Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie
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Politik und Ökonomie in der imperialistischen Demokratie '82
KRISENBEWÄLTIGUNG NEUEN TYPS
D a ß eine Krise ist, behaupten alle. Darin, aber auch nur
darin, stimmt der folgende Artikel den berufsmäßigen Lagebeurtei-
lern und den beflissenen Amateuren zu.
W a s eine Krise ist, worin die B e s o n d e r h e i t der
jetzigen besteht und welchen Notwendigkeiten "wir alle" deswegen
unterworfen werden sollen - in diesen Fragen halten wir die kur-
sierenden Auffassungen für rundweg falsch. Ihrer politischen
Zielsetzung nach stellen die einschlägigen Ideologien nur Recht-
fertigungen des obersten Staatsauftrages dar, an dem sich impe-
rialistische Demokratien stets bewähren.
1. Was ist eine Krise?
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Das genuine Geschäft der freien Marktwirtschaft, d i e
V e r m e h r u n g v o n K a p i t a l, g e h t n i c h t
m e h r. Erfolgreich betrieben hat es zur Anhäufung von Produk-
tionsmitteln, Waren und Geld geführt. Dieser nach allen Regeln
der Ausbeutungskunst akkumulierte Reichtum - manche Rationalisie-
rung, viele Ausländer, billige Frauenhände, Sonderschichten und
Kurzarbeitsphasen, fernöstliche Tagelöhner, gesundheitliche Opfer
mancher Schichten usw. haben da ihren Beitrag leisten dürfen -
weist für seine Besitzer und wirtschaftskundigen Verwalter einen
entscheidenden Mangel auf. Es läßt sich nicht mehr weiterverwen-
den, zumindest nicht nach den Maßstäben des Geschäfts. Sicher
ließen sich Leute finden, die mit dem Maschinenpark von AEG etwas
Nützliches anzustellen wissen; die mit den Autos, welche die Hal-
den füllen, herumfahren können; die sich von dem Geld auf den
Konten, wäre es das ihre, manch schönes Genußmittel auf den
Basaren der Marktwirtschaft erstehen würden. Doch dafür ist das
alles nicht vorgesehen, sondern für das W a c h s t u m. Dieses
in Geld bezifferte Resultat des Investierens und Produzierens,
des Kaufen und Sparens, des Exportierens und Importierens läßt
sich nach verläßlicher Auskunft "der Wirtschaft" nicht mehr er-
zielen.
Dabei unterscheiden die maßgeblichen Leute ihre Geschäftslage
sehr wohl von einem gelegentlichen Mißerfolg, der zur Konkurrenz
im Kapitalismus dazugehört. Daß sich eine Firma einmal verkalku-
liert - was ihren Managern hinterher, nach vollzogenem Vergleich
ihrer Produkte auf dem Markt mit denen der anderen, immer als
Fehler und Versäumnis, als "Mißmanagement" angerechnet wird - und
vielleicht sogar in Konkurs geht, bedeutet keineswegs "Krise".
Eine Pleite, durch die ein Konkurrent ausscheidet, kann für die,
die sich seines Eigentums bemächtigen, durchaus einen Aufschwung
ihres Geschäfts einleiten. Unter den verminderten Kosten ist man-
cher Betrieb rentabel, mit dem sein ursprünglicher Eigentümer
keinen Gewinn, keinen Überschuß über s e i n e Kosten erwirt-
schaften konnte. Ganz abgesehen vom prinzipiellen Vorteil, daß
die Dezimierung der Konkurrenten auf dem Markt für sich schon
eine bessere Geschäftsgrundlage für die "gesunden" Firmen bietet.
