Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie


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DIE KLASSEN (I)

Die P r o l e t e n sind weg, an ihre Stelle sind die A r b e i t n e h m e r getreten. Statt der Kapitalisten von einst sind heute A r b e i t g e b e r unterwegs. Aus beiden Abteilungen einer überholten Gesellschaftsordnung sind B ü r g e r geworden, deren Beziehunge nicht mehr durch Gegen- sätze vergiftet sind - vor dem Gesetz ein und desselben Staates sind sie gleich. Übrig geblieben sind ein paar unübersehbare U n t e r s c h i e d e; sie beleben die Diskussionen über so- ziale Gerechtigkeit. So wird die Verantwortung, die jeder in sei- nem Stand zu tragen hat, stets rechtzeitig bekannt gemacht. Auch den Bauern, die jetzt Landwirte sind. Einiges hat sich also verändert. Erstens die N a m e n, zwei- tens die staatliche B e a u f s i c h t i g u n g der Klassen, drittens das K l a s s e n b e w u ß t s e i n. Sonst freilich nichts. Eine frisierte Erfolgsbilanz: ----------------------------- "Demokratie überwindet Klassengesellschaft" ------------------------------------------- Die U m b e n e n n u n g der sozialen Charaktere verdankt sich nicht dem bisweilen auftretenden Bedürfnis, für eine neue Sache auch ein neues Wort einzuführen, so daß sich jederman bei der Er- wähnung des neuen Zeichens auch nichts Verkehrtes vorstellt. Ein- mal durchgesetzt, taugte die Neuschöpfungen alsbald genauso gut zur Bezeichnung eben jener Figuren aus vergangenen Tagen, die da- mals noch gar nicht so geheißen haben. Gerade vergleichsbeflis- sene Soziologen, Historiker, Journalisten und Politiker wissen von der weiland ach so miserablen Lage der "Arbeitnehmer" und von deren Rechtlosigkeit zu berichten. Sie meinen sehr wohl denselben Menschenschlag, von dessen unaufhaltsamen Aufstieg sie erzählen, und ein Vergleich zwischen dem "Lebensstandard" eines griechi- schen Sklaven, eines römischen Söldners und dgl. mit dem eines VW-Arbeiters liegt ihnen gar nicht so sehr am Herzen. Die sprachliche Reform ist einem moralischen Bedürfnis geschul- det. Mit den alten Namen waren Gedanken verbunden, die A n k l a g e n, richtige wie verkehrte K r i t i k, enthiel- ten. Sie waren zu unmißverständlichen Kürzeln geworden, welche eine unausweichliche Verteilung von Schaden und Nutzen, Armut und Reichtum, Unterwerfung und Macht vorstellig machten. Und die neuen Namen stehen für das Bemühen, diesen kritischen Auffassun- gen ihre Berechtigung abzusprechen. Sie sind selbst eine zu Voka- beln verfertigte Ideologie, die sich bei der Retusche an "Proletarier" und "Kapitalist" einer eigenartigen Logik im Umgang mit drei sehr vertrauten Vorstellungen bedient. Mit "Arbeit" ha- ben es beide, und beim "Geben" und "Nehmen" steht die Welt auf dem Kopf. Der sprachpflegerische Nebeneffekt dieser Umtaufaktion betrifft freilich auch den gemütsvollen Gebrauch der überholten Namen, die keineswegs verschwunden sind: Sie sind allesamt zu Schimpfworten geworden. Ein "Prolet" ist für wohlerzogene und feinfühlige Demokraten kein Angehöriger einer Klasse, sondern ein mit Unbildung und sonstigen Unarten geschlagener Charakter - also ein Vorwurf. Dasselbe gilt für den "Bauer", der bekanntlich auch nicht weiß, daß man auf einer Vernissage keine Traktor parkt und Fisch zum Wein ißt. "Kapitalist" darf man getrost diejenigen Exemplare unter den "Arbeitgebern" nennen, bei denen der Erwerbstitel den Glauben an die ihm angedichtete Gabe empfindlich stört. Zur Strafe für die als Ausnahme betrachtete