Quelle: Archiv MG - WESTEN NATO RUESTUNG - Rüsten für die Vorneverteidigung
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 11, 09.05.1984
NOTIZEN ZUM AUFRÜSTUNGSALLTAG
Routine und neue Prioritäten - Unter die Routine ist die noch gar
nicht abgeschlossene Aufstellung der Mittelstreckenraketen gefal-
len. Was dagegen früher als Selbstverständlichkeit unterstellt
worden war, hat nun die vorrangige Priorität: die "Stärkung der
konventionellen Abschreckung". Mit dieser neuen Kampfparole mei-
nen die NATO und die Bundeswehr offensichtlich nicht dieses oder
jenes Waffenprogramm, nicht den bloßen Ersatz von altem durch
frisches Gerät. Es wird offen ausgesprochen, daß man dem Ideal
einer "rein konventionellen Kriegsführungskapazität" einen
Schritt näher kommen möchte. Als einem funktionellen Moment einer
Kriegsplanung gegen den Warschauer Pakt versteht sich, die ohne
die sogenannten "nuklearen Eskalationsstufen" für die NATO un-
denkbar ist. Es läuft also jetzt ein Programm der NATO, das der
vorangegangenen Raketenaufrüstung an Bedeutung ebenbürtig ist.
Wieder geht es der westlichen Kriegsallianz um das Ziel, Verände-
rungen im Kräfteverhältnis zur Sowjetunion vorzunehmen, die
s t r a t e g i s c h e Q u a l i t ä t haben. Es ist die Kräf-
telage eines ungefähren Patts, welches in Europa bei den als
"konventionell" definierten Kampftruppen herrscht, mit der sich
die Strategen der NATO einfach nicht abfinden wollen. (Dieser
Stand des Kräfteverhältnisses war im übrigen die Grundlage für
die MbfR-Verhandlungen zwischen beiden Parteien.) Die NATO treibt
der offen dokumentierte Wille, die starke konventionelle Vorne-
verteidigung, die der Warschauer Pakt aufgebaut hat, so zu durch-
löchern, daß die Risiken eines Angriffs k l e i n e r werden.
Dieser Zweck ist die Erklärung der Formel von der H e b u n g
der "nuklearen Schwelle". Beim Feind will die NATO eine Bastion
ins Wanken kommen sehen, die man jahrzehntelang als die Gefahr
beschworen hat, in 24 Stunden sei "der Russe am Rhein". Diese
"Gefahr", die in Wahrheit dafür gesorgt hat, daß der Krieg bis-
lang nicht "ausgebrochen" ist, will die NATO nun - nimmt man ihre
Propaganda von heute ernst - radikaler als bisher an der Wurzel
packen. In den besagten 24 Stunden darf es nach dem festen Willen
des westlichen Militärs nur eine Bewegung geben: nämlich die bis
zum Ural. In diesem Gebiet ist die zweite Auffanglinie der sowje-
tischen Truppen lokalisiert, und diese sogenannte "Zweite Staf-
fel" der Roten Armee möchte die NATO nun g l e i c h z e i t i g
und so s c h n e l l wie möglich zusammen mit der "Ersten Staf-
fel", die gleich hinter dem "Eisernen Vorhang" steht, bekämpfen
können. Das ist der konsequente Ausbau der "flexible response",
wie sich die Kriegsstrategie der NATO nennt, deren Kriegsideal
sich von jeher kurz so auf den Begriff bringen läßt: Der Feind
muß bei der Entfaltung seiner Kräfte gleich im Keim erstickt wer-
den. Das erfordert eben eine Vorneverteidigung bis in die westli-
che Sowjetunion hinein; und für dieses Zielgebiet hat man ja auch
die neuen Raketen geeicht.
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