Quelle: Archiv MG - WESTEN NATO NACHRUESTUNG - Raketen im Namen des Volkes

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       Karl Held / Theo Ebel
       
       Abweichende Meinungen zur "Nachrüstung"
       

DER WESTEN WILL DEN KRIEG

Acht Beweise und ein Schluß Resultate Verlag Copyright 1983 by: Resultate Gesellschaft für Druck und Verlag wissenschaftlicher Literatur mbH Barerstr. 60, 8000 München 22 Verantw. Dr. Karl Held Druck und Vertrieb: MHB Gesellschaft für Druck und Vertrieb wissenschaftlicher Literatur mbH, Amalienstr. 67, Rgb., 8000 München 40 ISBN 3-922935-16-8 Der Westen will den Krieg Was hat ein Staat wie die BRD vor ...? - der im Bündnis mit den paar anderen wichtigen Nationen für den Friedenswillen, also die Fügsamkeit aller anderen Souveräne auf der Welt und insbesondere für die Friedensbereitschaft des er- klärten Feindes sorgen will. - der weltweit zwischen "Unrechtsregimes" im Osten und anderen Regierungen unterscheidet und die "Herrschaft des Rechts" sicher- stellen will. - dessen Öffentlichkeit an den Bürgern im Osten nur eine gute Ei- genschaft entdeckt, nämlich eine - denen selbst unbekannte - Sehnsucht, mit demokratischen Waffen befreit zu werden. - der jede Waffe im Osten für einen Anschlag auf den Weltfrieden erklärt, den er mit stärkeren Waffen retten muß. - der alle Länder der Welt erfolgreich für seinen nationalen Reichtum und politischen Einfluß benutzt und deswegen in der Sou- veränität der zuständigen Herrschaften lauter "Sicherheits- risiken" entdeckt, an denen letztlich "Moskau" schuld ist. - der die Frage, ob die Mehrung seiner militärischen Gewaltmittel sich lohnt, überhaupt nicht kennt. - dessen Führer ihrem Volk die gewährte Freiheit als die Pflicht erklären, sich bis zum letzten für die Freiheit des freiheitsgewährenden Staates einzusetzen. - der den inneren Frieden machtvoll sichert, um so härter, je weniger die Betroffenen ihn aufkündigen. Woher hat die BRD die Macht und die Freiheit zu solcher Politik, und wie ist sie darin zu bremsen? Inhaltsverzeichnis ------------------ I. Sicherung des Weltfriedens ist ein Weltkriegsprogramm II. Der Systemvergleich zwischen der "Herrschaft des Rechts" und dem "Unrechtssystem" ist eine Kampfansage III. Das Feindbild - das gute Gewissen für die Erledigung des Feindes IV. Ohne weltweites Gewaltmonopol ist die Freiheit des Welt- markts nicht vollkommen 32 V. Die NATO ist für den Krieg mit allen Mitteln da - wozu denn sonst? VI. Rüstung und Krieg sind notwendige Unkosten einer Klassenge- sellschaft VII. Der Wert der Freiheit: Sterben für den Staat, der sie ge- währt VIII. "Innerer Frieden": Mobilmachung der Nation Schluß I. Der freie Westen hat die Sicherung des F r i e d e n s auf die Tagesordnung seiner Weltpolitik gesetzt und damit wissen lassen: "Wir" haben einen Feind, mit dem es die Konkurrenz der Waffen auszutragen gilt. Den Frieden sichern "wir" durch wachsende Rü- stung, mit der "wir" auf die Entscheidung zu unseren Gunsten hin- arbeiten. Der Westen definiert Ziele und Erfolge seiner Weltpolitik in Form von Kriegsresultaten, scheut also den Krieg nicht, weil er den Sieg will. "Wenn die Oberen vom Frieden reden, weiß das gemeine Volk, daß es Krieg gibt." - wußte Brecht schon vor dem letzten Weltkrieg zu vermelden. Doch diese Wahrheit wird heute so wenig ernst genommen wie damals, deshalb mangelt es auch an Leuten, die jenen Herren das Vertrauen aufkündigen, das sie mit ihrem Ruf nach Frieden von den Regierungsbänken herunter beanspruchen. "Friedenspolitik kann doch nichts Schlechtes sein!" - lautet vielmehr der nationale Konsens von F.J. Strauß über die offiziellen Oppositionsparteien bis zur Friedensbewegung. Wer den regierenden Friedensschützern Vorwürfe zu machen hat, tut es im Namen "echter Friedenspolitik", die von den anderen zu wenig, falsch oder überhaupt nicht betrie- ben wird. So mancher im Lande hat sich bei diesem Streit die An- klage zugezogen, nicht "friedensfähig" oder auch nicht "friedens- willig" zu sein - Zweifel an Friedenspolitik selbst sind leider nicht laut geworden. Dabei könnte doch auffallen, daß lügt, wer in aller Allgemeinheit "Frieden" als Zweck und Inhalt seiner Politik angibt. Immerhin geht es Weltpolitikern wie unseren bundesdeutschen Verantwor- tungsträgern u m e t w a s, um geschäftliche und politische Erfolge der Nation nämlich, wenn sie in aller Unschuld ihre Sorge um den f r i e d l i c h e n V e r l a u f ihrer politischen Händel beteuern. Ob sie nun verschuldeten Staaten der "Dritten Welt" neue Konditionen für Kredite diktieren, Handelsabkommen in Ost und West abschließen, wenn sie freie Gewerkschaften in Polen fordern und in der Türkei beseitigen lassen, wenn sie den Russen Erdgas abkaufen und Röhren liefern, um sich dann darum zu sorgen, daß ihr schönes Geld in die falschen Hände gerät, dann exekutie- ren die obersten Friedensschützer der Nation Interessen, von denen sie eines ganz genau wissen: daß sie den auswärtigen Herr- schaften, von den Völkerschaften ganz zu schweigen, deren Inter- essen durchaus streitig machen. Wenn sie "den Frieden" bei ihren weltpolitischen Unternehmungen dauernd sichern müssen, so resul- tiert dies aus der ihnen wohlbekannten Tatsache, daß ihre Han- dels- und Verhandlungspartner manchen guten Grund haben, sich ge- gen die Zumutungen dieses Friedens, gegen seinen I n h a l t eben, zur Wehr zu setzen. Daß der Wille zum Frieden, die ständige Beschwörung dieses ober- sten Gebotes in außenpolitischen Belangen eine Heuchelei ist, ist dem Volk freilich zu durchschauen gestattet - und zwar beim Feind! Während man den eigenen Oberbefehlshabern den unbedingten Willen zur friedliebenden Ausgestaltung der Staatenkonkurrenz ab- nehmen muß, hat man den "Soffjets" jeden erdenklichen friedensge- fährdenden Materialismus nationaler Interessen zur Last zu legen. Zu honorieren ist das Bekenntnis von Willy Brandt - "ohne Frieden ist alles nichts" - ebenso, wie man es für wahnsinnig überzeugend halten darf, wenn Kanzler Kohl die "Bewahrung des Weltfriedens" an die erste Stelle seiner Regierungserklärung setzt. Dann braucht man auch um die Lösung des Rätsels, wo bei so viel ausge- prägtem Friedenswillen die ominöse Kriegsgefahr überhaupt her- kommt, nicht verlegen sein. Sie kommt vom F e i n d: "Die So- wjetunion will nicht Frieden, sondern Unterwerfung" - deklamiert Verteidigungsminister Wörner und verspricht, auf den Knien von Stuttgart nach Bonn zu rutschen, wenn ihm die Aufstellung der Pershing II "erspart" bleibt - natürlich nicht von Gott oder vom Schicksal, sondern von den Russen. Da darf der Bürger unterschei- den lernen. Während die NATO weltweite, unteilbare militärische Friedenssicherung betreibt, ist die "ungezügelte Machtpolitik" nicht zu verkennen, die der Osten sich herausnimmt und mit der er sich und die Welt in "militärische Abenteuer" stürzt - deren ris- kanten Charakter wiederum der Westen garantiert. Eine Mai-Parade der DDR-Volksarmee "für den Frieden" wird locker als "Machtdemonstration" durchschaut; westliche Truppen-Shows mit Kampffliegern, Rekrutenvereidigungen mit Fackelschein und Sterbe- gelöbnis sind feierliche "Verpflichtungen auf den Friedens- dienst". Wird in Frankfurt/Oder wieder einmal für den Frieden ge- radelt, geboxt oder wettgeschwommen, ist die Entlarvung dieses schamlosen Mißbrauchs des Sports für politische Propaganda gebo- ten; tummeln sich jedoch in Frankfurt/Main die Turnfritzen der Nation-West oder in Hannover die Gesangsvereine, merkt jedermann mit Karl Carstens sofort, daß es sich hier um eine einzige Frie- densbewegung handelt, die in jeder freiheitlich-nationalen Veran- staltung per definitionem am Werk ist. Zwar ist keinem Bürger die Weisheit fremd, daß in der Politik mit Krieg kalkuliert wird, weil ohne ihn bisweilen die außenpoliti- schen oder Geschäftsinteressen auf der Strecke bleiben; daß Frie- den und Krieg alternative Formen der Staatenkonkurrenz sind, über deren Zweckmäßigkeit von den Regierenden befunden wird, wobei we- der der eine noch der andere um seiner selbst willen gepflegt wird, weil es auf den E r f o l g d e r N a t i o n ankommt. Als deutscher Bürger heute aber muß er seine Einsicht gerecht verteilen: Die eigene Regierung ist prinzipiell auf den Frieden scharf, während der Feind seinen Erfolg will und deshalb für die Kriegsgefahr zuständig ist. Mit dieser Schuldzuweisung ist er dann auch reif für den nächsten Schritt der Friedenserziehung, in dem klargestellt wird, daß es für Kohl und Wörner, also für "uns" W i c h t i g e r e s a l s d e n F r i e d e n gibt. "Frieden um jeden Preis" kommt nicht in Frage, lautet die Auskunft an Leute, die ihre Sorge um ein nichtkriegerisches Hin und Her zwischen den Staaten höher anset- zen als den nationalen Erfolg, für den die Konkurrenz der Mächte überhaupt veranstaltet wird. Die Verwalter des Friedens zählen solche Leute nicht zu den Friedensfreunden, sondern zur "Fünften Kolonne" Moskaus. Wer nicht begeistert "Frieden in Freiheit" mit- schreit, will nicht Frieden, sondern Knechtschaft. Und zwar nicht seine eigene. Als braver Untertan müßte er sich ja nur an eine neue Obrigkeit gewöhnen - und das wird ihm verboten. Denn die Freiheitsliebe, zu der alle guten Deutschen verpflichtet sind und für die sie Freiheiten des bürgerlichen Lebens aufgeben sollen, bezieht sich auf die Freiheit eines Genscher, von "Erpreßbarkeit" und von der Gefahr einer "Finnlandisierung" zu sprechen. Es wird keineswegs verschwiegen, daß es darum geht, westliche Außenpoli- tiker davor zu bewahren, daß sie auf die Interessen gewisser Na- tionen Rücksicht nehmen müssen. Insofern ist auch die Natur des "Friedens", der so großmächtig beschrien wird in den westlichen Hauptstädten, kein Geheimnis: Angesichts der festen Absicht, die konfliktträchtigen Interessen des eigenen Staates durchzusetzen, tauft man das I d e a l n a t i o n a l e n E r f o l g s auf Kosten anderer, die sich nicht wehren (können sollen und dürfen), eben "Frieden". Mit diesem Ideal lassen sich die diversen Härten der Weltpolitik freilich in erfreulicher Klarheit sortieren und gewichten. Wenn die Briten in Falkland, Franzosen im Tschad, Israel im gesamten Nahen Osten, die USA in Mittelamerika und sonst überall befreun- dete Regierungen gegen ihr Volk verteidigen, mit Waffen, echten und sogenannten Militärberatern, mit ökonomischen Erpressungen und militärischen Kampftruppen, dann "nehmen sie ihre Verantwor- tung wahr": für die "Stabilität" der Region, für "das Recht" und stets auch für "den Frieden". Im Nahen Osten, wo in einigen Krie- gen "Chancen einer Friedenslösung" geschaffen worden sind, heißen inzwischen die Kampftruppen aus den NATO-Staaten schlicht "Friedenstruppen im Libanon"... Ganz anders liegen die Dinge in Afghanistan. Dort führt nicht etwa die Sowjetunion Krieg - diese banale Feststellung ist für professionelle Freiheitskämpfer im Ministeramt viel zu schwäch- lich. Ein Vergehen gegen die Freiheit - das ist unser Grundwert - und eine "Gefährdung des Weltfriedens" ist es allemal, was auf das Sündenkonto geschrieben gehört. Sonst würde ja glatt der ent- scheidende Maßstab für die Verurteilung weltpolitischer Untaten fehlen, die den Friedenswillen des Westens als noch viel zu ohn- mächtig erscheinen läßt: daß sich die Russen in Afghanistan genau besehen mit "uns" angelegt haben, daß sie eigentlich "nur" demon- striert haben, daß sie durch die Verfügung über brauchbare Kriegsmittel zur Verletzung des Rechts befähigt sind, das "uns" zusteht und zu schützen abliegt. Wenn ein ehemaliger Praktiker in Freiheitsdingen theoretische Mitteilungen vom Stapel läßt, welche die Identität von Moral westlicher Prägung und Zynismus der Zu- ständigkeit überall zum Inhalt haben, so erläutert er einem vom "Argument Afghanistan" irgendwie beeindruckten Menschen, warum "Totrüsten" die friedensgemäße "Antwort" auf die Besetzung jenes Urlaubslands mit 18 Millionen armen Analphabeten sein mußte: "Was den Fall Afghanistans zu einem solch schwerwiegenden Verlust für den Westen machte, war nicht das Schicksal seiner 18 Millio- nen Einwohner, von denen 90% Analphabeten sind und deren durch- schnittliches Jahreseinkommen von 160 US-Dollar pro Kopf das Land zu einem der ärmsten der Welt macht. Nicht einmal die strategi- sche Lage Afghanistans hätte seinen Verlust so bedeutsam gemacht, wenn die Einbuße dieses Landes lediglich ein Einzelfall gewesen wäre. Aber sie geschah nicht isoliert; sie war Teil eines Mu- sters. Und dieses Muster stellt die eigentliche Herausforderung dar." (Nixon, So verlieren wir den Frieden) Der Gesichtspunkt des "Musters" entdeckt jene unerträgliche Fä- higkeit, die da einem anderen Staat gestattet, Dinge zu tun, de- ren Verhinderung in "unsere" Kompetenz fällt! Diese Kompetenz heißt "globale und unteilbare Friedenssicherung", die sich für einen S c h i e d s r i c h t e r in Sachen Aufteilung der Welt nur erhalten und "wiederherstellen" läßt, wenn er über unanfecht- bare Mittel für die Durchsetzung seiner Entscheidungen verfügt. Und unter der Rolle einer richtenden Instanz tut der freie Westen nichts; eine Behandlung der einschlägigen Konflikte in der Weise, daß sich da Interessen von Nationen oder Blöcken im Wege stehen, daß in diesen Gegensätzen die eine Seite nicht mehr Recht bean- spruchen kann als die andere, daß deswegen ein Arrangement oder der Gebrauch von Gewalt ansteht, ist in dem selbsternannten Auf- trag der "Friedenssicherung" nicht vorgesehen. Wer sich zum Sach- walter des internationalen Rechts aufschwingt und d e n Frieden zwischen allen Ländern garantieren will - auch den zwischen sich und seinem Hauptfeind, der ist über die "bescheidene" (und für sich schon kriegsträchtige!) Verteidigung seiner nationalen In- teressen längst hinaus. Das Bündnis weltfriedensgarantierender Nationen namens NATO hat nicht nur Interessen, die mit denen ei- ner fremden Macht nicht vereinbar sind; es besteht auf einem Weltfrieden nach seinem Bilde, darauf, die restliche Welt zu b e a u f s i c h t i g e n, das Erlaubte und Verbotene in der Konkurrenz der Staaten festzulegen und durchzusetzen. Wenn die NATO und ihre Führungsmacht eine Gefährdung des Weltfriedens aus- machen, dann vermelden sie schlicht das Bedauern, etwas nicht un- ter Kontrolle zu haben. Die in diesem Militärpakt vereinten Na- tionen wollen nicht P a r t e i sein in den weltpolitischen Händeln, sondern ü b e r allen Parteien stehen - und dieser i m p e r i a l i s t i s c h e n G l o b a l z u s t ä n d i g k e i t passen sie ihre Waffen seit Jahrzehnten an. Die NATO hat den Weltfrieden zu ihrem exklu- siven Schutzobjekt ernannt, wobei der östliche Feind ganz grund- sätzlich als Störenfried in einer ansonsten intakten Welt er- scheint, als ein Störenfried, der diese Friedensidylle solange unfriedlich macht, als es ihn als M a c h t gibt. Das ergibt den Blick auf die M i t t e l, die ihm nicht zustehen. D e s h a l b wird - nicht nur von Mitgliedern der US-Regierung - bedauert, daß es den wirklichen Frieden noch gar nicht gibt; daß es mit dem Bewahren des jetzigen Friedens nicht getan ist, sondern daß die Welt insgesamt friedlicher gemacht werden müßte. Auch im Bonner Außenamt, wo die "deutsche Verantwortung" für den Frieden zu Hause ist, lautet die Perspektive: man müßte in einer Welt konkurrierender Mächte den Frieden endgültig einmal s i c h e r n. Auch dort ist man sich im klaren darüber, daß Friedenspolitik nichts mit einer Angst vor Kriegen zu tun hat, also auch nichts mit einem defensiven Bemühen um den erreichten Stand der eigenen Weltgeltung, sondern ein offensives Programm der Unzufriedenheit mit dem weltpolitischen status quo darstellt. Darüber, wie wenig er mit der gegenwärtigen Weltlage zufrieden ist, läßt der freie Westen keinen Zweifel. Den "Frieden" getauf- ten Zustand sichert das Lager der Freiheit ständig durch Einsatz seiner Gewalt. In manchem kleinen und mittleren Krieg verbessert die NATO den Frieden - und erkennt in diesen Aktionen immer nur Zeichen dafür, daß der Weltfrieden einfach ständig durch das an- dere Lager in Frage gestellt wird. Um damit Schluß zu machen, be- darf die Friedenspolitik des Westens tatsächlich einer Aufrü- stung, die manche für "maßlos" halten. Ihr Maß liegt im Erfolg einer friedensstiftenden Veranstaltung namens Weltkrieg! II. Der freie Westen hält seine Weltpolitik für einen Kampf des Rechts gegen das Unrecht. Die russischen Verbrecher haben sich vor der "richtigen" Weltordnung zu verantworten und verdienen eine gerechte Bestrafung durch die Guten. Die Idee, daß der Kommunismus ein Irrweg der Menschengeschichte sei, dessen letzte Kapitel gerade geschrieben würden, ist keines- wegs ein spezieller Einfall von US-Präsident Ronald Reagan, der angeblich nicht differenzieren und nur im groben "Gut-Böse"- Schema denken kann. Auch wenn der Satz von Reagan stammt, so ist er doch Gemeingut all der westeuropäischen Staatsmänner und ihrer journalistischen Nachbeter, die "differenziert zu denken" und "gemäßigt" zu formulieren verstehen. In jeder offiziellen politi- schen Verlautbarung, in jedem Kommentar der Medien und in jeder Stellungnahme der freien Wissenschaften wird an diesem Beweis ge- arbeitet: Die sozialistischen Staaten, ihre Wirtschaft und Poli- tik haben eigentlich keine Existenzberechtigung. Dieser Beweis ist weniger wegen der selbstsicheren Idiotien bemerkenswert, mit denen er "geführt" wird. Eher schon als Dokument der unbedingten Feindschaft und des unverwüstlichen guten Gewissens derer, die sich von der Geschichte beauftragt und berechtigt fühlen, das längst fällige Urteil zu vollstrecken. 1. Wenn westliche Friedens- und Freiheitskämpfer die s o w j e- t i s c h e A u ß e n p o l i t i k betrachten, dann fallen ihnen Vokabeln ein, die sie als Kennzeichnung der Politik ihrer Vaterländer seit wenigstens 60 Jahren verboten haben. Wenn die Russen in einer westlich ausgerichteten Staatenwelt von ca. 160 bei der UNO angemeldeten Regionalherrschaften in einigen wenigen Fällen (Angola, Äthiopien, Afghanistan, Vietnam - wer wüßte überhaupt viel mehr zu nennen) das tun, was beim Westen "Pflege der Partnerschaft" und "Hilfe für die Dritte Welt" heißt, wenn sie sich also um befreundete Regierungen mit Geschenken, Aufbau der Polizei, Waffenlieferungen gegen Feinde oder gar mit cubani- schen Soldaten bemühen, dann ist das ohne Zweifel E x p a n- s i o n und I m p e r i a l i s m u s. Wenn dann bemerkt wird, daß die Sowjetunion mit ihren praktizier- ten Völkerfreundschaften gar nichts weiter anfangen kann, daß sie außer dem negativen Resultat, ein Land aus der Front ihrer Feinde herausgelöst zu haben, außer einer eventuellen strategischen Nut- zung - Marinestützpunkte usw. - nichts will und kann, dann wird diese Ausnahme in der modernen Weltpolitik zum Beweis ihrer be- sonderen Bösartigkeit ausgenutzt. Dabei deutet es darauf hin, daß die russische Teilhabe an der Werbung befreundeter Regierungen keinen Grund in der sozialistischen Ökonomie, sondern nur den de- fensiven Ausgangspunkt hat, in einer vom Feind organisierten Staatenwelt und angesichts der damit verbundenen Bedrohung das eigene Lager durch Neuzugänge zu stärken, um militärisch weltweit Paroli bieten zu können. Daß die Planer aus dem rohstoffreichsten Land der Erde gar nicht versuchen, bei ihren wenigen Freunden den Abbau der Bodenschätze und den Anbau verkaufbarer Agrarprodukte in den Griff zu bekommen, führt nie zu dem Schluß, daß es ihnen darum vielleicht nicht geht. Dagegen ist es dem westlichen Begut- achter nur ein weiteres Beispiel dafür, daß die Russen eben noch nicht einmal dazu in der Lage sind! Das unvermeidliche Draufzah- len der Russen bei der Werbung eigener "Freunde" - sie verschen- ken Stahlwerke wirklich, und wenn sie Straßen anlegen, dann nicht, weil der Transport auf ihnen sich für ihre oder die ein- heimische Wirtschaft auszahlt - wird einerseits als gerechte Strafe dafür registriert, daß ihre verrottete Wirtschaft noch nicht einmal zur Ausbeutung der "Dritten Welt" imstande ist, und deshalb auch kein Recht darauf hat! Dieselben Richter über russi- sche Weltpolitik sind sich andererseits absolut sicher, "daß die Russen auch nichts zu verschenken haben". Einen Nutzen des welt- politischen Engagements für die Russen will man nicht erkennen, und daraus wird ein hartes Argument gemacht: Es muß sich um ein ganz hinterhältiges - wegen seiner Untauglichkeit für wirtschaft- liche Ausbeute - "reines" Macht- und Unterdrückungsinteresse han- deln. Also um die Absurdität eines Beherrschens für nichts und wieder nichts. Diese Bösartigkeit traut man dem anderen System eben zu, so daß sich eigene blutige Ordnungsaufgaben in der "Dritten Welt" als gut motiviert und durchaus verständlich dage- gen abheben, weil "wir" doch von den Rohstoffen so abhängig sind. Wenn rechtlich denkende NATO-Menschen dann wieder bemerken, wie wenig "Abhängigkeit" durch die Lieferung von Waffen und die Schenkung von Staudämmen entsteht; wie andererseits die