Quelle: Archiv MG - WESTEN NATO RUESTUNG - Rüsten für die Vorneverteidigung


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DER NEUE FRIEDEN

"Die sowjetischen Führer wollen nach wie vor die Weltrevolution, d.h. einen kommunistischen Staat auf der Erde. Für dieses Ziel ist gemäß ihrer Moral jede Lüge und jeder Betrug gerechtfertigt. Wir lassen uns von anderen moralischen Normen leiten." (Ronald Reagan am 29. Januar) Demgegenüber hat die neue US-Administration ihren moralischen Ri- gorismus unter das Motto "Frieden nicht um jeden Preis" gestellt und läßt keinen Tag verstreichen, an dem nicht offiziell demon- striert wird, daß hier keine doppelte Moral vorliegt: Die Füh- rungsmacht des Imperialismus kleidet ihr Ziel nicht länger in Entspannungssprüche, macht Schluß mit überflüssigen Friedensge- säusel und idealistischen Menschenrechtsgefechten. Moralisch ein- wandfrei. Nostalgisches Vorspiel ---------------------- Vor seinem Auszug aus dem Pentagon hinterließ der scheidende Ver- teidigungsminister Harold Brown einen Rechenschaftsbericht, der die "Frankfurter Rundschau" zu der Titelzeile "Brown zieht düstere Bilanz" inspirierte. Angesichts der neuen Töne aus der Hauptstadt der Freien Welt wirkt Browns Bericht defaitistisch, weshalb eine Be- rechnung der folgenden Art mit ihrer Veröffentlichung vorläufig der Vergangenheit angehören wird: "Bei einem umfassenden Nuklearkrieg zwischen der USA und der So- wjetunion könnten bis zu 165 Millionen US-Bürger und bis zu 100 Millionen Einwohner der Sowjetunion ums Leben kommen." Fast schon wie Appeasementpolitik nimmt sich auch die Folgerung Browns aus, wegen ein paar Millionen Toter sei "die Verhinderung eines Atomkrieges die vordringlichste aller Aufgaben der USA im Bereich der Sicherheit." Endgültig nostalgisch schließlich Browns Definition einer US-Po- litik, die mit ihm fürs erste passe ist: "Mit der Politik des militärischen Gleichgewichts müßten die So- wjets davon überzeugt werden, daß ihnen auf jeder Aggressions- ebene erfolgreich Widerstand geleistet werde und daß sie keinen möglichen Ausgang des Kriegs berechtigt als 'Erfolg' bezeichnen könnten." Nun sind auch solchen Äußerungen keinesfalls ein prinzipieller V e r z i c h t der USA auf den Einsatz ihres strategischen Nu- klearpotentials zu entnehmen. Im Gegenteil: Gerade die makabren Berechnungen mit Leichenzahlen sollen dem Gegner verdeutlichen, daß man als USA einen atomaren Schlagabtausch nicht nur überle- ben, sondern zum Endsieg eskalieren kann. Auch aus dem prokla- mierten Ziel einer "Verhinderung" des totalen Krieges darf nicht gefolgert werden, die USA wären zu irgendeinem Zeitpunkt so sehr zum "Frieden um jeden Preis" bereit gewesen, daß sie vor dem Ein- satz ihrer "letzten Waffen" zurückgeschreckt wären. Betont wurde nur, daß vorher alle anderen Mittel des Drucks auf den Feind aus- geschöpft werden würden, ehe man den als "sehr hoch" veranschlag- ten Preis des Atomkriegs riskiert. Auch die Rede vom "militärischen Gleichgewicht" meint keineswegs jene "Patt- situation", die man noch vor ein paar Jahren als Friedensgarant lobte: Sie entspringt lediglich der f o r m e l l e n An- erkennung einer konkurrierenden Militärmacht der SU seitens der USA, wobei aber immer schon festgestellt wurde, daß das "Gleichgewicht" nur auf der Basis der Überlegenheit "stabil" ge- halten werden kann. Nocheinmal Brown: "Die Atomarsenale beider Seiten haben derzeit im wesentlichen einen