Quelle: Archiv MG - WESTEN KOMMUNISMUS - Kommunismus tot?
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Der Dreisatz der 90er Jahre:
Erfolg gibt Recht
DAS KAPITAL HAT ERFOLG
Ergo Kommunismus tot
Anmerkung zum Opportunismus des Zeitgeists
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Hier, in der Heimat der Meinungsfreiheit, geht es mehr als eintö-
nig zu. Seitdem die Herrschaften drüben, die hier als kommuni-
stisch gelten, sich auflösen, sagt es ausnahmslos jeder: "Wir
sind das b e s s e r e System!" Inzwischen weiß es jeder kriti-
sche Journalist, der frei und unabhängig Meinung bildet; jeder
Student, der sich von keinem etwas vormachen läßt, weiß es; und
die Vertreter der Freiheit in Forschung und Lehre, die jedes
Dogma ablehnen, wissen es schon gleich so sicher wie das Amen in
der Kirche: D e r K o m m u n i s m u s i s t e i n f ü r
a l l e M a l w i d e r l e g t.
Woher diese Einmütigkeit? Doch wohl nicht bloß wegen des Faktums,
daß die Länder, die sich realsozialistisch nennen, nun selber
nach Parteienpluralismus und Marktwirtschaft streben? 7 Ost-
blockstaaten können sich plötzlich nicht mehr irren? Das kann es
doch nicht schon gewesen sein, das ganze Argument? Oder doch?
Oder haben in den letzten Jahren plötzlich alle deutschen Studen-
ten, Professoren und Medienfritzen Marx studiert und kritisiert?
Haben sie seine Kritik der politischen Ökonomie widerlegt und den
Verdacht belegt, daß er ein übler Ideologe gewesen ist? Woher
wissen sie so genau, daß der Marxismus auf einem falschen Men-
schenbild beruht? Im "Kapital" jedenfalls können sie von "der
Menschheit" und ihren angeblich zeitlosen Eigenarten nichts gele-
sen haben. Da geht es mehr um die Eigenarten der
k a p i t a l i s t i s c h e n Wirtschaft, in der sich alles um
die Vermehrung des Geldes dreht; um die Konsequenzen des
P r i v a t e i g e n t u m s an den Produktionsmitteln und der
L o h n a r b e i t und um die Gegensätze der entsprechenden
gesellschaftlichen Figuren: also um das Gegenteil von "dem Men-
schen".
Vielleicht waren deutsche Intellektuelle aber auch weniger theo-
retisch beschäftigt als praktisch beeindruckt und haben ganz im
Geiste der Besucher von drüben die "ungeheure Warensammlung" in
unseren Kaufhäusern und die relative Leere in den Regalen drüben
schon für den Beweis gehalten, daß Marx mit seiner Kritik der ka-
pitalistischen Reichtumsproduktion geirrt haben muß. Dafür müssen
sie allerdings das bunte A n g e b o t an schönen Artikeln mit
der E r f ü l l u n g der entsprechenden Bedürfnisse verwech-
seln und glatt vergessen, daß die Waren mit einem kleinen Preis-
schildchen versehen sind und erst noch G e l d verlangt ist, um
in ihren Genuß zu kommen. Das sortiert die Menschheit bekanntlich
ein bißchen in arm und reich - und dabei spielt es keine geringe
Rolle, daß die einen arbeiten gehen müssen, die anderen aber das
Geld und das geschäftliche Risiko verwalten.
Aber was das Geld angeht, da weiß man ja ohnehin als Studierter,
daß Marx naiv war. Geld braucht es nämlich immer, egal, in wel-
cher Gesellschaft man lebt, heißt es. Ohne Geld keine Ermittlung
und Vermittlung von Bedarf und Gütern. Bloß, warum soll das aus-
gerechnet die Ost-Mark nicht können? Was sind denn eigentlich und
worauf beruhen die wunderbaren Leistungen von DM und Dollar - und
warum führen sie so unweigerlich zu der Unterscheidung in mehr
oder weniger begüterte Schichten? Müßige Fragen! Nein, die Marx-
sche Kritik des Kapitalismus ist auf jeden Fall überholt. "Schau
doch nach drüben, die sagen es doch selber!" So ist Marx erle-
digt.
Und die Staatsverhältnisse drüben, die aus seiner Kritik der po-
litischen Ökonomie des Kapitals folgen sollen, gleich mit. Oder
haben interessierte Bürger sich massenhaft zu Ostexperten gemau-
sert und den real existierenden Sozialismus gründlich studiert?
