Quelle: Archiv MG - WESTEN NATO RUESTUNG - Rüsten für die Vorneverteidigung
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 2, 11.11.1981
ATOMKRIEG BEGRENZT ODER UNBEGRENZT -
EINE SAUBERE ALTERNATIVE
Vor einiger Zeit hat der amerikanische Präsident in einem Inter-
view gesagt, er könne sich einen Schlagabtausch auf dem europäi-
schen Gefechtsfeld vorstellen, ohne daß eine der beiden Groß-
mächte den Knopf für die großen Interkontinentalraketen drückt.
Was hat er damit eigentlich gesagt?
Jedenfalls nichts, was nicht schon längst in aller Deutlichkeit
in sämtlichen NATO-Handbüchern und Verteidigungsweißbüchern der
BRD drinsteht: Die Kriegsstrategie der NATO heißt "flexible re-
sponse" (flexible Erwiderung). Zu deutsch: 30 Jahre Aufrüstung
haben die NATO in Stand gesetzt, dem Osten alle "drei Reaktions-
arten" des modernen Krieges "anzubieten" - je nach Bedarf.
- Die konventionellen NATO-Truppen (Panzerarmee, taktische Luft-
armee, Kriegsflotten) sind so stark, daß sie einen konventionel-
len Krieg in Europa auf lange Sicht erfolgreich führen können,
ohne daß die NATO gleich auf Atombomben zurückzugreifen braucht.
- Die längst in Europa verfügbaren Abschußsysteme für den tak-
tisch nuklearen Krieg, also dem Atomkrieg auf dem konventionellen
Schlachtfeld, bieten leistungsfähige Möglichkeiten, den Krieg
nach eigenem Gutdünken atomar zu eskalieren. (Mit dem Bau der
Neutronenbombe ist die NATO inzwischen so weit, diese Sorte Atom-
krieg wesentlich perfekter zu machen: die "Versaftung" der gegne-
rischen Panzerbesatzungen ohne nennenswerte Verseuchung des
Schlachtfeldes schafft Raum zur "Vorwärtsverteidigung" durch die
eigne Panzerarmee.)
- Mit der sogenannten "Nachrüstung" von Mittelstreckenraketen er-
richtet die NATO eine Raketenstreitmacht, durch die die So-
wjetunion allein von Europa aus mit einer solchen Vernichtungs-
drohung konfrontiert wird, wie sie bisher nur mit den strategi-
schen Interkontinentalraketen von den USA aus möglich war. Letz-
tere, die atomaren Wuchtbrummen in Amerika also (die zur Zeit er-
heblich schlagkräftiger gemacht werden: MX etc.), sind und blei-
ben in der NATO-Stratgie natürlich das letzte und gewaltigste
Mittel.
Der amtierende NATO-Oberbefehlshaber, der US-General Rogers, hat
diese Strategie der "flexible response" vor kurzem in typisch
amerikanischer Offenheit beschrieben:
"Die Strategie der flexiblen Erwiderung bedeutet, daß wir im
Falle eines Angriffs auf der jeweiligen Ebene der Aggression rea-
gieren oder (!) nach unserer eignen Entscheidung eskalieren kön-
nen, falls wir das für notwendig halten."
Im Klartext: Abschreckung bedeutet keineswegs, den Gegner mit der
massivsten Drohung fernzuhalten, über die man verfügt; Abschrec-
kung heißt vielmehr, daß die NATO jederzeit die militärische
Freiheit hat, die Eskalationsstufe zu wählen, mit der der Gegner
vor die Wahl gestellt ist, zu kapitulieren oder die nächste Stufe
und damit die eigene Vernichtung zu riskieren. Abschreckung heißt
also, alle Mittel bereitzustellen, um den Krieg nach
e i g e n e m Ermessen jederzeit für f ä l l i g erklären zu
können.
Soweit der gar nicht gemütliche Sachverhalt, über den Reagan und
die NATO-Verantwortlichen so selbstbewußt reden, daß sie ihr ei-
genes Gerede über die x-fache russische Überlegenheit ganz schön
Lügen strafen: Die NATO plant seit Jahren den S i e g auf dem
europäischen Schlachtfeld, wofür dieses gründlich hergerichtet
wird - und zwar unter tatkräftiger Mitwirkung der europäischen
Regierungen.
Angesichts dessen ist die Sorte Empörung, die etliche
"Sicherheitsexperten" von SPD und FDP über die Reagan-Äußerung an
den Tag gelegt haben, so ziemlich das Letzte. Da regen sich
Leute, die f ü r die "Nachrüstung" und die zugehörige NATO-
Strategie auf dem hiesigen Schlachtfeld sind, darüber auf, daß
der Ami-Präsident s a g t, was jeder dieser Herren weiß und sie
spucken große Töne, daß amerikanische Ä u ß e r u n g e n über
einen "begrenzten Atomkrieg in Europa" die "Geschäftsgrundlage
der NATO" gefährdeten - eine "Geschäftsgrundlage", die sie nie
und nimmer aufkündigen wollen. Da werden sie von Reagan trocken
daran erinnert, was die Geschäftsgrundlage bundesrepublikanischer
Macht und Herrlichkeit ist, nämlich Frontstaat der NATO zu sein.