Rücksichts- losigkeit seines Gewerbes wird da einer leicht ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, ideell, weil er dort hinpassen würde. Das schmerzt. Umgekehrter Gebrauch der unschuldigen Wörter ver- weist dafür eindeutig auf marxistisches Ideengut, noch bevor die- ses überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Die unbefangene Be- zeichnung von im übrigen jedermann vertrauten Abteilungen des na- tionalen Wirtschaftslebens durch die "überholten" Wörter ist für Kommunisten sogar ein kleines Problem. An so freundliche Titel wie "Mitarbeiter" und "Kollege" gewöhnt wie an seine proletari- sche Karriere, mag sich mancher Arbeiter letztere auf keinen Fall auch noch "vorhalten" lassen. Obwohl das ganz andere Instanzen tun. Die s t a a t l i c h e n L e i s t u n g e n beschränken sich nämlich keineswegs auf die Beförderung des Gerüchts, heute sei alles anders und "Arbeitnehmer" hätten ganz viel Anerkennung und somit auch ihren neuen Titel verdient. Der Demokratie ist viel daran gelegen, daß ihr Staatsapparat sich dauernd um diese große Abteilung des Volkes k ü m m e r t. Was "Arbeitnehmer" treiben, so lautet der Beleg für den großen Pluspunkt in Sachen "Veränderung" gegenüber früher, ist dem Staat n i c h t g l e i c h g ü l t i g. Und dann kommt jene in der Reihenfolge beliebige Aufzählung von Leistungen, die man umstandslos als Dienst an den Bürgern verstehen soll, die sich mit dem Nehmen von Arbeit beschäftigen. Der klassenlose Zustand unserer Tage wird damit bewiesen, daß der Klasse von einst heute eine s t a a t l i c h e B e t r e u u n g zuteil wird, die sich auf sämtliche Belange von Leuten erstreckt, welche sich mit Lohnar- beit herumschlagen. So hält sich jeder Politiker enorm viel darauf zugute, einen S o z i a l staat zu regieren. Dabei ist er sich durchaus drüber im klaren, mit "sozialen" Taten auf so etwas wie Bedürftigkeit und Not zu reagieren. Dennoch hält er d a s Argument zum Sozi- alstaat, das ihn zum A r m u t s z e u g n i s im wahrsten Sinne des Wortes erklärt, für ziemlich belanglos. Und noch weni- ger stört ihn, daß seine "Fürsorge" in Gestalt von lauter V e r p f l i c h t u n g e n denen gegenüber daherkommt, derer sich der Staat da annimmt. Er versieht vom Steuerabzug an der Quelle bis zur Zwangsversicherung alles mit dem Titel eines Rechts, das er seinen zahlreichen Dauersozialfällen zukommen läßt, und dessen Wohltaten sie zu schätzen hätten. Und dieser U m g a n g mit den "sozial Schwachen" findet selbst dann noch schwer Anerkennung als die ständig vorbuchstabierte Leistung ei- nes Abschieds von der Klassengesellschaft, wenn die Zeitungen die Opfer nach Millionen zählen - seien es Arbeitslose, andere Arme, Kranke oder Behinderte. Selbst im gewerkschaftlichen und linken Lager glauben Kritiker gerne an den Sozialstaat. Sie registrieren ebenso empört wie folgenlos "Sozialabbau", weil sie den Staat wi- der alle Erfahrung als eine Instanz schätzen, die genau das u n g e s c h e h e n macht, was das von ihm verwaltete und ge- regelte Nehmen und Geben von Arbeit a n r i c h t e t. Der be- handelt unterdessen die Sozialkassen als eine konjunkturgemäß zu korrigierende Geldquelle für seine Belange. Die zweite Hälfte des Beweises, daß "Arbeitnehmer" unmöglich Be- standteil einer Klassengesellschaft sein können, übernimmt der historisch verbürgte Fortschritt hin zum R e c h t s staat. Des- sen Überzeugungskraft beruht auf einer ebenso einseitigen wie verbreiteten Sichtweise, die im Recht - und das geht