Sicher, es ist unübersehbar, daß seine politischen Anwälte ihn
für gescheitert erklären. Kann man aber auch erfahren, w o r a n
er gescheitert ist? Haben aufmerksame Zeitgenossen hier die Pro-
gramme und Maßnahmen der SED und anderen Staatsparteien drüben
gründlich überprüft und verworfen? Vielleicht auch analysiert,
was sie eigentlich mit "Marxismus" zu tun haben, außer daß sie
ihn noch viel öfter im Munde geführt haben als westliche Staats-
männer ihre angeblichen geistigen Gründerväter. Schon wieder ganz
überflüssig! Eins war von vornherein klar: Was die drüben machen,
ist Sozialismus und Planwirtschaft, und die sind unmenschlich und
können nicht klappen. Und warum nicht, wenn man fragen darf?
Schon mal erkundet, wie drüben gewirtschaftet wird, was staatli-
che Kennziffern und Vorgaben für die Staatsbetriebe sind und an-
richten, wie das Geldwesen drüben funktioniert? Schon mal von Ak-
kumulations- und Konsumtionsfonds und ihrem unvermeidbaren dia-
lektischen Gegensatz gehört und sich gefragt, warum Fortschritte
beim Produzieren eigentlich immerzu nur auf Kosten des Konsums
zustandekommen können sollen? Wo drüben die Gründe für die Armut
liegen und was das mit Kommunismus zu tun haben soll? Kann man
wenigstens angeben, über welche Schwierigkeiten die Herrschenden
drüben darauf verfallen sind, ihre bisherigen Staatsverhältnisse
umzustürzen? Alles völlig uninteressant. Kaum sagen die drüben,
"die sozialistische Mißwirtschaft ist ineffizient", ist es auch
schon egal, worin das "Miß-" eigentlich bestanden haben soll und
an welcher "Effizienz" sie ihr bisheriges Wirtschaften eigentlich
messen. Daß die drüben mit ihrer Selbstkritik und ihrem Aufbruch
gen Westen gold r i c h t i g liegen, ist offensichtlich eine
ausgemachte Sache. D a ß sie nicht mehr w e i t e r m a-
c h e n wie bisher, genügt als schlagender Beweis, daß der
Kapitalismus das b e s s e r e Wirtschaftssystem ist.
Wenn "wir" bisher schon immer gewußt haben, was denen drüben
fehlt, dann ist es jetzt also unwiderleglich bestätigt: durch den
E r f o l g nämlich, daß die drüben ihre Alternative aufgeben.
"Wir" haben "uns" im welthistorischen Vergleich d u r c h g e-
s e t z t, also sind "wir" das durchsetzungs f ä h i g e r e
und damit allemal das b e s s e r e System, so lautet die
Beweisführung. U n t e r l e g e n, also w i d e r l e g t!
Das ist allerdings eine Logik, die jede Geistesanstrengung
erspart. Pocht sie doch darauf, daß die Verhältnisse, die zur
S t a a t s zufriedenheit f u n k t i o n i e r e n, auch schon
alle g u t e n G r ü n d e auf ihrer Seite haben. Logisch ist
das zwar ganz und gar nicht, aber sehr folgerichtig für
Parteigänger des Systems, die ihm im Geiste Erfolg wünschen und
deshalb ihren Siegeszug auch für das schlagendste Argument hal-
ten. Das ganze Argument ist also eigentlich bloß eine
triumphierende Siegesmeldung, die sich vor lauter Zufriedenheit
jede Nachfrage nach dem Erfolgsrezept verbietet.
Darf man trotz allem nationalen Freudentaumel dennoch fragen,
w i e und f ü r w e n sich dieses System eigentlich a u s-
z a h l t? Hat sich das alles erledigt mit einem zufriedenen
"Hier klappt's, selbst die drüben haben sich dazu bekehrt!" -?
Muß man selber Umweltgift und Arbeitslose für eine völlig neben-
sächliche Begleiterscheinung der unschlagbaren Marktwirtschaft
erklären, bloß weil die Macher drüben und ihre Völker dazu keine
Alternative kennen wollen? Und ist alles, was auf dem rechts-
staatlichen Verfahrensweg und im Namen der Wähler in Bonn
unwiderruflich beschlossen wird, auch schon unwiderruflich in
Ordnung, bloß weil die drüben jetzt auch die Staatsführung der
Parteienkonkurrenz überantworten und sich auf gar nichts anderes
als die Staatsnotwendigkeiten mehr festlegen lassen wollen? Of-
fenbar!
Wer r e c h t hat, hat auch E r f o l g, sagen alle. Weil
"wir" schon immer richtig lagen, haben "wir" "uns" auch durchge-
setzt. Von wegen! Umgekehrt funktioniert in Wirklichkeit die
Überzeugungsarbeit: Wer die Macht und den Erfolg auf seiner Seite
hat, der hat auch Recht! Deshalb muß man sich jetzt weniger denn
je mit dem Kommunismus auseinandersetzen. Er hat ja keine
W e l t m a c h t mehr hinter sich, also nichts mehr zu
b e s t e l l e n, also ist er auch ein für alle Mal
w i d e r l e g t. Sehr staatsgemäß gedacht!
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