Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie
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Der einzig sichere Börsentip:
KAPITALISMUSKRITIK STATT KRISENANGST
Verläßliche Auskünfte über den Börsenkrach beschränken sich ei-
gentlich auf ein Datum. Der schwarze Montag 1987 war am 19. Ok-
tober. Das Geschehen: An den wichtigsten Börsen der Welt fielen
die Kurse der dort gehandelten Wertpapiere. Kundige Menschen ha-
ben errechnet, daß insgesamt etwa 500 Mrd. Dollar von irgendwel-
chen Aktionären verloren wurden.
Darüber hinaus liegen Meldungen vor, in denen Beteiligte und Be-
troffene, aber auch Politiker und Wirtschaftsfachleute das Ereig-
nis beurteilen und deuten. Ganz hoch im Kurs steht die Frage, wie
es dazu kommen konnte; andererseits beschäftigt so gut wie jeden
Kommentator das Problem, welche Konsequenzen zu erwarten, zu be-
fürchten und zu ziehen seien.
Der Diagnose, da müßten sich wohl einige Spekulanten verspeku-
liert haben, ist im Grunde recht zu geben. Ob es nun vorzugsweise
"Yuppies", übermütige junge Freunde des schnellen Geldes, oder
alte erfahrene Börsenjobber waren, wissen wir nicht. Letztere be-
schweren sich über den leichtfertigen Umgang mit Risikopapieren,
der durch die rücksichtslosen Streber und die fühllosen Computer
in ihre Welt gedrungen sei. Leider waren solche Klagen während
des Booms an den Börsen nicht zu vernehmen, so daß dieser Grund
keine übermäßige Anerkennung verdient. Mehr Mühe geben sich da
schon die "Analysten" (!), die als Grund des plötzlichen Falls
der Aktienkurse ermittelt haben, sie seien entschieden zu hoch
gewesen, ja die Notierungen hätten sich vom "wirklichen Wert" der
Papiere völlig entfernt. Leider können sie den Brokern auch nicht
verraten, wie hoch der reale Wert einer Aktie ist und wie er sich
errechnet; umgekehrt verraten sie mit ihrer Vorstellung von einem
zur Aktie passenden Wert, daß sie nicht einmal wissen, womit an
der Börse gehandelt wird.
Andere Diagnosen kommen zustande, wenn die Konsequenzen aus dem
Krach besprochen werden. In Form von Forderungen, welche die Maß-
nahmen verschiedener Instanzen betreffen, kommen ganz nebenbei
kleine Schuldzuweisungen in die Diskussion:
- Wenn Beteiligte am Finanzmarkt vom US-Präsidenten "leadership"
und "klare Worte" verlangen, dann scheint ihnen dergleichen bei
den Entscheidungen der letzten Wochen gefehlt zu haben. Dem läßt
sich entnehmen, daß das Nachfragen und Anbieten an der Börse ir-
gendwie vom V e r t r a u e n i n d i e P o l i t i k der
Nation abhängt.
- Wenn die Finanzwelt einen anderen Umgang mit der Staatsver-
schuldung, mit den Zinsen und der Geldmenge einklagt, so scheint
sich das "Mißtrauen", das mehr zum Verkauf als zum Kauf von Ak-
tien bewegte, auf Daten aus dem G e s c h ä f t s b e r e i c h
d e s K r e d i t w e s e n s der Nation zu beziehen.
Dem läßt sich entnehmen, daß der Zustand des N a t i o n a l-
k r e d i t s ein Kalkulationsfaktor für die Börsenmenschen ist.
- Wenn im prompt anhebenden Dialog zwischen Regierung und Fi-
nanzwelt der Kurs der nationalen Währung als das Problem verhan-
delt wird, von dem vergangenes wie künftiges Vertrauen abhängt;
wenn in diesem Zusammenhang das Handelsbilanzdefizit gerügt wird
und zugleich andere Regierungen Vorwürfe serviert kriegen, dann
scheinen die Börsianer zugleich über den S t a n d d e r
i n t e r n a t i o n a l e n K o n k u r r e n z unsicher ge-
worden zu sein.
Dem läßt sich entnehmen, daß V e r ä n d e r u n g e n d e s
E r f o l g s v e r s c h i e d e n e r N a t i o n e n, die
i n d e r W e l t w i r t s c h a f t etwas bedeuten, das Auf
und Ab an der Börse beeinflussen.
- Wenn schließlich sämtliche Anklagen und Forderungen in der Ab-
sicht vorgetragen werden, man wolle eine
W e l t w i r t s c h a f t s k r i s e vermeiden; wenn mitten
im Austausch von Vorwürfen zwischen den Nationen, denen die Fi-
nanz- und Wirtschaftspolitik der jeweils anderen gerade als das
"Gefährliche" und Verkehrte und Untragbare gilt, die Entwarnung
ertönt: "Im Unterschied zu damals findet ausgiebige internatio-
nale Kooperation und Beratung statt" - dann scheint sich an der
i n t e r n a t i o n a l e n K o n k u r r e n z u m K r e-
d i t mehr zu entscheiden als der künftige Geschäftstrend der
Börse. Die Aktienspekulanten sind offenbar nicht die einzigen,
die auf Vertrauen angewiesen sind - obgleich sie als einzige nur
vom Kredit leben und an ihm verdienen, solange ihn andere
stiften.
Von den angeführten, durch alle Medien bekanntgemachten Fakten
und Auseinandersetzungen auf dem weiten Feld von Business und Po-
litik bleibt für demokratisch betreute Zeitgenossen die wenig an-
heimelnde Botschaft über das Spekulationsgewerbe unüberhörbar:
- Mit ihrem Crash erzeugt die Börse weltweit Angst vor dem, nach
dem Krieg, zweitgrößten annehmbaren Unfall, den der Kapitalismus
immer einmal wieder bereithält. Sie verlangt vom Rest der Welt
jede Menge Sicherheit, weil sonst die K r i s e droht - und
ihre Sprecher und geschulten Betreuer finden gar nichts daran,
daß die drohende "Unordnung" des Geschäftslebens davon ihren Aus-
gang nimmt, daß ein paar hundert Spekulanten ein paar Nullen vor
dem Komma vergeigt haben. Daß i h r e Sorgen um das Mißlingen
i h r e r Geschäfte allemal die der ganzen Menschheit, der Re-
gierenden zuallererst, ausmachen, kommt ihnen sehr normal vor -
obwohl die meisten Menschen nie im Leben in eine Börse kommen.
- Das ist zwar nicht sehr vernünftig, wirft aber die Frage auf:
Was befähigt die Börse zu solch enormen Wirkungen, auf welchen
Leistungen beruhen ihre Verdienste, was fehlt im Falle ihrer Ver-
luste? Kurz: Worin besteht ihr Geschäft?
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