In der Krise dagegen werden Konkurse nicht als zum kapitalisti-
schen Konkurrenzkampf gehörige Fehlschläge verbucht, sondern als
"Zeichen" - für einen a l l g e m e i n e n N i e d e r g a n g
d e s G e s c h ä f t s. Die Leute, die "die Wirtschaft" hei-
ßen, gewahren an den Problemen einzelner Konkurrenten, daß sie
von ihrem Untergang nicht profitieren können, vielmehr selbst mit
den Schwierigkeiten "des Marktes", "einer stagnierenden Auftrags-
lage" usw. fertig werden müssen. Die Geschäftswelt bemerkt, daß
die P r o d u k t i o n f ü r d e n M a r k t, den alle als
die Sphäre schätzen, in der sich ihre Produkte gewinnbringend
versilbern lassen, o h n e R ü c k s i c h t a u f d i e
S c h r a n k e n d e s M a r k t e s vorangetrieben worden
ist. Weil sich die Bedingungen ihrer Produktion von denen der Re-
alisierung ihrer Produkte getrennt haben, taugen die Mittel ihres
Geschäfts - Produktionsinstrumente, Waren, Arbeitskräfte - mit
einem Schlag nichts mehr.
Daß die Ü b e r p r o d u k t i o n von Kapital - die Anhäufung
von z u v i e l Reichtum in Bezug auf den Zweck seiner weite-
ren V e r m e h r u n g - ihr eigenes Werk ist, mögen sie aller-
dings nicht einsehen. Sie verstehen es stets, "die Konkurrenz"
für die miserable Geschäftslage verantwortlich zu erklären, und
sie meinen damit nicht das Geschäftsgebaren aller in der Konkur-
renz, also auch das von sich - sondern die a n d e r e n. In
Krisen blüht die kundige Suche nach Schuldigen: vom
"Mißmanagement" bis zum eigenen Staat, der doch wahrlich alles
für die Geschäftsbedingungen seiner dynamischen Lieblingsbürger
getan hat, ist keiner der sonst so anerkannten Macher vor dem
Verdacht gefeit, er sei es gewesen; und - gemeinsam gehen Wirt-
schaftskapitäne mit Staatsmännern daran, auswärtige Störenfriede
des Geschäftserfolgs auszumachen - die Japaner verkaufen ihre Sa-
chen zu billig, die Ölscheichs zu teuer, die Franzosen zuviel...
-, ganz als würden sich die Kapitalisten dieser Erde in der hohen
Kunst des Unternehmertums ausgerechnet nach Fairneß-Kriterien un-
terscheiden. Daß die eigenen Kosten in sittenwidriger Weise zu
hoch geklettert seien, dürfen sich die Lohnempfänger in schöner
Regelmäßigkeit vorrechnen lassen - so daß schließlich niemand
mehr daran denken mag, wer mit seinem moralisch so integren An-
liegen des Gewinns die Zahlungsfähigkeit der gesamten Gesell-
schaft unablässig strapaziert. Leute, die nichts normaler finden,
als sich durch die Vergrößerung ihres Kapitals, durch die Erhö-
hung der Produktivität "größere Marktanteile" zu sichern, die mit
der Masse des Umsatzes kalkulieren, der die Senkung des Gewinns
pro rata des eingesetzten Kapitals kompensieren soll; Leute, die
um der Überlegenheit in der Konkurrenz willen von allem so viel
wie möglich und so billig wie nötig auf den Markt werfen, sich
andererseits als Käufer außerstande sehen, etwas für die Konsum-
tionskraft der restlichen Gesellschaft, der Lohnabhängigen schon
gleich nicht, zu tun, beschweren sich in der Krise locker dar-
über, daß ihnen andere das Geschäft vermasselt haben und sie
keine Vorzugsbehandlung durch den Staat genossen haben. Dabei ha-
ben sie keinerlei Hemmungen, den Maßstab, an dem Konsumtion wie
Produktion in "schweren Zeiten" scheitern, offen zu benennen:
i h r e n G e w i n n. "Unter diesen Bedingungen lohnt sich
nichts..."
