Quelle: Archiv MG - USA INNENPOLITIK - Vom American Dream

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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 54, 11.5.1982
       

WAS BEWEGT DIE US-FRIEDENSBEWEGUNG?

Die bundesdeutsche Friedensbewegung erblickt ihren mächtigsten Bündnispartner jenseits des großen Teichs. Gerade in ihrem Bemü- hen, an sich selbst den letzten Anschein auszuräumen, es handele sich bei ihr um eine wie auch immer geartete Opposition gegen Reagan oder die NATO, kommt ihr die amerikanische Friedensbewe- gung sehr entgegen. Sie bietet hierzulande die Gelegenheit, f ü r "das andere, das bessere Amerika" einzutreten. Doch was das "andere Amerika" zu bieten hat, zeigen die Glaubensbekennt- nisse seiner Friedensführer, die binnen Tagen zum internationalen Bestseller wurden. "Jede Nation hat ein legitimes Recht, sich zu verteidigen, sie sollte dafür tun, was sie für richtig hält," (Bischof Matthiesen, Amarillo, ZDF 16.4.) "Keine andere Nation hat unsere Kraft und einzigartigen Möglich- keiten. Keine andere Nation kann die Führung aufbringen, die der Frieden erfordert." (Harriman, Vorwort zu "Freeze", Spiegel Nr. 16) Es ist schon eigenartig! Ohne Quellenangabe könnte man diese Äu- ßerungen zweier Protagonisten der "Freeze-Campaign" ("Idee vom Einfrieren der atomaren Rüstung und anschließenden Abbau der Waf- fenarsenale in Ost und West") glatt für Worte aus einer der "Friedensreden" des obersten imperialistischen Führers Ronald Reagan halten. Gegen den Anspruch der erfolgreichen Weltmacht Nr. 1, neben sich keine weitere zu dulden, haben amerikanische Frie- densfreunde offenbar nichts einzuwenden. Im Gegenteil! Sie finden dieses imperialistische Programm sogar so gut, daß sie für diese Rolle des Weltpolizisten begeistert von "unserer Kraft und ein- zigartigen Möglichkeiten" schwärmen, die sich in der gewalttäti- gen Ordnung und ökonomischen Benutzung des ganzen Globus von El Salvador bis Südkorea längst bewährt haben. Nur: Ob die gegenwär- tige US-Regierung diese "Kraft und Möglichkeiten" für das Pro- gramm zur Niederringung der einzigen Macht neben den USA, die den Anspruch, eine "Weltfriedensmacht" zu sein, noch erhebt, auch richtig nutzt? "Ich glaube, sie (die Reagan-Regierung) geht davon aus, die Si- cherheit der Nation lasse sich durch den Bau von mehr Nuklearwaf- fen verstärken. Ich bezweifele die Aufrichtigkeit der Regierenden nicht, glaube aber, daß dies der falsche Weg ist... Die Admini- stration hängt der Täuschung an, die kontinuierliche Aufstockung des amerikanischen Nuklearbestands werde irgendwann die Sowjets zur Einsicht zwingen, sie könnte mit uns nicht Schritt halten und müßten deshalb aussteigen... Wieviel Nuklearwaffen wir uns über- haupt zulegen, nicht ein einziger Nuklerasprengkopf wird dadurch aus dem sowjetischen Arsenal abgezogen." (der alternative US-Ab- rüstungsexperte Paul C. Warnke; im Spiegel Nr. 15) Als Friedensbewegung der amerikanischen Nation weiß sie sich von vornherein deren imperialistischem Programm verpflichtet. Die Er- folge bei der Zurückdrängung kommunistischen Einflusses überall dort, wo Carter-, Reagan- u.a. Administrationen ihn dingfest ge- macht haben - schließlich erwuchsen den USA gerade daraus neue "Kraft und Möglichkeiten" - schätzt die US-Friedensbewegung als machtvolle Grundlage für ihren Vorschlag: Die hierzulande ge- liebte falsche Parole "Aufrüstung erhöht die Kriegsgefahr" heißt auf amerikanisch ganz unverblümt "...erhöht den Druck auf die SU nicht in geeigneter