Und worüber beschweren sie sich? Darüber, daß Reagans Ausdrucks-
weise keine Rücksicht auf ihr deutsches Geschmacksempfinden nimmt
("... könnte der Eindruck entstehen, Europa werde zum Spielball
der Supermächte degradiert.") Sie hätten gerne, daß der Führer
ihrer Führungsmacht es ihnen nicht so schwer macht, die NATO-Pla-
nungen mit der folgenden beschönigenden Sprachregelung vorstellig
zu machen: die NATO sei zur Kriegsverhinderung da und die NATO-
Strategien seien mitnichten militärische Kalkulationen, in denen
für den Sieg des Westens im künftigen Krieg gegen den Osten ein
beträchtlicher Teil der hiesigen Bevölkerung als Kanonenfutter
fest eingeplant ist.
Außerdem: Soll das vielleicht ein Trost für die künftigen Opfer
dieser Strategie sein, wenn auf solch gespielte Empörung hin aus
Washington und Bonn (das Bundeskabinett hat zu der Reagan-Äuße-
rung extra eine Erklärung verfaßt) die Versicherung erfolgt, Ame-
rika würde "im Falle eines begrenzten Atomkriegs in Europa" kei-
nesfalls "ruhig und sicher zusehen"? Was man schon an der Anwe-
senheit einer fast 400.000 Mann starken US-Armee in Europa sehen
könne!
Sehr beruhigend, daß es die hier stationierten amerikanischen
Atomraketen sind, die den "Fall eines begrenzten Atomkrieges in
Europa eintreten lassen! Und sehr beruhigend, daß für diesen
"begrenzten" Fall das "unbegrenzte" atomare Vernichtungspotential
in den USA keineswegs vergessen wird, sondern jederzeit in Be-
tracht kommt!
Der aktuelle Stand der Debatte
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Mittlerweile ist aus dem T h e m a, das Präsident Reagan auf
die Tagesordnung des weltpolitischen Dialogs gesetzt hat, eine
munter geführte Debatte um die letzten Fragen der Menschheit ge-
worden, die die Ebene von Rechtfertigungen bloßer "Nachrüstungen"
entschieden hinter sich gelassen hat. Spätestens mit der Reaktion
aus Moskau-Breschnews Erwiderung, für ihn käme ein "begrenzter
Atomkrieg" nicht in Frage - sollte aber auch deutlich geworden
sein daß es hier keineswegs um eine D i s k u s s i o n, womög-
lich gar noch a l t b e k a n n t e r Grundsätze aus dem an-
scheinend unerschöpflichen Schatzkästlein der NATO-Strategie
geht. Von der idiotischen Vorstellung hierzulande, die Amerikaner
wüßten noch gar nicht so recht, was sie eigentlich wollten, ganz
zu schweigen! Wenn die Amerikaner es für nötig befinden, der Ge-
genseite täglich neue Mitteilungen darüber zu machen, mit welchen
T a t s a c h e n sie bei einem atomaren Schlagabtausch zu rech-
nen habe - mit oder ohne Warnschuß! -, so macht dies schlagend
klar, worüber überhaupt noch zwischen den Weltmächten verhandelt
wird. Statt daß da eine US-Strategie mit sich im Unreinen wäre,
lauter Verwirrungen herrschen und eine Ungeschicklichkeit nach
der anderen geäußert würde, legen es Reagan, Weinberger und Haig
vielmehr mit vereinten Kräften darauf an, beim Feind im Osten
vermutete I l l u s i o n e n in Sachen amerikanischer Ent-
schlossenheit a b z u b a u e n. Die letzten Fragen vor einem
Krieg drehen sich von jeher um den E r n s t der jeweilig ande-
ren Seite!
Inzwischen hat der Hinweis, mit dem Präsident Reagan seine jüng-
sten Klarstellungen eröffnet hat, seine tautologischen Ergänzun-
gen erfahren. Es bleibt bei der Klarheit, daß ein "begrenzter
Atomschlag", auf dem europäischen Frontabschnitt, nicht
u m s t a n d s l o s mit einem globalen Kernwaffenkrieg gleich-
zusetzen ist. Die diesem Satz ganz und gar e n t s p r e-
c h e n d e Kriegswahrheit ist ausdrücklich festgehalten worden:
Ein Krieg mit der Sowjetunion in und um Europa schließt unter
keinen Umständen aus, daß sich dieser n i c h t zu einem
weltweiten Kampf ausweitet. Logisch! Das alles läßt sich auch mit
den Worten eines deutschen Generals sagen: Die NATO verfüge über
soviele "Optionen", daß es unsinnig sei, eine davon
herauszugreifen und für absolut zu erklären. Ganz richtig, denn
die ganze Debatte läuft ja auf die alte Botschaft hinaus: Die
E n t s c h l o s s e n h e i t macht man dem Feind am besten
dadurch klar, indem man ihm die eigene U n berechenbarkeit er-
klärt.
Letzteres - und dies ist der kleine Unterschied - läßt sich von
der Reaktion Breschnews nicht behaupten. Wenn er erklärt, es
könne u n m ö g l i c h einen begrenzten Atomkrieg geben, so
stellt er klar, daß es für ihn (noch) k e i n e Alternative
zwischen Krieg oder Frieden gibt. (Die Drohung mit der totalen
Katastrophe ist eben keine Drohung!) Diese Botschaft ist ein Aus-
bund an B e r e c h e n b a r k e i t.
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