Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie


       zurück

       

DIE KLASSEN (II)

Kleine Zwischenbemerkung, nochmals die -------------------------------------- Leugnung der Klassen betreffend ------------------------------- Während es in Sozialkundebüchern, im Parlamentsdebatten und in Soziologievorlesungen die Bemühung gibt, gegen das Urteil anzu- rennen, das unsere Gesellschaft eine Klassengesellschaft schimpft, ist dieses Urteil selbst weder die Theorie von Marx noch die Aussage des vorliegenden Artikels. Es wäre auch etwas dürftig, über das soziale Getriebe von 60 Mio. Leuten, die in Fa- briken und Banken, Mietskasernen und Kirchen, Fußballstadien und Gewerkschaften verkehren, eine allgemeine Bestimmung herzubeten, die für Altertum und Mittelalter genauso stimmt - und sie genau- sowenig bestimmt. Wo z.B. bei Marx ein Aufheben gemacht wird mit dieser abstrakten Allerweltsphrase, so deswegen, weil irgendwel- che Liebhaber der bürgerlichen Welt meinen, an der Konzession des besagten Urteils, an der Genehmigung des bösen Namens im Prädikat hänge Wunder was, womöglich die Erlaubnis zu Kritik und die Be- rechtigung von Opposition. Und weil sie ihr bißchen Geist darauf verschwenden, das in ihren empfindlichen Ohren wie eine Verdam- mung klingende Sätzchen einfach zu verneinen. Das Bedürfnis indes nach einer abstrakten Allgemeinheit, die man unserem nationalen Verein rechtschaffener Menschen als ihr Cha- rakteristikum zuschreiben kann, ist gerade bei den Fanatikern des Satzes "Wir leben in keiner Klassengesellschaft (mehr)" enorm ausgebildet. Die Ergebnisse - Leistungs-, Tausch-, Wohlstands-, Freizeit-, Überfluß- etc., auch offene Gesellschaft sind, für sich genommen, genau so dürftige Beurteilungen, aber genauso auch als kritische Phrasen gemeinte Auskünfte wie die stramme Versi- cherung "Klassengesellschaft". Sobald freilich einer versucht, die Wahrheit des Etiketts zu beweisen, das er einerseits als die für ihn "problematische", bedenkliche und schädliche Eigenart "der Gesellschaft" in die Welt setzt, andererseits eben als die E i g e n a r t, das B e s t i m m e n d e verstanden wissen will, sieht es schon anders aus. Daß einer das Geschehen in einer Bank, die Hierarchie der Berufe, die schulische Auslese, das Fließband etc. daraus begründen könnte, daß sich alles um Frei- zeit oder Leistung dreht, ist uns nicht bekannt. Geläufig sind uns die einschlägigen Traktate wohl, aber als Ansammlung von je- der Logik spottendem höheren Blödsinn. Die Botschaft ist gewöhn- lich eine moralische, der Art, daß mit den Zeitgenossen manches nicht nach Wunsch läuft, daß sich ein Verfall von Werten und an- deren schönen Dingen abzeichnet und "wir", wenn nicht gleich die maßgeblichen Instanzen, schwer aufpassen müssen. Die moralischen Imperative fallen dabei ziemlich elitär aus, und sie wollen auch gar nichts ändern außer das V e r h a l t e n v o n M e n s c h e n, die die - Zeichen des Niedergangs - im Unter- schied zum Dichter - noch blind an sich abtropfen lassen. Analoge Fortsetzungen gibt es selbstverständlich auch im Umgang mit dem Titel "Klassengesellschaft". Die Geschichte des Marxismus ist voll von Beispielen, in denen die Klassen auf den Gegensatz von Gut und Böse, gerecht und ungerecht heruntergebracht werden. Die moralischen Imperative heißen dann "Kampf" oder "Solidarität", und die Frage nach dem Wofür und Wogegen eröffnet einen fast vollständigen Katalog bürgerlicher Ideale: gegen Will- kür, um Rechte, auch um die des "Menschen". "Echte" Demokratie hat in dieser Sorte Klassentheorie einen enorm hohen Kurs, nur weil der Standpunkt der Arbeiterklasse in der "real existieren- den" Demokratie zu kurz kommt. Darüber wurde ganz der Unterschied zwischen der nach wie vor "Revolution" genannten