daher die menschliche Tragik ei-
nes Henry Kissinger!). Deswegen kann aber noch lange nicht jeder
Amerikaner Präsident werden. In dieser Hinsicht sind die Chancen
überall auf der Welt relativ ungleich verteilt und in den USA
ganz besonders. Weil die Staatsgewalt schließlich eine ihrer vor-
nehmsten Aufgaben darin findet, dafür zu sorgen, daß das auch so
bleibt, kommt als Präsidentschaftskandidat nur in Frage, wer
nicht bloß die Gesetze der freien Konkurrenz anerkennt, nach
denen jeder seines Glückes Schmied ist, sondern der auch ein
Glück zum Schmieden hat. Nur von einem, der in der Welt Erfolg
gehabt hat und damit die Gewähr dafür bietet, daß er erfolgreich
für ihren unveränderten Fortbestand eintritt, läßt sich schließ-
lich ein Ami regieren. Und wie kann man wissen, ob einer die
Macht der USA erfolgreich wird einsetzen können, wenn er es noch
nicht einmal geschafft hat, sich selbst die Voraussetzungen dafür
zu ergattern!
Einerseits ist es also ziemlich egal, ob der nächste Präsident
der USA ein Erdnußfarmer ein alternder Schauspieler, ein ehemali-
ger CIA-Direktor ist oder bloß der steinreiche jüngste Sproß ei-
nes Präsidentenclans, dessen Brüder es deshalb zu unsterblichen
Ruhm gebracht haben, weil sie rechtzeitig erschossen worden sind.
Aber daß derjenige, der es wird, alle Kriterien eines Erfolgsmen-
schen nicht nur in sich vereint, sondern sie auch überzeugend zur
Geltung zu bringen versteht, ist schon verlangt. So praktiziert
sich der genuin demokratische Rassismus, daß das, was ein Mensch
hermacht auf der Welt, sich irgendwelchen verborgenen Fähigkeiten
verdankt, weswegen der Erfolg der Nachweis der Qualitäten ist,
die man zum Erfolghaben braucht - und diese machtvolle Tautologie
findet im amerikanischen Wahlkampf ihre vollendete Inszenierung.
Money makes the world go round!
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Das erste, was ein Präsidentschaftskandidat braucht, ist Geld -
viel Geld, weil Reichtum der allererste Beweis ist, daß man die
Gesetze des american way of life deswegen achten und befördern
wird, weil man selbst von ihnen profitiert. So einer verschleu-
dert nicht das Geld an die Massen, die gemäß obiger Tautologie
Not leiden, weil sie es zu nichts gebracht haben, sondern gibt es
für das aus, was Amerika stark macht auf der Welt: business und
Militär, und seine Fans zahlen 1000 Dollar fürs Gedeck auf einem
"Fund Raising Dinner" ihres "presidential-hopeful". Ein Kandidat
muß aber nicht bloß Geld haben - nach neuester gesetzlicher Rege-
lung d a r f kein Kandidat von den insgesamt erlaubten dreiein-
halb Millionen Dollar Wahlkampfkosten für die primaries mehr als
50.000.- von eigenem Geld verbrauchen -, er muß sich auch welches
b e s o r g e n können. Er muß es schaffen, die lokalen Partei-
bosse, Gewerkschaftsführer, Industrielobby und was sonst noch po-
litisch Einfluß hat, davon zu überzeugen, daß es sich für sie
lohnt, wenn sie ihn unterstützen, deshalb auch ordentlich in
seine Wahlkampfkasse spenden, damit er eine überzeugende Show ab-
ziehen kann. Und das Lohnen ist hier durchaus wörtlich gemeint.