Herren Regierungschefs südlicher Breiten um ihre Berücksichtigung in der "Weltwirtschaft" besorgt sind und sich einiges an "Bindung" ein- stellt - dann ist für sie alles klar. Nicht ohne Schadenfreude deuten sie das Überwechseln Chinas oder Ägyptens ins westliche Lager als Befreiung dieser Völker aus der beengenden Umarmung des russischen Bären. Da spielt die Tatsache, daß westliche Kredite und Waffen"hilfe" die "Stabilität" und das Interesse ganzer Staa- ten bestimmen, höchstens in der Frage eine Rolle, ob die Schulden nicht zu groß für die Kalkulationen des internationalen Bankwe- sens werden. Die Armut und die Gewalt vor Ort heißen "Unterentwicklung" - und für die tun die Russen entschieden zu wenig. Weil der Westen den Staatsführern befreundeter Nationen ein Mehr an Rüstung und Finanzierung für ihren Herrschaftsapparat zu bieten hat, ist der Westen der natürliche Freund der damit re- gierten Völker, der Osten ihr Feind, der außerhalb seiner Landes- grenzen nichts zu suchen hat. 2. Aber nicht nur außerhalb, auch daheim hat die russische Form des Wirtschaftens keinerlei Lebensrecht; sie ist nämlich hoff- nungslos i n e f f i z i e n t. Gewonnen wird dieser Schieds- spruch gegen die östliche Wirtschaft analog zum Verfahren bei der Außenpolitik: Weil die drüben den Erfolg ihrer Wirtschaft nicht im Wachstum des Kapitals messen, erweisen sie sich als absolut unfähig, ein kapitalistisches Wachstum zustandezubringen. Die Russen sollen an etwas scheitern, was sie gar nicht wollen! Da erfährt man in Fernsehmagazinen, daß die arbeitende Bevölke- rung drüben ohne die so stark motivierende Drohung, den Arbeits- platz verlieren zu können, und ohne die leistungssteigernde Kon- kurrenz mit einem stets bereiten Arbeitslosenheer ihr Tagwerk verrichtet. Und siehe da - es kommt nichts raus! Die Leute können auch mal zu spät kommen; können während der Arbeitszeit Arztbesu- che und ihr obligates Schlangestehen absolvieren, und bei der Ar- beit reißt sich angeblich keiner ein Bein aus. Lebensqualität? Oder wenigstens Gemütlichkeit? Von wegen - die Ostökonomen ver- sündigen sich am Recht des Volkes auf eine Wirtschaft, die es ge- hörig ausnützt und dadurch "wächst"! Dieselben Kommentatoren ha- ben dabei kein Problem, das pure Gegenteil ebenso zu verkünden; anläßlich der Orden für die "Helden der sozialistischen Arbeit" entdecken sie nicht, daß Leistungssteigerungen drüben mit morali- schen Mitteln, also ziemlich matt angereizt werden müssen; noch weniger fällt ihnen auf, daß es jenen "stummen Zwang der Verhält- nisse", die auf rentable Leistung programmierten Arbeitsplätze kapitalistischer Fabriken, nicht gibt. Ihre Diagnose lautet an- ders und ziemlich schlicht: Drüben herrscht die "reine" Ausbeu- tung und "der Mensch" ist dem Alleinunternehmer Staat ausgelie- fert, der ihm nicht mit Lohn, sondern mit billigem Ordensblech dankt - was es im Westen höchstens für Jubilare der kapitalisti- schen Arbeit nach 30jähriger Betriebszugehörigkeit gibt. Da erfährt man, daß im Osten niedrigste, die Versorgung der Be- völkerung sichernde Preise für das Nötigste festgelegt werden: Wohnung, Grundnahrungsmittel und öffentlicher Verkehr kosten so wenig, daß hier niemand sparen muß. Während hier tatsächlich zum Vorschein kommt, daß wenigstens die Gegenstände der Grundversor- gung im Osten nicht dazu benutzt werden, den Leuten den Lohn wie- der aus der Tasche zu ziehen und das gute Geld dorthin zurückzu- bringen, wo es hingehört - in die Hände derer, die es vermehren können -, entdecken fachkundige Kritiker des Ostens hier nur ei- nes: Verfälschung - lauter falsche Preise! So kann eine Wirt- schaft ja nicht funktionieren, wenn sie nicht jede Ware so teuer wie möglich macht, um möglichst viel Geld herauszuschlagen. Bil- lige Lebensmittel sind für kapitalistisch geschulte Fachleute eine unverständliche "Subventionierung", welche auf "Mißwirtschaft" deutet und angesichts einer viel zu niedrigen Ar- beitsproduktivität eigentlich unmöglich ist. In den Augen kritischer westlicher Berater in Wirtschaftsdingen hält sich im Osten ein gar nicht lebensfähiges System, das sich der Verachtung auch nicht durch zweifelhafte Leistungen in tech- nischen Disziplinen wie dem Flugzeugbau entziehen kann. Mit ihren zivilen und militärischen Prachtstücken beweist die SU eben nur die Perfidie des sozialistischen Systems: Obwohl ihre Wirtschaft dazu eigentlich gar nicht in der Lage ist, legen sie sich modern- ste Waffen zu - zu denen sie wegen der Unterproduktion an Lebens- mitteln, die eben noch zu billig waren, nicht berechtigt sind. Das Besitzrecht auf technisch ausgereifte Waffen erwirbt man sich nämlich nur durch Staffelmieten auf einem freien Wohnungsmarkt, niedrige Löhne, freie Benzin- und Fleischpreise sowie eine infla- tionshemmende Mehrwertsteuerrate, wodurch die Rüstung aufs er- freulichste mit den Konsumwünschen der Menschheit harmoniert. 3. Da der Beweis der Unwirtschaftlichkeit sozialistischen Wirt- schaftens schon nur durch ein Messen derselben an der Elle kapi- talistischer Erfolgskriterien geliefert wird, wird die beabsich- tigte Verurteilung um so sicherer durch die Methode des offenen S y s t e m v e r g l e i c h s sichergestellt - ein Vergleich, der schon deshalb nicht schiefgehen kann, weil sich der analyti- sche Geist von vornherein darüber im klaren ist, daß drüben alles Schlechte am System liegt, während das Rätsel, daß die Leute dort immerhin auch leben, nur durch ihren Fleiß zu erklären ist, den sie trotzdem noch aufbringen; umgekehrt weiß der Systemverglei- cher, daß im Westen das ganze Leben der vortrefflichen Einrich- tung von Staat und Wirtschaft zu danken ist, während alles Un- vollkommene, das es auch hier gibt, "der Mensch" mit seinem men- schlichen Versagen zu verantworten hat. Diese gesicherte Partei- lichkeit ist es, die verhindert, daß pure Stilblüten der Verglei- cherei nicht zu Lachsalven führen, weil vorweg sichergestellt ist, daß Mängel in Ost und West keinesfalls gleich zu bewerten sind. Da findet sich im Wirtschaftsteil derselben Zeitung neben- einander ein sorgenvoller Bericht darüber, daß in den westlichen Nationalökonomien nach 3 Jahren realer Schrumpfung die Wirt- schaftskrise noch immer nicht überwunden sei, und dann eine höh- nische Bemerkung darüber, daß in der DDR das Wirtschaftswachstum mit 4,5% wieder einmal deutlich hinter den Planziffern zurück- geblieben sei- im Westen ein Problem, für dessen Lösung alle mit anpacken und in ihren Ansprüchen zurückstecken, bei dem "vorschnelle" Verallgemeinerungen und Schuldzuweisungen vermieden werden müssen. Im Osten dagegen beweist sogar eine Differenz von geplantem und tatsächlichem Wachstum die hoffnungslose Realitäts- ferne des Versuches, wirtschaftliche Abläufe planen zu wollen, wie überhaupt hinter dem "Eisernen Vorhang" jeder wirkliche oder erfundene Engpaß zu jeder Verallgemeinerung auf und zur Schuldzu- weisung ans "System" berechtigt, dessen Lebensunfähigkeit durch Verbesserungsbemühungen nur unverdient verdeckt wird. Wegen dieser M e t h o d e werden p u r e F a k t e n B e- w e i s e: Da braucht nur mehr erwähnt zu werden, daß man in Leipzig keine Bananen kaufen konnte, oder daß in Polen Werke we- gen Ersatzteilmangel stillstehen - und schon weiß der NATO-Gebil- dete, was er davon zu halten hat. Das "System" - von dem man an- sonsten nichts zu wissen braucht - ist schuld. Die Bauruinen und abgestellten Fabrikanlagen des Westens mag schon gar niemand zäh- len- und darüber, daß Leute in den Städten keine bezahlbaren Woh- nungen finden, könnte man sich nie so grundsätzlich und system- feindlich empören wie über die fehlenden Bananen (die derweil im Westen aus Gründen der Preisstabilität vernichtet werden). Im goldenen Westen verhungern jährlich Millionen Menschen - und das nicht nur in den südlichen Randbezirken der freien Marktwirt- schaft, nein mitten im reichsten Land der Welt, in der US-Auto- stadt Detroit. Liegt das am System? Unmöglich! Ein Problem - und ein unerklärliches dazu: Präsident Reagan finanziert - nein: keine Hungerhilfe, die hatte er kurz vor dem Hungerwinter in De- troit gestrichen! - eine wissenschaftliche Studie zur Untersu- chung der völlig dunklen Ursachen solcher Armut. Im Osten dage- gen, wo ein Heer akkreditierter Schnüffler noch die verwegensten Mißstände ausfindig macht, wird von Hunger und gar Hungertod nichts berichtet; dafür müssen auch Besserverdienende bisweilen Schlange stehen. Das liegt am System der Planwirtschaft und ist unmöglich eine Panne. 4. Weil aus dem so gewonnenen Beweis dafür, daß der Sozialismus ein ziemlich untauglicher Kapitalismus ist, höchstens die Be- schwörung der Rückständigkeit, der Unterlegenheit, nie aber die Begründung einer Feindschaft herauskommt - wenn die schon nichts zusammenbringen, braucht man sich vor ihnen um so weniger zu fürchten -, wird der Systemvergleich ausgebaut zu einem Beweis dessen, daß das dortige System d e m M e n s c h e n wider- spricht. Bewiesen wird ununterbrochen, daß kein Westbürger unter den Russen je leben könnte, und bewiesen wird es dadurch, daß "der Mensch" eben der Untertan einer kapitalistischen Demokratie ist. Ein ideeller Export der Westbürger beweist, daß das dortige System den Tugenden und Gewohnheiten, die man sich hier zulegen muß, gar nicht entspricht - also menschenfeindlich ist. - Armut ist dem Menschen des freien Westens keineswegs fremd. Die nie überwundene Existenzunsicherheit, Sparen und Schuldenmachen sind der großen Mehrheit in den westeuropäischen Musterdemokra- tien eine stetige Gewohnheit, und viele Genüsse kennen auch sie nur aus Illustrierten. Allerdings steht einem jeden die reiche Auswahl von Deutungen des eigenen bescheidenen Lebenswandels zu: Ungerechtigkeiten, verpaßte Chancen und Versagen sind die Verse des Reims, den sich "der Mensch" auf seine Lage machen darf. Kun- dige Anleitung kommt aus dem Zeitungsladen. Ganz anders die Armut im Osten: keine Chance, reich zu werden - das ist dem Staat anzulasten, der ihm nichts als die für ihn so- wieso verpaßte Möglichkeit vorenthält, in der Konkurrenz nach vorne zu kommen. Das ist ein Anschlag auf den Menschen, der aus- gerechnet ein Recht darauf einklagen soll, seines vergeigten Glückes Schmied gewesen sein zu dürfen. - Dieses Recht blüht im Westen und tritt in Gestalt der f r e i e n M e i n u n g zutage, die im Osten weder gewährt noch geschützt wird. Westbürger kennen sich da genau aus, insbe- sondere dann, wenn einer hierzulande das Maul aufreißt. Dann wei- sen sie zwar nicht die geäußerte K r i t i k zurückt, wohl aber den Kritiker zurecht. Er soll sich nämlich darüber klar werden, daß er etwas m e i n e n d a r f, dafür dankbar sein und des- wegen seine Einwände gegen Staat und Kapital für nichtig halten. Mehr als diese sehr prinzipielle Anti-Kritik für den Hausgebrauch im eigenen System kommt nie zustande, wenn Leute ihre Vorliebe für eine E r l a u b n i s z u m D a g e g e n s e i n bekun- den - drüben, versteht sich. Das Verlangen nach staatlich gewährter Staatsfeindlichkeit im an- deren Lager übersieht geflissentlich, was in den demokratischen Paradiesen so an freien Meinungen kursiert. Daß sich da eine ganze freie Presse samt Rundfunk und Fernsehen daran zu schaffen macht, den Bürgern immerzu beizubringen, welche Interessen hinter anderen zurückstehen müssen, ist gleichgültig. Ebenso gleichgül- tig wie die gar nicht schwer zu ermittelnden M a ß s t ä b e, an denen sich das hochgelobte Gemecker vom Stammtisch über die 'Bildzeitung' bis zu den 'Tagesthemen' orientiert. Um das G e l i n g e n v o n P o l i t i k u n d W i r t s c h a f t darf man sich tatsächlich ausgiebig sorgen, nach Schuldigen fahn- den und jedermann auf seinen "Beitrag" festlegen. Wer freilich der - abweichenden - Meinung ist, daß die Ziele der Nation und ihrer Geschäftswelt ihm selber und den meisten anderen gar nicht gut bekommen, erfährt, wie ungemütlich eine "wehrhafte Demokra- tie" ihre "Dissidenten" behandelt. Gerade dies aber halten die Verehrer der Meinungsfreiheit für äußerst gerecht; wenn sie das Kommando "Geh doch nach drüben!" erteilen, machen sie ja aus ih- rem politischen Rezept kein Hehl. Was sie an drüben so eifrig ta- deln - die staatliche Kontrolle staatsgefährdender Regungen -, wünschen sie jedem an den Hals, der sich hierzulande für ihren Geschmack zu viel herausnimmt! Von den Techniken der Observation, des freiheitlichen Geheimdienstwesens, des Berufsverbots etc. kriegen sie erstens nichts mit - wegen ihrer "Linientreue". Und zweitens würden sie die üblichen Praktiken-West nur begrüßen, wä- ren sie ihnen bekannt: Sie plädieren ja nicht nur für Enthaltsam- keit in Sachen Kritik, weil "sie nicht verboten ist bei uns". Sie halten sie für n i c h t g e r e c h t f e r t i g t und be- teiligen sich mit ihrer freien Meinung an der Zurechtweisung, die praktisch in die Zuständigkeit diverser Ämter fällt! Da braucht es wirklich nicht weiter zu interessieren, daß es im Ostblock - vom Russenwitz über kirchliche Opposition und Arbei- terkämpfen bis zu abtrünnigen Regierungen des "Blocks" - einiges an abweichender Meinung gibt, die im freien Westen ganz anders geahndet wird. Wenn sich westliche Bürgertugenden an der Kritik des Ostens zu schaffen machen, dann kommt ein Vergleich zwischen drüben und hüben garantiert nicht zustande. Wo es auf den Beweis der Men- schenfeindlichkeit und Lebensunwürdigkeit des Realen Sozialismus ankommt, bietet nicht einmal die Sache mit den Arbeitsplätzen, die im Westen ja wirklich von oben genügend breitgetreten wird ("soziales Problem Nr. 1"), die Chance, dem Osten einen kleinen Pluspunkt zuzugestehen. Noch nicht einmal für die Millionen Dau- erarbeitslosen der EG kommt es in Frage, auch nur ideell die Mauer in umgekehrter Richtung zu überqueren, wenn sie ihre Lage des sicheren und immer weitergehenden Abstiegs ins Elend mit der bescheidenen Solidität mitteldeutscher Arbeitsplatzsicherheit vergleichen. Auch und gerade sie haben das Recht auf freie Wahlen höher einzuschätzen, um es wie ihre Kollegen in der DDR dazu zu benutzen, sich in den 95%-Block der staatstragenden Parteien ein- zureihen! Das unverzichtbare Recht auf freie Meinung dürfen sie deswegen auch hemmungslos auskosten und außer auf Ausländer immer auf Kommunisten schimpfen. Und dennoch: Ein Bürger mag durch derlei "Beweise" zu dem Schluß kommen, daß er lieber sterben würde, als drüben zu leben - mehr als die Genugtuung, es im Westen relativ gut getroffen zu haben, kommt dabei auch nicht heraus. Auch die angestrengtesten Verren- kungen westlicher Ideologen machen eben noch deutlich, daß es nicht der Bürger sein kann, den die Russen stören; sie stören seinen Staat, nicht den Privatmann. Jedenfalls taugt diese Zu- friedenheit, in der besseren Hälfte der Welt daheim zu sein, nicht zu d e n Konsequenzen, die stets gezogen und begrüßt wer- den, wenn der Osten nach gründlicher Abwägung von Vor- und Nach- teilen wieder einmal schlechter abschneidet. Diese Konsequenzen zieht allerdings auch nicht der mit seiner Demokratie glückliche Privatmann, sondern der S t a a t s b ü r g e r und N a t i o- n a l i s t, dem die Wünsche und Ärgernisse seiner Obrigkeit zum eigenen Anliegen geworden sind. Nur wer die Probleme seiner Regierung für den Katalog der eigenen Bedürfnisse hält, dabei ganz und gar vergißt, welche "Probleme" ihm seine Herrschaften aufmachen, meint, daß ihn die Russen stören. Nur für d e n vergehen sich die Russen im Kreml an den guten Sitten im ordentlichen Verkehr zwischen den Nationen; für den vorenthalten sie aber auch ihrem Volk die Menschenrechte und können nicht wirtschaften. Und jede fällige Korrektur an ihren Verstößen gegen eine nach außen wie nach innen r e s p e k t a b l e Staatsfüh- rung verhindern sie - durch ihre politische G e w a l t! West- liche Staatsmänner entdecken wie ihre untertanen Amateure deshalb drüben immerzu ihre O h n m a c h t. Es liegt ihnen offenbar daran, die Menschen des Ostens mit den Segnungen freien Wirt- schaftens beglücken zu können. Daß es dieses unnatürliche Wirtschaften überhaupt noch gibt, ver- weist westliche Durchblicker auf die G e w a l t, durch die sich das geplante Völkergefängnis gegen seinen natürlichen Tod erhalten läßt. Leute, die sich ganz offen zur G e w a l t "unserer Ordnung" bekennen und gar nicht genug davon kriegen kön- nen, taufen jede Regierung drüben kurzerhand "Regime". Aber nicht, weil sie französisch können, sondern sich mit einer alter- nativen, nicht dem e i g e n e n S t a a t anvertrauten Gewalt nicht abfinden mögen. Ein solcher Staat behindert nämlich die ge- rechte Einmischung der e i n z i g e n anerkennenswerten Macht. Die "Gewaltherrschaft" im Osten gilt als verabscheuungswürdig, und zwar aus einem einzigen Grund: H i e r ist die Herrschaft rechts- und menschengemäß ; die viel freizügigere Handhabung der staatlichen Gewaltmittel gegen Demonstranten und andere Staats- feinde zeigt ja nur, mit was für Chaoten die Herrschaft des Rechts fertigwerden muß. Der Staatsgewalt Ost nützt es bei dieser Betrachtung überhaupt nichts, daß sie ebenfalls nicht ohne Recht, Gesetz, Verfassung und Justizorgane zu Werke geht. Die Unrechtmä- ßigkeit östlicher Staatsgewalt unterscheidet sich von der recht- mäßigen westlichen Gewaltherrschaft eben darin, daß dort nicht das Recht des Westens gilt. Nicht die Freiheit des Eigentums und der Geschäftemacherei, sondern die planmäßige Mehrung des sozia- listischen Nationaleinkommens ist dort Verfassungsauftrag. Damit behindert die Staatsgewalt im Osten zwar kaum den westdeutschen Straßenkehrer Atatürk; dem R e c h t des Westens a u f E i n m i s c h u n g steht sie aber im Wege und ist deshalb un- rechtmäßig. Diese prinzipielle Exkommunizierung aus der Welt der menschenge- rechten Herrschaft ist älter als die Präsidentschaft Reagans und älter als der Doppelbeschluß - sie geht auf die Gründung der NATO zurück, bei der sich die maßgeblichen kapitalistischen Staaten auf folgende oberste, gar nicht für den Hausgebrauch gedachte, a u ß e n politische Zielsetzung einigten: Gemeinsame, und damit weltweite Verteidigung der "Herrschaft des Rechts", ihrer "freiheitlichen Traditionen" und der "Demokratie". Der unnützen Macht wurde der infame Hang zur M a c h t p o l i- t i k attestiert, die auf die V e r ä n d e r u n g all der liebenswerten und unwidersprechlich guten Ordnungsleistungen des Zweiten Weltkrieges zielt. Das Stichwort für das verbotene Eingreifen der Sowjetunion in die Weltpolitik entnahmen die Herren des Westens der östlichen Ideologie selbst: die "W e l t- r e v o l u t i o n", jenes Ideal einer vom Kapital, von den Gewaltverhältnissen des Privateigentums befreiten Welt, stand schließlich immer noch im Katechismus des Kreml. Daß der ein etwas anderes Verständnis von der Sache praktizierte als der tote Karl Marx, brauchte die NATO-Herren nicht zu irritieren - für sie ist der Entzug von dienstbaren Staaten und Völkern aus ihrem "Einflußbereich" haargenau dasselbe wie die Abschaffung des Kapitals und seiner wuchtig angewandten Freiheit. Da nützte auch die Definition der sowjetischen Weltpolitik als "friedliche Koexistenz" herzlich wenig - dem so getauften Anliegen, gleichberechtigt als Weltmacht um Partner und Einfluß ringen zu wollen, mußte eine Absage erteilt werden. Und zwar dauerhaft und überall - die B e w a h r u n g der Welt vor der einzigen mächtigen Alternative war fällig - durch die gründliche Infragestellung und Schwächung von d e r e n Macht. Dieses Militärbündnis ist sich deshalb s e i n e r Sache als einer des Rechts sicher - so sicher, daß es auch Diktatoren zu den Verfechtern der freiheitlichen Traditionen zählt. Schließlich muß es dem prinzipiell berechtigten System in der Welt schon überlassen bleiben zu entscheiden, was für ein Regieren wo not- tut: Da gibt es Völker, die sind für die Demokratie einfach nicht reif, und Diktatoren, die führen ihr geliebtes Volk ein bißchen autoritär auf den langen Weg zu ihr. Umgekehrt sind Regierungen, die nach den geheiligten Prozeduren der Demokratie zustandegekom- men sind, "unfähig", "unstabil" ("Stabilität" ist für Partner der Demokratie Pflicht! Mangelnde Partnerschaft wird mit "Destabi- lisierung" geahndet!) bis verfassungsbrüchig, wenn sie, wie vor 10 Jahren die chilenische, das gute Geld für eine Milchspeisung der Schulkinder verschleudern, anstatt das Kapital zu fördern; besonders, wenn sie gar noch die obligate Verurteilung der Sowjetunion vermissen lassen. Eine Diktatur, die ökonomisch, politisch und strategisch den westlichen Demokratien zu Willen ist, befindet sich allein dadurch schon auf dem Weg zur Demokra- tie; eine Demokratie, die sich mit linken Zielen dem zu entziehen versucht, ist sowieso verdeckte leninistische Tyrannei. Wer die Welt so kompromißlos sortiert; wer so entschlossen die einzige Ausnahme zur kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung, den Ostblock, für ebenso lebensunfähig wie lebensunwürdig erklärt, der gibt eines