wiederum nur durch einen Vergleich mit Verhältnissen, wo es fehlt - einen ein- zigen Katalog von E r l a u b n i s s e n erblickt. Einmal übernommen, läßt sich diese Sichtweise durch nichts erschüttern. Die V e r b o t e und Verpflichtungen sind angesichts der Tat- sache, daß der Staat Regeln erläßt und gewaltsam durchsetzt, also keine Willkür zuläßt, für Fanatiker des Rechtsstaates nicht der Rede wert. Eher finden sie, daß der Staat oft s e i n e Rechte zu knapp bemißt oder zu lasch ausschöpft - und sich deswegen man- cher zu viel herausnimmt. Alles geht in Ordnung - vorausgesetzt, der Staat hat gemäß dem Recht das Recht dazu geschaffen. Dann geht eben der S c h u t z, mit dem ein jeder das Recht verwech- seln darf, genau so weit, wie das Gesetz es vorsieht. Unerfindlich scheint angesichts dieser jahraus jahrein vorgeführ- ten Praxis, wie sie den Proletarier und den Kapitalisten zum Ver- schwinden bringen soll. Sie schreibt ihnen doch nur vor, was sie in eben ihrem Stande zu tun und zu lassen haben: Hat der Kündi- gungsschutz die Millionen Arbeitslosen verhindert? Das Mietrecht durch das Wohnen gegen Mietzins ein billiges Wohnen ermöglicht, das den Lohn zum Vermögen werden läßt? Regeln Arbeits- und Um- weltschutzgesetze ein gesundes Arbeiten und Leben oder nur die Abwicklung der Schäden, die zu einer Proletarierexistenz nun ein- mal gehören? Sicher, das Recht, vom Tellerwäscher zum Millionär oder vom Arbeiter zum Aktionär zu werden, ist verbrieft. Und den- noch versagt diese Garantie ihre Dienste, was man daran sieht, daß doch relativ viele beim "Arbeitnehmen" bleiben und mit der Aktiengesetzgebung nie zu tun kriegen. Das liegt dann an der Ungerechtigkeit, überhaupt und bei der Ver- teilung von Chancen, auch daran, daß es dumme und gescheite Leute gibt, daß manche in der Schule nicht aufpassen und es schon immer Arme und Reiche gegeben hat. So ähnlich oder genauso geht heute K l a s s e n b e- w u ß t s e i n: Zumindest die eine Klasse mag sich nicht damit abgeben, sich Rechenschaft über ihre eigene Lage zu geben und das Wie und Warum ihrer gar nicht rosigen Lebensumstände zu klären. Daß man arm ist, läßt man sich in diesen Kreisen sowieso nicht nachsagen, obwohl man etwas Besseres verdient h ä t t e. Derweil verdient sich die kleinere Abteilung dumm und dämlich, und sie glaubt sehr selbstbewußt, das wäre ihr Verdienst und schwer gerecht. Von den Kapitalisten -------------------- Sooft das Feld der Polemik und Apologie verlassen wird, sooft also weder von Ausbeutung noch davon die Rede ist, daß diese Men- schen ein personifiziertes Lebensmittel derer darstellen, die "Arbeit" brauchen, gibt es sie doch. Und es unterliegt keinem Zweifel, daß es sich um einen w o h l d e f i n i e r t e n P e r s o n e n k r e i s handelt, der unter dem Titel "Unternehmer" - oder kollektiv: "d i e W i r t s c h a f t" - kaum unter mangelndem Ansehen leidet. Wenn es um den Gang der "Wirtschaft" geht, ist jede Apologie überflüssig, weil die Sorge um ihr Gelingen jeden Gedanken leitet. Die Befürwortung der Werke, welche der "Wirtschaft" obliegen, ist da eine ausgemachte Sache. Und zwar mit dem - explizit oder stillschweigend - geltend gemachten Argument, daß von den E n t s c h e i d u n g e n und E r f o l g e n dieses Gewerbes mit seiner seltsam abstrakten Natur so gut wie alles abhängt. Dem damit verbundenen kategorischen Imperativ, sein Dichten und Trachten darauf zu richten, daß "der Wirtschaft" möglichst alle Probleme erspart bleiben, sollte man besser nicht folgen, wenn