Veränderung und einer intakten Vertretung dieser pflichtschuldigst arbeitenden Klasse im Staat vergessen. Der Widersinn von Anklagen wie der, daß zu wenig kleine Leute in großen Ämtern zu zählen sind, fällt da ebensowenig auf wie die Absurdität von dem Heer von Millionen, das ein paar Millionäre bei Kasse und Laune hält. Insofern ist der moralische Marxismus auch gut bedient, wenn ihm die Karriere in die politischen Instanzen eröffnet wird, wo er dann sein Da- sein als Sozialkritik für Volksvertreter fristet. Im Partei- enstreit kann sogar Wahlen gewinnen, wer die "sozial Schwachen", im Rahmen des von den "Sachzwängen" Erlaubten, mehr zu berück- sichtigen verspricht und nicht alle Lasten so einseitig verteilen möchte. Mit der Analyse d e r Klassengesellschaft, von der bei Marx und in diesem "Gegenstandpunkt" die Rede ist, hat das allerdings we- nig zu tun, genausowenig wie mit ihrer Abschaffung. Das kommt da- her, daß uns an der forschen Behauptung, d a ß e s e i n e ist, wenig liegt. Eher schon geht es darum, w a s f ü r Klas- sen es gibt, wodurch sich ihre Taten auszeichnen und was sie not- wendig bewirken. Letzteres nicht nur in ihren Gegensätzen zuein- ander, sondern auch in dem Sinne, welchen Staat sie brauchen bzw. wie sich der bürgerliche Staat auf ihre Erfordernisse einstellt. Insofern ist das "Problem", das mancher historisch und sozial denkende Wissenschaftler wälzt, bislang auch gar nicht aufgetre- ten: Die Rede ist von der intellektuellen Spitzenleistung, den Gegensatz von Kapital und Arbeit, den Kapitalisten und Lohnarbei- ter austragen und aushalten, erst in die Behauptung zu verwan- deln, Marx hätte gesagt, es gäbe nur solche und solche. Um dann angesichts von Apotheker, Lehrer und Pfarrer erschreckt das Be- dürfnis zu verspüren, die "Gliederung " der Gesellschaft doch nicht dem "marxistischen Ansatz" gemäß vorzunehmen. Oder um gleich in einem Schaubild die ganze Nation entweder nach Einkom- men, Bildung oder Prestige zu sortieren und das für eine Theorie auszugeben. Diesen "Alternativen" läßt sich im Rahmen einer höf- lichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung nur attestieren, daß sie so froh über die von ihnen gewählte Art des U n t e r s c h e i d e n s sind, daß sie sich um das W a r u m u n d W i e s o ihrer Unterschiede gar nicht mehr bekümmern. Noch höflicher und ausnahmsweise methodisch soll das an Marx exe- kutierte "Mißverständnis" richtiggestellt werden. Der gute Mann hat behauptet, daß in der von ihm untersuchten und von uns leider immer noch vorgefundenen Produktionsweise, die auf dem Privatei- gentum beruht, so gut wie alles vom Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit b e s t i m m t ist. Oder - um einmal ein Lieblings- argument moderner Sozialwissenschaft richtig zu gebrauchen - daß die Nicht-Kapitalisten und Nicht-Proletarier F u n k t i o n e n ausüben für diesen Gegensatz. Sie verdanken sich diesem Gegensatz und dienen dem Erfolg des Kapitals. Was die Darbietung der "Klassentheorie" von Marx außer eben der Erklärung, warum es heute so zugeht, wie es zugeht, sonst noch soll, ist sehr einfach. Wer bemerkt, wie korrekt da die soziale Marktwirtschaft auch im Modell Deutschland dargestellt wird, hat mit einem Mal einen kleinen Leitfaden an der Hand, und zwar für sein I n t e r e s s e. Es ist nämlich kein Kunststück, von den "sozialen Unarten", die einen in der Tarifrunde, beim Mietzins, in Sachen "Umwelt", bei den Arbeitslosen, bei den Abzügen auf dem Lohnstreifen oder im Studium das Vertrauen auf Gott und die Ge- rechtigkeit verleiden, rückwärts auf ihren Grund zu schließen. Also zu wissen, wogegen man anzutreten hat, wenn man wirklich "etwas ändern" will. Wenn man das "Ändern" nicht als Phrase ver- steht, die sich Wende-Politiker wie der ADAC und