über seine Weltpolitik bekannt: Die kapitalisti- schen Demokratien finden sich mit der Existenz eines Lagers, in dem ihre Prinzipien nicht gelten und das ihnen nicht unbeschränkt zur Verfügung steht, nicht ab. Sie prophezeien dem östlichen Sy- stem den frühen Tod - und geben mit dem größten Rüstungsprogramm aller Zeiten aktive Sterbehilfe, damit ihre Vorhersage auch ein- trifft. Wer so spricht - und damit nur seine längst geübte Praxis recht- fertigt, der ist kein Opfer einer anonymen Kriegsgefahr und auch nicht Opfer einer Übermacht, der er sich nicht mehr zu erwehren weiß; er produziert "Kriegsgefahr" und plant Krieg in der festen Absicht, ein ganzes Lager der Staatenwelt abzuschaffen. III. Die NATO hat die Sowjetunion zum Erzfeind erklärt. Für die Manö- vriermasse der NATO gibt es deshalb d e n Russen - das F e i n d b i l d. Diese Konstruktion eines mißratenen Menschen- schlags dient der "Überzeugung", daß die Russen den tödlichen Be- freiungskrieg sowohl brauchen wie verdienen, den die NATO-Armeen gerade üben. Daß die Länder der Freiheit, speziell die deutsche Bundesrepublik und ihre Wehrmacht kein Feindbild bräuchten und hätten, ist die bestdurchschaute öffentliche Lüge der Nation. Jeder weiß, wohin die Waffen gerichtet sind. Diese Lüge ist gleichzeitig die Doku- mentation des guten Gewissens, mit dem die ungebrochene Tradition der Verhetzung anderer Völker jetzt modern, demokratisch und sy- stemkonkurrenzgemäß fortgesetzt wird: Der alte Erbfeind, der Franzmann, die englische Krämerseele und der jüdische Untermensch haben ausgedient. Dank neuer weltpolitischer Konstellationen ha- ben sie sich als tragische Verzeichnungen heutiger Freunde, die auch Menschen sind, herausgestellt. Nur "der Russe" hat seine al- ten und schlechten Qualitäten nicht eingebüßt. Weil sein Staat und "Lager" den Freiheitsläden des Westens nicht als Freund und Partner zur Verfügung steht, kommen "wir" nicht umhin, diesen Subjekten einiges nachzusagen. Denn soviel steht fest: "Wir" ver- dienen nur Freundschaft, Offenheit und Verzicht auf alle, beson- ders waffenmäßige Vorbehalte gegen "uns". Wer den Westen nicht als Freund und unbewaffnet empfängt, ist "rechtmäßig" d e r F e i n d und berechtigt zu jeder Verdächtigung, Verächtlichma- chung und Hetze, wie eh und je. Das bundesdeutsche Feindbild ist keine Meinung, der man sich an- schließen könnte oder auch nicht. Eine schlechte Meinung von den Russen ist verlangt; die Versicherung, sie nicht in Schutz nehmen zu wollen, unerläßliche Vorbedingung jedes nationalen Diskussi- onsbeitrags, der ernst genommen werden will, - auch in der Frie- densbewegung. Ohne das einschlägige politische V o r urteil fällt man auf, und zwar negativ. Das läßt sich allerdings leicht vermeiden: durch einen vor jeder Kenntnisnahme und Besichtigung östlichen Lebens und Wirkens gepflegten Generalverdacht. Mit ihm läßt sich jede Kunde, die durch den ziemlich durchlässigen "Eisernen Vorhang" dringt, lässig einordnen. Und jede banale Nachricht gerät zum Zeugnis für ein Prinzip, dessen man sich si- cher ist: mit diesen Leuten kann man nicht in Frieden leben. Freud und Leid der Untertanen und der Funktionäre, die Tugenden, die Laster und die Leistungen der Leute, die Moden, die Freizeit sowie Alter, Gesundheitszustand und Bildungsgrad der Regierungs- leute - alles belegt die Schwäche und Unmoral, aber auch die Stärke und Gefährlichkeit des Feindes. 1. Da zeugt einerseits das gute Volk mit all den alltäglichen Un- arten, die gute Völker so an sich haben, vom menschenunwürdigen System. Ganz prinzipiell läßt sich die erstaunliche Banalität nicht leugnen, daß auch der Sowjetmensch tatsächlich ein Mensch ist, die eintönige Vielfalt seiner Neigungen - Kartenspiel und Suff, Sex und Moral, Kunst und Religion - sind ein einziger Wi- derstandsakt und Gegenbeweis gegen den Einheitsmenschen und das total verkehrte Menschenbild des östlichen Staates, der eben diese Grundtatsache leugnen will, wenn er sich vergeblich daran macht, "den neuen Menschen zu schaffen". Liebt der Russe eine Russin, heiraten sie gar, machen ein Kind, das sie dann auch noch ernähren, dann sind sie lebendige Zeugen dafür, daß ein richtiger Mensch nicht das Kollektiv lieben kann und etwas Eigenes braucht - Eigentum natürlich! Baut sich ein DDR-Bürger eine kleine Datscha in den Wald, dann ist gewiß, daß er sich "einen Rückzugsort der Privatheit vor den zudringlichen Ansprüchen von Staat und Partei" geschaffen hat. Usw. Mit allem beweisen östliche Menschen, daß sie ungeheuer nach der F r e i h e i t lechzen. Jede ihrer Lebensäußerungen belegt einen Mangel. Sie bedürfen der Befreiung und bezeugen so ihr Ein- verständnis damit, daß "wir" für diejenigen Mitverantwortung tra- gen, die für sich selber nicht frei sprechen können. Doch die beim Feind so scharfsinnig bemerkte Unterscheidung von Regierenden und Regierten - die das nationale "Wir" im Inland nicht kennt - wird dann auch wieder fallen gelassen. Zu sträflich vernachlässigen die braven Leute die ihnen angedichtete antiso- wjetische Menschennatur. Sie richten sich ein und zeigen sogar die bei Westbürgern hochgeschätzten Formen des ordinären Patrio- tismus. Der ist zwar unter Umständen ganz ehrlich, aber auch ziemlich naiv und irgendwie ein erschreckendes Resultat t o t a l i t ä r e r Herrschaft. Er zeigt ja auch schon be- trächtliche Defekte und weicht ganz offensichtlichen Anstrengun- gen, die I n d i v i d u a l i t ä t ins Spiel zu bringen: Westlicher Alkoholismus, Jeansmode und Rockmusik sind des Russen Finte, in einer unmenschlichen politischen Umwelt zu überleben. "Latenten Widerstand" übt er so, obwohl er von dieser Idiotie noch nie im Leben was zu hören gekriegt hat. Auch dafür freilich hat das Feindbild eine Erklärung: im Russischen gibt's dafür kein Wort! Für den Herrgott haben sie ein Wort, aber ihre "tiefe Religiosi- tät" ist dennoch eine zweischneidige Sache. Im Osten ist sie tatsächlich Opium fürs Volk und steigert die ohnehin sprichwört- liche Leidensfähigkeit dieses Volkes unter einer gottlosen Regie- rung. Und was die Religion nicht schafft, das erledigt die Propa- gandamaschine des Systems. Sie seift den Verstand der Unglückli- chen ein, damit sie gar nicht mehr anders können als mitmachen. Das wirft wiederum ein bezeichnendes Licht nicht nur auf die Ge- meinheit des "Apparates", sondern auch auf die Dummheit eines Volkes, das absurderweise seiner eigenen (!) Regierung glaubt. Dem Kenner der russischen Seele verraten diese im Westen hochge- lobten Knechtstugenden, die ganz offensichtlich der verkehrten Seite zu Gebote stehen, eine ganze Menge: Erstens passen das un- menschliche System und das menschliche Volk gerade deswegen zu- sammen. Zweitens war das Volk schon immer so, weil es ewig unter den Zaren pariert hat. Drittens beweist es durch seine Gefügig- keit unter den "roten Zaren" keineswegs, daß es die Freiheit gar nicht will und braucht; diese Menschen sind nur nicht selbst in der Lage, sich in Freiheit zu begeben, so daß sie gegen ihren Willen von außen befreit werden müssen. 2. Angesichts des feststehenden Resultats der Feindbildkonstruk- tion ist alles erlaubt und gefragt, was der untertänige Verstand anständiger Weltbürger an Lob und Tadel, privatem Geschmack, Mo- ral und ihrer parteiischen Außerkraftsetzung zustande bringt. - Da wird Gromyko als dienstältester Außenpolitiker der Erde dafür gelobt, ein ausgefuchster Diplomat zu sein, und schon ist seine Gefährlichkeit herausgestrichen. Spricht er aber einmal die sowjetische Sicht der Dinge für den Geschmack des Fernsehkommentators-West zu offen aus, ist er "undiplomatisch" und entlarvt sich als Machtpolitiker, der die "Sprache der Gewalt" spricht. Als "Realist" darf er einem dann wieder lieber sein als die sowieso unberechenbaren und fanatischen "Ideologen" im Kreml. - Andropow muß unbedingt immer wieder als Intellektueller titu- liert werden, weil auch die Ausnahme die Regel beweist- daß näm- lich lauter engstirnige und ungebildete Kommiß-Köpfe des ZK mehr- heitlich besetzen, die einem Kohl oder Reagan auf dem Feld der Bildung nicht das Wasser reichen können. - Macht Andropow Antikorruptions- und Pünktlichkeitskampagnen, dann hat er die Reformbedürftigkeit der Planwirtschaft bemerkt; leider vergeblich. Denn Breschnew hat sich ein Jahrzehnt lang mit den Normen zufrieden gegeben und mit seiner Starrheit längst die Reformunfähigkeit des Systems verkörpert. - Sportler von drüben sind Dressurprodukte, um die man den Osten beneidet. Aus dem Osten kommend beweisen sie den menschenver- achtenden Leistungsterror, mit dem das Regime für seine Prestige- pflege das Leben schon junger Menschen völlig in den Dienst nimmt. Gewinnen sie dann, sind sie entmenschte Kampfmaschinen, die genau dieselben Leute verachten dürfen, die hierzulande "Verweichlichung" schreien, wenn die Nationalelf einmal nicht ge- winnt. Im übrigen können die Kampfmaschinen beweisen, daß auch in ihrer Brust nicht nur eine Pumpe, sondern ein fühlendes Herz schlägt - dadurch nämlich, daß sie rübermachen und ihre sportli- chen Fähigkeiten hier anbieten. - Politiker des Realen Sozialismus sind für den westlichen Ge- schmack, der sich an Dressmen wie Verteidigungsminister Wörner bildet, zu einfach, geradezu kleinbürgerlich gekleidet. Da nimmt man also die Unterdrücker europäischer Menschen einmal als Staatsmänner, um sie an diesem Maß alt aussehen zu lassen: Staatsmänner haben in ihrer Kluft den Reichtum zu repräsentieren, den der Staat aus seinem Menschenmaterial zu schlagen versteht - daran gemessen erscheint Honecker mit seinem Kleine-Leute-Kult ärmlich, der durch ihn repräsentierte Staatsreichtum lächerlich. Umgekehrt weiß der feindgebildete Bürger natürlich, daß auch drü- ben Funktionäre der Staatsmacht in besonderen Villenvierteln woh- nen und in reservierten Jagdrevieren herumballern dürfen. Das nimmt er, der Lambsdorff nicht die Schmiergelder und F.J. Strauß weder den Besitz ganzer Stadtviertel noch Privatjet oder Jagdre- viere neiden darf, den Ost-Funktionären übel - zeigt es doch, wie sehr die Funktionärsherrschaft das Volk aussaugt. Und so weiter und so fort. Was immer Menschen-Ost, Regierte wie Regierende an- stellen - einem Menschen-West können sie es einfach nicht recht machen. Dem ist es nämlich gestattet, sich als Angehöriger des richtigen Systems und der guten Seite einiges darauf zugute zu halten, nicht bei den Verkehrten gelandet zu sein. Aus dem viel- fältigen Angebot von Verdammungen darf er sich nach Belieben aus- suchen, was ihm Freude macht - und als Privatmann die Kriegser- klärung seines Staates in lauter kleinen, ganz persönlichen Anti- pathien gegen die Russen bestätigen. Auch ein Segen der Freiheit! 3. Das Feindbild setzt sich aus tausend Idiotien und Gemeinheiten zusammen, die bei aller Komik ihren ernsten Grund und ihre Ziel- setzung nicht verleugnen: Konstruiert wird da ein unverbesserlich schlechter, unerträglicher Charakter - ein Typus, dem ideell die Existenzberechtigung abgesprochen ist Im Unterschied zur Politik, die Grad und Verlaufsform ihrer Feindschaft gegen die Sowjetunion ihren Mitteln und Gelegenheiten anpaßt, ist das Feindbild immer schon am Ziel: Es fordert schon immer die Endlösung, zu der die Politik erst schreitet, wenn sie sich dafür gerüstet fühlt. Inso- fern steht den Führern der Freiheit von den als harmlos geltenden Russenwitzen bis zu den knallharten Rassismen ein ganzes Arsenal zur Verfügung, das sie für die konjunkturgemäßen Schritte der Mo- bilmachung nur noch abzurufen brauchen. Das Volk jedenfalls ist nicht aus der Fassung zu bringen, wenn die feinsten Regierung- schefs des Westens die häßlichen Töne zum Inhalt sogar des diplo- matischen Verkehrs mit dem Hauptfeind machen, die daheim sowieso schon immer über die Russen kursieren: Mörder, Verbrecher, Lüg- ner. Der Abschuß des koreanischen Jumbos durch sowjetische Abfangjäger wurde als gefundenes Fressen aufgegriffen. Die Russen hatten ein Flugzeug abgeschossen, das unidentifiziert stundenlang über ihre geheimen militärischen Anlagen geflogen war, auf Anruf nicht ant- wortete, auf Leuchtstoffraketen und Warnschüsse nicht reagierte - ein Spionageflugzeug, wie sie meinten. Der Westen, der ein Massaker in Beirut, einen Krieg um die Falk- land-Inseln, einen in Nicaragua und im Libanon als Probleme der Friedenssicherung "versteht", wollte diese Angelegenheit anders gewertet wissen. Er folgte dem Stichwort, das US-Präsident Reagan nach kurzem Überlegen herausgab: namenloses Entsetzen! Mord, kaltblütig, absichtlich an unschuldigen Zivilisten, mitten im Frieden! Wie auf Verabredung kam die Frage, was die Sowjets vom Abschuß einer als harmlos erkannten Zivilmaschine denn für einen Vorteil haben sollten, überhaupt nicht auf. Die Russen sind die Feinde der Menschheit - und deshalb ist ihnen das Schlimmste zu- zutrauen, sinnloser Mord. Die US-Stellen fälschen Tonbänder; spä- ter ziehen sie die Fälschung zurück, ohne von der Weltöffentlich- keit ausgepfiffen zu werden. Dient es der Hetze gegen den Feind, dann ist eben jedes Mittel recht, und jeder Lüge wird die gute Absicht entnommen. Die Russen geben den Irrtum zu, entschuldigen sich sogar inoffiziell und berufen sich auf die geltenden inter- nationalen Regeln - es nützt ihnen alles nichts, denn sie sind der Feind. Die USA fordern immer mehr Aufklärung, obwohl schon alles klar ist - unter einem Bekenntnis der Russen, daß sie Ver- brecher an der Menschheit sind, geht nichts mehr. Die deutschen Intellektuellenblätter handeln sich von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" den Vorwurf ein, es sei unwür- dig, wie der "Spiegel" mit seinem Hintergrundbericht "unsere Em- pörung" versachliche und damit dämpfe. Der deutschen Öffentlich- keit ist Haß auf die Russen heilig, den läßt man sich nicht weg- diskutieren! Dabei hatte der "Spiegel" das gleiche Resultat nur auf dem anderen Weg erreichen wollen: Er hatte den Irrtum der Russen akzeptiert und von da auf die Unfähigkeit und Verantwor- tungslosigkeit der sowjetischen militärischen Entscheidungsstruk- tur geschlossen: Ein Militär, das sich so sehr politischer Kon- trolle entzieht, ist eine Gefahr für die Menschheit; im Unter- schied zu den Amerikanern, die nur Leute umlegen und Kriege be- ginnen, wenn ihre Politiker das auch wollen! Alles sinnt auf angemessene Reaktionen auf das "Unfaßbare". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" merkt prompt, daß man heute we- gen 269 Toter keinen Krieg mehr führen könne; "Bild" hört das "leider" darin heraus und betont, daß man es trotzdem müßte: "Muß erst Paris bombardiert werden, ehe der Westen sich zu gemeinsamen Reaktionen entschließen kann?" - Wirtschaftssanktionen werden ge- schlossen abgelehnt, weil sie gegen eine bewaffnete Weltmacht nichts nützen. So bleibt nur noch ein Schluß - und der ist ja mit dem Feindbild längst im Umlauf: Gegen die böse, bewaffnete Welt- macht hilft nur Krieg! IV. Den Verwaltern des Reiches der Freiheit stehen in bisher unge- kanntem Ausmaß Quellen des Reichtums zur Verfügung. Natur und Ar- beit verwandeln sich im Schutze der freiheitlichen Staatenwelt, die den größten Teil des Globus kontrolliert, in Kapital - und die politischen Herrschaften definieren ihre Kontrolle als ihre legitimen politischen Interessen. Nach dem Motto "Wer viele In- teressen hat, hat auch viel zu verteidigen" wenden sie mit bestem Gewissen Gewalt an - zur Sicherung ihrer "Einflußsphären" und zur Erhaltung bzw. Einführung von ihnen genehmer politischer Regie- rung nicht nur in den demokratischen Metropolen. Die für ihre Ordnung nötigen Einsätze verkaufen sie als ebenso viele Krisen und "Konflikte", an denen sich die Nöte und Schwierigkeiten ihrer politischen Kunst ablesen lassen. Daß es "immer noch" Widerstand gegen ihre segensreichen Geschäfte und friedensstiftende Gewalt gibt, daß der Erfolg ihres Geldes und ihrer Waffen überhaupt in Frage gestellt wird, erscheint ihnen als das "Problem". Aus der Welt schaffen wollen sie es dadurch, daß sie einen beträchtlichen Teil des verfügbaren Reichtums in die Rüstung stecken - mit dem Ziel, jedes nicht unter freiheitlichem Kommando stehende Macht- mittel unwirksam zu machen. Der Verwirklichung dieses Ideals hat sich das größte Militärbündnis aller Zeiten, die NATO, verschrie- ben. Die Führungsmächte der westlichen Hemisphire sind zweifelsohne "reich" zu nennen. Eine über die effektive Benutzung von Land und Leuten erreichte Kapitalakkumulation gestattet es diesen Ländern, an der Spitze die USA, bisher nicht gesehene Massen Reichtum für Rüstungsprogramme abzuschöpfen. Der ökonomische Erfolg an der ka- pitalistischen Heimatfront ist Voraussetzung für die und Resultat der umfangreichen und lohnenden internationalen Geschäfte. Die verbündeten demokratischen Staaten benutzen die natürlichen oder ein wenig bearbeiteten Reichtümer der ganzen Welt - auch des Ost- blocks - für die Vergrößerung ihrer ansehnlichen ökonomischen Macht. Die sogenannten Entwicklungsländer (von den Ölländern über die "Schwellenländer" bis zu China und den Hungertotenzonen Afri- kas; Angola, Kuba, Libyen ... nicht ausgenommen) bieten dem kapi- talistischen Westen alles an, was sie - noch - haben: Rohstoffe, Handwerkliches und die letzte Sojabohne, damit der Westen sie zu Preisen, die er bestimmt, kaufen möge. Billiglöhner, damit Kapi- tal aus Europa oder Amerika sie benutze. Land und Leute, damit dasselbe Kapital sie ausbeute mit Krediten in Hartwährungsform und Maschinen aus den Stätten der Wirtschaftswunder. Die Reichtü- mer fast der ganzen Welt gehören faktisch den "entwickelten" ka- pitalistischen Staaten, weil sie nur Reichtumsquellen sind, so- fern sie i h r e r Verwendung offenstehen und genutzt werden, wenn damit ein Geschäft zu machen ist. Die schwindelerregenden Inflationsraten und Schuldenberge in Ländern der Dritten Welt le- gen Zeugnis davon ab, welchen Reichtum die kapitalistischen Vor- machtsstaaten dort absahnen. Diese Benützung aller natürlichen, fabrizierten und menschlichen Güter der Welt für den kapitalistischen Reichtum in den Metropo- len macht die entscheidenden Instanzen des freien Westens nicht davon abhängig, daß sich irgendwer an die schöne Ideologie vom "wechselseitigen Nutzen" internationaler Wirtschaftsbeziehungen hält. Man verläßt sich noch nicht einmal auf die wirklichen Kon- kurrenzmittel - die Wirkungen einer Weltwährung namens Dollar, die Produktivität der Arbeit und die Verwandlung von eigenen Schulden in auswärtiges Kapital stellen sich nämlich nur durch i n t e r - n a t i o n a l e "Garantien" ein. Die Amerikaner und ihre "engen Freunde" vertrauen keineswegs auf die Gesetze der Welt w i r t s c h a f t, sondern setzen sie durch ihre O r d n u n g in Kraft, damit Sieger und Verlierer dauernd fest- stehen und letztere "keine Wahl" haben. Die führenden Politiker der führenden Staaten des Westens sind sich absolut sicher, daß die Mehrung ihres nationalen Reichtums weltweit vor aller Produk- tivitätsvergleicherei und Zahlungsbilanzierung von ihrem politi- schen Einfluß, also ihrer G e w a l t abhängt. Das koloniali- stische Prinzip: 'Den Soldaten folgen die Handelsschiffe!' gilt auch noch in der Welt der "Unabhängigkeit" und "Völkerverstän- digung". Eine Weltwirtschafts o r d n u n g - das bestätigen ihre in der NATO versammelten Nutznießer Tag für Tag - braucht nichts so sehr wie die politische und militärische Absicherung dieser Ordnung. Als wollten sie dem toten Marx nachträglich recht geben, der die Gewalt "eine ökonomische Potenz" nennt, bestehen sie darauf, daß ihre großartigen Errungenschaften auf d e r ökonomischen Potenz ihrer unanfechtbaren Kriegsmaschinerie b e r u h e n. Überall haben die Staaten der NATO mit dem anerkannten Weltpoli- zisten an der Spitze unbedingt Interessen zu verteidigen. Dafür haben sie nicht nur zu Hause ansehnliche Waffenarsenale und be- trächtliche Truppenstärken vorzuweisen. Militärische Stützpunkte überziehen wie ein Netz den Globus an allen für strategisch wich- tig erachteten Stellen. Und eigentlich gibt es keine Gegend, die nicht strategisch wichtig ist oder werden könnte. Mobile Einsatz- truppen stehen bereit, um im Nahen Osten, in Afrika oder Mittel- amerika einen eventuellen Konflikt zu "schlichten"; Aufklärungs- flugzeuge überfliegen diese Regionen sowieso; kein Meer, wo nicht ein Flottenverband der NATO kreuzt. Freunde, Diktatoren oder Herrscher mit demokratischem Aushängeschild versorgt man mit ge- nügend Waffen, damit sie ihre Freundschaft zum Freien Westen be- weisen können. Reicht das nicht aus, werden sie erst mit Militär- beratern, dann mit regulären Truppen, die nur Manöver veranstal- ten, vielleicht auch mit "Friedenstruppen", die sich dann selbst verteidigen müssen, unterstützt. Daraus "entstehen" Kriege. Oder der CIA, der sowieso schon immer da ist, hat auf seine blutige, aber militärisch weniger aufwendige Tour die "Stabilität" wieder- hergestellt. Und immer muß irgendwo für Ordnung gesorgt, schädli- cher