man wissen will, wodurch sich das gesellschaftliche Wirken besag- ten Personenkreises auszeichnet. Dann versteht man auch ihre Pro- bleme besser. a) Zunächst einmal schlagen alle gut gemeinten Versuche fehl, die Frage "Warum sind die eigentlich 'die Wirtschaft'?" mit Hilfe der demokratischen Medien und ihrer Informationsbereitschaft zu klä- ren. Bei aller Mitteilungsfreude über Vergnügungen und familiäre Großtaten stellt sich einfach kein Charakterzug, keine "menschliche" Besonderheit heraus, der die Herren und Damen vor anderen Zeitgenossen dazu prädestiniert, auf die "Wirtschaft" aufzupassen. Sie essen und trinken, gehen aus, setzen ihre Kinder auf die Schaukel oder ins Auto, oder sie geben besorgniserregende Befunde über Öl-, Automobil- und andere Krisen zu Protokoll - lauter Sachen, die Professoren, Betriebsräte, Zeitungen und Stammtischbesucher auch vermelden. Manche haben Abitur, manche wieder nicht, selbst Hobbys können sie nachweisen. Noch nicht einmal Zylinder, das ihnen in gewissen Kreisen zugedachte Marken- zeichen, tragen sie bei ihren Terminen; höchstens eines fällt auf bei den zahlreichen Zeugnissen davon, wie sie es mit dem Leben so halten: G e l d spielt keine Rolle. Das hat allerdings nun mit der "Persönlichkeit" herzlich wenig zu tun. b) Zu bedeutenden Persönlichkeiten werden Unternehmer dadurch, daß sie von Berufs wegen ebenfalls mit Geld befaßt sind, und zwar auf eine Weise, die mit ihrem Konsum nur so viel zu schaffen hat, daß sie ihren privaten Verbrauch aus den Erträgen ihres Geschäfts finanzieren. Jener berufliche Umgang mit Geld beruht darauf, daß diesen Bürgern ein V e r m ö g e n g e h ö r t, das sie zum Zwecke seiner V e r m e h r u n g einsetzen. Sie nennen es K a p i t a l, und die Tatsache, daß sie es nicht ausgeben für ihre persönlichen Genüsse, sondern i n v e s t i e r e n, hat wohlwollende Beobachter ihres Treibens dazu angeregt, ihr Ge- schäft mit der Kunst der Entsagung und des Sparens gleichzuset- zen. Dabei besteht ihre Tätigkeit keineswegs in lauter Akten der Unterlassung, sondern in lauter Entscheidungen zur Teilnahme am M a r k t geschehen. Die I n d u s t r i e l l e n kaufen sich von ihrem Vermögen einen Betrieb, erwerben also Produktionsmittel und Materialien, an denen sich gegen einen Lohn Arbeiter zu schaffen machen, so daß die Firma etwas zum Verkaufen hat. Die Differenz zwischen Er- lös und eingesetztem Kapital ist der G e w i n n. Er bildet den Zweck der ganzen Unternehmung, weil er das Vermögen vergrößert. c) Große Geheimnisse sind damit freilich nicht ausgeplaudert. Das weiß ein jeder, daß in der freien Marktwirtschaft die Entschei- dung darüber, ob und wie etwas produziert wird, aufgrund von un- ternehmerischen Kalkulationen fällt. Daran ist die demokratisch verwaltete Menschheit gewöhnt, daß sich Güter aller Art als G e s c h ä f t s a r t i k e l zu bewähren haben, daß ihr Preis das Bedürfnis nach Gewinn zu befriedigen hat und darin die Bedin- gung festgeschrieben ist dafür, daß die gewöhnlichen Bedürfnisse zum Zuge kommen. Öffentliches Ärgernis ruft bestenfalls die Be- hauptung hervor, daß der Staat mit der Lizenzierung des Privatei- gentums eine K l a s s e ins Leben ruft, deren P r i v a t- i n t e r e s s e an der Vermehrung ihres Vermögens zur a l l g e m e i n e n E x i s t e n z b e d i n g u n g des Rests der Welt wird, der im Dienst am Gewinn aufgeht und dabei notwendigerweise schlecht fährt. Dieser Staat, der sich auch dazu herbeiläßt, die Zuwächse an Privatvermögen zusammenzuzählen - was die Eigentümer selbst geflissentlich unterlassen - und mit dem "Wirtschaftswachstum" seine Vorliebe fürs Privateigentum zum Prinzip zu erheben, dem niemand in die Quere kommen darf, bekennt sich zum G e g e n s a t z z w i s c h e n K a p i t a l u n d A r b e i t. Das Kapital trägt diesen Gegensatz aus, in- dem es sich auf die rechtliche Erlaubnis zur Eigentumspflege be- ruft und jedermann die dafür erforderlichen Maßnahmen als "Sachzwang" aufherrrscht. Die Kapitalisten verwenden ihren ge- samten Einfallsreichtum darauf, aus ihrem Geld mehr Geld zu ma- chen, betonen ein ums andere Mal, daß vom Gelingen der Bewegung G - G' alles abhängt - und streiten gleichzeitig ab, daß sie nichts anderes seien als p e r s o n i f i z i e r t e s K a p i t a l. Unter "Verantwortung", "Initiative", "Leistung muß sich lohnen" und "wir schaffen Arbeitsplätze" geht da nichts, wenn sie ihr Recht zur Vollführung von G - G' in lauter Pflichten und Beschränkungen der anderen übersetzen. Weil ihre Privatsache in den Rang eines allgemein geltend gemachten Anliegens erhoben ist, verfügen sie über das selten glückliche Klassenbewußtsein, bloße D i e n e r ihrer e i g e n e n Interessen zu sein. Bei diesem Dienst richten sie all das an, was den bürgerlichen Ver- stand unter dem Titel "sozial" beschäftigt und dem Klassenstaat als zu bewältigende "Fragen", "Übel", "Mißstände" und "Ungerechtigkeiten" angetragen wird. d) Bei den "Beschäftigten" wird aus dem V e r h ä l t n i s v o n L o h n u n d L e i s t u n g, das so entscheidend für den Gewinn einer industriellen Unternehmung ist, eine einzige An- sammlung von E x i s t e n z problemen. Der Standpunkt der L o h n k o s t e n produziert den G e l d m a n g e l der an- deren Seite, die Ausdehnung der A r b e i t s z e i t be- schränkt die frei verfügbare L e b e n s z e i t. Der Preis der Konsumgüter mindert die Brauchbarkeit der Lohnsumme, weil er den Gewinn garantieren muß. Die Erhöhung der Leistung pro Zeit, die eine rentable Ausnützung der teuren Produktionsmittel gewährlei- stet, geht auf die Gesundheit; gleichzeitig werden Arbeitskräfte überflüssig, die sich dann auf dem "Arbeitsmarkt" tummeln, sooft die Produktion "rationalisiert" wird. Die so erzeugte A r m u t läßt die gewöhnlichen Einkommens- und Existenzsorgen der Lohnab- hängigen schon wieder als Segen erscheinen, wenn man sich auf Schadensvergleiche versteht. Zudem tut die Intensivierung der Ar- beit in der U n f a l l statistik ihre Wirkung, die zur Quote von gewöhnlich Kranken hinzukommt. Und jedes Problem, das ein Be- trieb mit seiner Bilanz aufgrund der "Marktlage" mit Konkurrenz und Konjunktur bekommt, artet in eine erneute Zuständigkeit der Lohnabhängigen aus, die für das Gelingen von G - G' seltsamer- weise immer geradezustehen haben. Dabei haben sie überhaupt nichts zu melden, weil es um die Bilanz ihres Vermögens ja gar nicht geht. Ihnen bleibt nur ein Weg, sich um sich zu kümmern: Sie müssen sich als M i t t e l d e s G e w i n n s bewähren, und das geht über billig, Leistung und Opfer. Das hebt ihren "Lebensstandard", den ein marktwirtschaftlicher Demokrat nicht anders zu würdigen weiß als durch lauter Vergleiche mit früher und anderswo, weil da mit der Brauchbarkeit der mittellosen Menschheit auch deren Ernährung gleich ganz entfällt. Entrechtet ist die arbeitende Klasse bei alledem nicht. Sie darf sich sogar um die "Umwelt" sorgen, wenn sie feststellt, daß der rücksichts- lose Umgang mit der Natur zwar "Wachstum" hervorgebracht hat, aber auch elementare