Mehr vom "Ganzen" her, die Pflicht zur Sorge um das Gelingen der
Marktwirtschaft betonend, behandeln die gelehrten
V o l k s w i r t s c h a f t l e r die Überproduktion von Kapi-
tal. Daß für die Bedürfnisse des auf Vermehrung erpichten Eigen-
tumes zu wenig gekauft wird, übersetzen sie halb auf lateinisch:
"Unterkonsumtion". Daß an der einen Stelle zu viel, an der ande-
ren zu wenig vorhanden ist, verwandeln sie ohne Rücksicht auf die
Frage, wofür zu viel / zu wenig in die Theorie der
"Disproportionen". "Psychische Kernprozesse", "Innovationen", pe-
riodisch gehäuft, der "Zeitfaktor" überhaupt, der erntewirksame
Einfluß der Sonnenflecken tun bei der Krisentheorie ebenso gute
Dienste wie die Behauptung, "die" Wirtschaft sei eben ein "System
von Schwingungen", für das sich manch feines mathematische Modell
aufstellen lasse. Immerhin ist mit den Theorien der letzteren Art
wenigstens die Erinnerung daran getilgt, was eigentlich
w o m i t in Widerspruch gerät, wenn das Geschäft im Kapitalis-
mus einmal nicht geht; eine Erinnerung, die in der Verwandlung
von Krisen p h ä n o m e n e n in ihre eigene E r k l ä r u n g
sich irgendwie aufdrängt.
Zu guter Letzt sei bei der ideologischen Behandlung der Krise
auch noch des Einwands gedacht, dem sich sicher auch die gelehrte
Linke aus Berlin und anderswo anschließt. Der Einwand lautet
schlicht, die Sache mit der Überproduktion sei "zu einfach", das
wirkliche Krisengeschehen heute nicht so banal zu fassen, wie der
"alte" Marxismus das zu seiner Zeit vielleicht durfte, vielmehr
"komplex". Einmal abgesehen davon, daß "komplex" keine Eigen-
schaft von nichts ist und schon gleich nicht eine Erklärung von
etwas - dafür aber die Selbstbespiegelung moderner Wissenschaft-
ler, die ihre Bemühungen für etwas Hohes ansehen (weil Erklärung
ihres Gegenstandes "nicht einfach", er deswegen das Kompliment,
"komplex" zu sein, verpaßt kriegt!) -, leugnet dieser besserwis-
serische, auf Wissen aber gar nicht erpichte Standpunkt schlicht,
daß keine der vielen "Ursachen" und "Faktoren" für die Krise
seine störende Wirkung tun könnte, gäbe es nicht den (dann ver-
letzten) M a ß s t a b d e s K a p i t a l s.
2. Konkurrenz und Kredit
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"...die reale Krisis kann nur aus der realen Bewegung der kapita-
listischen Produktion, Konkurrenz und Kredit, dargestellt wer-
den." (Marx, TüM 2/513)
Ideologen der Schuldfrage wie multifaktorielle Modellbildner ei-
nes stetigen Wachstums brauchen sich in ihrer Leugnung des Be-
griffs der Krise auch nicht die vom theoretischen Standpunkt fäl-
lige Frage zu stellen, welche sich aus der Überproduktion ergibt:
Wie bringt es eine Klasse, die um des lieben Gewinns willen nur
f ü r d e n M a r k t produzieren läßt, fertig, "ohne Rück-
sicht auf die vorhandenen Schranken des Marktes oder der zah-
lungsfähigen Bedürfnisse" zu produzieren? Die Krise legt nämlich
immerhin davon Zeugnis ab, daß dieselben Geschäftsleute, die mit
jedem Pfennig Arbeitslohn so minutiös kalkulieren, die immer wis-
sen, wieviel "die Wirtschaft" verträgt, in einer Hinsicht sehr
prinzipiell "über ihre Verhältnisse" leben.