Die hierzulande übliche Heuchelei, einen Kandidaten müsse man aus
reinem Idealismus und der Sache wegen unterstüzen, weil das Pri-
vatinteresse hinter das Allgemeinwohl zurückzutreten hat, ver-
tritt in den USA kaum einer und braucht es auch nicht. Die Par-
teien selbst sind nichts anderes als lokal zufällige Bündnisse
verschiedener Interessencliquen, die sich nur zu Wahlkampfzeiten
eine Organisation zulegen. Und welchen demokratischen bzw. repu-
blikanischen Kandidaten die lokale Parteiclique unterstützt,
hängt ganz davon ab, welcher ihr am erfolgreichsten versprechen
kann, das Amt und mit ihm die Quellen politischen Einflusses und
zentralstaatlicher Finanzmittel zu erreichen. Die bei uns geläu-
fige Funktion 'Gemeinnutz vor Eigennutz' ist in den USA also eine
Gleichung. Der amtierende Präsident ist hier schon aus diesem
Grund in der Vorhand. In New Hampshire z.B., wo traditionsgemäß
die ersten Vorwahlen stattfinden, deren Ergebnis also für alle
weiteren ein Zeichen setzen, auf welches Pferd es zu setzen
lohnt,
"hat das Weiße Haus Bundesmittel hineingeschaufelt... für Stra-
ßenbau, Kreditgarantien für eine Schlittschuhfabrik und für den
Hausbau. Die Wahlkampfersatzmannschaft für Carter" (der ja ur-
sprünglich versprochen hatte, bis zur Freilassung der Geiseln das
Weiße Haus zu Wahlkampfzwecken nicht zu verlassen) "- Rosalynn,
Chip" (sein Sohn), "Miss Lillian, Vizepräsident Mondale und seine
Frau - haben aus New Hampshire ihre zweite Heimat gemacht."
(Time, Februar 1980)
Und an den Finanzen kriegen es die Kandidaten und die Öffentlich-
keit unmittelbar mit, wie die Chancen im weiteren Rennen stehen:
"Spenden haben nach der Niederlage von Iowa rapide nachgelassen
und haben erst langsam wieder zugenommen. Kennedy mußte seinen
aufwendigen 727-jet stehenlassen und auf eine bescheidene zweimo-
torige Maschine umsteigen."
Carter wurde von seiner Wahlkampfmannschaft nicht zuletzt mit dem
Hinweis in die Arena bewegt, daß sich an rückläufigen Wahlspenden
der Niedergang seiner Popularität zeige. Viel Geld kostet der
Wahlkampf, weil für jeden Kandidaten der entsprechende Rummel
aufgezogen gehört: Reden, Versammlungen mit bekannten Künstlern,
Umzüge, Wahlhelfer, die alle für die jeweilige Partei registrier-
ten Wähler anrufen oder zu Hause besuchen und sie darauf festna-
geln, den eigenen Kandidaten zu wählen. Wer die lokale Parteipro-
minenz in der Tasche hat, hat damit auch schon fast gewonnen:
"In Morgan County, Illinois, wurde dem Vorsitzenden der Demokra-
ten durch den regionalen Wahlleiter die Kontrolle über die Ein-
stellung lokaler Wahlhelfer entzogen, weil er ein Kennedy-Fan
ist: 'Sie sind eine Unperson. Sie haben sich entschieden, den
falschen Mann zu unterstützen. Sie verstehen was von Politik, und
dies ist Politik.'" (Time, 10.3.)
Und Bewunderung wird einem Kandidaten ausgesprochen für Leistun-
gen folgender Art:
"Mit nur knapp zwei Tagen Vorbereitung hat sein Wahlkampfstab für
Kennedy die Massenversammlung von 10000 Leuten organisiert - die
größte Versammlung seines Wahlkampfes und viel mehr Leute als
die, die dieses Jahr die Steelers (Baseballmannschaft) nach ihrem
Sieg in Super Bowl begrüßten." (Time, 7.4.)
Our Man for the White House
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Die Popularität muß der Kandidat allerdings selbst beisteuern.