Weise". Mit diesem Maßstab der Wirksamkeit der amerikanischen Erpressungsmittel führt die US-Friedensbewe- gung die Kritik an der bisherigen Bewaffnung der Nation: Ihrer Hochrüstung wird zur Last gelegt, daß die Sowjetunion überhaupt noch über relevante Machtmittel verfügt, die es ihr gestatten, einen nuklearen Gegenschlag zu führen. Und dieser Umstand bereitet inzwischen schon 72% der Amis, 150 Mitgliedern des Repräsentantenhauses und einem guten Dutzend Se- natoren samt einem zum Ersatzpräsidenten avancierten Kennedy schlaflose Nächte. Konnte man sich nämlich bislang als Ami in der Sicherheit wiegen, daß die Kriegsschauplätze der Nation fernab der Heimat lagen, so darf man jetzt zur Kenntnis nehmen, daß die Gründlichkeit, mit der die Endlösung der Kommunistenfrage ins Auge gefällt wird, mit der Verletzung des eigenen Territoriums und einer erheblichen Verlustquote bei der eigenen Bevölkerung strategisch kalkuliert. Daß der siegreiche Vergeltungsschlag ab- züglich 60% der Amis inklusive ihres Präsidenten, die ihm nicht mehr beiwohnen können, über die Weltbühne gehen kann - das ist den Bürgern der selbstbewußtesten aller Nationen zuviel. Der all- täglichen Sicherung des "American peace" durch den weltweiten Einsatz von Dollars, CIA und GIs gilt ihre Sorge nicht - ein Schlag gegen das Land der unbegrenzten Möglichkeiten selbst? Das geht zu weit! Da fühlen sich alle US-Bürger aufs Entschiedenste zu einem Bekenntnis zum Frieden herausgefordert. Natürlich nicht zu jedem Preis! Einer in Freiheit muß es gerade für die Friedens- freunde des Mutterlands der Freiheit schon noch sein! Daß darüber kein Zweifel besteht, demonstriert man im Erschrecken über den Krieg, das als Drohung an die Adresse der Sowjetunion geht: "Atomkrieg wäre eine Katastrophe ohnegleichen. Er ist die äußer- ste Herausforderung der amerikanischen (!) Sicherheit, denn er bedroht unser Überleben. Niemand, der die Freiheit Amerikas ge- wohnt ist, kann sich vorstellen, daß seine Gesellschaft zerschla- gen wird und eine einstmals große Nation Opfer einer anderen wird, die uns in den Dreck zu stoßen beliebte." (Vorwort) Im Selbstbewußtsein, der führenden Nation der Welt anzugehören, reklamieren die amerikanischen Friedensfreunde ein eigenes "Fenster der Verwundbarkeit". Sie erklären die offene Lüge der Reagan-Politik von der wettzumachenden Überlegenheit des Ostens für überflüssig: Die längst vorhandene eigene Überlegenheit er- scheint ihnen als ausreichende solide Grundlage, die Sowjetunion zur schrittweisen Entwaffnung zu bewegen - bis sie mit überhaupt keiner ernsthaften Schädigung der USA mehr drohen kann. "Wir brauchen nicht 572 neue Sprengköpfe (in Europa), die auf ge- nau dieselben Ziele gerichtet sind, die wir schon mit einem ande- ren Teil (!) unserer 10.000 (!) strategischen Sprengköpfe abdec- ken... Gelingt dies" (den Rüstungswettlauf so zu stoppen, daß die eindeutige Überlegenheit der USA auf nuklearem Feld definitiv fi- xiert wird), so würde das freilich nicht bedeuten, daß die So- wjets zu guten internationalen Bürgern werden oder aufhören, Un- heil zu stiften und größeren Einfluß anzustreben. Sie werden das weiterhin tun, aber nicht länger mittels atomarer Kriegsdrohung." (Warnke) Das ist also das Ideal amerikanischer Friedensfreunde: Die unein- geschränkte Handlungsfreiheit der USA in Sachen Weltpolitik ist dann erreicht, wenn sich der westliche Block mit seinen "bösen Absichten" seiner Bestrafung durch nichts mehr entziehen kann. Die eigene Nation als Schulmeister der Welt! zurück