Einfluß abgewehrt und der legitime des Westens gesichert werden. Zufriedenheit kommt bei diesem harten politischen Geschäft für die Führer des Reichs der Freiheit dennoch nicht auf. Obgleich fast alle Rest-Staaten auf der Welt den bekannten Metropolen als Mittel ihrer Reichtumsvermehrung zur Verfügung stehen und ihnen auch politisch zu Diensten sind, handelt es sich bei diesen Freunden, Partnern und Ländern, mit denen man Beziehungen unter- hält, doch um Staaten, die auch eigene nationale Interessen ha- ben; die ihre eigene Handlungsfreiheit erweitern möchten, weil sie ob der Resultate ihrer Beteiligung an der Weltwirtschaftsord- nung in Freiheit gar nicht immer froh sind. Innere Unruhen, die ein wenig anders ablaufen als die loyalen Machtkämpfe der Par- teien in den traditionellen Demokratien des Westens, sind da nicht selten. Die Ehre der Nation tritt da schon einmal zum Zwecke ihrer Mehrung zum Krieg gegen einen Nachbarn an, um wenig- stens auf dem Felde der Gewalt gegen diesen einen nationalen Er- folg einzuholen. Der Initiator braucht nicht einmal Idi Amin zu heißen. Nicht daß durch solche "Konflikte" in der "Dritten Welt" westli- cher Einfluß und europäisch-amerikanische Benutzung grundsätzlich in Frage gestellt würden, ist das Problem für die demokratischen Anführer der weltweiten Freiheitsordnung. Die Einflußsphären des Imperiums, das sich Freiheit nennt, stehen ja im Grunde nicht auf dem Spiel. Nein, nur für eine gebündelte Freiheitsmacht, deren politischer Anspruch reichlich absolut ist, gelten alle Interes- senkonflikte im westlichen Lager als "Probleme", die unbedingt und nachdrücklich zu lösen sind. Wer wie das NATO-Bündnis alle Staaten der Welt bis auf den Ostblock und die 4 bis 5 der So- wjetunion nahestehenden Staaten ökonomisch und politisch als sein Mittel benutzt und dennoch überall Instabilitäten, Krisen, ge- fährliche Konflikte entdeckt, die dann auch mit Krieg "entschärft" werden müssen, der verfolgt das ungemütliche Ideal, in der Welt so schalten und walten zu können, wie er will. Diesem Anspruch des Westens, "Handlungsfreiheit" zu genießen und bei der Durchsetzung seines politischen Willens nicht behelligt zu werden, erscheinen die M i t t e l seines weltweiten Wir- kens, die Staaten in Lateinamerika, Afrika, im Nahen und Fernen Osten mit ihren eigenen Interessen und Eigenarten, zugleich immer als H i n d e r n i s für die freie Entfaltung des Einflusses und die Ausdehnung bedingungsloser Machtfülle. Noch die ideologi- sche Rede von der weltweiten "Abhängigkeit" westlicher Interessen drückt den unverschämten Willen zur U n abhängigkeit von jedem fremden Interesse, das man benutzen will, aus. Deshalb wird kein Interessenkonflikt für zu unerheblich befunden, um in ihn ein- zugreifen. Die Empörung von Hunderttausenden Philippinos gegen ihren Präsidenten setzt das amerikanische Außenministerium ge- nauso in Bewegung wie ein Krieg zwischen zwei afrikanischen Staa- ten. Denn wer über die Welt nach seiner Willkür verfügen will, für den i s t durch solche inner- und zwischenstaatlichen Kra- walle doch die Durchsetzung des eigenen supranationalen nationa- len Interesses g r u n d s ä t z l i c h berührt. Dem nachkolo- nialen Imperialismus der westlichen Demokratien ist tatsächlich eine "Marionette", die ihr Volk ruhig hält und in ihrer Region anliegende Staaten ordentlich mit Stabilität überzieht, lieber als ein Herrscher, der sich volksverbunden gibt, aber über seine formelle demokratische Tour beim Volk interessierte Unruhe er- zeugt, die den Nachbarstaaten nicht geheuer ist. - Da nun aber nach dem Maßstab des ungehinderten weltpolitischen Einflusses der Amerikaner mit ihren Verbündeten die Dinge nie so laufen können, wie sie sollen, gehört es zu den Selbstverständlichkeiten der heutigen Weltlage, daß für die immer für notwendig erklärte welt- weite Einmischung die Gewaltmittel nie genug sein können. Denn die "Krisen" der westlichen Sicherheit sind so sicher wie die Kriege, die der Westen zu ihrer Entspannung geführt hat und füh- ren wird. An der Ausrüstung mit Gewaltmitteln hängt für den mo- dernen Imperialismus "made in USA and shared by Europe" a l l e s. An der Verfügung über militärische Gewalt ermittelt der freie We- sten daher auch d i e Schranke seiner Sicherheit: Da sich die Sowjetunion der so ersprießlichen Weltwirtschaftsordnung ent- zieht, und zwar mit Hilfe von Waffen, die auch die USA mit ihrem Arsenal für beträchtlich ansehen müssen, stellt sie eine uner- trägliche G e f a h r dar - für die F r e i h e i t des ord- nenden Zugriffs auf die ganze Welt. Die Russen haben sich konse- quenterweise die Definition des Hauptfeindes zugezogen, und nach westlicher Lesart "überschattet" der "Ost-West-Gegensatz" seit 40 Jahren jede weltpolitische Affäre. Trotz nicht zu übersehender Überlegenheit des NATO-Pakts gegenüber dem Warschauer Bündnis kommt einfach keine Freude auf im westlichen Lager. Alle Aktionen und Kriege, die der Westen zum Zwecke der für ihn nützlichen Ord- nung im seiner Einflußsphäre veranstaltet, um den eigenen Inter- esse unbedingte Geltung zu verschaffen, alle Widerstandsnester, wie sie die NATO mit ihrem universellen Befriedungsanspruch im Lager der Freiheit ausmacht und ausräuchert, erhalten durch die Existenz des russischen Hauptfeindes erst ihren wahren weltbewe- genden Charakter. Die Konkurrenz imperialistischer Nationen um brauchbare Partner und Landstriche ist wegen der unerträglichen Bemühung der Sowjetunion um "Einfluß" für unerheblich erklärt worden. In einem Bündnis, das sich mit den lieblichsten Titeln schmückt, haben die feindlichen Weltmächte von einst exklusiv den Russen d e n K r i e g angesagt, vor dem ihren sonstigen Taten der Glorienschein eines vierzigjährigen Zivildienstes zur Versor- gung der Menschheit gebühren soll. Dem Ideal der schrankenlosen Benutzung und Beeinflussung aller Gegenden dieser Erde ist das sozialistische Lager das Ärgernis überhaupt. So sind die Reibe- reien im Imperium der NATO, um die sich deren Politiker und Ge- neräle sehr sorgfältig kümmern, erstens nur "lokale Konflikte" oder "Kriege", weil sie "noch nicht" die große Auseinandersetzung mit dem russischen Erzfeind beinhalten; zweitens aber stellen sie immer schon - kriegerische - Vorspiele der Weltkriegsauseinander- setzung dar. Für die Jahrhundertaufgabe, die sich das System der Freiheit gestellt hat, die Endlösung der Russenfrage, ist jeder "Konflikt", jedes "Spannungsgebiet" eine prinzipielle Gefährdung der unbefristeten Fünfjahrespläne der NATO-Mächte durch die So- wjetunion. Es handelt sich eben nicht um ein propagandatechni- sches Verfahren, wenn die Amerikaner in Südostasien, im Nahen Osten, in Afrika, in Mittelamerika die Wühlarbeit des Kommunismus am Werk sehen. Für den Kampf gegen die Sowjetunion ist jede Unre- gelmäßigkeit in der Hemisphäre der NATO eine Schwächung und des- halb dasselbe wie eine russische Einmischung. Dieser Standpunkt kann deshalb auch nicht in Beweisnot kommen. Die paar befreunde- ten Staaten der Russen gelten dem westlichen Anspruch ebenso als dauernde Gefährdung ihres offensiven Sicherheitsbedürfnisses wie eine sandinistische Regierung, die den Versuch unternommen hat, mit ein wenig mehr Unabhängigkeit vom Imperialismus zu regieren. Anders gesagt: Der Beweis, daß die Sowjetunion hier, da und dort ihren unerlaubten Expansionsbestrebungen nachgeht - russische Soldaten, Militärberater und Kalaschnikows stöbert der Westen selbstverständlich immer auf: westliche Waffenhändler verschieben ja auch russisches Gerät -, läßt sich immer finden, weil es auf ihn gar nicht ankommt. Wer mit dem Anspruch antritt, der ganzen Staatenwelt s e i n e politischen Bedingungen nach seinem freien Ermessen diktieren zu wollen, wer seit über dreißig Jahren kontinuierlich das Ziel verfolgt, d i e Schranke des universel- len Herrschaftsanspruchs, die Sowjetunion, als dieses Hindernis wegzuräumen, dem müssen alle möglichen staatlichen Eigeninteres- sen als gefährliche Störung der verwalteten Ordnung erscheinen. Und da der Westen seit geraumer Zeit dem Osten den Endkampf ange- sagt hat, mehren sich die Fälle, in denen instabile Verhältnisse festgestellt werden, deren Stabilisierung heute mehr denn je für notwendig erachtet wird. Dafür und für den sicher fälligen Weltkrieg ist Aufrüstung in je- der Waffengattung das Gebot der Stunde. Dafür haben die überall sprudelnden Reichtumsquellen die Mittel zu liefern. Die Wahrheit über den Zusammenhang von Geschäft und Gewalt: "Für die Mehrung kapitalistischen Reichtums zu Hause und anderswo ist politische Macht und militärische Gewalt unabdingbar!" erweist sich nur als ihre erste Hälfte. Da Gewalt d i e Bedingung imperialistischer Ausbeutung der Welt ist, hat die Vermehrung der Rüstung Priorität und der geschaffene wie abgeschöpfte Reichtum ihr zu Diensten zu sein. Dieses Prinzip, daß für die schrankenlose Benutzung der Staaten der Welt die Gewalt, über die man verfügt, alles ent- scheidet, hat die NATO zu ihrer Maxime gemacht. Die Bündnispart- ner verpflichten sich, um der militärischen Stärke willen auf ge- wisse, einander schädigende ökonomische Konkurrenzpraktiken zu verzichten: "Die Parteien werden zur weiteren Entwicklung friedlicher und freundschaftlicher internationaler Beziehungen beitragen, indem sie ihre freien Einrichtungen festigen, ein besseres Verständnis für ihre Grundsätze herbeiführen, auf denen diese Einrichtungen beruhen, und indem sie die Voraussetzungen für die innere Festig- keit und das Wohlergehen fördern. Sie werden bestrebt sein, Ge- gensätze in ihrer internationalen Wirtschaftspolitik zu beseiti- gen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen einzelnen oder allen Parteien zu fördern." (Nordatlantikvertrag, Art. II) "Innere Festigkeit und das Wohlergehen" gelten nicht um ihrer selbst willen, sondern als entscheidende Bedingungen für die kriegsbereite Durchschlagskraft des Bündnisses. So ist es kein Wunder, daß in Zeiten, da mit immenser Erhöhung der "Verteidi- gungsbereitschaft" dem feindlichen System der Endkampf angesagt ist, auch die Unzufriedenheit mit den verfügbaren Reichtums- mitteln für die forcierte Aufrüstung zunimmt - mehr Wirt- schaftsaufschwung muß her für das Planziel gegen den Osten: "Ein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung im Westen ist wesentlich, da die Stärke und die Sicherheit der Mitgliedstaaten ebenso auf sozialer Stabilität und Fortschritt wie auf Verteidigungsbereit- schaft beruhen. In Übereinstimmung mit Art. II des Nordatlantik- vertrags werden die Bündnispartner die Beseitigung von Konflikten in ihrer internationalen Wirtschaftspolitik anstreben und die wirtschaftliche Zusammenarbeit unter sich fördern. Die Bünd- nispartner bekräftigen erneut die Bedeutung dieser Verpflichtung und die Unterstützung für Programme, durch welche die Volkswirt- schaften der weniger begünstigten Partner gefördert werden sol- len." (Kommuniqué der Ministertagung des Nordatlantikrats, Juni 1983) Umgekehrt heißt das: Die gewaltige rüstungspolitische Inanspruch- nahme der Wirtschaften, mag sie auch zu deren Schädigung und zur Krise führen, ist für das Ziel, die Erringung des t o t a l e n G e w a l t m o n o p o l s, eine sachliche Notwendigkeit. Denn die eigentliche Krise liegt ja darin, daß seit dem letzten Welt- krieg die Weltfriedensordnung in Freiheit durch russische Selbst- behauptung und russische Waffen am wahren Frieden gehindert wird. Wer sich als Hüter einer W e l t w i r t s c h a f t s o r d- n u n g bewährt und für sämtliche Staaten und Völker dieser Ordnung die Überlebensbedingungen diktiert - der ist an den exklusiven Umgang mit "Manövriermassen" seiner Politik gewöhnt. Wer diese seine Zuständigkeit für die Verteilung von Geld und Hunger als eine einzige Ansammlung prekärer "Abhängigkeiten" auffaßt, wer jede Bedingung seines internationalen Geschäfts zur unerträglichen Behinderung erklärt, dem ist seine Freiheit nicht groß genug. Wenn die NATO-Staaten u n i v e r s e l l e E i n- m i s c h u n g praktizieren und einen erheblichen Teil ihres Reichtums für die G e w a l t verwenden, die dieser Einmischung dient, so ist ihnen der Krieg als n o t w e n d i g e s M i t- t e l i h r e r F r e i h e i t vertraut. Wer am Militärpotential einer rivalisierenden Großmacht immerzu entdeckt, daß es dem großzügigen Einsatz der eigenen Gewaltmittel unzulässige Schranken setzt, der will sich mit diesem Kontrahen- ten keineswegs arrangieren. Die NATO hat vielmehr beschlossen, die Waffen des Ostens für das entscheidende Hindernis zu erach- ten, das einem wirklich f r e i e n Schalten und Walten entge- gensteht, wie es dem Lager der Freiheit schließlich zukommt. Erst nach einem siegreichen W e l t k r i e g verdient für die Fana- tiker der Freiheit der Zustand auf dem Globus den Namen W e l t f r i e d e n. V. Die NATO-Staaten haben in den Waffen der Sowjetunion das Hinder- nis ihrer weltpolitischen Handlungsfreiheit ausgemacht. Das ist die "russische Bedrohung". Dieses Hindernis will der Westen durch überlegene Rüstung aus der Welt schaffen. Das ist "Abschreckung". In diesem Programm ist Westeuropa die Kriegsbastion Nr. 2. Das ist "Nachrüstung." Beides wird der Sowjetunion in Genf diplomatisch klargemacht. Und sie soll auch noch ja dazu sagen. Das sind die "Abrüstungs- verhandlungen" der 80er Jahre. 1. Das Ideal der "Kriegsverhinderung durch Abschreckung" ist ein logisches Monstrum. Denn um dem Ideal gemäß jede kriegerische Ge- walt des feststehenden Gegners durch eigene Kriegsdrohungen zu- verlässig unterbinden zu können, darf die eigene Entschlossen- heit, Waffengewalt einzusetzen, auf keinen Fall ähnlichen Bedenk- lichkeiten aufgrund gegnerischer Drohungen unterliegen. "Wechsel- seitige Abschreckung" ist also ein Unsinn; "Abschreckung" des Gegners ernst genommen löst sich auf in das Ideal unbedingter Überlegenheit über ihn - eine Weisheit, die die Mehrheit der NATO-Strategen, die vor der "Gefahr" einer "Selbstabschreckung" des Westens von der Anwendung atomarer Waffengewalt warnen, längst drauf haben und die in der Praxis westlicher Aufrüstung seit jeher befolgt wird. Denn daß der Westen seine Atomraketen jemals als "bloß politische Waffe" betrachtet hätte - in klarem Unterschied zu manchem "herkömmlichen" Gerät, dessen militärischer Einsatz allenfalls in Erwägung gezogen worden sei -, ist nichts als eine realitätsferne Entschuldigungsideologie zum NATO-Kriegsgeschäft. Sie wird auch dadurch nicht besser, daß ausgerechnet die Friedensbewegung in der BRD sie übernommen hat, um damit ihrer Aufregung über die neuesten westlichen Atomraketen die höchste moralische Rechtfer- tigung zu verleihen, die sie sich offenbar nur vorstellen kann, nämlich durch eine nun angeblich verratene gute alte NATO-Dok- trin. Die in der bundesdeutschen Öffentlichkeit noch immer sehr beliebte Idealisierung des NATO-Atomwaffenarsenals als einer hi- storisch neuartigen Waffengattung, die gar nicht für einen wirk- lichen Einsatz geeignet, sondern ausschließlich um ihrer psycho- logischen Wirkung auf den "aggressiven" Gegner willen beschafft worden wäre, ist eine politpsychologische Naivität - wenn nicht eine apologetische Lüge -, die durch die tatsächlichen Kalkula- tionen der demokratisch beauftragten Strategiebeamten und Rü- stungsexperten täglich blamiert wird. Diese Kriegsvorbereitungs- mannschaft wird durch dieselbe Waffengattung in den Händen des Feindes keineswegs von militärischem Tun abgehalten, sondern zieht deren kriegerischen Einsatz ganz selbstverständlich als wichtiges Element in ihre Planungen und Beschaffungsvorhaben mit ein - keine Spur von einem politpsychologischen Effekt, der sie davor zurückscheuen ließe. Sollte das ausgerechnet bei einem als "aggressiv" unterstellten Gegner ganz anders sein? Eine S t r a t e g i e mit dem Inhalt und Zweck, den Krieg zu verhindern, ist also ein Widerspruch in sich, dessen die NATO sich noch nie schuldig gemacht hat; deswegen kann von einem Fort- schritt von jener guten alten zu einer bösartigen neuen "Kriegs f ü h r u n g s strategie", auch nicht die Rede sein. NATO-Waffen hatten immer und haben auch heute keinen anderen Zweck als den, eine umfassende Vernichtungsdrohung des westlichen gegen das "sozialistische Lager" "glaubwürdig" zu machen; und solche "Glaubwürdigkeit" ist auch keine psychologische Angelegen- heit, sondern verweist auf das einzige praktische Problem der Kriegskunst, die Vernichtungsmittel des Gegners wirksam auszu- schalten. Hinfällig geworden ist dieses Problem durch die Errun- genschaft atomarer Waffen nicht; und davon, daß es für den Fall eines "Duells" mit Atomraketen unlösbar wäre, sind die westlichen Strategen in ihrem Bemühen, die "Glaubwürdigkeit des westlichen Verteidigungswillens" zu garantieren, nie ausgegangen. Der Fort- schritt, der in den Aufrüstungsmaßnahmen der NATO derzeit zu ver- zeichnen ist, liegt nicht in einem etwa neu gefaßten W i l l e n, den Feind auch atomar besiegen zu können, sondern einzig und allein auf dem Feld der d a f ü r geschaffenen M i t t e l und M ö g l i c h k e i t e n. Auf diesem Feld sind daher auch ganz andere Zwecke und Gesichts- punkte ausschlaggebend als ein irrationaler "Selbstlauf" der Rü- stungstechnologie, ein verbrecherisches Profitstreben der Rü- stungsindustrie - die nach Auffassung mancher Kritiker ihrem Auf- traggeber gegen dessen Willen immer Neues aufnötigt - oder so anonyme Prinzipien wie der "Rüstungswettlauf" oder die "Rüstungs- spirale". Die Rüstungsproduzenten mit ihren Erfindungsabteilungen konkurrieren um ganz fraglose Aufträge ihres Staates; und dabei nehmen sie zwar Maß an den längst ausgekundschafteten Errungen- schaften des Gegners - aber nicht, um sich danach zu richten. Nichts lächerlicher als die durch den Titel "Nachrüstung" nahege- legte Vorstellung, nur die "aggressiven" Russen würden mit ihrer "Vorrüstung" der NATO den Zwang antun, nachträglich "gleichzu- ziehen" - der freie Westen respektiert bei seinen Fortschritten wohl das ritterliche Ideal der Waffengleichheit?! -. Es ist weder Zufall noch eine Sache unterschiedlicher technologischer Intelligenz, daß bisher noch stets die USA die epochemachenden qualitativen Fortschritte in Rüstungsdingen zuwege gebracht haben. Stets ist die NATO-Aufrüstung p o l i t i s c h e n Maßgaben gefolgt, deren Inhalt dem aufgestellten Gerät ebenso wie seinen ideologischen Rechtfertigungen durchaus zu entnehmen ist. Denn was ist von der freiheitlich-demokratischen Beschwerde zu halten, die sowjetischen Waffen - etwa die SS 20 - stellten eine wahrhaftige B e d r o h u n g dar? Die Waffe müßte ja erst noch erfunden werden, mit der sich nicht drohen ließe! Welcher An- spruch steckt in dem stereotypen Vorwurf, die Sowjetunion besäße weit mehr Waffen "als zu ihrer Verteidigung nötig"? Werden Poli- tiker gerade erpreßt, wenn sie alle Welt mit der "Befürchtung" bekannt machen, durch eine neue sowjetische Waffengattung - die es längst gibt - würden sie erpreß b a r, und gleichzeitig ein Vernichtungsgerät aufstellen, das von westlichen Strategen als "Enthauptungswaffe" gewürdigt wird? Und was mag ein Bündnis wohl vorhaben, dessen Führungsmacht der Sowjetunion in Westeuropa eine zusätzliche Bedrohung bereitet - ähnlich jener sowjetischen Be- drohung der USA von Kuba aus, um deren Vermeidung willen Präsi- dent Kennedy seinerzeit selbst zum Atomkrieg entschlossen war? 2. In ihren Beschwerden über sowjetische "Aggressivität", "Überrüstung", eigene "Erpreßbarkeit" und dergleichen werfen westliche Politiker sehr grundsätzliche M e t h o d e n f r a- g e n ihrer Politik auf. Da wird kein bestimmtes, inhaltliches und daher begrenztes Anliegen namhaft gemacht, dem ein sowjetisches Interesse und Machtwort im Wege stände - das wäre ja ein kompromißfähiger Konflikt, Stoff für diplomatische Geschäfte, wie es ihn zwischen den anderen Staaten und den NATO-Verbündeten selbst immerzu und mit der Sowjetunion bisweilen auch gibt. Nicht einmal ein bestimmter und begrenzter Anspruch, etwa territorialer Art, der mit Waffengewalt zu entscheiden wäre - wie zum Beispiel der Falkland-Konflikt zwischen Großbritannien und Argentinien -, wird da geltend gemacht. Die entscheidenden Ansprüche an und Vorwürfe gegen die Sowjetunion stehen gewissermaßen unter einem gewaltigen "überhaupt". Deswegen verlaufen Auseinandersetzungen mit der Sowjetunion auch nie "pragmatisch", sondern nach sehr prinzipiellen Gesichtspunkten. Sich bei der Benutzung und politischen Zurichtung der Staatenwelt überhaupt mit sowjetischer Gewalt und einem darauf beruhenden m ö g l i c h e n Zwang zur Rücksichtnahme auf sowjetische In- teressen konfrontiert zu sehen: das stört den Westen an den Rus- sen. Und dieses Sich-Stören ist keineswegs eine bloß ideologische Angelegenheit. Ein Problem ist so etwas nämlich bloß für eine Macht, die sich der Benutzbarkeit der Staatenwelt ansonsten si- cher ist; und diese Macht, nämlich die der vereinigten Demokra- tien des Westens, tut