Die Masche des amtierenden Präsidenten besteht dabei regelmäßig
darin, der amtierende Präsident zu sein: Die Bürde des Amtes al-
lein, mit würdiger und verantwortungsvoller Miene getragen, ist
eine eindrucksvolle Wahlkampfstrategie, die Carter bis vor kurzem
noch dadurch pflegte, daß er persönlich nicht am Wahlkampf teil-
nahm, sondern nur "einsam durch den Rose Garden joggte" (woher
der Reporter das wohl wußte?). Daß er derjenige ist, der am
schwersten an den Herausforderungen trägt, denen sich die ameri-
kanischen Interessen überall da gegenübersehen, wo sie dies be-
schließen, dies zu demonstrieren läßt Jimmy Carter keine Gelegen-
heit aus: sei es mit Tränen am Grabe der toten Iranhelden, sei es
mit dem zur Kolportage verbreiteten Hinweis an die Journaille,
"er bete jetzt mehr als sonst", oder sei es mit Konferenzen mit
allen Interessengruppen des Landes, in denen er seiner Sorge um
die Inflation Ausdruck zu verleihen weiß. Für einen Präsidenten
gehört es sich, sich so aufzuführen, weswegen es ganz verfehlt
wäre, Jimmy hier Heuchelei vorzuwerfen. Er i s t tatsächlich
diese moralisierende, bigotte Charaktermaske weltweiter Macht; ob
er damit schon seine Wiederwahl gesichert hat, ist allerdings
noch nicht sicher. Aber nicht deswegen, weil seine Bürger ihm
verübeln würden, daß er sich jede Mühe gibt, die Vollmachten sei-
nes Amtes möglichst werbewirksam einzusetzen. Das gehört zum po-
litischen Geschäft; und die heuchlerische Parteinahme für die
"wirklichen amerikanischen Interessen", mit der die hiesige
Presse sich sorgt, ob Jimmy sein "Iran-Abenteuer" nur wegen eines
Schielens auf die Stimmung der Wähler gewagt habe, bewegt ameri-
kanische Kommentatoren nicht. Klar hat er das und warum auch
nicht.
The ends of power
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Die Frage, ob der mächtigste Mann der Welt seine Macht auch er-
folgreich n u t z t, ist ja schließlich die nach seiner Quali-
fikation für dieses Amt - und die Amis wären die letzten, die es
ihm verübeln würden, daß er mit dem Timing seiner Entscheidungen
in Sachen Iran und Afghanistan seine Macht auch möglichst stim-
menwirksam einzusetzen versucht. Nicht zufällig lag das Angebot,
sich in der Frage der Kommission zur Untersuchung der Unterstüt-
zung der Schahverbrechen kompromißbereit zu zeigen, kurz vor den
ersten primaries. Daß es "die größte Unterstützung unserer Wahl-
kampagne wäre, wenn die Geiseln zurückgeflogen würden"; daß Ken-
nedys Wahlhelfer in Jubel ausbrachen, als sie hörten, daß die In-
flationsräte auf 1,4% pro Monat gestiegen war - dies offen zu
verhandeln gilt in den USA ebensowenig als Zynismus wie hierzu-
lande die Begutachtung der Bemühungen, mit denen die Kandidaten
beim Wähler Eindruck schinden. Aber auch wenn es in der BRD aner-
kannter Brauch ist, daß die Politiker ihr Bestes tun, um jedes
politische oder ökonomische Vorkommnis entweder sich selbst als
Erfolg an die Brust oder dem Gegner als Versäumnis anzuhängen, so
gehört doch mindestens dazu, so zu tun, als ob man sich um die
Geschicke des Landes sorgt und "nicht bloß" um seinen ganz per-
sönlichen Erfolg. Wo der persönliche Erfolg wie in den USA die
Garantie ist, daß die USA auch den besten Präsidenten bekommen,
kann man sich solche moralischen Pflichtübungen schenken.
Carter unterwirft also nicht, wie die hiesige Presse zu bemäkeln
weiß, weltpolitische Entscheidungen wahltaktischern Überlegungen:
Er macht Weltpolitik und damit Wahlkampf.
Die hiesigen Kritiker, die sehr für die amerikanische Machtvoll-
kommenheit rundum in der Welt sind, sofern auch unser nationales
Interesse dabei ein Wörtchen mitzureden hat, ziehen es allerdings
vor, so zu tun, als ob es am amerikanischen W ä h l e r liege,
wenn der Präsident nicht alles genauso macht, wie Helmut es gerne
hätte. Der nationalistischen Borniertheit des amerikanischen Wäh-
lers zuliebe, soll so manche Dummheit geschehen - als ob der Wäh-
ler drüben nicht genausoviel zu sagen hätte wie hier, nämlich gar
nichts. Das hält ihn allerdings auch drüben nicht davon ab, sich
an der nationalen Mobilmachung zu beteiligen, zu der der Wahl-
kampf dieses Jahr gerät.
What's best for America?