Steuerreformer gleichermaßen zu eigen machen und nur meinen, daß alles genauso noch besser funktionieren könnte. Wenn man also nicht nur Anlässe für Unzufriedenheit akkumulieren will. Im übrigen fängt Kritik nicht damit an, daß sie an sich die kri- tische Frage stellt, ob sie weitergeht, praktisch und konstruktiv ist. Sie beginnt damit, daß man sich Rechenschaft ablegt darüber, woher all das kommt, was man als Belästigung und Schaden wahr- nimmt. Wer auf das bißchen Ursachenforschung verzichtet, vertut sich womöglich im Engagement, sucht sich Ort, Zeit und Adressat wie Gegner seiner Bemühungen verkehrt aus. Dann vergeht seine Ju- gend, und er war in Mutlangen und Wackersdorf zelten, hat seine Zeit im Frauenbuchladen verplempert und Grüne gewählt, während die Klassengesellschaft funktioniert, daß es kracht. Von den Grundeigentümern ------------------------ Wenn es darum geht, zum eigenen Vorteil auch anderen eine Aufgabe und ein Einkommen zukommen zu lassen; leistet die Kapitalisten- klasse Bemerkenswertes. Sie organisiert eine friedliche Koexi- stenz zwischen Industrie, Waren- und Geldhandel, wobei sich die Konkurrenz zwischen den großen Industriellen und den überkommenen Zweigen der Geldvermehrung auf einen Streit um Prozente be- schränkt. Sie gestattet dem Staat sogar, riesige Mengen von ver- staatlichtem Reichtum darauf zu verwenden, daß b r a u c h b a- r e L e u t e stets in ausreichender Menge vorhanden sind. Diese aus dem Geschäftsleben ausgegliederten Zweige der nationalen Volksbetreuung sind - im Unterschied zur Periode der Durchsetzung der Produktionsweise - inzwischen von jedem Un- ternehmer anerkannte Notwendigkeiten, so daß sie mit ihren Orga- nisationen die möglichst effektive Erledigung des Ausbildungs- und Gesundheitswesens verlangen. Noch zuvorkommender freilich be- nimmt sich diese Klasse gegenüber einer Abteilung der modernen Geschäftswelt, die nun wirklich nicht von sich behaupten kann, etwas Nützliches für das in hohem Ansehen stehende Wachstum "der Wirtschaft" beizutragen. Die G r u n d e i g e n t ü m e r, einst in Kreisen der aufstrebenden Industrie als Schranke für den produktiven Umgang mit Eigentum ziemlich unbeliebt, sind heute so gut angesehen; daß sie als "parasitäre" K l a s s e gar nicht mehr wahrgenommen werden. Höchstens als e i n Geschäftszweig mit eigenen Usancen und Konjunkturen sind sie bisweilen Gegen- stand der öffentlichen Sorge und Polemik, wenn z.B. wieder einmal wer über den Immobilienmarkt erschrickt. Und diesen Leuten ist es sehr recht, als Bestandteil der gewöhnlichen Geschäftswelt zu gelten. a) Das sind sie aber keineswegs. Denn ihr Geschäftsmittel ent- steht durch eine Eintragung ins Grundbuch. Daselbst ist nichts Geringeres beurkundet als die Ungeheuerlichkeit, welcher Flecken Erde - neben der Luft die elementarste Lebens- und Produktionsbe- dingung - wessen Eigentum ist. Die Monopolisierung von Grund und Boden, die ausschließliche Verfügungsgewalt über ein Trumm Natur - zu welchem Zwecke es auch immer taugen mag - macht da einen Bürger glatt zum vermögenden Mann. Denn kaum - steht fest, wie- viel Quadratmeter einem gehören, geht die S c h ä t z u n g seines Besitzes, den nach der Überlieferung entweder Gott oder ein anderer großer Knaller geschaffen hat, in Geld los. Und das hat wenig damit zu tun, daß es sich beim Boden - so die landläu- fige Auffassung von der Ausschließlichkeit des Eigentums auf die- sem Felde - um ein knappes Gut handelt. Vielmehr damit, daß in der Welt des Kapitals Eigentum eben der Erwerbstitel schlechthin ist, daß d e r Nutzen, der aus dem Eigentum entspringt, in ei- ner "Geldwirtschaft" eben G e l d ist. b) Größere "Bodenreformen" kommen in Kriegen und Revolutionen vor, in der Geschichte des Kapitalismus nicht. Der Sachwalter