Gleichstand erreicht... verbleibe den USA auch noch n a c h einem Angriff des schlimmsten Ausmaßes noch eine a u s r e i c h e n d e Gegenschlagskapazität." Optimistische Perspektive ------------------------- In der Sache haben sich durch den Amtswechsel keine Änderung in diesen m i l i t ä r s t r a t e g i s c h e n Kalkulationen ergeben. Das Neue ist jedoch ihr p o l i t i s c h e r Einsatz, mit dem die Reagan-Mannschaft die Welt beglücken will. Die "Verhinderung eines Atomkriegs" ist ab sofort kein Grund mehr, der Sowjetunion irgendwelche "Zugeständnisse" auf irgendeinem Ge- biet und auch nicht auf dem hinterletzten Fleck des Erdballs zu machen. Damit ist auch Schluß mit den apokalyptischen Berechnun- gen über die Vernichtung von Mensch und Material auf b e i d e n Seiten. Unter der optimistischen Parole "Der Sieg ist möglich", wird der Sowjetunion ganz offiziell die Politik des "militärischen Gleichgewichts" aufgekündigt. Das neue politische Selbstbewußtsein der USA, das sich nicht mehr darauf beschränkt, sich der eigenen militärischen Überlegenheit kritisch zu versi- chern, sondern ihr diese als entscheidendes Argument im politi- schen Verkehr vor Augen zu führen, hebt die Ost-West-Beziehungen auf ein qualitativ neues Niveau: Zweck der Außenpolitik der Welt- macht Nr. 1 ist nicht mehr, sich mit dem Gegner über Modalitäten der wechselseitigen militärischen Bedrohung in Verhandlungen aus- einanderzusetzen, sondern die Absichtserklärung, den Ostblock wieder ausschließlich als den Weltstörenfried anzuprangern und ihn für seine i l l e g i t i m e n Aktivitäten, worunter seit Polen auch sein eigener Machtbereich subsumiert wird, zu b e s t r a f e n. Die Ideologie, derzufolge die Weltmächte auf- grund ihrer "selbstzerstörerischen" Waffenpotentiale immer wieder um "friedlichen Ausgleich" gezwungen seien, wird von der Reagan- Administration praktisch widerlegt: Verhandlungen gibt es nur noch, wenn die Sowjetunion die Führungsrolle der USA a n e r k e n n t, und die daraus abgeleitete militärische Über- legenheit a k z e p t i e r t. Eine Wiederaufnahme der SALT- Verhandlungen gibt es also nur dann, wenn die SU ihre Bereit- schaft erklärt, sich ab sofort "anständig" aufzuführen, d.h. sich den von den USA diktierten internationalen Spielregeln zu unter- werfen. "Linkage" heißt die Parole und das bedeutet knallhart, daß über SALT solange nicht verhandelt wird, als die Sowjetunion ihre Interessen in Afghanistan und anderswo in einer Weise wahr- nimmt, die den "Sicherheitsinteressen der USA" widerspricht - vorerst also nicht! Dies der harte Kern der Haigschen Grundsatzerklärung auf seiner ersten Pressekonferenz als Außenminister. Damit man ihn auch richtig verstand, verkündete er noch die Auflösung einer selb- ständigen "Menschenrechtsabteilung" im State Department und als erstes Ergebnis seiner "gründlichen Bestandsaufnahme" bezüglich der Weltlage, daß es sich bei der SU nicht nur um eine "terroristische Großmacht", sondern auch noch um die "Zentrale des internationalen Terrorismus" handle. Das Politbüro der KPdSU rangiert hier nicht mehr als Führung eines S t a a t e s, son- dern als kriminelle Vereinigung. Eine absurde Vorstellung, an die er selbst nicht im Ernst zu glauben braucht, die aber nichtsde- stoweniger zu einer Politik paßt, die sich eine Isolierung der Sowjetunion als Outlaw der Staatenwelt zum Ziel gesetzt hat. Da- mit ist das Leitmotiv für die nächste Runde der