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Während Carter mit dem Slogan "for the truth" sich als der weit-
blickende, den harten Tatsachen der weltumspannenden Bedrohung
der USA fest ins Auge blickende Staatsmann in Szene setzt, setzt
Kennedy ("I think we can make a difference and do it better") auf
den kleinen Unterschied in der Identität, also darauf, daß der
demokratische Parteikonvent im Herbst trotz der in den primaries
bestimmten Mehrheit der Delegierten für Carter sich dennoch ent-
scheiden könnte, angesichts der für den republikanischen Haupt-
konkurrenten Reagan günstigen Umfrageergebnisse Kennedy für einen
zugkräftigeren Präsidentschaftsanwärter zu halten als den amtie-
renden Präsidenten. Denn ebenso wie die Parteien sich entscheiden
können, daß sie den Erfolg in den primaries als Test für den Er-
folg in der anschließenden Wahl beurteilen w o l l e n, ebenso
können sie durch Veränderung ihrer Satzung entscheiden, dies
nicht zu tun. Auf das Urteil des sich an primaries nur zwischen
10 und 20% beteiligenden Wählervolkes kommt es ohnehin bloß als
I n d i z, neben anderen wie den Meinungsanfragen, für die Chan-
cen eines Kandidaten an und nicht deswegen, weil hier - wie Demo-
kratiefans es gern wissen wollen - das Volk tatsächlich entschei-
den soll, von wem es sich beherrschen lassen will.
Young Mr. Kennedy
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Wo der Präsident die Politik der USA macht, machen seine Konkur-
renten Punkte, indem sie ihn bemäkeln. Ihre Geschicklichkeit be-
steht allein darin, herauszufinden, welche Sorte Bemäkelei gerade
beim Publikum ankommt, und sich danach ihren Wahlkampfinhalt zu-
sammenzuschustern. Kennedy setzt auf "jobs and inflation" und
gilt deswegen als "liberal", weil in den USA jede Politik mit
diesem Etikett bepflastert wird, die überhaupt das private Fort-
kommen der Bürger anders zum Thema staatlicher Beachtung macht
als mit dem Hinweis, daß das Zurückdrängen der Feinde Amerikas
überall auf der Welt auch jedem Amerikaner, der sich nur richtig
anstrengt, seinen Wohlstand schon sichern wird. Von diesem Stand-
punkt aus macht sich der Angriff Kennedys auf Carter -
"Ich würde es vorziehen, mit weniger Benzin auszukommen als ame-
rikanisches Blut zur Verteidigung von OPEC-Pipelines zu vergie-
ßen" -
wahrhaft linksradikal - allerdings auf amerikanisch. Die Ankündi-
gung an die Wähler, daß sie unter seiner Ägide ebenso mit einer
drastischen Benzinsteuer zu rechnen hätten wie demnächst unter
Carter, trägt sich vor als das Angebot, die USA wieder so stark
zu machen, daß sie es gar nicht mehr n ö t i g hätten, wegen
solcher Lächerlichkeiten wie Öl extra einen Krieg anzufangen.
Dementsprechend interpretiert Kennedy Carters Offensive gegenüber
der SU als "Säbelrasseln" und "Schwäche" und bietet den Wählern
die Vision eines Amerika, das, wenn es seine inneren Probleme -
steigende Arbeitslosigkeit und Inflation - bewältigt habe, wieder
in neuem Glanz als Weltmacht Nr. 1 erstrahlen könne. Die Sorgen
des "kleinen Mannes" sind also auch in den USA - nicht anders als
hier - nur Indiz für einen Verlust an nationaler Größe. Nichts
scheint daher selbstverständlicher als der Schluß, daß es auch
der kleine Mann sein wird, der mit Arbeit (so er welche hat) und
Sparsamkeit für deren Wiederherstellung einzustehen hat. Wenn
sich Kennedy einige besondere Belastungen ausdenkt, die auf die
Amis unter seiner Administration zukommen würden hat er immerhin
demonstriert, daß er sich um die "inneren Probleme" sorgt, bei
denen Carter angeblich so schmählich versagt.
Ronald Reagan rides again!
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Der inzwischen führende Kandidat der Gegenpartei, Reagan, tut
sich da in jeder Hinsicht leichter. Nicht nur hat er statt einer
gerade aus der Trinkerheilanstalt entlassenen Frau, die demon-
strativ auf wiedergewonnenes Familienglück und Eintracht macht,
eine ordentliche amerikanische Familie und braucht sich auch
nicht nachsagen zu lassen, er habe vielleicht einmal "unter unge-
klärten Umständen" eine Frau ertrinken lassen. Als Schauspieler
bringt er auch noch die Qualität mit, die es in den USA vor allem
braucht:
"Er gewann hauptsächlich dadurch, daß er es selbst war: der Ver-
fechter uneingeschränkt konservativen Antworten auf beängstigend
komplexe Fragen." (Time, 10.3.)