von Recht und Ordnung, der Staat, hat es jedenfalls nie so recht aus- probieren wollen, das Areal in seinen Hoheitsgrenzen so aufzutei- len, daß jeder den Grund und Boden sein eigen nennt, den er zu nützen weiß, für Produktion wie fürs "Leben". Irgendwie ist es immer dahin gekommen, daß viele kein Fleckchen Erde hatten, an- dere zu wenig für ihren Bedarf und einige ganz viel, so daß sie auch wieder nichts damit anstellen konnten. Jedenfalls nicht selbst. Für diesen kleinen Widerspruch mußte in der Marktwirt- schaft keine neue Lösung gefunden werden - in Form der P a c h t gab es schon seine längst erprobte Bewältigung. Der Eigentümer hat etwas von seinem Besitz, den er selbst gar nicht nützen will, und der Pächter nützt den Besitz, der ihm nicht gehört, wofür er selbstverständlich dem Eigentümer verpflichtet ist. Dieses harmo- nische Verhältnis bekommen vor allem die zu spüren, die Boden a l s d a s P r o d u k t i o n s m i t t e l s c h l e c h t- h i n benötigen und nicht haben. Bei den Bauern, wo die Größe der bebauten Fläche seltsamerweise den Ertrag bestimmt, wurde und wird aus der Not in Sachen Eigentum an Erde die Tugend des Grundeigentümers. Sein Land wird zur E i n k o m m e n s- q u e l l e - und das einzige, was er dafür tun muß, ist der Abschluß des Kontrakts. Der geneigte Pächter weiß von da an, daß er den von ihm erwirtschafteten Ertrag, der längst nicht mehr in Naturalien, sondern in Geld besteht, das er auf dem Markt dafür erhält, teilen muß. Insofern ist der Grundbesitzer auch ganz im Recht, wenn er sein Eigentum mit Kapital verwechselt. Er schießt zwar kein Geld zur Produktion vor, das sich über die Vermittlung des Arbeitsprozes- ses und den Verkauf eines Produkts ein wenig vermehrt. Aber w i r k e n tut sein Eigentumstitel geradeso wie in den Geschäf- ten, in denen Kapital als Kredit tätig wird. Das zeitweilige Überlassen seines Eigentums an andere, die er es benützen läßt, verschafft ihm ein Einkommen. So daß er sich ganz entsprechend einem Aktienbesitzer ans K a p i t a l i s i e r e n seines Grundbesitzes macht. Damit ist nicht eine Investition in sein Ei- gentum gemeint - die Verbesserung des Bodens durch Arbeit und Dünger erledigt der Pächter auf eigene Rechnung - sondern die Er- mittlung des W e r t s s e i n e s E i g e n t u m s. Aus der Rente, die er über das Verpachten erzielt, schließt er durch den Vergleich mit den Zinsprozenten, die andere für ihre verliehenen Gelder oder andere Anlagen einstreichen, auf den P r e i s, der ihm für den Verkauf seines Bodens zusteht. Das darf er, weil er ja Produktionskosten und so schlecht in Anschlag bringen kann. Bauern, die sich zwecks Erweiterung ihres Hofes ein paar Hektar dazukaufen wollen, können dann an ihren Verkaufspreisen sehen, ob sie sich das erlauben können. c) Umgekehrt bemerken Grundeigentümer an der N a c h f r a g e nach ihren Ländereien also, was sie "wert" sind. Und zwar in bei- den Fällen, dem der Pacht und dem des Kaufs. So wie sie in den Genuß eines Einkommens gelangen, ohne mit der Vermehrung des ge- sellschaftlichen Reichtums das Geringste zu tun zu haben, werden sie auch Nutznießer des Wachstums, das die anderen zur Blüte bringen. Wenn es einer von den Revisionisten aller Länder so umhegten kleinen oder mittleren Bauern durch Einsatz von Familienarbeit und angesicht des Agrarmarkts gelingt, seinen Hof zu erweitern, so ist das den Grundbesitzern recht. Das gilt für das Verpachten wie für das Verkaufen. Daß der Bauer selbst seines Grundbesitzes so recht nie froh wird, kommt daher, daß er die fällige Rente nicht aufgrund seines Eigentums einstreicht, sondern wegen seiner Arbeit. Und noch nicht einmal die außergewöhnlichen Leistungen des Bauern sind eine Garantie dafür, daß ihm sein Vermögen etwas bringt. Denn der Markt