Sie behandeln den Markt, das zahlungsfähige Bedürfnis der Gesell-
schaft, als ihre Voraussetzung und g e s i c h e r t e s
M i t t e l, das sie durch die stetige Steigerung der unmittel-
baren Exploitation benützen können. "Nur" die Konkurrenten schei-
nen ihnen zum Problem zu werden, wenn es um die Vermehrung ihres
Reichtums geht - ganz als ob die Beschränkung des Wachstums an
anderer Stelle - und überall: der lohnabhängigen Klasse - nicht
die Bedingungen der Realisation reduzieren würde!
Mit der in der Krise widerlegten Fiktion, der Markt gewähre dem
tüchtigen Kapitalisten, der sich auf ordentliche Ausbeutung, Ra-
tionalisierung und fristgemäße Erweiterung seiner Produktion ver-
steht, immer auch sicheren Gewinn, wird in der Konkurrenz tagtäg-
lich Ernst gemacht. Und zwar in allen Angelegenheiten, in denen
der K r e d i t als Hebel für den Gang der Geschäfte angewandt
wird.
- Schon in den einfachen Formen des Kredits, in denen mit Zah-
lungsversprechen operiert wird, "überspringt" das Kapital eine
Schranke des Marktes. Der Kontinuität des Rückflusses einmal aus-
gelegten Kapitals darf es nicht schaden, wenn zeitliche oder lo-
kale Beschränkung der Zahlungsfähigkeit vorliegt - so daß
S c h u l d e n in den Bewegungen des kommerziellen Kredits zir-
kulieren, als wären sie Geld. Nicht vorhandene Zahlungsfähigkeit
wird da im Vertrauen auf den Geschäftserfolg des Schuldners wie
der Vollzug eines erfolgreichen Verkaufs behandelt. Im Verhältnis
von Gläubiger und Schuldner ergänzen die Konkurrenten ihre nega-
tive Beziehung aufeinander um die p o s i t i v e
A b h ä n g i g k e i t von Leuten, die auf den Erfolg anderer
bei ihrem Geschäft angewiesen sind. Aber noch in der Weise, daß
e i n z e l n e Personen oder Unternehmungen das Gelingen der
eigenen Transaktionen gefährden und verbürgen.
- Sobald S c h u l d e n nicht nur wie Geld, sondern unmittel-
bar wie Kapital behandelt werden - wenn also Kredit genommen
wird, um ein gewinnträchtiges Unternehmen auf die Füße zu stellen
oder eine Erweiterung vorzunehmen, die die (weitere) Teilnahme an
der Konkurrenz gewährleistet -, sieht das "Überspringen der
Marktschranken" schon anders aus. Da wird "f e h l e n d e Li-
quidität" zum positiven Geschäftsmittel: Die Banken, die die
flüssigen Mittel, Guthaben wie Schulden, aller verwalten,
"versorgen" ihrerseits die Geschäftswelt mit Kredit und erlauben
ihnen, das Geld der gesamten Gesellschaft zu verwenden, als wäre
es ihr privates Kapital. Zinsen werden erhoben unabhängig davon,
ob der erwartete Gewinn der Bankschuldner sich einstellt - und so
manche Geldsumme existiert zweimal, und zwar stets als Anspruch
auf ihre Vermehrung. Neben die wirkliche Reichtumsvermehrung
tritt eine f i k t i v e A k k u m u l a t i o n, deren Agen-
ten sich viel darauf zugutehalten, den Konkurrenten in der realen
Akkumulation zu Diensten zu sein.
