Quelle: Archiv MG - WESTEN KOMMUNISMUS - Kommunismus tot?


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"KOMMUNISMUS TOT!"

Da kennen sich jetzt alle aus, vom Bundeskanzler bis zum letzten Arbeitslosen wissen alle Bescheid: Der Kommunismus ist endgültig mausetot! Das ist d i e prächtige Nachricht und die wunderbare Prognose für die 90er Jahre. Was Kommunismus überhaupt ist, braucht dabei kein Mensch zu wis- sen. Kanzler Kohl ist ja auch nicht nach intensivem Marx-Studium zu der Erkenntnis gekommen, daß der "Kommunismus widerlegt" ist. Die frohe Botschaft "Kommunismus ist tot" hat mehrere ganz andere Bedeutungen. Zum Beispiel die: "Der Kapitalismus ist unschlagbar, alles andere g e h t n ä m l i c h n i c h t. Alle sozialistischen Experimente sind von vornherein zum Scheitern verurteilt." Etwas Besseres als unsere Marktwirtschaft soll also einfach nicht gehen können? Ein gesellschaftliches Zusammenleben ist nur zu haben unter dem Kommando von Staatsgewalt und dickem Geld? Die Versorgung der Gesellschaft mit Lebensmitteln und allem ande- ren nützlichen Zeug soll nur klappen können, wenn erklärtermaßen überhaupt nicht für die Bedürfnisbefriedigung der Leute pro- duziert wird, sondern für ständig wachsende Gewinnspannen? Ein höherer Genuß ist nicht drin als die Vorstellung, daß man sich hierzulande für Geld alles kaufen kann - vorausgesetzt man hat genug davon? Die Bereitstellung von Wohnraum ist einfach nicht anders zu lösen als auf die gute marktwirtschaftliche Tour, nach der der Besitz von Grund und Boden dazu berechtigt, noch aus der letzten Bruch- bude eine lohnende Rendite zu schlagen? Die Arbeit soll ausgerechnet dann am bequemsten geregelt sein, wenn sich die Gesellschaft in Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilt: in eine Masse von Leuten, die arbeiten müssen und sonst nicht übermäßig viel zu melden haben, und in die maßgebliche Minder- heit, die den Rest der Menschheit für die Vermehrung i h r e s Reichtums zum Arbeiten antreten läßt? Produzieren läßt sich nur so, daß Unternehmer das Kommando über sämtliche Arbeitsbedingungen haben und ihre Arbeitermannschaften ihre Lebensumstände und -planungen diesem Kommando unterzuordnen haben? Es soll wirklich keine Alternative geben zum Beruf des Arbeitneh- mers, der sich ganz selbstverständlich von andern sagen läßt, ob er überhaupt arbeiten "darf", was und wie lange er arbeiten muß, in welchen Schichtplänen er anzutreten hat und wieviel Lohn er am Ende dafür bekommt? Eine Gesellschaft, in der die überwiegende Mehrheit der Leute darauf angewiesen ist, von einem Arbeitgeber benutzt zu werden, und in der es gerade wegen der Geschäftskalkulationen der Ar- beitgeber überhaupt keine Garantie gibt, einen Arbeitsplatz zu finden oder zu behalten - das soll der Gipfel des "menschlichen Fortschritts" sein? Eine demokratische Staatsgewalt, die auf diesen marktwirtschaft- lichen Laden aufpaßt und sein Florieren garantiert, das soll eine im Vergleich mit anderen Obrigkeiten unvergleichliche Errungen- schaft sein? Daß das die Leute sagen, die hierzulande in Politik und Wirt- schaft das Sagen haben, ist klar. Schließlich wissen sie, was sie an ihrem Kapitalismus haben. Etwas trostloser wird es allerdings, wenn die Leute, die für de- mokratische Politiker und Unternehmer die Rolle der Manövrier- masse spielen, sich außerdem noch als Echo ihrer Herren auffüh- ren. Wenn auch die ganz genau wissen wollen, daß "Sozialismus einfach nicht geht". Haben die es denn wenigstens mal versucht? Sind sie wenigstens mal ernsthaft auf den Gedanken gekommen, s i e s e l b e r könnten über ihre eigenen Lebensverhältnisse bestimmen? Und eine gesellschaftliche Arbeitsteilung so einrichten, daß alle auf ihre Kosten kommen? Haben sie sich zumindest einmal klargemacht, daß eine Staatsgewalt, die die Unterordnung aller erzwingt, glatt überflüssig wird, wenn alle auf ihre Kosten kommen? Klar, wenn so etwas gar niemand w i l l, dann g e h t es auch nicht; dann bleibt der Kommunismus ein unmögliches Hirngespinst. Es soll dann aber wenigstens niemand behaupten, er würde es n i c h t w o l l e n, w e i l es n i c h t g e h t. Derzeit macht das Gerücht die Runde, im Osten hätten sie so etwas "Unmögliches" probiert und wären damit voll auf die Schnauze ge- fallen. Von wegen! Die "Brüder und Schwestern" drüben haben wirk- lich nichts probiert - schon gleich kein "sozialistisches Experi- ment". Sozialismus war im (ehemaligen) Ostblock nie ein Programm, mit dem die Leute dort ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse ver- nünftig geplant und geregelt haben, sondern die Staatsdoktrin der regierenden Parteien. Auch dort waren Untertanen gefragt, die sich in vorgegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen "nach der Decke strecken" und im Traum nicht daran denken, die Verhältnisse zu ihrem Vorteil zu verändern. Der schlagendste Beweis dafür ist das allseits bejubelte Ende des "realen Sozialismus". Eine "Revolution" nach der andern sollen die Völker im Osten in den letzten Wochen und Monaten angeblich hingelegt haben. Dabei haben sie nur gemeint, die Gelegenheit wäre günstig, nach n e u e n H e r r e n zu schreien. Allen voran die "tapferen" Volksgenos- sen aus der DDR: Mit tatkräftiger westdeutscher Rückendeckung ha- ben sie der alten SED-Führung das Vertrauen aufgekündigt, um mit fliegenden Fahnen zu ihren neuen Bonner Herren überzulaufen. Sol- che "Revolutionäre" kommen ihr Lebtag nicht mehr auf den Gedan- ken, daß sie selber einmal ihre Lebenbedingungen bestimmen könn- ten. Sie haben sich nur den "Luxus" geleistet, die Abhängigkeiten des "realen Sozialismus" gegen die der "sozialen Marktwirtschaft" zu tauschen. Und sie wissen wahrscheinlich noch nicht einmal, daß sich auch die Gelegenheit für dieses Überläufertum nicht ihren Wünschen verdankt, sondern den politischen Berechnungen ihrer al- ten und neuen Herren. "Kommunismus tot" - das ist, wenn Deutsche-West und Deutsche-Ost sich stundenlang wechselseitig bestätigen können, daß etwas, was sie noch nie probiert haben, hundertprozentig nicht klappen kann. Denn für den "kleinen Mann" geht prinzipiell nichts - außer An- passung! zurück