Seine besondere Leistung besteht also darin, sich als der beste
Darsteller seiner selbst zu verkaufen und darauf auch noch beson-
deren Wert zu legen. Anders als hierzulande, wo die Bezweiflung
der Ehrlichkeit eines Politikers zu den beliebtesten Versatz-
stücken politischer Heuchelei gehört, gilt in der USA die
Feststellung, daß Reagan seine schauspielerische Erfahrung im
Wahlkampf gut gebrauchen kann, nicht als Beleidigung, weil man
dort zurecht der Auffassung ist, daß derjenige der überzeugendste
Vertreter der obersten Staatsgewalt ist, der s i c h am
überzeugendsten vertritt. Hochachtung zollt man einem Politiker,
der demonstriert, daß er wirklich an die Macht kommen will und
deshalb mit Leib und Seele Wahlkampf macht. Wie sehr einer sich
anstrengt und wieviel er aushält, ist dabei durchaus ein
Kriterium, und zwar ganz wörtlich:
"Reagan hat bisher keinen Fehler gemacht. Er hat es bisher sogar
vermieden, Erschöpfung oder Krankheit zu zeigen (!), etwa wie die
leichte Grippe, die Kennedy befiel und die beim alternden Reagan
ein verräterisches Zeichen gewesen wäre." (Time, 31.3.)
Fit zu sein verlangt man als Amerikaner schon von seinem Präsi-
denten, und für den Beweis läßt sich ein Kandidat auch allerlei
Respektlosigkeiten gefallen:
"Einmal ließ (Reagan) eine Fernsehreporterin mit ihrer Hand durch
sein graumeliertes braunes Haar fahren, damit sie feststellen
konnte, ob es gefärbt sei."
Das Bild eines alten Kämpfers, das Reagan von sich verbreiten
läßt, ist die plastische Untermalung des Bildes eines neuen,
kampfbereiten Amerika, das er den Wählern als Perspektive seines
Wahlsieges anbietet:
"It's nice to be liked, but it's more important to be respected."
Mit diesem Slogan kennzeichnet Reagan Jimmy Carters Offensive ge-
genüber der SU ebenso wie die Gelassenheit, mit der die gegenwär-
tige US-Politik die Ergebnisse des wechselseitigen Abschlachtens
von Bevölkerungen in Südamerika und Afrika mit Hilfe amerikani-
scher Waffen abwartet in der Sicherheit, daß die ökonomische Ab-
hängigkeit dieser Länder sie schon zur Freundschaft mit den USA
zwingen wird, als einen einzigen Beweis dafür, daß die USA auf
der Welt ständig an Terrain verlieren:
"Die Sowjets haben die letzten 25 Jahre überall gewonnen wegen
einer amerikanischen Außenpolitik, die an appeasement grenzte."
(Reagan)
Mit seiner "nostalgischen Vision einer Zeit, die wiedergewonnen
werden müsse, wo das Individuum viel galt und die Regierung we-
nig, die US- Flagge und der Dollar überall respektiert waren",
schlägt er für die eigene Partei Kapital aus der Carterschen Of-
fensive, indem er jeden diplomatischen Erfolg der USA als Nieder-
lage kennzeichnet, weil sich die USA überhaupt darauf einlassen,
mit ihren Feinden zu verhandeln, statt ihnen gleich die Bedingun-
gen ihres Handelns zu diktieren. SALT II und den Panama-Kanal-
Vertrag - ein Ausverkauf amerikanischer Interessen - und die Le-
galisierung der Abtreibung ebenso wie die Kontrolle des privaten
Waffenbesitzes - lauter Angriffe auf die Substanz der amerikani-
schen Nation. Ob jemand glaubt, daß Reagan als Präsident andere
Außenpolitik machen wird als Carter, ist dabei völlig unwichtig:
Daß er eine überzeugendere Show amerikanischer Unbeugsamkeit ge-
genüber allen Anfechtungen daraus machen wird, begeistert den
amerikanischen Nationalismus, der die absolute Vormachtstellung
seines Staates auf der Welt als selbstverständliche Garantie sei-
nes bescheidenen Wohlstandes sieht, und der deshalb auch jetzt
Arbeitslosigkeit und Inflation nicht als Folgen des Wirkens sei-
nes Staates und seines Kapitals rund um die Welt begreifen will.