- Dieser Dienst wird von den industriellen Kapitalisten nicht nur
nicht ausgeschlagen, sondern zur K o n k u r r e n z u m
K r e d i t fortentwickelt. Die Bewährung in der Konkurrenz, im
Kampf um Märkte, die die Rentabilität des eigenen Vermögens gegen
andere gewährleisten, hängt von der Größe des verfügbaren Kapi-
tals ab. Um von den Schranken loszukommen, die ihnen ihr
p r i v a t e s V e r m ö g e n bezüglich des Umfangs ihres
Produktionsprozesses, bezüglich des ihnen zugestandenen Kreditvo-
lumens u n d der Leichtigkeit, in profitable Anlagesphären um-
zusteigen, setzt, organisieren sich Unternehmer von vorneherein
auf Grundlage einer Kreditgemeinschaft. Durch Zusammenschluß zu
A k t i e n g e s e l l s c h a f t e n verschaffen sie ihrem
Vermögen seine gewinnbringende Funktion, zu der es für sich nicht
mehr tauglich wäre: durch die Aufgabe ihrer Selbständigkeit,
durch die Kombination mit fremdem Eigentum sichern sie i h r e m
Reichtum seine Vermehrung.
So oft der Kampf um rentable Anlagesphären, um die Attraktion von
Kredit ausgetragen wird - und das ist in allen wichtigen Ge-
schäftszweigen der "Industrieländer" der Fall -, findet eine
T r e n n u n g des Kapital e i g e n t u m s von seiner ökono-
mischen F u n k t i o n statt. Aber nicht nur in dem Sinne, daß
die berüchtigten "Leistungen" wie Abstinenz und persönlich-dyna-
mischer Einsatz für das Gelingen der Produktion offensichtlich
für die Vermehrung von Eigentum nicht ausschlaggebend sind -
lohnabhängige "Mitarbeiter" erledigen den Kram für eine hohe
Stelle in der Hierarchie der Löhne. Der Kapitalmarkt - der Handel
mit Wertpapieren, die einen Preis nach Kriterien ihrer
"Verzinsung" im Vergleich mit den Erträgen von Leihkapital (u.a.)
erhalten - verselbständigt sich gegen seine Grundlage, die
"Erwirtschaftung" von Überschüssen im Geschäft der Industrie. In
noch ganz anderem Maße als beim gewöhnlichen Bankkredit akkumu-
lieren sich in der Spekulation mit Wertpapieren - die in der
B ö r s e institutionalisiert ist - nominelle Repräsentanten gar
nicht vorhandenen, f i k t i v e n K a p i t a l s.
Diese Eigentumstitel haben für ihre Inhaber die angenehme Eigen-
schaft, wie alle anderen Formen des Kredits, wie Geld zu funktio-
nieren; Banken, die sich ohnehin gerne im Erwerb solcher
"Sicherheiten" hervortun und sie zu ihren Einlagen zählen, sehen
sich in der Lage, viel mehr Kredit in Umlauf zu bringen als ohne
solche "Werte", die an einigen Stellen bereits als Privatvermögen
geführt werden - und die "Versorgung" der "Gesellschaft" mit
"Liquidität", also Zahlungsfähigkeit, nimmt ihren von keiner ma-
teriellen Grundlage getrübten Verlauf. Was da "unter dem Kredit-
system" zirkuliert, als Umlaufsmittel dient, sind K r e d i t-
z e i c h e n, immerzu und überall. Und der Haupt- und
Lebensauftrag aller Geschäftsleute, die aus Geld mehr Geld zu
machen berufen sind, läßt sich mit Fug - in Anlehnung an das
Marx'sche G - G' - als "Kredit - Kredit'" darstellen.
In einer Hinsicht allerdings ist die Freiheit trügerisch, die der
Kreditüberbau den Geschäftsleuten in Sachen "begrenzte Zahlungs-
fähigkeit" oder "Abhängigkeit vom Markt" verschafft: der Maßstab
ihres Erfolgs bleibt derselbe - ein Ü b e r s c h u ß muß her.