bietet für den Nährstand manche Tücken. (Vgl. MSZ 6/1986) Wenn die Agrikultur nicht klein oder mittel, sondern industriell betrieben wird und floriert, so ist das den Grundbesitzern schon wieder recht. Das belebt nämlich die Konkur- renz um ihr Grundeigentum enorm, und der Preis des Bodens lockt zum Verkauf. Und selbst die unvermeidlichen "Krisen" in der Land- wirtschaft sind für diese Klasse kein Grund zur Trauer. Dafür sorgt die Akkumulation von Kapital, die Erweiterung von Produk- tions- und Zirkulationsgeschäften, die ebenfalls Platz braucht, also Nachfrage nach Grund und Boden hervorbringt. d) So richtig lukrativ wird das Grundeigentum, wenn es sich sein Recht von Industrie und Kommerz verschafft. D a s Kapital braucht Flächen nicht zum Anbau von Getreide, sondern zum Auf- stellen von Fabriken, Lagern und Kaufhäusern. Es ist auch von vornherein in anderem Maß zahlungs- und kalkulationsfähig als ein Bauer. Und die Entrichtung eines Preises mit ein paar Nullen vor dem Komma lohnt sich manchmal schon wegen eines Standortvorteils oder Zeitvorsprungs gegenüber der Konkurrenz, die natürlich auch nicht schläft. Was die lizensierte Grundrente historisch an Bau- ern mehrerer Generationen angerichtet hat und noch heute bewirkt, ist sicher kein Witz - vom Maßstab des Geschäfts mit dem Artikel Grund und Boden her gesehen aber beläuft sich der Reichtum, der früheren Grundeigentümergeschlechtern als Tribut abgetreten wurde, auf recht lächerliche Größen. Wo Industrie, Handel und Banken schon sind, findet man Quadratme- terpreise, die um das Vielfache höher sind als auf dem Lande - und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie des Geschäfts wegen bezahlt werden können und müssen. Sie sind Bestandteil der Kalku- lation und gehen in die Kosten der residierenden Unternehmen ein. Freilich ändert das nichts daran, daß diese Kosten als Überschuß "erwirtschaftet" werden müssen, um in die Hände der Grundbesitzer zu gelangen. Die dieser Klasse, welche keine Produktionskosten kennt, überwiesenen Gelder werfen insofern auch wieder ein Licht darauf, was sich heute mit der Arbeit anderer Leute, die außer ihren Konsumtionsmitteln kein Eigentum haben und dies eben regel- mäßig verbrauchen, anstellen läßt. Wo Industrie, Handel und Banken sich erst breitmachen, steigen die Quadratmeterpreise, als ob mit dem Terrain wundersame Wand- lungen vor sich gegangen wären. Kaum erläßt ein Kommunalparlament einen neuen Bebauungsplan, kaum hat in einem Regierungsbezirk ein neues Raumordnungsverfahren begonnen, weil die verantwortlichen Staatsdiener die Tendenzen und Bedürfnisse "der Wirtschaft" er- späht haben, hebt eine muntere Bewegung auf dem Immobilienmarkt an. Und damit Angebot und Nachfrage auch wirklich zu ihrem Gleichgewichtspreis finden, der die Grundeigentümer lachen macht, gibt es auch die professionellen Vertreter von Eigentümern und Käufern, die M a k l e r. Besser noch macht sich jedoch der Handel mit Grundstücken, der sich nicht aufs bloße Vermitteln des Geschäfts gegen Gebühren beschränkt, sondern erwirbt, um zu ver- kaufen. S p e k u l a t i o n a u f d e n B o d e n u n d s e i n e n P r e i s. Der Markt von Grund und Boden wird auf seine Veränderungen hin besichtigt, die rechtlichen Bedingungen, wirkliche wie zu erwartende, werden erkundet oder beeinflußt - so kommen Baulöwen und Stadträte ins Gespräch - und fertig ist die "Schmiergeldaffäre". So genannt darf sie aber nur werden, wenn wirklich Rechtsverstöße, bewiesene, vorliegen - sonst ist es eine Verleumdung eines ehrbaren Dienstleistungsgewerblers. Grundeigentümer unterscheiden sich also sehr wohl von Bauern. Er- stens haben sie es nicht mit der Bearbeitung ihres Grundes, zwei- tens unterscheiden sie ihn nur nach einer Beschaffenheit - da- nach, was er