Quelle: Archiv MG - WESTEN KOMMUNISMUS - Kommunismus tot?


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ANTIKOMMUNISMUS HEUTE - WIE GEHT DAS?

Einfallsreich waren sie ja noch nie, die bürgerlichen Abgesänge auf den Kommunismus. Daß er nicht gehen kann, weil er dem von Na- tur aus kapitalistisch veranlagten Menschen zuwiderlaufe, daher nur eine höchst vorübergehende Erscheinung der Weltgeschichte sein könne, war schon immer ihr Hauptargument. Darin sehen sie sich nun, seit man im Osten selbst regierungs- und par- teioffiziell Kritik am eigenen System pflegt, in ungeahnter Weise bestärkt. "Sie geben es zu! Sie geben es zu!" Nach dem Motto: Jede Kritik drüben ist ein Beweis für die Unhalt- barkeit des Systems, zitieren west- und süddeutsche Journalisten seitenweise Parteigrößen aus allen möglichen realsozialistischen Ländern, die sich irgendwann kritisch zum eigenen System geäußert haben und im Zeichen von Glasnost und Perestroika für Reformen eintreten. Wie deren realsozialistische Planwirtschaft überhaupt funktioniert, ob die nun anhebende offizielle Kritik daran über- haupt stimmt, welche Schlüsse daraus wiederum und für welchen Zweck gezogen werden, all das juckt einen Perestroikafreund aus dem bürgerlichen Lager nicht im Geringsten. Gerade so, als ob die Kritik am feindlichen System schon allein deswegen richtig sei, weil's die drüben selbst sagen, und als lägen die Kritiker drüben schon allein deswegen richtig, weil sie irgendwas dagegen haben, tut man so, als hätten die drüben jetzt offiziell unterschrieben, was Parteigänger des kapitalistischen Westens immer schon am Osten zu beanstanden hatten, nämlich daß es ihn überhaupt gibt. Die Methode, durch bloßes Hindeuten auf drüben, die längst fest- stehenden Verurteilungen des verkehrten Systems abzurufen, ist dabei eine alte Masche antikommunistischer Agitation. Bis 1983 galt doch noch jeder politische Schachzug des Ostens nebst der offiziellen Verlautbarung dazu als Beweis für die Verstocktheit, Brutalität und Unmenschlichkeit des Kommunismus. Der bloße Fingerzeig auf die betagten Figuren im Kreml war das schlagendste Argument für die Erstarrung eines verknöcherten Systems, das keine Zukunft hat, weil es immer nur dieselben altersstarrenden Dogmatiker an die Macht bringt. Daß im Osten manches nicht klappt, gilt seit jeher als unwiderleglicher Beweis für die Un- durchführbarkeit von Planwirtschaft - daß der "reale Sozialismus" alles andere als P l a n u n g der Ökonomie betreibt, sondern das Unding eines "sozialistischen Marktes" in die Welt gesetzt hat, hat die Freunde des freien Marktes noch nie interessiert. Inzwischen ist das alte Dogma von der unveränderlichen Starrheit des Kommunismus zwar widerlegt. Das stört die unverändert starre antikommunistische Polemik aber überhaupt nicht. Sie ernennt die "weltoffenen Reformer" von drüben einfach zu ihren Kronzeugen und schon ist unser Haupt- und Generalargument gegen den Kommunismus fertig: Wenn die sich schon selbst kritisieren, dann hat doch wohl der Westen mit seiner Ablehnung dieses Systems schon immer recht gehabt. Daß die Genossen mit ihrer Selbstkritik total dane- benliegen, und daß sie damit womöglich was ganz anderes meinen als die westliche antikommunistische Hetze, das ist den demokra- tischen Dogmatikern hierzulande scheißegal. Sie frohlokken über die Einführung antikommunistischen Denkens im Reich des Kommunis- mus. Diese ungemein geistvolle Polemik landet konsequenterweise im- merzu bei dem Vorurteil, von dem sie ausgeht: bei einem dicken, doofen Ja zum eigenen kapitalistischen Laden. Logisch ist es ja keineswegs, dem K a p i t a l i s m u s auf die Schulter zu klopfen, weil Machthaber drüben mit i h r e r r e a l- s o z i a l i s t i s c h e n P l a n w i r t s c h a f t unzu- frieden sind. Aber wenn man von einer guten Meinung über den ka- pitalistischen Gang der Welt a u s g e h t, wenn man also die Zufriedenheit der Machthaber hier mit ihrem d e m o- k r a t i s c h e n K a p i t a l i s m u s teilt, dann geht es auf alle Fälle ideologisch in Ordnung, sich den Sozialismus als "längsten und schmerzhaftesten Weg vom Kapitalismus zum Kapitalismus" vorzustellen. Für diesen Unsinn lassen sich dann gar nicht genug Genossen anführen. Daß die etwas anderes meinen, stört nicht. Daß sie alle so ziemlich dasselbe sagen, läßt die Jubelfeier in solchen Abgesängen zwar etwas langweilig ausfallen, in dem Fall möchte aber kein origineller westlicher Denker und Sprachkünstler den Reformsozialisten drüben ihre stereotype Phrasendrescherei vorwerfen. Sie lernen sogar altes soziali- stisches Gedankengut zu schätzen, wenn die Phrase von der "Realität", an der irgend etwas "scheitert" auf den Marxismus- Leninismus selber angewendet wird: Inzwischen lassen westliche Journalisten die kommunistische Ideologie an der realsoziali- stischen Praxis, selbige Praxis an ihrer Ideologie oder beides an der "Realität der Welt in den Neunzigerjahren" scheitern. zurück