daher auch das Sachgemäße, um sich ihr letztes Hindernis vom Hals zu schaffen: - Die NATO ist gegründet und agiert als K r i e g s bündnis - in der keineswegs schwierigen Erkenntnis, daß es die S o u v e r ä n i t ä t ihres Gegners selbst ist, woran sie sich stört, ganz gleich was dieser gerade tatsächlich treibt, und daß die "Neutralisierung" dieses Störungselements einen Angriff auf die sowjetische Souveränität und dies ein Kriegsprogramm dar- stellt. Nicht erpreß b a r sein zu wollen: das ist gleichbedeu- tend mit dem Willen, der Sowjetunion die F ä h i g k e i t zur Drohung zu nehmen - exakt das, was jeder westliche Staat als das heiligste Recht seiner nationalen Souveränität kennt und hütet. Das Programm einer neuen, besseren, endgültigen Weltfriedensord- nung ist damit aufgestellt, das die Ausschaltung des "Störenfrieds" einschließt - kein Wunder und schon gleich keine Abirrung vom NATO-Zweck, wenn die BRD sich dadurch berechtigt sieht, gleich ihre bundesdeutschen Spezialanforderungen an eine revidierte Nachkriegsordnung, den Anspruch auf die "Wiedervereinigung" mit der DDR und den früheren Ostgebieten Preußens, an dieses Programm anzuhängen. - So prinzipiell der westliche Wille ist, sich der sowjetischen Beeinträchtigung kapitalistisch-demokratischer Weltherrschaft zu entledigen, so global ist die Kriegsstrategie ausgelegt, der das westliche Bündnis hierbei folgt. Es ist eben kein Konflikt um be- grenzte Besitztümer, den der Westen mit der Sowjetunion auszutra- gen hat, sondern einer um die M ö g l i c h k e i t konkreter Konflikte; und deren Ort ist logischerweise die gesamte Erdkugel, nämlich j e d e s wirkliche oder mögliche Besitztum der anderen Seite. Mit seinen Bündnissystemen versichert sich der Westen da- her nicht etwa bloß g e g e n eine oder f ü r d e n F a l l einer Ausweitung seines Krieges zum Weltkrieg gegen das feindli- che Lager, sondern verwandelt vorsorglich die gesamte Staatenwelt zur Front. Die Kategorie des "begrenzten Konflikts", die der de- mokratischen Öffentlichkeit heute so geläufig ist, zeugt von der Selbstverständlichkeit, daß der Krieg von vornherein ein weltwei- ter ist. Erstmals in der Weltgeschichte ist der Weltfriede eine Realität, die durch "lokale" Kriege nicht beendet, sondern im- merzu "gefährdet" wird: Sein Inhalt ist eben nicht allgemeiner Friede auf Erden, sondern der maßgebliche Weltkonflikt, solange der "Schlagabtausch" der gegnerischen Machtblöcke noch den Cha- rakter "begrenzter", beispielhafter Aktionen hat und noch nicht den der Entscheidungsschlacht - d e r W e l t k r i e g i n d e r P h a s e s e i n e r V o r b e r e i t u n g. - Mit dieser Weltkriegsstrategie haben die USA im Verein mit ih- ren Verbündeten ihrer Rüstung das Maß vorgegeben; den Auftrag nämlich, die Überlegenheit der eigenen Gewalt universell zu ga- rantieren. Das adäquate Mittel dafür wurde in der Atombombe ge- funden; kombiniert mit einem entsprechenden Transportsystem gibt diese Waffe unmittelbar und unter Garantie weltweit das optimale militärische Ergebnis, die Vernichtung gegnerischer Macht, her. Noch ehe die Atomwaffe dieses Werk vollstrecken konnte, sahen sich ihre Erfinder, die USA, mit einer entsprechenden Gegendro- hung der Sowjetunion konfrontiert. Seither kalkulieren sie den Welt- als A t o m k r i e g; der sieht allerdings etwas anders aus als jenes alles verwüstende Raketenduell, das gutgläubige Staatsbürger in Ost und West sich als so unvorstellbar vorstel- len, daß sie sich davor sicher wähnen und sich höchstens vor sei- ner "Auslösung" "aus Versehen" oder aus "Irrsinn" fürchten. Lei- der beweist der Zweifel an den Erfolgen einer Strategie, den man zum Trost ausbaut, wenig Kenntnis vom grundlegenden Zynismus des Kriegshandwerks nicht nur unserer Tage. Eher deutet er auf eine Moral, die selbst die als Opfer Vorgesehenen bei den Strategen nicht missen wollen. Die NATO-Strategie hat in der "Option" auf einen "letzten" atoma- ren Schlag (und Gegenschlag) jedenfalls kein Hindernis, sondern die Freiheit entdeckt, sich um so unbefangener und souveräner al- ler anderen - "konventionellen" - Formen und Methoden kriegeri- scher Gewalt zu bedienen. Seit Sieg und Niederlage in letzter In- stanz vom "konventionellen" Kriegsglück nicht mehr abhängen, beim wechselseitigen Beschuß mit Atomraketen aber nur noch schwer aus- einanderzuhalten sind, plant das westliche Bündnis um so ziel- strebiger weltweite "Kriegsszenarios", in denen es seinem Feind die Alternative zwischen Kapitulation und dem "letzten Duell" aufzwingt. Kriegsbastionen in aller Welt sind durch die interkon- tinentalen Waffenträger keineswegs überflüssig geworden, sondern unter strategischen Gesichtspunkten aufgewertet: Sie garantieren nicht mehr bloß die Präsenz militärischer Macht in einem Erden- winkel, sondern sind darauf berechnet, dem Feind die "letzte" Entscheidung aufzwingen zu helfen. Und unter allen Bastionen der "freien Welt" spielt - hinter den USA selbst - Westeuropa die wichtigste Rolle. 3. Daß es bei dem NATO-Beschluß, in Westeuropa amerikanische Mit- telstreckenraketen aufzustellen, um nichts als ein Atomwaffen- "Gleichgewicht" ginge, gehört zu der Sorte ideologischer Milchmädchenrechnungen, die auf einen staatsbürgerlichen Willen bauen, sich täuschen zu lassen. Als "Ausgleich" gegen einige Dut- zend moderner sowjetischer Raketen beschlossen, sollen die 108 Pershing II und 576 Cruise Missiles heute angeblich 300 SS 20 "neutralisieren"; entbehrlich sollen sie nur sein, wenn die So- wjetunion alles, auch die Vorgängermodelle der SS 20 abräumt, also mit weniger atomaren Mittelstreckenwaffen dasteht als in den Zeiten vor dem offiziellen "Nachrüstungs"-Beschluß. "E u r o- strategisch" soll das "Gleichgewicht" sein; deswegen sollen die SS 20 aber auch nicht in den asiatischen Teilen der Sowjetunion stationiert sein dürfen. Die frontnahen Bombergeschwader der USA sollen unter "Gleichgewichts"-Gesichtspunkten mit den feindlichen Raketen ganz unvergleichbar sein, auf Sizilien stationierte "Marschflugkörper" mit der Geschwindigkeit eines Reiseflugzeugs aber so ziemlich dasselbe... Wer Bescheid wissen will, der kann sich außerdem längst problem- los darüber informiert haben, daß der "Nachrüstungs"-Beschluß schon Jahre vor der angeblichen "Vorrüstung" der Sowjetunion ein- geleitet worden ist. Amerikanische Fachleute geben unbefangen be- kannt, daß sie sich von einer US-Raketenwaffe in Europa ganz an- dere Dinge versprechen als eine "Neutralisierung" der SS 20 - was immer man sich darunter vorstellen mag -, und kritisieren sogar die propagandistische Gleichsetzung beider Arsenale, weil dies die Möglichkeit suggeriere, im Falle sowjetischer Abrüstung (mit dem dank entsprechender westlicher Verhandlungsführung allerdings nicht zu rechnen ist) doch auf das eigene Arsenal zu verzichten. In der Tat ist ja auch schwerlich eine Einsatzplanung für die Pershings und Cruise Missiles denkbar, in der diese die Rolle ei- nes "Gegengewichts" oder einer "Antwort" gegen die SS 20 spielen könnten - angeblich sollen sie ja noch nicht einmal deren Start- plätze erreichen können, und um Flugabwehr"geschosse handelt es sich schon gleich nicht. Es ist also eine ganz eigenständig kal- kulierte, von keiner speziellen Waffe des Gegners abhängig ge- machte Vernichtungsdrohung gegen das europäische Kernland der So- wjetunion, die die NATO sich per "Nachrüstung" verschafft - wie ja auch die SS 20 zu nichts Ähnlichem auf westeuropäischem das "Gegengewicht" ist, sondern der Roten Armee eine zusätzliche "Option" in der Behauptung gegen das gigantische Machtpotential an die Hand geben soll, das auf dem westeuropäischen NATO-Gelände bereits konzentriert ist und weiter aufgebaut wird. Über die Eigenart der kriegerischen "Option", die die NATO sich mit ihrer eurostrategischen Aufrüstung verschaffen will, sind - neben den offiziellen, dummdreist unglaubwürdigen defensiven Sprachregelungen - allerlei Mutmaßungen im Umlauf, die nicht we- niger ideologisch sind. Da wird mit größter moralischer Bedenk- lichkeit diskutiert, ob es sich bei der Pershing II nicht um eine "typische Erstschlagwaffe" handle - so als wäre nicht jede Waffe je perfekter, um so wirksamer auch gegen gegnerische Waffen ein- setzbar; und das ist schon der ganze militärische Gehalt der omi- nösen "Strategie" des "ersten Schlages". Aus der speziellen Eig- nung der neuen Raketen, in Minutenschnelle punktgenaue Vernich- tungsschläge zu führen, die nicht gleich ganze Landstriche verwü- sten, folgern besorgte Amateure und einzelne Profis des Kriegs- handwerks, damit wäre der erstmalige Übergang zu einer Strategie der Atomkriegsführung gemacht - noch nie ist die NATO-Ideologie der "Abschreckung" durch "bloß politische" Atomwaffen so wörtlich geglaubt worden wie ausgerechnet von den Kritikern der "Nachrüstung". Daß der 'Reiz' euro s t r a t e g i s c h e r Waffen in der Möglichkeit liegt, der Sowjetunion das letzte ver- nichtende "Duell" doppelt "anbieten" zu können - neben dem inter- kontinentalen "Schlagabtausch" noch einmal innerhalb Europas -, wird durchaus 'entdeckt', aber fast ausschließlich unter einem pur nationalistischen Gesichtspunkt kritisiert: Statt auf die Vorhaben der NATO aufmerksam zu werden, ist der Argwohn wachge- worden, die USA würden sich Europa zum atomaren Kriegsschauplatz herrichten, um der Sowjetunion ohne eigenes Risiko den Garaus ma- chen zu können. Es zeugt von der Hilflosigkeit sowjetischer Di- plomatie und Propaganda, wenn dieses Mißtrauen von östlichen Kom- mentatoren bestärkt - und gleichzeitig von der Regierung in Mos- kau klargestellt wird, sie dächte überhaupt nicht daran, im Falle eines Atomkriegs ihre Interkontinentalraketen im Silo zu lassen. Vor allem aber zeugt es von der patriotischen Borniertheit der bundesdeutschen Opposition, wenn deren gesamte Kritik am NATO- Kurs sich auf die mißtrauische Sorge beruft also auch auf sie zu- sammenkürzt, aufs heimatliche Gelände würde im Ernstfall weniger Rücksicht genommen als auf das der NATO-Partner. Dieses Bedenken kann getröstet werden. Als Schauplatz für den atomaren Weltkrieg sieht die NATO den gesamten Globus vor; um die Sowjetunion zu besiegen, reicht eine europäische Front heute noch weniger als in den beiden ersten Weltkriegen. Und dabei ist West- europa nicht als Areal zum Verpulvern möglichst vieler atomarer Sprengköpfe abgeschrieben, sondern für den Auftrag eingeplant und ausgerüstet, die gegnerischen Machtmittel vernichten zu helfen, so daß die sowjetische Regierung vor der Wahl zwischen Kapitula- tion und dem "letzten Gefecht" mit allen ihren Atomraketen steht. Daß es hierfür auch im amerikanischen Interesse Europa noch so lange wie möglich geben muß, versteht sich von selbst. Mit den neuen US-Mittelstreckenraketen wird Europa erst recht nicht zum Opfer der NATO-Strategie ab-, sondern in genau dem Maße zu einer mit den USA fast gleichrangigen Kriegsbastion aufgewertet, wie die regierenden Patrioten der BRD, die sozialliberalen am nach- drücklichsten und erfolgreichsten, immer gefordert haben. Denn nun steht demnächst diesseits des Atlantik eine sachgerecht ver- kleinerte Zweitausgabe des strategischen Vernichtungspotentials der USA: genug, um die letzte Alternative des Atomkriegs wahr zu machen. Sicher, für die Eingeborenen keine erbauliche Aussicht; aber seit wann würden denn Kriege geführt, um die "Zivilbevöl- kerung" zu schonen? Gesichert, gewissermaßen "gehärtet", werden durch das neue Gerät nicht Mensch und Vieh, Städte und Wälder, sondern Truppen und Waffen. Die Bundeswehr und ihre Waffenbrüder werden mit der Sicherheit ausgestattet, daß sie auf gar keinen Fall geopfert werden, um dem letzten Entscheidungsschlag auszuweichen, sondern daß mit ihrem Einsatz die letzte Entscheidung ansteht - so oder so. Endlich herrscht die seit Adenauer geforderte gleiche Sicherheit für alle NATO-Staaten. Es ist garantiert, daß jeder europäische Krieg gleich als Atomkrieg stattfindet - und das heißt nicht, daß sofort die Atombomben fallen, sondern bedeutet, daß die NATO nur eine Alternative kennt, nämlich Sieg oder Eskalation bis zum äußersten. So kann der "konventionelle" Krieg in Europa endlich in der zuverlässigen Gewißheit geführt werden, daß im schlimmsten Fall das Potential zur strategischen Vernichtung der europäischen Sowjetunion ins Spiel kommt: Jede "konventionelle" Granate steht unter dem "Schutz" des strategischen Duells und nimmt es quasi vorweg. Umgekehrt wird damit nichts vom "konventionellen" Potential der NATO überflüssig; im Gegenteil. Die atomare "Garantie" für jede andere Schlacht soll und darf keinen Automatismus der Ausweitung bedeuten; das Potential für einen eurostrategischen Endsieg wird beschafft, um die F r e i h e i t zu seinem Einsatz zu benutzen. Für diese Freiheit kommt alles auf die Überlegenheit in sämtlichen anderen "Kriegsszenarios" und auf allen unteren Eskalationsstufen an; nur so taugt ein "konventionell" und mit taktischen Atomwaffen gerüstetes Militär als eurostrategisch abgesichertes Instrument in einem atomaren Weltkrieg. Das ist der Anspruch, dem der Erfindungssgeist der kapitalistischen Rüstungs- imdustrie mit einer Flut von Neuentwicklungen nachzukommen sucht: Tornados mit "intelligenten" Bomben, Panzer mit einer "mitdenkenden" Kanone, "herkömmliche" Munition von atombombenähn- licher Wucht, Neutronengranaten und dergleichen sind die logische Ergänzung zum Aufbau einer strategischen Atomraketenstreitmacht an der Westgrenze des "sozialistischen Lagers", sichern nämlich ihrerseits die Freiheit der Kalkulation mit deren Einsatz. Mit der SS 20, zu der Pershing II und Cruise Missiles das "Gegengewicht" darstellen sollen, hat die "Nachrüstung" somit in einem ganz anderen Sinn zu tun: Berechnet waren die sowjetischen Mittelstreckenraketen darauf, die mit Gewaltmitteln vollgestopf- ten V o r p o s t e n des Westens zu bedrohen - "Vorposten" in dem Sinn, daß sie nicht das Gelände sind, von dem aus und gegen das das "äußerste" strategische Gefecht geführt wird. Dieser Un- terschied im strategischen Gewicht von amerikanischem und westeu- ropäischem, vor allem westdeutschem Staatsgebiet wird durch die neuen Waffen aufgehoben - und damit der Sowjetunion eine ganz neue Kalkulation mit ihren Mittelstreckenraketen aufgezwungen, nämlich unter dem Gesichtspunkt eines vernichtenden Duells. Daß die Sowjetunion die Null-Forderung überhaupt für verhandlungswür- dig hält, legt die Vermutung nahe, daß sie durch diese Aufwertung Westeuropas vom Vorposten zur Hauptbastion Nr. 2 ihr bisheriges Potential nahezu entwertet sieht. 4. Geht es nach herrschender westlicher Meinung, dann wird der Kriegswille der NATO, der sich an Maßstäben wie Entscheidungen ihrer Aufrüstung ablesen läßt, durch die immer noch laufenden Verhandlungen in Genf d e m e n t i e r t. Das nimmt schon deshalb wunder, weil noch nicht einmal den dafür geläufigen Beruhigungsargumenten und öffentlich geförderten Hoff- nungen auf ein Verhandlungsergebnis eine besondere Zuversicht in den unbedingten Friedenswillen der eigenen Herrschaften zu ent- nehmen ist. "Solange verhandelt wird, wird immerhin nicht ge- schossen", lautet da ein Argument; und heißt das nicht, daß o h n e gegnerisches Einlenken der Westen für sich ganz unmög- lich Friedensgarantien abgeben kann? Gehören zum "Schießen", das bei einem Scheitern der Verhandlungen näherrücken soll, denn nicht immer noch zwei? Und was soll man davon halten, daß nir- gends versprochen und erwartet wird, ein wie immer geartetes Er- gebnis bezüglich der beiderseitigen Raketenstationierung könne die einmal erklärte Kriegsträchtigkeit des unterstellten Gegen- satzes zum Verschwinden bringen? Statt dessen darf man sich für den Fall ergebnisloser Verhandlungen vorstellen, daß die Rüstung dann "ungehemmt" weitergeht. Hat sich diese Befürchtung nicht schon längst auf die Entschlossenheit der NATO eingestellt, ihre weltweite Atomkriegsplanung entscheidend, nämlich in Richtung auf eine Entscheidung voranzutreiben? Daß es in den Genfer Verhandlungen nur zum Schein um die sowjeti- schen Mittelstreckenraketen und ein diplomatisches Geschäft "Raketenabbau gegen Rüstungsverzicht" geht, wird in der demokra- tischen Weltöffentlichkeit als offenes Geheimnis gehandelt. Zwar wird offiziell ganz ungerührt der Idealismus eines "Waffen- gleichgewichts auf niedrigerem Niveau" aufrechterhalten und jedes amerikanische "Angebot", es kann beinhalten, was es will, als Kompromißformel und Dokument des zähesten Einigungswillens ausge- geben. Gleichzeitig werden aber ebenso ungerührt die Klarstel- lungen des US-Präsidenten über den propagandistischen Charakter seiner Vorschläge bekanntgemacht, und jedermann weiß, daß die westlichen Verhandlungs-"Angebote" in Abrüstungsforderungen an die Sowjetunion bestehen, mit deren Erfüllung kein westlicher Politiker ernsthaft rechnet. Wäre es den NATO-Führern um eine Minderung der "russischen Gefahr" zu tun, was hätte sie dann davon abhalten können, sofort zuzugreifen, als ihnen die Ver- schrottung der SS 20 bis auf eine den französischen und briti- schen Mittelstreckenraketen entsprechende Anzahl angeboten wurde? Wären sie dann nicht schon im Herbst '81 auf Breschnews Vorschlag eines Raketenaufstellungs-"Moratoriums" eingegangen? Stattdessen werden alle sowjetischen Kompromißangebote in wechselnder Ton- lage, aber stereotyp zurückgewiesen: 'mal als "Schritt in die richtige Richtung", der aber noch längst nicht ausreiche, dann wieder als besonders bösartiger Anschlag auf die "Einheit des We- stens". Grundlage und Ausgangspunkt dieser Verhandlungen ist eben nicht mehr - wie bei den SALT-Verhandlungen - die Sorge vor der Unberechenbarkeit der gegnerischen Rüstung und die Bereitschaft, sich eine gewisse Kontrolle darüber auch ein paar eigene Zuge- ständnisse kosten zu lassen; nicht umsonst hat die Reagan-Regie- rung diese Kompromißdiplomatie als Politik der Schwäche verteu- felt und mit Nachdruck aufgekündigt. Dennoch sind die Genfer Verhandlungen selber kein bloßes Schein- manöver des Westens, womöglich bloß zu Propagandazwecken. Das wird dort ja immerhin diplomatisch klar- und insofern als politi- sches Faktum hergestellt, daß die NATO eine auch nur mögliche Ge- fährdung ihrer Politik, einen Zwang zur Rücksichtnahme auf sowje- tische Interessen nicht mehr dulden will. Das westliche Null-Lö- sungs-"Angebot", die Forderung an die Sowjetunion, sich ihrer be- sten Sicherheit gegen die "Vorposten" der gegnerischen Weltmacht zu entledigen, ist weder auf einen Kompromiß berechnet, noch setzt die westliche Politik auf ihre Erfüllung. Deswegen ist sie aber nicht etwa bloß ein Betrugsmanöver, sondern der diplomati- sche Kunstgriff, alle "Ost-West-Politik" fortan unter den An- spruch zu stellen, die Sowjetunion dürfe in keiner Weise ein Hin- dernis westlicher Weltherrschaft mehr sein und deswegen auch nicht mehr sein k ö n n e n. Die S o u v e r ä n i t ä t des gegnerischen Blocks s e l b s t wird an einem seiner wesentli- chen Machtmittel zur Debatte gestellt, so wie es dem globalen und prinzipiellen Herrschaftsanspruch der verbündeten kapitalisti- schen Demokratien entspricht, und mit den Mitteln und Methoden, die der Westen sich mit jener "Doppelstrategie" der Bedrohung und des formellen Einvernehmens verschafft hat, die heute "Entspannungspolitik" heißt. Daß dieser Anspruch kein leerer Wunsch ist, liegt an der Entschlossenheit der NATO-Mächte, sich durch den Ausbau ihrer Kriegsbastionen in den Stand zu versetzen, die weltpolitische Nachgiebigkeit der Sowjetunion nach eigenem Ermessen zu erzwingen. Der Durchschlagskraft ihrer geplanten Auf- rüstung waren diese Staaten sich von Anfang an so sicher, daß sie den Bewaffnungsbeschluß sogar noch vor seiner Realisierung auf seine - diplomatisch als Verhandlungsangebot formulierte - poli- tische Quintessenz gebracht und ihren Gegner damit konfrontiert haben. Es ist, als setzte die NATO-Diplomatie darauf, der So- wjetunion totale Nachgiebigkeit, die Zustimmung zu einem westli- chen Monopol auf Weltpolitik und die entsprechenden Gewaltmittel, also nichts Geringeres als die Kapitulation in der weltpoliti- schen Konkurrenz f r i e d l i c h a b z u h a n d e l n. Wenn irgendetwas, dann ist d a s das Fiktive an den Genfer Gesprä- chen. Denn daß ein neues Weltkriegsergebnis sich am Verhandlungs- tisch durchsetzen ließe, dürften die Politiker am wenigsten glau- ben, die so gern bekanntgeben. Kommunisten verstünden nur "die Sprache der Gewalt"... Wer Raketen so zählt wie der Westen, der hat mit seiner "Erpreßbarkeit" kein Problem. Wer dem Gegner neue Waffen vor setzt, die auf dessen Entwaffnung berechnet sind, der dringt auf die Kapitulation seines Feindes in der weltpolitischen Konkur- renz. Wer schließlich sein Ultimatum als Verhandlungsergebnis festlegt und seine Bereitschaft zu solchen Verhandlungen als Mä- ßigung anerkannt sehen will, der ist zu allem entschlossen. Den Westen quält beim Rüsten nicht die Furcht vor einer "Vernichtung