Die durch den in die Zirkulation geworfenen Kredit, der so gut
wie Geld ist, erzeugte Zahlungsfähigkeit will schließlich aus-
genützt sein - und zwar g e g e n die Konkurrenten wie mit der
Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber denen, die einen selbst
kreditieren. Die Methoden der Konkurrenz unter der Voraussetzung,
daß Kreditzeichen das Geld ersetzen, sind ebenso bekannt wie die
Folgen:
- Die Konkurrenz über die "preiswerteste Ware", die Steigerung
des Verhältnisses von Kosten: Ertrag durch entsprechende Maßnah-
men im eigenen Laden, wird ergänzt um höhere Rechnungen. Daß man
preiswerter als die Konkurrenz sein muß, heißt nämlich nicht,
darauf zu verzichten, so viel zu verlangen, wie man kriegen kann.
Also bewirkt die Geschäftswelt genau das, worauf sie sich beruft:
I n f l a t i o n.
- Ein Erfolg läßt sich bei diesem Vorgehen jedoch nicht in Abrede
stellen. Die Leute, die nicht mit der Möglichkeit gesegnet sind,
für den Verkauf ihrer Ware von "wegen Inflation" einfach mehr zu
verlangen, werden ärmer. Die Rede ist von den Verkäufern von Ar-
beit, die den Zuwachs an Umlaufsmitteln in der Geschäftswelt so-
lange als Mangel an "Kaufkraft" zu spüren kriegen, wie sie nicht
organisiert auf einer Teuerung ihrer Arbeitskraft bestehen. Die
Herrlichkeit kreditierter Zahlungsfähigkeit erfahren sie nur als
technisch verfeinerte Variante des Sich-Einteilens, als
"Konsumenten-Kredit"! Und der k o s t e t was, statt ein Mittel
darzustellen, durch das man sich schadlos hält! Schulden sind
eben entweder ein Geschäftsmittel, das durch Zuwachs der eigenen
Gelder lohnend gestaltet wird, oder ein Jammer.
- Bei allen schönen Errungenschaften in der Frage der Lenkung des
Preises der Arbeitskraft bleibt nach wie vor die soziale Ver-
pflichtung des Eigentums erhalten. Und die besteht im
G e w i n n, von dem in der Marktwirtschaft alles abhängt, vor-
nehmlich "unsere Arbeitsplätze". Gerade weil sich jedes Unterneh-
men in Abhängigkeit von Kredit befindet, der ihm zugestanden wird
- und die maßgeblichen Kreditvergabeinstanzen, die Banken, sehr
genau auf i h r e n Überschuß achten (fiktiv hin, Kreditzeichen
her) -, ist die B i l a n z ziemlich entscheidend. Pleite geht
man nämlich unter dem Kreditsystem nicht zuerst, um dann seine
Bonität zu verlieren. Genau umgekehrt ist es, so daß die Erhal-
tung der Kreditwürdigkeit bewiesen sein will. Und das geht nur
mit schwarzen Zahlen oder mit Erfolgsstrategien, die trotz roter
Zahlen einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz versprechen. Somit
hat sich durch das fiktive Kapital, das so viel zur allgemeinen
Zahlungsfähigkeit beiträgt, doch nichts "geändert".
- Außer der Kleinigkeit, daß das Ausbleiben von Gewinn, die
Nichtwiederverwendbarkeit des Erlöses, die schlechte Auftrags-
lage, die Insolvenz etc. a n e i n e r S t e l l e die Ge-
schäftsgrundlage der g e s a m t e n Mafia in Frage stellt. Die
p o s i t i v e Abhängigkeit, in die sich Unternehmer, Aktionäre
und Banken voneinander über den Kredit begeben, macht sich be-
merkbar: Das V e r t r a u e n (lat. credit) auf das Gelingen
des Geschäfts hier war die Garantie für das Geschäft dort, so daß
der Mißerfolg eines Konkurrenten das Kreditvolumen einer Bank de-
zimiert, weil i h r e Bilanz, und darüber auch die eigenen Mit-
tel. G e l d - wiewohl nur in der lausigen Gestalt von Kredit-
zeichen - wird M a n g e l w a r e.