Der Test, auf welche Stimmung in der Wählerschaft man am besten
setzt, um von ihr ins höchste Staatsamt gehoben zu werden, ist
also ein Test, von welcher Bedrohung der USA sich der Wähler am
meisten beeindruckt zeigen wird: Geiseln, Öl, Inflation, Afghani-
stan? Einig sind sich Wähler und Gewählte, daß es einer Schwäche
A m e r i k a s geschuldet ist, wenn die amerikanische Ökonomie
zur Zeit nicht mehr nur denen Not und Armut beschert, die ohnehin
nie eine Chance hatten, in die Konkurrenz um einen Platz an der
Sonne einzutreten, sondern auch der arbeitende Teil der unteren
Klassen - Automobilarbeiter, kleine Farmer und Geschäftsleute -
durch Inflation und Arbeitslosigkeit um die Früchte ihrer Arbeit
gebracht wird. Weil die Inflation hier eine der Prinzipien der
amerikanischen Lebensauffassung bedroht: wer nicht arbeitet, kann
ruhig verrecken, aber wer arbeitet, soll auch solange davon leben
können, wird sie zum Wahlkampfthema. Und Reagan erntet nicht nur
beim wählenden Anhang seiner Partei, sondern überhaupt damit Zu-
stimmung, daß er die ohnehin von der Carterregierung beschlosse-
nen Kürzungen von Sozialsstaatsprogrammen als zu wenig drastisch
denunziert: Wenn es ihm schlecht geht, blickt ein echter Amerika-
ner auf seinen Staat nicht als einen, der ihm durch Zahlungen un-
ter die Arme greifen soll, sondern im Gegenteil: Diejenigen, die
von der welfare leben müssen (was sowieso nicht geht), sind Bal-
last und bringen ihn um seinen gerechten Lohn für seine Leistun-
gen. Daß Reagan mit der Ankündigung einer 30%igen Senkung ver-
spricht, den "free enterprise" aus seiner "Gängelung durch den
Staat" zu befreien, begeistert die Massen, sagt alles über ein
Volk, in dem mit der Ideologie ernst gemacht wird, daß wirklich
nur die eigne Leistung zählt und zählen soll: nach innen und au-
ßen.
That government of the people, for the people and by the people
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shall not perish from the earth!
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Kein Wunder also auch, daß es in den USA nicht unbedingt zu den
staatsbürgerlichen Notwendigkeiten gehört, wählen zu gehen bei
der eigentlichen Präsidentenwahl nicht und bei den primaries
schon gar nicht. Grundsätzlich ist die Sorge um die Durchsetzung
der USA und damit um seine Freiheit bei jeder Regierung gleich
gut aufgehoben; umgekehrt haben die Armen keinen Grund, sich ein-
zubilden, die eine oder andere Administration würde sich in mild-
tätiger Weise ihrer materiellen Sorgen annehmen, weil keine Re-
gierung versucht, diesen Eindruck auch nur zu erwecken; Gewalt
und Verbrechen erscheinen hier die erfolgreicheren Mittel, auch
als mittelloser Bürger, der keine Lobby hat, auf seine Kosten zu
kommen. Daß trotzdem dieses Jahr unverhältnismäßig viele Amerika-
ner zu den primaries erschienen sind, zeigt allerdings, daß das
Volk verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat. Nun ist es
Zeit, den Geist nationaler Verantwortung auch ganz persönlich un-
ter Beweis zu stellen; geht es doch vielleicht schon demnächst
darum, sich auch aktiv an dem Beweis zu beteiligen, daß kein
Staat und kein Volk der Welt den Amerikanern Paroli bieten kann.
Und da will man schon mitentschieden haben, wessen Befehl man
folgt.
***
Vom Ende eines Traums...
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"Der Waffenstillstand mit Nordvietnam wurde em 21. Januar 1973
verkündet, und am gleichen Tag gab Richard Nixon die endgültige
Demontage der Reformen seines Vorgängers Lyndon B. Johnson be-
kannt. Sie war das Ende des Traums, man könne Kanonen und Butter
zur gleichen Zeit haben."
...und die geschmackloseste Lüge des Tages
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"Lyndon B. Johnson war aus persönlicher Überzeugung nicht wil-
lens, zwischen Kanonen und sozialer Gerechtigkeit zu wählen."
(Süddeutsche Zeitung)
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