Lebensmittel in Gesundheitsrisiken verwan- delt... e) Es wäre ungerecht, den kapitalistischen Industriellen vorzu- werfen, nur auf Kosten einer anderen Klasse, die über kein inve- stierbares Vermögen verfügt, ihr Geschäft abzuwickeln. Sie eröff- nen auch Gelegenheiten des Dienstes, die sich auszahlen. Um den Handel mit ihren Produkten schwungvoll zu gestalten, tre- ten sie die Aufgabe des flächendeckenden Verkaufs an andere ab, die sich an ihrer Stelle mit der Erforschung und Ausnützung des Marktes befassen. An der Geschwindigkeit seines Umsatzes interes- siert, läßt sich der Unternehmer in seiner Eigenschaft als Anbie- ter von Waren gerne v e r t r e t e n. Aus dem Kauf seiner Pro- dukte und ihrem Verkauf wird ein selbständiges Geschäft, in das es sich zu investieren lohnt. Deshalb gibt es ein H a n d e l s k a p i t a l, das von der Differenz zwischen Ein- kaufs- und Verkaufspreis "lebt", d.h. Gewinn macht, weil es den Industriellen Kosten erspart. Nebenbei bringt der Konkurrenzkampf um Marktanteile also eine ganze Zunft von investitionsfreudigen Kollegen hervor, stiftet ein paar interessante Berufe wie die des Vertreters und Werbefritzen, die Gott und die Welt von der preis- werten Ware überzeugen, die sie losschlagen wollen. Ganz zu schweigen von den Kleinhändlern, die ihr weniges Kapital durch ihre und ihrer Familie Arbeit vermehren. Neben ihrer ökonomischen Funktion kommt letzteren wie den Handwerksbetrieben eine nicht zu unterschätzende ideologische Bedeutung zu: an ihnen wollen pro- blembewußte Zeitgenossen und sie selbst erkannt haben, daß Ge- schäft und Arbeit ungefähr ein und dasselbe sind. Dabei beweisen sie nur, daß Kapital unterhalb einer bestimmten Größe nichts Ge- scheites ist, weil es die T r e n n u n g v o n F u n k t i o n u n d E i g e n t u m nicht erlaubt. Diese Trennung ist für einen "Industriellen" selbstverständlich - der trifft Investitionsentscheidungen und unterschreibt Verträge, die ihm seine "Abteilungen" nahelegen und präparieren. Unter sei- nem Personal finden sich technische Fachleute und "Vorgesetzte", die die Produktion organisieren und kostengünstig auslasten. So sorgen Kapitalisten für die Anreicherung der Berufshierarchie, in der Lohnabhängige ihre Konkurrenz austragen und für den Beweis gut sind, daß es auf den Gegensatz von Kapital und Arbeit nicht (mehr) ankommt, weil es ja so viel dazwischen gibt. Als ob F u n k t i o n e n d e s K a p i t a l s, als besserbezahlte Lohnarbeit verrichtet, das Klassenverhältnis außer Kraft setzen würden! Wegen der Kontinuität ihrer Geschäfte, wegen ihrer Sorge um "Liquidität" zu jedem Zeitpunkt, an dem wieder gekauft, also be- zahlt werden muß, lassen sich Industrielle auch den nötigen Kre- dit etwas kosten. Daher lohnt sich auch das G e s c h ä f t d e r G e l d k a p i t a l i s t e n, die sich mit dem zinsträchtigen Handel mit Schulden befassen. Ihr Geschäftsartikel ist Geld, das einen Preis hat - einen, den sie zahlen, weil es ihnen überlassen wird, und einen, den sie verlangen für gegebenen Kredit. Mit der arbeitenden Klasse haben diese Kollegen nur inso- fern etwas zu tun, als sie deren Spargroschen kapitalisieren. An- sonsten beschränken sie sich auf die Beschäftigung von Angestell- ten, die garantiert nichts produzieren und doch ein Gehalt bezie- hen, was einen Beitrag zur Widerlegung der "Arbeitswertlehre" ab- gibt - wenn man es so sehen will. Einmal in Aktion, betreuen B a n k i e r s schlicht den K a p i t a l m a r k t. Sie sor- gen dafür, daß jeder Pfennig