der Menschheit". Seine Sorge gilt dem Sieg. VI. Den Einwand, die K o s t e n der Rüstung seien zu hoch, lassen die regierenden Organisatoren der Kriegsbereitschaft nicht gel- ten. Ebensowenig beeindruckt sie der Hinweis auf die O p f e r, die fällig werden, sobald die friedenspolitische Drohung wahrge- macht wird. Die strategische Kalkulation mit dem "Ernstfall" las- sen die Verantwortlichen jedenfalls nicht mit dem Argument in Frage stellen, Vorbereitung und Durchführung eines großen Krieges würden sich n i c h t l o h n e n. Sie beharren umgekehrt darauf, daß der freie Gebrauch ihrer Ge- walt für sämtliche Leistungen ihrer "Wirtschaft" einfach n o t w e n d i g - die Frage nach den Kosten also ü b e r f l ü s s i g ist. 1. Demokratischen Politikern sind die Kosten und Opfer ihrer mi- litärischen Projekte durchaus bekannt. Sie halten sie für drin- gend geboten und verwerfen die entsprechenden Bedenken auch nicht einfach mit der Bemerkung, daß sich kriegerische Unternehmungen ihrer Natur nach nie lohnen für die Opfer. Eine schlichte Bestä- tigung dieser Tatsache käme ihnen zynisch und geschmacklos vor. Den Beweis ihrer N o t w e n d i g k e i t dagegen halten sie für ehrenwert. Mit ihm dokumentieren sie zwar ebenfalls, daß sie für die anfallenden Entbehrungen und Leichen sind; allerdings tun sie das unter Berufung auf Zwänge, denen sich kein "verantwortlich" denkender Zeitgenosse verschließen kann. Be- fürchtungen der Art, daß in ihrer Beweisführung immer nur heraus- kommt, welchen Zwängen sie sich bei der Ausführung ihres Amtes, bei der Erledigung ihrer verdammten Pflicht und Schuldigkeit ver- schreiben, quälen sie dabei nicht. Eine Kritik an den Aufwendungen für Rüstung, welche diese als U n kosten ansieht, weil sie zu Lasten anderer, außerhalb des Militärischen liegender Vorhaben gehen, macht ihnen kein Kopfzer- brechen. Die menschenfreundlichen Berechnungen der Art "Wieviel Schulen könnte man für eine Rakete bauen? Wieviel Krankenhäuser? Wieviele Menschen vor dem Hungertod bewahren?" stürzen sie aus einem einfachen Grund nicht in Zweifel. Solcher Klage entnehmen sie erst einmal den Appell, der an ihre Vernunft und Menschlich- keit ergeht. Einerseits werden sie von den Betroffenen ihrer Po- litik a l s Z u s t ä n d i g e anerkannt, andererseits finden sie sich nicht aus dem Kreis der besorgten Weltbürger ausge- schlossen, "die das alles nicht wollen können". So steht ihnen auch die Ablehnung der zum Vorschlag gebrachten "Möglichkeiten" frei, die den "guten Willen" der untertänigen Anregung würdigt und zugleich kein gutes Haar an ihr läßt - es handelt sich näm- lich nur um einen I d e a l i s m u s! Zwar w ä r e es schön, wenn man das viele Geld an die Darbenden der "Dritten Welt" ver- teilen und für soziale Wohltaten ausgeben k ö n n t e; "realistisch", daher notwendig, ist jedoch die praktizierte Fi- nanzierung der Rüstung. Gerade denen, die zu ihrem Staat die durch und durch positive Einstellung demonstrieren, in der Poli- tik sei eine Instanz am Werk, die "L e i s t u n g e n" für die Bürger dieser Welt erbringt, begegnen alle Anwälte der Aufrüstung mit der Auskunft: Eben w e g e n d e r S i c h e r u n g der Leistungen, die unser Staat den Leuten zukommen läßt, ist seine Verteidigung eine p r i n z i p i e l l e A u f g a b e. Wer bemerkt haben will, daß die Erfüllung seiner sozialen Interessen eine Frage der staatlichen Gewalt ist, kriegt ganz schlicht die harte Konsequenz seines Irrtums mitgeteilt - und die Wahrheit dazu: Zwar stimmt es, daß sämtliche in unserem Staat üblichen "sozialen Interessen" und Rechte - von der freien Meinung über das Arbeiten und Autofahren bis zum Bedürfnis nach Gerechtigkeit - eine von der öffentlichen Gewalt verwaltete Angelegenheit sind; diese Gewalt bestimmt nämlich die Grenzen des Erlaubten für sämt- liche Lebensäußerungen der Untertanen, sie trägt dafür Sorge, daß die Verfolgung sämtlicher Interessen in den staatlich definierten zulässigen Formen abläuft. Jedoch ist die "politische Verantwor- tung" gerade deswegen auch nicht für die E r f ü l l u n g der Anliegen zuständig, die ihr vermeldet werden. Schließlich hat po- litische Macht, die auf den ordentlichen Ablauf all dessen achten muß, woran Bürgern liegt, auf i h r e Erhaltung achtzugeben. Denn d a z u ist die Regierung ermächtigt, daß sie sich als eine Instanz bewährt, die auch gegen besondere Ansprüche der einen oder anderen Sorte Untertanen "Recht und Ordnung" garan- tiert. Und dazu ist sie nur fähig, wenn sie sich gegen i h r e Gefährdung zu behaupten weiß. Dies fängt noch allemal damit an, daß s i e die Gefahren definiert und die Mittel zu ihrer Besei- tigung beschafft. Insofern hält es jede anständige, demokratische Regierung für ziemlich abwegig, die S i c h e r h e i t s- b e d ü r f n i s s e des ihr anvertrauten Gemeinwesens an p r i v a t e n B e d ü r f n i s s e n ihrer Bürger zu relati- vieren. 2. Diesem "Sachgesetz" der Demokratie, das man auch hoch und hei- lig als V e r f a s s u n g s a u f t r a g in Erinnerung rufen kann, entsprechen die Regierenden in jeder Hinsicht. Nicht nur, indem sie allen Bedenken bezüglich der U n kosten "unserer Si- cherheit" mit dem Hinweis begegnen, daß mit der S o u v e r ä n i t ä t der Staatsführung auch die Frage der Kompetenz geklärt sei; nicht nur mit dem Fingerzeig auf die beste aller Legitimationen, die Wahlen, durch welche sie ihre Befug- nisse erhalten haben - "demokratisch zustandegekommene Entschei- dungen", lautet heute das Argument, lassen sich gar nicht kriti- sieren, weil das Recht sowieso auf ihrer Seite ist -; gerade de- mokratische Staatenlenker stellen die K o s t e n d e r R ü s t u n g auch zur D i s k u s s i o n. Freilich gleich mit dem unwidersprechlichen Maßstab der Beurteilung, der da lau- tet: "Werden diese Kosten denn auch unseren Sicherheitsbedürfnis- sen gerecht?" Regelmäßig eröffnet der amtierende Verteidigungsmi- nister Debatten darüber, ob auch genügend Geld für die Ausstat- tung der Wehrmacht zur Verfügung steht. Mit einer sachkundig er- mittelten Bedarfsrechnung bezüglich der Schlagkraft unserer Trup- pen, der Leistungsstärke ihres Geräts, der Aufgabe im Bündnis darf da jeder verantwortlich denkende Politiker, Journalist und Bürger zusehen, was "wir" ausgeben müssen. Angesichts der unver- rückbaren Maßstäbe, die mit "unserer Sicherheit" gegeben sind, ist bei dieser gewissenhaften Abwägung auch jede "unsachliche" Abweichung in andere Verwendungsweisen des Geldes ausgeschlossen. Versehen mit dem richtigen Standpunkt - dem der Nation eben - darf jedermann dafür eintreten, daß nur wirksame und verläßliche Kriegsmittel angeschafft werden. Für gute Qualität freilich haben "wir" umgekehrt auch genügend Geld aufzubringen. In diesem Sinne ist in einer Demokratie auch Kritik Trumpf: an vergeudeten Ausga- ben für Starfighter, an einer verkehrten oder importierten Pan- zergeneration, ja sogar an denen, die es-vielleicht aus eigen- süchtigem Geschäftsinteresse-an der nötigen Verantwortung haben fehlen lassen... Die Ergebnisse d i e s e r Diskussion, die ganz "sachlich" die Frage wälzt, wieviel uns "unsere Sicherheit" wert sein muß, gehen gerechterweise auch in den "Entscheidungsprozeß" von Parlament und Regierung ein. Dort erfährt dann mancher Posten im Staats- haushalt eine Überprüfung; und zwar unter dem Verdacht, daß es sich um allerlei überflüssige und untragbare Belastungen handeln muß - für den S t a a t selbstverständlich -, wenn Rentner ihre Rente, Kranke ihr Krankengeld und "sozial Schwache" ihre Unter- stützungen beziehen. Unter moralisch respektablen Titeln wie "Kostendämpfung" und "Sparhaushalt" war nie der Rüstungsetat Ge- genstand von Debatten und Beschlüssen. Geldknappheit in der Staatskasse ist den Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte stets in den Belangen zu Bewußtsein gekommen, die ganz nobel "sozial" heißen. Als wollten sie Gott und die Welt von dem Mißverständnis abbrin- gen, der Staat sei ein "Lebensmittel" der von ihm abhängigen Bür- ger, haben die Verantwortlichen dabei die Perspektiven gründlich zurechtgerückt. Erstens in bezug auf die Natur seiner "D i e n s t e", die eben in der Verwaltung von Arbeiten, Kau- fen, Sparen und Gehorchen bestehen, nicht aber in einer Garantie des Erfolgs für die Mehrzahl der ihm unterstehenden Bürger. Zwei- tens in bezug auf die Art und Weise, wie sich gewöhnliche Leute allein dieser "Dienste" versichern können - durch O p f e r nämlich. Während sich eine erhebliche Anzahl Leute die Illusion leisten, den Staat als Garanten i h r e s Wohlergehens und i h r e r Sicherheit zu betrachten, wurden höchst offiziell "s c h w e r e Z e i t e n" verordnet. Als gelte es die Vor- stellung von staatlicher Fürsorge, die jahrzehntelang auch von Politikern in Wahlkämpfen in Umlauf gebracht worden war, ein für allemal aus der Welt zu schaffen, wurde ein nationaler Propagan- dakrieg gegen das "Versorgungs- und Anspruchsdenken" entfacht. Als hätten Deutschlands Steuern und Sozialabgaben zahlende Lohnabhängige nicht immer den S t a a t mit Geldmitteln v e r s o r g t, wurde beschlossen, daß sie sich im Übermaß staatlichen Reichtums b e d i e n t haben. Neue höhere Quoten für die Abtretung von Geldern an den Staat wurden fällig, und im Namen öffentlicher Sparsamkeit dürfen Millionen Zwangsversicherte jetzt mit weniger Geld auskommen. "Die Bürger" haben d e n S t a a t z u v e r s c h o n e n - und i h m als Geldquelle treu zur Verfügung zu stehen. Auch und gerade schon im "noch er- haltenen" Frieden sind sie M i t t e l s e i n e s E r f o l g s - die Regierung macht den Untertanen praktisch die Frage auf, ob - sich d e r e n Existenzsicherung noch lohnt... 3. Bei ihrer Selbstdarstellung als pflichtbewußte Verwalter öf- fentlicher Finanzen gehen regierende Demokraten jedoch noch wei- ter in der "Belehrung" der Regierten in Sachen Kosten & Opfer. Ihre friedenspolitischen Aufrüstungsprogramme veranlassen sie nicht nur, sich als gewissenhafte Kassenwarte aufzuführen, die mit einem zu kleinen Topf Geldes ausgestattet sind und nicht um- hin können, "schmerzhafte Streichungen" vorzunehmen. Ihr "Topf" ist ja nicht nur für den Lebensunterhalt minder Bemittelter "zu klein", sondern vor allem auch für die Erledigung der unverzicht- baren Pflichten, zu denen die Sicherheit der Nation gehört. Auf diesem Felde wäre "ohnmächtiges Reagieren" auf den "Sachzwang" Finanzen gleichbedeutend mit Versagen! Hier heißt der Sachzwang schlicht: V e r m e h r u n g v o n S t a a t s s c h u l- d e n. Für den Staat als Käufer von dringend benötigten Waffen aller Art taugt nicht vorhandenes Geld durchaus, um das "Loch" in der Kasse zu füllen - dazu hat er auch die M a c h t, "Geld zu schöpfen". Seine Schulden zirkulieren - nachdem sie ver- und beliehen, ver- zinst und bespekuliert worden sind - als "Kaufkraft", an der nur eines "problematisch" ist - die Inflation. So daß sich die Kenner wirtschaftlicher "Sachzwänge" bemüßigt fühlen, darauf zu achten, die "inflationäre Entwicklung", die sie der ganzen Welt als von ihren Taten unabhängiges Geschick und Problem ausmalen, "im Griff" zu behalten. Ihr Rezept heißt: Tüchtige Unternehmer und Bankiers müssen fähig sein, mit den Staatsschulden weltweit gute Geschäfte zu machen. Von ihren rentablen Investitionen hängt es ab, wieviel der Staat absahnen kann. Und wenn die mittels Staats- verschuldung vermehrte Anzahl von Kreditzetteln, auf denen der Name der Nation steht, weltweit taugliches Geschäftsmittel bleibt; wenn sie sich durch An- und Verkauf, durch Anlagen in Produktion wie im internationalen Geldgeschäft bewährt - dann ist auch die Staatsverschuldung kein Schaden, sondern ein Vorteil. Dergleichen bekommen die Regierten in Zeiten flotter Aufrüstung auch noch mitgeteilt - aber nicht in einem kostenlosen Fernkurs mit dem Thema "Volks- und Weltwirtschaft". Sondern in weiser Be- rücksichtigung ihres begrenzten Auffassungsvermögens als die schlichte Botschaft: Dieser Grundlage unseres Gemeinwesens, der "Wirtschaft", darf sich nichts und niemand in den Weg stellen! Der auf die "W i r t s c h a f t" angewiesene Staat hat dem "Wachstum" zu dienen, indem er Hindernisse beiseite räumt: Eine gute Regierung erhält sich eben ihre Mittel, indem sie alles in ihrer Macht Stehende tut, um den G e s c h ä f t s g a n g d e s K a p i t a l s zu fördern. Und dem stehen außer der Kon- kurrenz in der Welt draußen, die auch einmal rote Zahlen beschert für deutsche Konzerne, auch jene im Weg, die ihren B e r u f, M i t t e l z u s e i n für die Geschäftswelt, immer nicht ge- scheit genug versehen. Insofern ist es die Pflicht der höchsten politischen Amtsträger, ihre professionelle Kenntnis der "Sachzwänge" gleich in die Form des Auftrags zu übersetzen: Der Dienst der nationalen Menschheit lautet L e i s t u n g - und w e n i g K o s t e n. So verraten die Friedensführer der Nation, und zwar ohne Skrupel, warum sie die Frage "Lohnt sich eigentlich der Aufwand für die Kriegsvorbereitung?" für überflüssig halten. In ihrem Bemühen, die "Sachzwänge" der Wirtschaft und Politik geltend zu machen, zählen schlicht und einfach andere Kriterien des "Lohnens". Den Gesetzen der "f r e i e n M a r k t w i r t s c h a f t" haben sie sich verschrieben. Und obwohl sie dieses Produktionsverhält- nis nicht K a p i t a l i s m u s nennen wollen, legen sie großen Wert darauf, daß nur E r t r ä g e v o n K a p i t a l von gelungenem "Wirtschaften" zeugen und erstrebenswert sind. Sie bekennen sich damit zu einer Sorte Reichtum, die unter dem Ruin von Mensch und Natur keineswegs leidet - weil es darauf eben nicht ankommt! Zur Vermehrung dieses Reichtums gehört der öffent- lich registrierte Pauperismus - in den "Industriestaaten" ebenso wie in ihren "unterentwickelten" Partnerländern. Dem Maßstab des Geschäfts, das sich lohnen muß, fällt mancher zum Opfer, weil er sich noch nicht, nicht oder nicht mehr l o h n e n d v e r w e n d e n läßt. Hinzu kommen all die Opfer der Freiheit, die der ordnungsstiftenden Gewalt anheimfallen, wenn ihr Ungehor- sam stört. Auch wenn die Sprachregelungen der Demokratie von "Proletariat" und "Klassen", von "kapitalistisch produzierter Überbevölkerung", auch von "Ausbeutung" nichts mehr wissen wollen - vorzeigen können und wollen regierende Demokraten das alles. Gebildete Staatenlenker kennen unter ihren Untertanen eine Mehr- heit "sozial Schwacher", das "Problem Nr. 1, die Arbeitslosig- keit"; und die Abteilungen des "Sozialstaates" zeugen allesamt davon, was mit den Maßstäben des kapitalistischen Geschäfts in der "Welt der Arbeit" angerichtet wird. 4. Demokratische Staatsmänner stehen - im Frieden - dafür gerade, daß das Leben und Überleben einer erheblichen Anzahl von Weltbür- gern vom K a p i t a l abhängig ist. In ihrer freiheitlichen Ordnung dürfen sich der Technik des Vergleichs mächtige Bürger sogar glücklich schätzen, wenn sie sich ihr Leben lang a l s M i t t e l d e s K a p i t a l s bewähren und in Anspruch ge- nommen werden. Alle unerfreulichen und nicht zu übersehenden W i r k u n g e n d i e s e r O r d n u n g lasten sie weder dieser noch sich an - der Befund demokratischer Machthaber lautet da ganz anders. Sie sind mit "sozialen Problemen" konfrontiert, die über ihre Politik hereinbrechen und deren "Lösung" eine Dau- eraufgabe bleibt - für die Politik natürlich, die angesichts der Gesetze und Sachzwänge auf "Lösungen" verzichten "muß". Dennoch: im Kampf um die Macht, der in den wenigen Demokratien des Westens als Konkurrenzkampf der Parteien institutionalisiert ist, wollen sie nicht nachlassen. Und schon gar nicht in Zeiten der von ihnen so beeindruckend ausgerufenen "Kriegsgefahr", wo die politische Gewalt die "Gesetze der Marktwirtschaft" ausnutzt, um Verteidi- gungsbereitschaft herzustellen. Politik als Beruf und die Beru- fung unserer Politiker scheinen am reizvollsten zu sein, wenn Z w e c k und I n h a l t d e r S t a a t s g e s c h ä f t e hemmungslos ehrlich exekutiert und - zur Schau gestellt werden können. Wenn sich der Irrtum der Untertanen, Politik würde ir- gendwie doch in ihrem Interesse gemacht, so richtig schamlos a u s n ü t z e n und zugleich p r a k t i s c h k o r r i- g i e r e n läßt - dadurch, daß man die Gleichsetzung zwischen den Interessen gewöhnlicher Bürger und dem des Staates umgedreht b e f i e h l t: "W i r setzen die Notwendigkeiten mit unserer Gewalt in Kraft - und i h r bringt die erforderlichen Opfer!" 5. Diese Ehrlichkeit, die in den letzten Wahlkämpfen der USA und BRD die schönsten Blüten getrieben hat - Motto: "Das Volk bringt Opfer! Gut, aber für die passende Regierung!" -, ist die zusam- menfassende Antwort auf den Einwand, Rüstung und Krieg würden sich nicht lohnen. Mit ihr wird agitatorisch Partei ergriffen für die K o n s e q u e n z, mit der ein ordentlicher Staat prak- tisch die "Sachzwänge" gültig macht, auf die er sich immerzu be- ruft. Regiert und verteidigt wird eben nichts von dem, was sich ein Bürger an materiellen Genüssen und Fortschritten für seine Wenigkeit vorstellt. Als Anwälte und Garanten einer Ordnung, des "f r e i h e i t l i c h e n S y s t e m s", in dem allein das Kapital derer, die "die Wirtschaft" heißen, wächst, fordern die Staatsmänner der 80er Jahre den fälligen Dienst; in dem sicheren Wissen, daß der E r f o l g d e r N a t i o n mit dem des K a p i t a l s steht und fällt, verstehen sie sich auch auf die umgekehrte Rechnung. Schranken für ihre Gewalt, für "unser" Sy- stem müssen weg, damit der gesetzlich geschützten F r e i- h e i t d e s G e s c h ä f t s keine Grenze mehr entgegen- steht. In den modisch gewordenen Mahnungen ans Volk, es möge sich seiner N a c h k r i e g s t u g e n d e n befleißigen, bringen die Regierenden jedem bei, warum sie Militärausgaben nicht für "Verschwendung" halten. Die Sicherheitspolitiker dieses Staates wissen, worauf sie sich verlassen können: Darauf, daß unter dem Schutz ihrer Gewalt und durch sie die Geschäftsgrundlage der Nation funktioniert. Daß durch die Erweiterung ihrer Sorte politischer Herrschaft auch "die Wirtschaft" wieder Wunder schafft, für die sie Millionen mit ihrer Leistung und den "bewundernswerten" Opfern geradestehen lassen. Wer die Aufrüstung so gekonnt gemäß den Grundrechnungsar- ten des Kapitals begründet und betreibt, weiß auch, daß nur ein verlorener Krieg die Frage nach den Kosten & Opfern rechtfertigt und die Antwort "sinnlos" verlangt. VII. Die demokratischen Politiker, die im Namen des Volkes die Mehrung des Reichtums der Nation verwalten, die Waffen aufstocken und dem Volk Sparsamkeit verordnen, lassen keine Zweifel an den Kosten der Freiheit aufkommen, die sich für die Nation lohnen. Die ge- wählten Volksvertreter b e k r ä f t i g e n tagtäglich die V e r t e i d i g u n g s w ü r d i g k e i t des Westens und rufen seine höchsten Güter und Werte in Erinnerung. Für die Er- mächtigung bei der Wahl belohnen sie das Volk mit der Pflicht, diese Ordnung zu verteidigen - koste es, was es wolle. Für Frei- heit, Demokratie, soziale Marktwirtschaft, Familie, Glaube, kurz: für ein "menschenwürdiges Leben", das allein das Vaterland garan- tiert, darf kein Preis zu hoch sein. Dafür müssen die 'Werte', die die Mehrheit allenfalls besitzt - Haus, Familie, Einkommen und Leben - geopfert werden. "Immer vermögen die materiellen Interessen der Menschen solange am besten zu gedeihen, als sie im Schatten heldischer Tugenden bleiben; sowie sie aber in den ersten Kreis des Daseins zu treten versuchen, zerstören sie sich die Voraussetzung zum eigenen Be- stand." Diese staatstragende Maxime Hitlers haben sich die demokratischen Führer zu Herzen genommen und legen sie ihrer Gefolgschaft be- ständig ans Herz. Nein, einen heldischen Tugendkatalog bieten sie nicht einfach auf, wenn sie den untergeordneten Rang materieller Interessen festlegen wollen, sondern einen Katalog von Werten, deren Bestand auf dem Spiel steht und verteidigt werden muß: "Wir werden nicht zulassen..., daß man nur die Gefahr der Selbst- vernichtung sieht, nicht aber die Gefahr der Selbstunterwerfung." "Wer die Verteidigung im nuklearen Zeitalter für ethisch nicht akzeptabel erklärt, verlangt nichts anderes als die Kapitulation der Friedfertigen vor dem Gewalttäter, der Freiheit vor der Un- freiheit, des Rechts vordem Unrecht." "Die Sowjetunion ist eine Diktatur, die die Freiheit unterdrückt. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind eine Demokratie, die ih- ren Menschen und ihren Verbündeten Freiheit gewährt." (Wörner, "Frieden und Friedenssicherung", Rede vor der Gesellschaft Wehr- kunde) "Der Satz 'Lieber rot als tot' ist nicht mehr gültig, vielmehr muß es heißen 'Erst rot, dann tot.'" (Strauß) Drei harte staatsbürgerliche Wahrheiten rufen die Regierenden in Erinnerung, wenn sie den Regierten die Verteidigungswürdigkeit des westlichen Systems versichern. 