geldlich einbringt; was drittens einschließt, daß sie keinen bestimmten Quadratmeter behalten oder losschlagen wol- len, weil sie den Bodenpreis lieben und nicht die Scholle, ge- nauso wie ein Aktionär nicht die Firma, sondern den Kurs der Ak- tie spannend findet. Insofern wird um die Besonderheit dieser Klasse, die das Grundeigentum als Geschäftsmittel repräsentiert, zu Recht kein extra Aufhebens gemacht. Sie ordnet sich ein in die Geschäfte mit dem Kredit, wo das Eigentum einen Rechtstitel auf Erwerb darstellt. e) Leider kann man von den Grundeigentümern nicht behaupten, daß sie der restlichen Menschheit gestohlen bleiben können. Was sie im Verein mit dem Geldkapital und im Vergleich mit Anlagesphären der Börse etc. vollführen, will nämlich finanziert sein. Und zwar in einem doppelten Sinne. Erstens sollen die Gelder, die nicht der Bereicherung eines Unternehmens und seines Ausbaus dienen, sondern der Absurdität eines Bodenpreises anheimfallen, "erwirtschaftet" sein. Irgendwer muß ja für den Überschuß sorgen. Zweitens - und das ist nicht ganz dasselbe, will ja die in die Kalkulation der Kosten eingehende Verpflegung der Grundeigentümer auch an den Waren realisiert sein, die einem Karstadt und Hertie auf dem teuren Grund offerieren. Und drittens gibt es ausgerech- net dort, wo sich Industrie und Handel ein Stelldichein geben, immer auch noch merkwürdig viele gewöhnliche Leute. Das Ganze heißt dann "Ballungszentrum" und wirft die Wohnungsfrage auf. Diese ist vom - nun - H a u s- u n d G r u n d b e s i t z e r aus besehen eine Frage der "Verzinsung" seines Kapitals. Er kennt den "Wert" seines Grundstücks, verkauft es ideell und legt es ebenso ideell an; daraus ergibt sich schon einmal ein Anrecht auf einen ordentlichen Mietzins. Zweitens hat er ein Haus gebaut, also Kapital investiert, mit dem er genauso verfährt. Und nur dann, wenn sich die Sache lohnt - im Vergleich mit anderen Anla- gesphären - hält er das Vermieten bzw. Erstellen von Wohnungen für ein gerechtes und machbares Geschäft. Letzten Aufschluß gibt ihm auch hier der M a r k t. Und der ist gut, wo im Schlepptau des Kapitals dessen Lohnabhängige, im Gefolge der Universität die Studenten, im Kielwasser der Kultur deren zahlungsfähiges Umfeld w o h n e n m ü s s e n und w o l l e n. Nicht ganz genau so sieht die Sache von seiten der Mieter aus, weil für sie der Mietzins ein T r i b u t f ü r d a s D a c h ü b e r d e m K o p f ist, der das frei verwendbare Einkommen erheblich einschränkt. Ihr Wohnen ist von ihrem Standpunkt weder dazu da, Kapital zu verzinsen, noch dazu, Grundeigentümern ihre Rente abzutreten. Aber Recht bleibt Recht, und ein Skandal wird nur daraus, wenn sich einmal ein Wohnungs- und Grundstücksspeku- lant v e r spekuliert. Dann haben alle Angst um den Immobilien- markt, um den Ruf des Gewerbes, um die beteiligten Banken und so fort. Bleibt noch zu bemerken, daß der Staat, der Soziale, auf die im M i e t z i n s verborgene Kontroverse nur aus einem Grund sein Augenmerk legt: Hier macht eine Klasse ihr Geschäft mit einer be- schränkten Zahlungsfähigkeit, eben mit der Armut gewöhnlicher Leute. Damit das Geschäft geht, muß schon einmal staatlicherseits eingesammeltes Geld den "Betroffensten" unter den Geschröpften als Wohngeld gegeben werden, zum Abliefern beim Vermieter. Damit das Geschäft gemacht wird, muß man schon einmal einen sozialen Wohnungsbau ins Leben rufen - ein Kapital, das in Grundeigentum macht und wegen der Erzielbarkeit seiner Rendite g e f ö r- d e r t gehört. Auch diese zweite, weniger bekannte Klasse unserer sozialen Marktwirtschaft, legt wie die im ersten Teil besprochenen Kapita- listen ein beträchtliches Anspruchsdenken an den Tag. Und es wird ihm nachgegeben. Was mag da bloß für die dritte Klasse bleiben? zurück