Ost-West-Bezie- hungen verbindlich angestimmt. Zwei Wochen Weltpolitik ----------------------- Die ersten zwei Wochen Weltpolitik der Reagan-Regierung fassen sich also in e i n e r Botschaft an die Welt zusammen. Die De- monstration der G e w a l t, zu der die USA im Stande sind: - Die in der Inaugurationsadresse beschworene moralische Selbst- erneuerung ("Let's be proud again to be Americans!") ist nichts anderes als die Zurschaustellung dessen, worauf die Souveränität der USA beruht, nämlich auf der Gewißheit, daß die USA sich kei- ner Erpressung, gleichgültig von wem, zu beugen brauchen, sondern vielmehr umgekehrt jede eigene Drohung auch praktisch wahrmachen können. Mit dem Spruch von "unserer Geduld", die nicht "grenzen- los" sei, wollte der Präsident explizit festgestellt habtn, daß es s e i n e Entscheidung ist, welche Akte fremder Souveräne die USA als "Erpressung" zu definieren gedenken, und daß sie es sind, die deren "Grenzen" festlegen. - die einzige T a t zur Einlösung des Erneuerungsprogramms, das Ausprobieren amerikanischer Macht in einem riesigen Manöver, in dem das Szenario des III. Weltkriegs zum Einsatz kam (100.000 Mann und die gesamte strategische Bomberflotte im Rahmen der Übung "Global shield 81") wurde bei uns zwar als "die größte strategische, Bereitschaftsübung, die jemals in Friedenszeiten stattgefunden hat" in kleiner Aufmachung gemeldet, zugleich aber mit der Lüge garniert, "Zweck des Manövers sei es, die Möglich- keit (!) eines Gegenschlags nach einem Nuklearangriff auf die USA zu üben." - Die H e m m u n g s l o s i g k e i t, mit der die USA ihre Kriegsmaschinerie auszubauen gedenkt und die Entschlossenheit, die europäischen Verbündeten für dieses Vorhaben mehr noch als schon bisher einzuspannen, dokumentiert die letzte Woche lan- cierte Studie des Pentagon über die Verteidigungsmöglichkeiten Europas, welche - wie üblich - mit amerikanischen "Sicherheitsinteressen" gleichgesetzt wird: "11 neue Divisionen für die NATO oder Deutschland kampflos räu- men!" (Die Welt) klingt wie, ein Ultimatum und ist auch so ähnlich gemeint. Mit solchen "Studien" werden vor allem der BRD die Bedingungen d i k t i e r t, unter denen die USA künftig gewillt sind, sie weiterhin als Bestandteil ihrer Verteidigungsanstrengungen zu führen. Daß es sich bei den fehlenden Divisionen um P a n z e r v e r b ä n d e handeln soll, ist konsequent gedacht und zeigt, was unter dem "Schutz" des "atomaren Schirms" der USA für Europa zu verstehen ist. Die einzige "Chance" der BRD soll lustigerweise darin liegen, daß das atomare Potential des großen Verbündeten möglichst nicht zum Einsatz kommt. Die Bundeswehr einschließlich der Bündnisarmeen in Europa soll nach amerikani- scher Auffassung so stark werden, daß sie den Krieg der USA in Europa auch ohne die Atomwaffen der USA e r f o l g r e i c h führen kann. Die bislang gültige Formel, derzufolge eine numeri- sche Unterlegenheit der NATO-Panzerverbände in Europa durch den Einsatz von Atomwaffen lässig kompensiert wird, paßt den USA nicht mehr ins e i g e n e Verteidigungskonzept. P.S. Der Antrag von 24 SPD-Bundestagabgeordneten, den Verteidi- gungshaushalt um 1 Milliarde DM zu Gunsten des Entwicklungshil- feressorts zu kürzen ist deshalb nicht nur unpraktikabel, weil laut zuständigem Minister bis Ende 1981 "gar nicht soviele Hilf- projekte ausgewiesen werden können" - er gefährdet in der Tat "unsere Sicherheit i m B ü n d n i s." zurück