1. W a s soll denn nach Aussagen der Verantwortlichen alles verteidigungs w ü r d i g sein, ohne das sich ein Leben keines- falls lohnt, ja nicht einmal möglich sein soll? Eines zunächst einmal sicher nicht. Die paar materiellen Errun- genschaften, die ein normaler Bürger sein eigen nennt. Vorstellen soll man sich den täglichen Lebensgang mit seinen kleinen und größeren Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten schon. Aber nicht, um kritisch Bilanz zu ziehen, w a s man eigentlich vom Leben hat, für das man ja schließlich selber aufkommt. Beim Ar- beiten soll man nicht an die Last, beim Kaufen nicht an die Preise und beim Sparen nicht an die Entbehrung denken. Dann kann man das Leben für "lebenswert" halten! Alles was der Mensch für die "Ordnung" leistet, darf er sich als eine L e i s t u n g "unserer Ordnung" zurechtlegen! Was die Demokratie ihrer Mehrheit alles beschert oder nicht bescheren "kann", dabei halten sich ihre Verwalter nicht lange auf. Statt dessen treten sie nur noch den einen Gedanken breit, d a ß sie mit all ihren staats- und wirtschaftsnützlichen Ge- und Verboten, mit all den rechtlich ge- regelten ökonomischen Zwängen und ihrer entsprechend harten poli- tischen Verwaltung ein geregeltes Leben in eben dieser "Ordnung" g e w ä h r t. Sie berufen sich auf den "demokratischen Grund- konsens", die Abhängigkeit von den politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen "Sachnotwendigkeiten" sei genau umgekehrt eine Dienstleistung der demokratischen Herren für ihr Volk. Diese fällt vielleicht nicht immer zu seiner Zufriedenheit aus, liegt dafür aber, zumindest g r u n d s ä t z l i c h, immer in sei- nem Interesse. Deshalb wird auch nie das traute Heim und die ge- sunde Ernährung verteidigt, sondern die Vorzüge des richtigen R e g i e r t w e r d e n s von den richtigen Leuten. Für die Verteidigung agitieren Politiker, indem sie sich auf den G e h o r s a m berufen, den sie in der Arbeit und politischen Zustimmung ihrer Untertanen schon genossen haben. Dem Volk, das sie wegen seines Mutmachens und seiner U n t e r w e r f u n g schätzen, dichten sie die höchsten Ideale als Motiv an; diese Ideale verpflichten es dann auch zur Verteidigungsbereitschaft. Freiheit, Recht, Demokratie und Leben, die "amerikanische Mis- sion" für die "Menschheit", diese h ö c h s t e n p o l i t i- s c h e n W e r t e einer volksgewollten Herrschaft sollen es sein, um die man sich zu besorgen hat. Aber auch dabei geht es nicht um die menschenfreundlichen I n h a l t e, die ein aufrechter Demokrat sich dabei so gerne vorstellen und seinen Oberen zur geflissentlichen Beachtung an- empfehlen mag. Weder an den Folterpraktiken, Militärdiktaturen, Armen- und Leichenhäusern, die mit westlichen Waffen und Krediten unterstützt werden, wollen die westlichen Werteverwalter sich messen lassen, noch an den Arbeitslosen und Armen ihrer Metropo- len. Solche Zustände wollen sie sich nicht durch die Kritik madig machen lassen, die I d e a l e des Westens stünden da auf dem Spiel. Statt dessen plädieren sie mit der W a h r h e i t, daß dies der freie Westen ist, für den umgekehrten Gedanken: Wenn alle Lebensumstände ein Akt staatlicher Berechtigung sind, dann müssen sich auch alle Ansprüche an den Rechten und Pflichten mes- sen lassen, die die Herrschaft erläßt. Als R e a l i s m u s fordern sie ihren Untertanen nichts als die Einsicht ab, unter Recht, Freiheit & Co. nichts anderes zu verstehen als die beste- henden Zustände und ihre Aufrechterhaltung durch die eigene Füh- rungsmannschaft. Die obersten Grundüberzeugungen politischer Sonntagsreden werden also nur ausgebreitet, um immer wieder eines ins Gedächtnis zu rufen: Die Politik ist mit all ihren Anliegen legitimiert. Sie hat ihr Volk als Auftraggeber. Mit allen "Selbstverständlich- keiten" demokratischer Überzeugungen wird so der Untertan darauf festgelegt, daß nur s e i n R e c h t auf eine ordentliche Herrschaft durchgesetzt wird, daß die Politiker doch nur die Ansprüche aller a n s t ä n d i g e n D e u t s c h e n er- füllen: Also hat auch jeder anständige Deutsche in diesem Staat seine demokratische H e i m a t, und das v e r p f l i c h- t e t bekanntlich. Wer seinem Volk beständig vorerzählt, daß es nicht nur um dieses oder jenes staatliche Interesse, nicht bloß um parteipolitische Absichten oder Vorteilsrechnungen und schon gar nicht um den selbstherrlichen Willen eines größenwahnsinnigen Führers, sondern um alle geheiligten Güter seiner Nation, also um sein eigenes po- litisches Wollen geht, das seine gewählten Vertreter verwalten, der beharrt auf s e i n e m R e c h t zur Führung und zur Ver- antwortung und auf der P f l i c h t s e i n e s V o l k e s, seine Verwalter dabei zu unterstützen. 2. Was heißt es denn, wenn die Herren, die über Krieg und Frieden entscheiden, öffentlich dauernd die V e r t e i d i g u n g s- würdigkeit der Republik beschwören? Doch wohl, daß nach offizieller Verlautbarung das ganze schöne Gemeinwesen mit all den Vorzügen, die man sich bei den angeführ- ten Werten als seine Segnungen denken darf, in Gefahr ist. Und darüber zu entscheiden, überlassen die Verantwortlichen nicht denjenigen, die da gefährdet sein sollen. Ob und warum die Russen braven Deutschen das gar nicht vorhandene Häuschen, die Arbeit, die Arbeitslosigkeit, die freie Staatspresse, das Leben und seine friedliebenden Führer rauben wollen, das entscheidet die Instanz, von der schließlich das ganze freiheitliche Leben abhängt. Und die hat es offenbar längst für ihre ideellen Auftraggeber ent- schieden. Wenn die Kommunisten unsere beste aller möglichen Welten nicht widerstandslos bei sich einrichten wollen, dann droht dem deutschen Volk = der Bundesrepublik Gefahr; dann ist es also am deutschen Volk, sich nicht um s i c h, sondern um die B u n d e s r e p u b l i k zu sorgen; die ist schließlich seine gewählte Existenzgrundlage. Wenn alles Leben ein Akt staatlicher G e w ä h r u n g ist, dann steht mit dem Gewähr e r auch al- les auf dem Spiel, und zwar dann, wenn dessen Interessen nicht mehr zum Zuge kommen - so heißt die harte Forderung, mit der je- dermann öffentlich vertraut gemacht wird. Wer seinem Volk beständig vorerzählt, daß seine demokratische Heimat bedroht ist, der klagt sein Recht ein, das Volk für die Interessen der Nation geradestehen zu lassen; der kennt nur noch ein Interesse guter Deutscher: die P f l i c h t z u r V e r t e i d i g u n g. 3. Was heißt es also, wenn für Reagan, Kohl und Vogel die V e r t e i d i g u n g s w ü r d i g k e i t der Bundesrepublik f r a g l o s feststeht? Doch wohl, daß ihre Verteidigung eine harte, aber unabweisliche Notwendigkeit des Dienstes am Volk ist. Wenn die Bewahrer und Ausbreiter des "freien Westens" darauf hinweisen, wie schwierig die Sicherung des bedrohten Friedens ist, dann wollen sie, daß sich die Bürger nicht mehr einfach nur gehorsam im Frieden ein- richten, so als wäre der eine Selbstverständlichkeit. Dann be- schwören sie den friedlichen Wunsch guter Deutscher, mit ihren demokratischen Rechten und Pflichten auszukommen, nur noch, um ihn zurückzuweisen. Sie machen seine Erfüllung nämlich von einer harten Bedingung abhängig: der Sicherung der O r d n u n g, die ein "menschenwürdiges Leben ermöglicht". Wenn die auf dem Spiel steht, dann darf man sie nicht mehr an dem messen, was sie einem alles gewährt, sondern muß für diese "Existenzgrundlage" all das opfern, was man sich in besseren Tagen als Grund zur Verteidigung ausmalen darf. Die in den Rang von "Friedenssicherern" erhobenen Politiker werden nicht müde, den neuen Inhalt von "Frieden" vor- zubuchstabieren: Er ist ein so hohes und gefährdetes G u t, daß nur noch die Frage erlaubt ist, was man sich seine Erhaltung k o s t e n lassen muß. Die Antwort darauf bleiben sie nicht schuldig: Im Ernstfall alles. Die harte Logik, daß O p f e r s i c h l o h n e n sollen, endet so konsequent bei dem Schluß, daß man nach dem P r e i s nicht zu fragen hat, wenn die Macher der demokratischen Politik ihre Freiheit in der Welt für noch zu beschränkt ansehen. Wer laufend die Verteidigungswürdigkeit des demokratischen Vater- landes versichert, der macht sein Volk mit dem Preis für die Op- fer vertraut, die sich für den Staat lohnen; der dringt darauf, daß das alltägliche private Rechnen und Berechnen auf den nie zu- standekommenden Vorteil innerhalb der menschenwürdigsten Ordnung auf dieser Erde an der harten nationalen Notwendigkeit der Ver- teidigung der Heimat s e i n E n d e hat. 4. Es ist also kein Zufall, daß alles, was der ganze demokrati- sche Wertehimmel von Freiheit bis Menschenwürde vorstellig macht, nur auf eines zielt: auf die von oben beanspruchte Einigkeit zwi- schen Volk und seinem Staat! Denn die I d e a l e d e s G e w ä h r e n s sind von Haus aus die R e c h t s t i t e l d e s G e w ä h r e r s, sich zu bedienen. Der kennt deshalb auch keine Gewissensprobleme, sondern legt umgekehrt die Bürger auf lauter moralische Kriegsgrunde fest, die nach öffentlicher Auskunft höher stehen als der Schutz des Lebens, der Friede ohne Zusatz; und erst recht höher als jede wirkliche oder moralische Berechnung auf das eigene "Überleben". Den W e r t e n folgt deswegen auch die T u g e n d auf dem Fuße. Die heißt heute nicht mehr "heldisch", "Schwert und Pflug", sondern "Einsatz für den Frieden in Freiheit". Daß es auf dasselbe hinausläuft, wird freilich nicht verschwiegen: "Ihre (der jüngeren Generation) idealistischen Erwartungen an eine Politik des Ausgleichs mit dem Osten entsprach dem Harmonie- bedürfnis einer Generation, die es nicht gelernt hatte, auch in schwierigen Zeiten oder gar unter der Drohung eines Krieges die nationale Unabhängigkeit und unsere menschenwürdige Lebensordnung zu behaupten ... unbewältigte Furcht ... Realitätsverweigerung und Realitätsverlust." (Wörner) Wer an "30 Jahren NATO-Frieden" auszusetzen hat, daß die Bürger sich in ihm als Selbstverständlichkeit eingerichtet und den Ein- satz für ihn verlernt haben, der kennt nur noch eine Tugend: die V e r t e i d i g u n g s b e r e i t s c h a f t. Wer die Angst vor dem Krieg mit den höchsten Werten der Nation "bewältigen" will, der will e i n k r i e g s b e r e i t e s V o l k. Der hat mit ihm mehr vor, als es friedlich auszubeuten und wählen zu lassen. Er läßt es auch antreten - "im Namen des deutschen Vol- kes" f ü r d i e V e r t e i d i g u n g d e r n a t i o n a l e n I n t e r e s s e n, die Freiheit, Demokra- tie, Recht und Marktwirtschaft heißen. VIII. "Ohne inneren Frieden gibt es auch keinen äußeren!" lautet der Grundsatz der Innenpolitik der 80er Jahre. Für dessen Durchset- zung verlassen sich die Politiker nicht einfach auf die Einsicht ihrer Bürger. Demokratische K o n t r o l l e heißt das Gebot der Stunde. Die Auffassungen des Volkes werden abgefragt und zu- rechtgewiesen; aufkommende Bedenken gegen die Kriegsvorbereitung werden nicht widerlegt, sondern aus der Meinungsvielfalt ausge- grenzt und notfalls verboten. Sorgen um den "s o z i a l e n F r i e d e n" sind die einzigen, die sich jeder Bürger machen darf und soll. Ohne eine heimische Mannschaft, die geschlossen hinter ihren Politikern steht, fehlt der Nation die Handlungs- freiheit, die sie heute mehr denn je gegen den äußeren Feind braucht. - So schreitet die d e m o k r a t i s c h e M o b i l m a c h u n g für den dritten Weltkrieg voran. 1. Seit ihrem NATO-Doppel-Beschluß haben die regierenden Politi- ker der BRD den Frieden als die oberste Aufgabe und den Krieg als die Hauptgefahr ins Gespräch gebracht, der sie sich vor allem an- deren anzunehmen hätten. Seitdem gibt es besorgte Bürger, denen die mit allem aufgerüstete "Friedensfähigkeit" der Republik Angst macht und die gegen eine Politik, an deren Friedenswerken sie zweifeln, ihre Friedenssehnsucht demonstrieren. Die Sehnsucht ist erlaubt und erwünscht, hat allerdings einen Haken. Mit der "guten Absicht" und der Bergpredigt allein läßt sich der Frieden, den die Politiker meinen, nicht sichern. Das wäre "weltfremder Idea- lismus". Und wo vom Standpunkt dieses "guten Willens" Vorwürfe gegen die Politiker erhoben werden, sie ließen es an der nötigen Sorge fehlen, da wird das Engagement von unten als "selbstgerechter Moralismus" zurückgewiesen. Eine Minderheit nehme sich heraus, mit ihren Zweifeln der Nation das Gewissen vorschreiben zu wollen; das steht nur Politikern zu. Denn die ha- ben keine Zweifel. Den Schrei eines ganzen Kirchentags "Wir haben Angst!" hat Ex- Kanzler Schmidt erledigt mit der Antwort: "Ich auch!" So war klargestellt, in wessen Hände die gemeinsame Sorge der Nation ge- hört. Ein privates Leiden an der Welt ist dem Bürger zugestanden. Die politische Verantwortung verlangt mehr als eine edle G e s i n n u n g. Die Moral der Macher heißt: "Sich durchset- zen!" Deshalb hat ihre "V e r a n t w o r t u n g s ethik" recht; in der Staatsgewalt hat sie ihr Betätigungsfeld; und damit sind dem Gewissen der Bürger seine wirklichen Maßstäbe gesetzt: "Das eilfertige Zurückziehen auf das Gewissen gefährdet die Kul- turleistung des staatlichen Gewaltmonopols" (SPD-Geschäftsführer Glotz). Der korrekte Friedenswille des Volkes hat sich also zunächst einmal zu beweisen im Bekenntnis zur Alleinzuständigkeit der Politiker sowie zur Gewalt als Mittel der Politik. "Pazifistischer Ungeist hat Auschwitz erst möglich gemacht", lau- tete die entsprechende Klarstellung des christlichen Scharfma- chers Heiner Geißler. Unbekümmert um historische Wahrheit und Glaubwürdigkeit leugnen Geißler und Wörner den Gegensatz zwischen pazifistischer Friedenssehnsucht und den imperialistischen Be- rechnungen eines Chamberlain, um nur die eine Botschaft loszuwer- den: Ein pragmatischer Umgang mit dem östlichen "Totalitarismus" ist ein Zeichen von Schwäche und kommt für ihre Regierung nicht in Frage. Die Friedensbewegung, auf die alles ankommt, ist also die Bundes- wehr; und wer daran Zweifel anmeldet, muß sich zweierlei sagen lassen: "Die Bundeswehr schützt auch das Recht, gegen sie zu pro- testieren!" wird ausgerechnet bei Militäraufmärschen verkündet, die von Feldjägern gegen jeden Protest geschützt werden. Und wen dieses Argument immer noch nicht überzeugt, der erweist sich da- mit als Feind von Frieden und Freiheit. Verführt oder nicht, er gehört zur "5. Kolonne Moskaus". Mit der Frage "Wem nützt die Friedensbewegung?" wird der Schluß von der unliebsamen Kritik auf die verabscheuungswürdige Absicht gezogen: "Lieber rot als tot!" Die Friedensbewegung mag in ihren nationalbewußten Alternativvor- schlägen zur Friedenssicherung so konstruktiv sein, wie sie will; sie mag noch so pünktlich jeden verlangten Protest "auch gegen die SS 20" abliefern; sie mag noch so sehr mit den Kritikern im östlichen Lager die "Unfreiheit" dort anprangern, es nützt ihr nichts. Solange sie am Grundsatz zweifelt: NATO-Aufrüstung si- chert den Frieden! - je mehr, desto besser -, wird sie nach dem Motto "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!" der nationalen Un- zuverlässigkeit bezichtigt, als Versammlung von Vaterlandsverrä- tern verdächtigt und nach Bedarf zum nützlichen Idioten des äuße- ren Feindes bzw. zum inneren Feind erklärt. 2. Folgerichtig wird die Friedensbewegung staatlicherseits mit der Gewaltfrage konfrontiert. Nicht weil sie die Aufrüstungsmaß- nahmen der Regierung verhindern oder auch nur entscheidend behin- dern würde, sondern weil sogar schon jede moralische Bedenklich- keit im Volk gegen den bedingungslosen Aufrüstungswillen derer, die die Nation führen, als Nötigung der Staatsgewalt gilt und deshalb Gewalt ist. "Gegen eine legal zustandegekommene Entschei- dung zur Nachrüstung gibt es kein Widerstandsrecht!" Was immer die Politiker ihrem Volk an Kriegsvorbereitungen verordnen, ist rechtens und darf keiner Gewalt verdächtigt werden; wer dies nicht umstandslos einsieht, ist Gewalttäter und erklärter Staats- feind, der den Einsatz aller staatlicher Gewaltmittel rechtmäßig verdient hat. "Wie haltet Ihr Friedensfreunde es mit dem inneren Frieden?" - mit dieser von oben gestellten Frage wird nicht erkundet, ob die Kritiker des bundesdeutschen NATO-Kurses rechtsstaatlich genug denken, um die Verpflichtung auf ihr Stillhalten -, "innerer Friede" - mit der Verpflichtung anderer Staaten auf Botmäßigkeit - "äußerer Frieden" - zu verwechseln. Ausgerechnet im Namen der Angst vor dem Krieg wird der Anspruch erhoben, den eigenen Staat bei seiner Kriegsvorbereitung in nichts zu stören. Und je beflis- sener die Friedensbewegung diesem Anspruch nachkommt, desto radi- kaler wird er eingefordert und die Friedensbewegung verurteilt: "Gewaltloser Widerstand ist Gewalt." "Ziviler Ungehorsam ist kri- minell." Ob irgendwelche Aktionen der Friedensbewegung gewalttätig oder wirklich gewaltlos sind, liegt also nicht mehr daran, wie die De- monstranten sich aufführen, sondern im Ermessen der staatlichen Kontrollorgane und ihrer Polizei. Den Beweis führt die Staatsge- walt dadurch, daß sie zuschlägt. Die Anlässe schaffen im Zwei- felsfall die anwesenden V-Männer. Und für die zweckmäßige Voll- streckung des staatlichen Vorurteils hat ein aktiver Innenmini- ster das Demonstrationsstrafrecht so fortentwickelt, daß die Teilnahme an einem Protest zu einem ziemlich kalkulierbaren Ri- siko wird: Gesundheit, Unbescholtenheit, Finanzen und Beruf ste- hen auf dem Spiel, wenn man nicht stichhaltige Beweise und unbe- stechliche Zeugen für Friedensaktivitäten gegen die Demonstranten beschaffen kann. Mit der heuchlerischen Devise: "Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten!" wird jedermann ab- verlangt, sich unvermummt dem Verfassungsschutz als Staatsfeind zu präsentieren. Und der von Zimmermann beschworene rechtsstaat- liche Totalanspruch: "Wer sich nichts zuschulden kommen läßt, braucht auch nichts zu fürchten." stellt klar, daß schon jede De- monstration mit einem Generalverdacht auf Unrechtlichkeit belegt ist. Die Meinungsfreiheit, die die Bundeswehr schützt, ist eben ohne aktives Eintreten für sie und ihre Auftraggeber nicht zu ha- ben. 3. Für die "schweigende Mehrheit", deren die Politiker sich auch ohne Polizeieinsatz sicher fühlen, werden die herkömmlichen Maß- stäbe demokratischen Wohlverhaltens ebenfalls weiterentwickelt. Als W ä h l e r darf der Volkssouverän mit seiner Stimme den Herren seiner Wahl eine uneingeschränkte Ermächtigung zur Macht ausstellen. Vor der Wahl wird ihm die Zustimmung zu der Freiheit der Politiker abverlangt, nur den Ansprüchen zu genügen, die sie sich stellen. Wieder eine Herrschaft zu haben, die sich nach dem Wahltag unbehelligt von noch so verantwortungsvollen Einwänden den "Sachnotwendigkeiten" der Politik, die dem Volk nur Opfer abverlangen, widmen kann - mehr wird nicht versprochen und nach der Wahl eingelöst: Raketen jetzt und so viel wie beschlossen in Deutschland, kein Geld für soziale Hängemattenbesitzer und alles für die Investitionsfreude der Unternehmen. Was immer die gewähl- ten Politiker beschließen, das gilt als Auftrag der Betroffenen - Demokratie total! Als p o l i t i s c h e r M e n s c h bekommt er die Einfalt der Meinungsvielfalt vorbuchstabiert. SPD und oppositionelle Öf- fentlichkeit vertreten die Auffassung, die Aufrüstung des Westens solle und müsse die Russen zu Zugeständnissen zwingen, die man nicht leichtfertig verspielen dürfe. Das fordert die CDU heraus: Wer den Westen auch nur um eine Rakete bringen will, ist Kommuni- stenfreund und "fünfte Kolonne Moskaus". Mit dieser "Polemik" kündigt die CDU den "inneren Frieden" auf, kontert die SPD: Auch ihr ist in Vorkriegszeiten nichts wichtiger als eine geschlossene Volksgemeinschaft. - Zwischen diesen Alternativen darf sich das Wählerpotential frei entscheiden. Als U n t e r t a n bekommt es der Bürger mit Politikern zu tun, die nur noch Führer ihrer Nation sein wollen. Die härtesten Maßnahmen, die sie ihrem Volk verabreichen, können sie nicht ohne optimistisches Grinsen mitteilen. Die Zuversicht, die sie aus ih- rem Amt beziehen, wollen sie auch noch auf ihr Volk ausstrahlen. Das hat noch selten so viele Komplimente und Ermunterungen zum Optimismus zu hören bekommmen, wie von der christlichen Regie- rung, die ihm ein Opfer nach dem anderen verordnet. Jede Zumutung ein Beweis, wie gut die Betroffenen es mit ihren Führern getrof- fen haben. Die Regierenden danken es ihrem Volk mit der täglich wiederholten Klarstellung, welche "Schwierigkeiten" ihnen die un- eingeschränkte Ausübung der Macht bereitet. Doch auch als B ü r g e r, die alles mit sich machen lassen, können Bewohner der BRD sich der ständigen Unzufriedenheit und des dauernden Verdachts von seiten ihrer Herren gewiß sein. Denn Politiker sind sich sicher, daß es da Ausnahmen geben muß. Gibt es nicht doch noch zu viel Gruppenegoismus in der Gesellschaft? Gibt es nicht noch unkontrollierte Winkel, die durch eine Volks- befragung ausgeforscht gehören? Tut man nicht gut daran, mit ei- nem neuen Computer-Ausweis den vorhandenen Erkenntnisstand festzuhalten und den mündigen Bürger mit einem fahndungsgerechten Etikett