Geld, der nicht per Versilberung von Waren aus G ein G' machen hilft, als Kapital fungiert, als "G e l d a r b e i t e t". Banken sind Einrichtungen, die Ernst machen mit dem R e c h t d e s E i g e n t u m s a u f s e i n e n Z u w a c h s. Und wenn die Gewährung dieses Rechts in Gegensatz gerät zu den tatsächlichen Erträgen, findet Wechsel und/oder Entwertung von Eigentum statt, nie aber dessen Infrage- stellung. Daß die Investition von Kapital nichts mit der Beson- derheit der Produktion, mit der Eigenart des Produkts zu tun hat - diesen Beweis bleiben die Banken jedenfalls nicht schuldig. Im Handel mit "Papieren" aller Art emanzipiert sich die besitzende Klasse sehr offenkundig von der Festlegung ihres Kapitals auf ir- gendeine Branche des Geschäfts. Sie vergleicht Zinsen mit den Er- trägen einer Fabrik, den Kurs von Aktien miteinander und mit Staatsanleihen und anderes mehr - und am Ende ist nicht nur das Vermögen der Bank "gestreut". f) Die guten Werke der Kapitalisten sind keineswegs damit er- schöpft, daß sie sich in den Kollegen von der Handels- und Kre- ditfront eine Konkurrenz leisten, die schließlich dahin führt, daß ein halbwegs potenter Geschäftsmann in sämtlichen Abteilungen zu Hause ist bzw. Banken überall beteiligt sind. Kapitalisten brauchen auch nicht nur Arbeiter, sondern auch jede Menge staat- lichen Engagements für ihr Geschäft. Auch das schafft Arbeitsplätze, von denen dann niemand mehr so recht weiß, ob ihre Besitzer nun zum Kapital oder zum Proletariat gehören. Während freiheitlich denkende Menschen mit der Wahrneh- mung, daß einige Charaktere der bürgerlichen Gesellschaft weder noch sind, gleich den Gedanken verbinden, daß die Geschichte mit den Klassen allemal zu undifferenziert sei, sind Linke eine Zeit- lang mit zwei Fehlern hervorgetreten. Der erste bestand darin, eine Z u o r d n u n g zu versuchen, wo nichts zuzuordnen ist. Der zweite leistete sich eine Verwechslung - die von ökonomischer Rolle bzw. Lage mit dem politischen Willen von sozialen Charakte- ren. Auf diese Weise kämen so absurde Debatten zustande wie die über die produktive und unproduktive Arbeit, in der bisweilen streng moralisch über die Revolutionstüchtigkeit von Berufszwei- gen und Kleinbürgern gerechtet wurde. Inzwischen sind die Teil- nehmer dieser Debatten in Amt und Würden, auch bei den Grünen oder Frauen, und sie haben ihr Desinteresse an einer Revolution längst eingestanden. Das kommt allerdings nicht von ihren Ar- beitsplätzen. Deren Verhältnis zu Kapital und Arbeit ist so schwer nämlich nicht zu durchschauen: A u s b i l d u n g ist organisiert als A u s l e s e - und entsprechend sieht sie aus. Der Bedarf an Naturwissenschaft und Technologie gehorcht den Konkurrenzinteressen des Kapitals, das erst in der Phase der Machbarkeit ein Geschäft aus der Wissen- schaft zu machen weiß. Ideologische Betreuung der gebeutelten Menschheit tut immer not - die staatliche Pflege des entsprechen- den Geistes in Forschung und Lehre findet statt. Kurz: Die Skala der Berufe in Universität und Schule steht in einem eindeutigen V e r h ä l t n i s z u den Klassen, und zwar ganz ohne ökono- mische Zuordnung. Daß sich da gewöhnlich Arbeit nicht gegen Kapi- tal, sondern gegen staatliche Revenue tauscht, ist längst gesagt. Und daß aus der Not der Versicherung die Tugend eines Geschäfts- zweigs wird, ist auch nicht erstaunlich. Dasselbe gilt für den Ärztestand und andere Volksbetreuer. Als Faustregel empfehlen wir hier: je Verantwortung, desto klassenbetreuerischer! zurück