zu versehen? Als A r b e i t e r darf jeder Deutsche seine billige Benutzung für das Wohlergehen des kapitalistischen Geschäfts, dem er sich nicht entziehen kann, als einen einzigen Luxus betrachten. Er hat noch einen Arbeitsplatz, für dessen Rettung die Wirtschaft ein- steht, indem sie immer mehr Ausbeutungsmaterial für unprofitabel und überflüssig erklärt. Vom Lohn, von dem der Arbeiter leben muß, darf deshalb nur in einem Sinne die Rede sein: ob er nicht zu hoch ist. Der Dank, überhaupt noch arbeiten zu dürfen, erweist sich immer mehr als vollwertiger Ersatz für eine gescheite Bezah- lung. Dagegen legt auch die deutsche Gewerkschaft keinen Wider- spruch ein. Der Arbeitsdienst bekommt sein Vorbild wieder im Kriegsdienst, und deshalb finden Rekrutenvereidigungen in Fabrik- hallen statt - dafür steht sogar die Arbeit mehr als 5 Minuten still. Als A r b e i t s l o s e r bekommt der Deutsche mit, daß er als nutzloser Teil des Volkskörpers keinen Anspruch auf staatli- che Durchfütterung hat. Aus dem Volksganzen ist er damit noch lange nicht entlassen. Daß ihm nichts mehr - selbst nicht eine zukünftige neuerliche Benutzung - versprochen wird, darf ihm kein Grund sein, im Bekenntnis zur Nation abseits zu stehen. Den "sozialen Frieden" mit seinen Belangen zu "stören", ist ihm ver- boten: Den Verdacht, als Arbeitsloser kein guter Deutscher mehr zu sein, hat er bei seinen Gegnern, die seine Existenz für über- flüssig erklären, pflichtschuldigst zu zerstreuen. Nationale Auf- gaben, an denen man sich bewähren kann, wie einen Gott und Natur geschaffen haben, weiß der Staat dennoch für jeden. Als gebärfähige F r a u u n d M u t t e r hat man mit der Aufzucht des nationalen Nachwuchses Ehre einzulegen, und diese hohe Aufgabe verträgt keine materielle Bestechung durch Mutter- schaftsgeld. Als A u s l ä n d e r wird man zwar nicht mehr gebraucht; den- noch kann man Deutschen gute Dienste tun beim Beweis ihrer natio- nalen Gesinnung: "Ausländer raus!" Als Schwarzarbeiter, der sich etwas (dazu) verdient, und als Asylant, der sich als "Wirtschaftsflüchtling" mit den Segnungen der Sozialhilfe durch- schlagen will, darf man sich das schlechte Gewissen eines Schma- rotzers zulegen. Die anderen kommen in den Genuß, unter Anleitung der Regierung guten Gewissens auf Schmarotzer schimpfen zu dür- fen. Als D e u t s c h e r und M i t g l i e d d e s f r e i e n W e s t e n s hat man einen Stolz und Freunde in aller Welt. Die darf man furchtbar mögen. Besonders die Freundschaft mit unseren amerikanischen Brüdern ist Herzensanliegen aller Deutschen - und Mißverständnisse über den Inhalt der Freundschaftsfeier kommen nicht auf. Sie gilt nicht gemeinsamen Werten, sondern den Mitteln ihrer praktischen Durchsetzung. Die Verbrüderung findet bei Waf- fenschauen, bei Tagen der offenen Tür in Ami-Kasernen und bei NATO-Manövern statt. Deutsche Politik zielt seit geraumer Zeit auf eine Dienstbereit- schaft, wie sie nur Soldaten im Krieg abverlangt wird. Wer so konsequent alle noch so bescheidenen Ansprüche für nächtig und jedes verlangte Opfer zum Gütesiegel verantwortlicher Politik er- klärt, der betreibt bewußte Vorkriegspolitik. Wer so zielstrebig für innere Sicherheit sorgt, der will ein einig Volk hinter sich, um es in den Kampf um die äußere Sicherheit zu führen. Schluß ------ Mit dem Willen einer Regierung, Kriegsvorbereitungen zu treffen und das Leben ihrer Nation entsprechend zuzurichten, ist den ein- schlägigen Maßnahmen noch lange kein Erfolg beschieden. Die prak- tische Einlösung des Programms erfordert schließlich erhebliche Dienste auf seiten der vielen Statisten der Nation. Mögen sich diese auch noch so sehr daran gewöhnt haben, gemäß altem Unterta- nenbrauch ihren demokratisch-marktwirtschaftlichen Alltag als ein Zurechtkommen mit lauter Abhängigkeiten und ihnen auferlegten Be- dingungen abzuwickeln - an den ständig erneuten Anforderungen könnten sie ja auch einmal das Umgekehrte bemerken: Daß die Vor- haben ihrer Herren aus Politik und Wirtschaft nie und nimmer ge- lingen, wenn es an Mitmachern fehlt. Zwar werden die "Bürger draußen im Land" nicht gefragt, wie sie's denn gern hätten; ge- braucht werden sie schon! Darüber, was die auf "Verantwortung" abonnierten Macher mit ihnen anstellen, dürften sich die Regierten kaum täuschen. Sie kriegen es ja zu spüren. Und was die Regierenden noch alles vorhaben mit ihrem Volk, wird durch die Ehrentitel, die sie ihrem Programm beilegen, ebensowenig "verschleiert" wie durch die guten Gründe, die sie für ihre Maßnahmen und deren Erfüllung anführen. Gerade der Propaganda, in der die maßgeblichen Lenker von Wirtschaft und Nation ihre Beschlüsse für ebenso unausweichlich halten wie deren Ausführung durch die "Betroffenen", ist immer nur eines zu ent- nehmen: Da werden Pflichten verabreicht, an die man sich im eige- nen Interesse besser gar nicht erst gewöhnt! Da werden Rechte geltend und gültig gemacht, die Nutzen und Benutzung sehr eindeu- tig auf zwei Seiten verteilen! Die passenden Antworten auf die Programmpunkte der Macher sind jedenfalls nicht schwer zu finden. Politiker, die die "S i c h e r u n g d e s F r i e d e n s" zum Haupt- und Generalpunkt ihrer Machtausübung erklären, brau- chen einen schon gar nicht in Verlegenheit zu bringen. "Was fällt euch ein, uns einen Feind zu präsentieren, damit w i r antre- ten, um e u c h als Material für die Regelung dieser Feind- schaft zur Verfügung zu stehen!" ist da durchaus eine passende Reaktion. Und zwar eine, die wegen ihres Inhalts die praktische Überlegung nahelegt, wie man den Friedenskämpfern in ihren hohen Ämtern das Handwerk legt. Diese Überlegung entfällt freilich, wenn man sich "den Frieden" zu Herzen nimmt und Krieg, den ganz dicken zumal, a l s G e f a h r ganz regierungstreu nachemp- findet. Dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man we- gen der demonstrierten Friedensliebe gesagt kriegt, daß mit "gutem Willen" eine Friedenssicherung nicht zu machen geht Ande- rerseits hat man sich dafür eine Gemütsverfassung zugelegt, die es einem erlaubt, Kriegs s p i e l z e u g in Grund und Boden zu verdammen und dauernd Hiroshima-Filme anzuglotzen; auch Lie- der, die leidige Frage von Krieg und Frieden betreffend, kommen einem ganz spontan über die Lippen, ebenso wie andere Bekennt- nisse des einfältigen Inhalts: "An mir soll's nicht gelegen sein!" Dann ist man auch reif für Großgruppenveranstaltungen, auf denen für den Frieden gebetet werden darf. Zum höchsten Herren, während die weltlichen Herren präsent sind und die fertigen Knechtsnaturen bestaunen, die ihnen den moralischen Respekt be- zeugen. Mit diesem Zutrauen ausgestattet, raffen sie sich dann zu unverschämten Belehrungen über ihren "bedingten Friedenswillen" auf. "F r i e d e n i n F r e i h e i t", weil er nur dort, wo "d a s R e c h t h e r r s c h t", lebenswert ist - verkünden sie; und fordern damit nur eine Entgegnung heraus: "Das Argument Freiheit ist mir vertraut - es kommt stets, um den Preis anzusa- gen, den mir dies hohe Gut wert sein muß. Jetzt soll also dafür gestorben werden." Diese Replik klingt zwar barsch, hat aber den Vorteil, daß man sich mit dem F e i n d b i l d, jenem Kon- strukt aus der Welt des Unrechts, gar nicht lang zu befassen braucht. "Auch letzte Woche hat mir kein unfreier Iwan ein Un- recht angetan!" "Aber i h r zitiert immerzu die Geschöpfe im Kreml und rundherum herbei, wenn ihr hier den Leuten was abver- langt! Dabei führt ihr euch haargenau so auf, wie man es von denen drüben immer befürchten soll!" Damit ist man wieder bei denen, die einem jede wirkliche Sorge mit dem Lehrsatz "Freiheit ist schön" ausreden und ganz viel Dankbarkeit einreden wollen, damit man auch "v e r t e i d i g u n g s b e r e i t" ist, weil man endlich weiß, was "v e r t e i d i g u n g s w ü r- d i g" ist. Bemerkenswert an der Gebetsmühlenbotschaft ist auf den ersten Blick, daß von der ARD bis zur 'BILD'-Zeitung niemand zu beweisen sucht, daß sich das Verteidigen a u s z a h l t. Es würde ihnen auch schwer fallen, außer "Werten" und der Gewalt unserer Staaten, die diese Werte hochhalten, etwas anzugeben, was für gewöhnliche Menschen durch Krieg geschützt und erhalten wird! Das Kunststück, den Bürgern eine Notwendigkeit plausibel zu machen, von der sie keinen Nutzen sehen, geht eben nur mit der Erinnerung an Höheres - und, wenn es soweit ist, nur mit Zwang. Ganz verständlich und ehrenwert nimmt sich allerdings die Beru- fung auf die Segnungen der Freiheit, die auf dem Spiel steht, für alle Nationalisten des Westens aus. Ihnen ist nämlich an allem, was sie mit und ohne Erfolg so treiben, eine "Erkenntnis" aufge- gangen: daß sie es hier tun dürfen. Sie unterstützen die Politi- ker nach Kräften in der Zurückweisung jeder Kritik, indem sie de- ren Inhalt übergehen und den Kritiker ermahnen, die Möglichkeit seiner Äußerungen dankbar zu würdigen. Leider sind solche Muster- bürger in beträchtlicher Zahl anzutreffen; und sie nützen "ihre Freiheit" seit den ersten Tagen der Friedensdiskussion ausgiebig. Dazu eben, um geäußerten Einwänden die Genehmigung zu entziehen. Ganz peinlich kommt diese Attitüde des "Man kann sagen, was man will, aber hierzulande haben wir es mit der Fülle des Erlaubten gut getroffen! Das soll erhalten werden." zur Geltung, wenn sie von einer Instanz gepflegt wird, die ansonsten d a s M o n o p o l auf berechtigtes Klagen und Anklagen, Kritisieren und Fordern beansprucht. Der DGB, berufener Anwalt der Lohnabhän- gigen, die unter ungerechter Sozialgesetzgebung, "inhumaner Ar- beit", Rationalisierung und vielem anderen leiden, geht den vielen Stammtischfaschisten und den Hetzjournalisten der 'BILD'- Zeitung zur Hand. S e i n e Existenz ist ihm Beweis genug, daß sich die Freiheit lohnt - also auch ihre Verteidigung. In der "Forderung" nach "freien Gewerkschaften" auch in den Unrechtsrei- chen des Ostens vergessen die Führer der organisierten Arbeiter sehr gerne, was ihre Mitglieder brauchen und gegen die Verwalter der Freiheit durchsetzen müssen, wenn sie es kriegen wollen. Denn der Anspruch d e u t s c h e r Arbeiter auf Freiheit anderswo ist viel wichtiger. Solchen Nationalisten, die keine Gelegenheit auslassen, die au- ßenpolitischen Anliegen ihrer Nation für dasselbe wie die Bedürf- nisse der Lohnabhängigen zu halten, sind auch die imperialisti- schen Praktiken in der westlichen Abteilung der Welt genehm. Eher hetzen sie auf die Japaner und andere Konkurrenten der d e u t s c h e n W i r t s c h a f t, als daß sie auch nur einen Einwand zulassen, der die gar nicht zuträgliche Verwendung der ausländischen wie einheimischen L o h n a b h ä n g i g e n f ü r diese Konkurrenz angreift! Und für diese freiheitsliebende Form der Vertretung von Arbeiterinteressen handelt sich diese Ge- werkschaft noch nicht einmal ein richtiges Wort der Kritik bei denen ein, die l i n k s sein wollen. Die bundesdeutsche Linke treibt sich währenddessen in der Frie- densbewegung um, zählt die Raketen nach und diskutiert über "Möglichkeiten und Bedingungen" des Widerstandes. Dabei gibt sie sich sehr realistisch und resigniert, ohne natürlich den Wunsch nach "Einheit" aufzugeben. Ihre profilierten Intellektuellen er- gehen sich in Büchern, die beteuern, daß auch. und gerade der Linken in Geschichte und Gegenwart die N a t i o n mit ihren "Problemen" und Werten weder gleichgültig war, noch ist, noch sein darf. Lässig reden sie vom F r i e d e n, denken sich eine nationale Bedeutung ohne NATO aus, zelebrieren einen "Abschied vom Proletariat" und wissen noch nicht einmal, was der Unter- schied zwischen Strategie und Psychologie ist. Währenddessen wird der Erfolg der Nation auf dem Felde der Rake- ten wie auf dem des Wachstums propagiert und organisiert. Das Mittel hierfür hat schon im Frieden den Namen "Opfer" für Waffen und Wirtschaft. Eine Parole und ein Programm, die einiges mehr verraten als die Ansprüche der "Herrschenden". Immerhin läßt sich - zumindest wenn man sich nicht in die Ideale verbohrt hat, die vom Gelingen der Wirtschaft und vom Erfolg der Nation kundig in Umlauf gesetzt werden - dem Opfer-, Leistungs- und Tugendkatalog die Antwort auf die Frage "W a s t u n?" entnehmen! Und dar- über hinaus geht aus der vorkriegsmäßig zugerichteten Wirtschaft hervor, wer nicht nur lauter Gründe, sondern auch noch die Macht hat, den Kriegskurs zu bremsen. Freilich wäre das K l a s s e n k a m p f. Und sogar der K o m m u n i s m u s verdacht wäre nicht ganz unberechtigt. Und wer will sich denn d a f ü r schon einsetzen - heute, da die Ziele der Nation mehr denn je und gemeinsamer denn je "unsere" (An-)Teilnahme benötigen! *** Aus dem Verlagsprogramm des Resultateverlags: Resultate 1 Die Bundesrepublik Deutschland 1980 - und was Marxisten in den 80er Jahren an ihr zu ändern haben 1980, 143 S., 5,- DM, ISBN 3-922935-05-2 Der erste Band der Resultate-Reihe bietet eine Darstellung - der politischen Herrschaft in diesem Land und ihrer Erfolgsre- zepte, im Innern wie in ihrem Verhältnis nach außen, die durch die Bonner "Wende" nicht umgestoßen, sondern sehr im Sinne der Erfinder fortentwickelt worden sind, - der modernen Formen von Ausbeutung und Armut, zu denen diese Republik es mit ihrem "Wirtschaftswunder", ihrem "Modell Deutsch- land" und ihrer gekonnten "Krisenbewältigung" gebracht hat und die von niemandem mehr so beim Namen genannt werden; - der wichtigen Rolle, die hierbei die nationalbewußte, freiwil- lig auf "Marktwirtschaft" und Demokratie verpflichtete Einheits- gewerkschaft, der DGB, spielt; - des Geisteslebens der Nation, nämlich der Prinzipien, nach denen sich Wissenschaft und Kultur freiheitlich und autonom mit der politischen Gewalt arrangieren, so daß auch ein Zimmermann an dieser Front mit Widerständen nicht zu rechnen hat, wenn er "geistig führt"; - der Endphase des Zerfalls einer republikanischen Linken mit so- zialistischen Idealen, die zu Beginn der sozialliberalen Reform- ära konjunkturgemäß in Bewegung geraten war und ebenso konjunk- turgemäß heute ihren Abgang in eine renovierte Heimatliebe sucht und findet. Die Darstellung kommt ohne Statistiken und "Materialien" aus, wie sie sonst aufgeboten werden, wenn B e f ü r w o r t e r der bundesdeutschen Ökonomie und Staatsgewalt ihr Lob über das so wundervoll funktionierende Staatswesen "belegen", ohne angeben zu wollen, w a s denn da so prächtig funktioniert und wozu; und ebenso wenn K r i t i k e r dieses Modells ihre Vorbehalte rechtfertigen wollen, ohne der Demokratie und dem Vaterland zu nahe zu treten. Auch mit methodologischen Bedenken über die - al- lemal unerfüllbaren! - "Bedingungen der Möglichkeit einer wissen- schaftlichen Analyse komplexer Sozialgebilde wie" der BRD hält das Buch sich nicht auf. Statt dessen macht die Erklärung des po- litischen, ökonomischen und "geistigen" Lebens der Nation die Gründe deutlich, aus denen sich dessen gründliche Veränderung lohnt. *** Resultate 3 Der bürgerliche Staat 1979, 110 S., 6.- DM, ISBN 3-922935-08-7 Sich um das Gelingen der Politik sorgen; ihren Erfolg an Hoffnun- gen, Idealen und sonstigen Kriterien messen, die außerhalb der Gedankenwelt eines Wissenschaftlers nicht einmal verbleitet zu sein brauchen; ihre Hindernisse, Schwierigkeiten und Grenzen theoretisch "in den Griff bekommen" wollen - das ist b ü r g e r l i c h e Staatstheorie. Den Standpunkt des betrof- fenen Bürgers, der sich von staatlichen Entscheidungen abhängig weiß und ihnen mit Erwartungen und Enttäuschungen, mit einer be- rechnenden, aber bedingungslosen Bereitschaft zur Unterwerfung und ständigen Klagen über "politische Fehlentwicklungen" gegen- übertritt, bauen auch linke Politologen aus zu Mutmaßungen über eine "Krise" der menschenfreundlichen Zwecke, die sie dem Wirken der Staatsgewalt unterstellen. Einer solchen "kritisch reflektierten" Staatsfrömmigkeit gilt mit Sicherheit ein Buch als sehr beschränkt und gar nicht hilfreich, in dem nichts anderes dargelegt wird als der Zweck und Grund des "modernen" Staates: in all seiner demokratischen Pracht die Kon- kurrenz, den als Privateigentum hervorgebrachten Reichtum der Na- tion und die Koexistenz der hierfür höchst gegensätzlich enga- gierten Klassen gewaltsam zu sichern. Daß Freiheit und Gleichheit, staatlich garantiert, eine sehr bedingte Berücksichtigung und ziemlich bedingungslose Inanspruchnahme des freien Willens bedeuten; daß Recht und Ordnung einen anderen Zweck haben als die Verhinderung von Gewalt; daß es dem Sozialstaat um das zweckmäßige Funktionieren der Klasse geht, mit deren Armut fest kalkuliert wird, und um sonst nichts; daß die demokratische Konkurrenz um die Macht deren anerkannte Freiheit von allen materiellen Interessen der Wählermassen gewährleistet, also jede Abhängigkeit der Politik vom regierten Volk a u s s c h l i e ß t; daß dieses schon eines darf, nämlich sich als Manövriermasse innen- wie außenpolitischer "Sachzwänge" betätigen - das sind noch immer die unbeliebtesten, aber: Wahrheiten. *** Die Reihe Abweichende Meinungen analysiert wichtige aktuelle Angelegenheiten der nationalen und der Weltpolitik. Daß da vorwiegend Kriegerisches Thema ist, liegt ganz gewiß nicht an einseitigen Auswahlkriterien des Verlages. Karl Held Abweichende Meinungen zu Polen 1982, 320 s., 9,80 DM, ISBN 3-922935-03-6. Die westliche Öffentlichkeit hat den nationalen polnischen Arbei- teraufruhr als Bankrott der "sozialistischen Planwirtschaft" und als Sieg demokratischer und "marktwirtschaftlicher" Prinzipien begrüßt. Weil noch nicht vollends wieder eingemeindet, wird das Land als "europäisches Afghanistan" geführt, an dem sich der "aggressive Charakter des Sowjet-Imperialismus" entlarve. Die massiven Drohungen, mit denen die NATO-Staaten sich von Beginn an in das Geschehen eingemischt haben, gelten als höchstens noch zu vorsichtiger Einsatz für Freiheit und Menschenrechte. Dagegen setzt dieses Buch die Untersuchung der politischen Zwecke und Erfolge der beteiligten Parteien und gelangt zu weniger "begeisternden" Befunden: Der zur oppositionellen Gewerkschaft organisierten Streikbewegung ging es nie um die materiellen In- teressen der Beteiligten, sondern um ein neues Polen im Namen der allerkatholischsten Jungfrau. Die Regierung hat weder jemals eine Planwirtschaft gemacht noch deren Funktionieren gerettet, sondern aus der Verschuldung ihrer Nation an den Westen und aus dem dar- über bewerkstelligten Ruin ihrer Ökonomie ein Stück polnischer Souveränität zu machen versucht. Die Sowjetunion hat die politi- sche Alleinzuständigkeit für ihren wichtigsten Verbündeten verlo- ren. Und der freie Westen hat den "Fall Polen" zum bislang härte- sten ökonomischen und politischen Schadensfall für den "Ostblock" gemacht - eine Politik, deren Zielstrebigkeit nichts Gutes ver- heißt. Theo Ebel Abweichende Meinungen zum Falkland-Krieg 1982, 85 S., 4,80 DM, ISBN 3-922935-04-4 Die bundesdeutsche Öffentlichkeit hat nebeneinander der von Groß- britannien bewiesenen Kriegsbereitschaft Beifall gespendet und Vorbehalte gegen die Zweckmäßigkeit dieses Krieges angemeldet - ein überaus deutlicher Hinweis darauf, was von Seiten kritischer Demokraten im Falle eines als nötig beurteilten "richtigen" Krieges zu erwarten ist! Lernen kann man an diesem Kriegsfall au- ßerdem, wie die Logik der "Abschreckung" folgerichtig in den Krieg hineinführt, den sie angeblich vermeiden soll; wie Gewalt und Diplomatie zusammenhängen; wie der Standpunkt des nationalen R e c h t s sich freimacht von den Gesichtspunkten des N u t z e n s, denen er dient; und was mal wieder die USA mit der ganzen Affäre zu schaffen haben. Herbert Fertl Abweichende Meinungen zu Israel 1982, 128 S., 7,80 DM, ISBN 3-922935-14-1 Bei der Beurteilung des Staates der Juden und seiner kriegeri- schen Glanztaten hat in der "antifaschistischen" BRD seit jeher der Verstand zu schweigen und das geheuchelte schlechte Gewissen des guten Deutschen das Wort. Weil Hitler an den Juden einen kriegsmäßigen Völkermord durchgezogen hat, sind die kriegerischen Zwecke und Taten des heutigen Israel tabu oder mindestens "sehr differenziert", also mit Sympathie zu betrachten. Dabei sind es noch nicht einmal bloß die mit der Existenz eines palästinensischen Volkes unverträglichen völkischen Anliegen des zionistischen Staates, die auf diese Weise jedem kritischen Ur- teil entzogen werden. Kriegsfähig und kriegsbereit ist dieser Staat ja selber nur, weil der Westen ihn zum Vorposten seiner Weltherrschaft im arabischen Raum gemacht hat und als beständigen praktischen "Einspruch" gegen jedes Bemühen der arabischen Öl- und anderen Staaten um weltpolitische Autonomie aufrechterhält. Vom eigenen Staat und seinen demokratischen Verbündeten wird das jüdische Volk hergenommen für die imperialistische "Lektion" an die Nachbarn, daß es lebensgefährlich ist für jeden Souverän wo auch immer, sich mit den USA und ihren Freunden nicht vorbehalt- los gut zu stellen und Herr seiner eigenen Anliegen sein zu wol- len. zurück