3. Die Bewältigung der Krise
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"In allgemeiner Krise der Überproduktion ist der Widerspruch
nicht zwischen den verschiednen Arten des produktiven Kapitals,
sondern zwischen dem industriellen und loanable Kapital, zwischen
dem Kapital, wie es als in den Produktionsprozeß direkt invol-
viert und wie es als Geld selbständig (relativement) außer dem-
selben erscheint." (Grundrisse / 316)
Durch das Kreditwesen erhält jedes Unternehmen gemäß seinen Pro-
duktionsbedürfnissen Geld zur Verfügung gestellt. Daß a l l e s
Geld - außer wenn für die Konsumtion ausgegeben - Kapital ist,
bildet den Ausgangspunkt aller Formen des Kredits. In ihnen ver-
läßt sich die Geschäftswelt auf das
P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s - ganz als hätte der
Erfolg von Produktion und Handel, der Überschuß, keinerlei
Schranken.
So ziehen die konkurrierenden Unternehmen mit Hilfe des Kredits
immer mehr gesellschaftlichen Reichtum an sich,
v e r g r ö ß e r n in einem fort den M a ß s t a b ihrer pri-
vaten Bereicherung, das K a p i t a l, dem "der Markt" seinen
Überschuß bezahlen soll - und mindern durch die Methoden dieses
Geschäfts ständig die zahlungsfähige Nachfrage: keine Kosten sind
ihnen ihr Geld wert, wenn sie nicht der Rentabilität dienen. An
diesem Kriterium halten sie fest, wenn sie "das Investieren" für
nicht lohnend befinden und der Welt mitteilen, daß "der Markt"
die Gültigkeit der Gleichung Geld = Kredit = Kapital widerlegt
hat; und sie geben es auch nicht auf, wenn sie sich an der prak-
tischen Kritik dieses Zustandes zu schaffen machen, der "Krise"
heißt. Ihre Anstrengungen gehen darauf, die vermißten Geschäfts-
bedingungen - im Namen d e s Gewinns und für d e n Gewinn -
wiederherzustellen; gegeneinander, versteht sich, und immer auf
Kosten der am Geschäft höchstens durch Arbeit beteiligten Mehr-
heit. Statt einer Feier des Zusammenbruchs der freien Marktwirt-
schaft pflegt in Krisen
- das f i k t i v e K a p i t a l seiner "Scheinhaftigkeit"
überführt zu werden; die Streichung einiger Nullen auf den
Schuldzetteln gibt dem Kredit das nötige Vertrauen zurück.
- das aus Gründen der Zahlungsunfähigkeit zum "unbedingten" Ver-
kauf angebotene W a r e n k a p i t a l sehr billig erstanden
zu werden - sofern ein entwertungsgeschädigter Gläubiger seine
Verluste in Sachen Kreditreduzierung durch Aufschwungsgeschäfte
zu kompensieren hofft - oder einfach zu vergammeln.
- die P r o d u k t i o n s a n l a g e n, deren Eigentümer
keine "Investitionsneigung" zeigen und an Barem nicht genug haben
für ihre Verpflichtungen, wechseln ebenfalls ihren Besitzer zu
Niedrigpreisen. Auch hier ist für eine Gläubigerbank, die an Fik-
tivem einbüßt, ein gewisser Trost zu haben, und wenn es nur das
Grundstück ist. Bisweilen kann sich auch ein "relativ" stabil
gebliebener Konkurrent durch einen Kauf für den Aufschwung rü-
sten; was den Besitzern von Aktien seines Unternehmens, das sich
einer gekauften Konkurrenz erfreut,
- durchaus K r i s e n g e w i n n e beschert. Denn auch auf
die gelungene E x p r o p r i a t i o n läßt sich spekulieren
wie aufs Wachstum des Kapitals sonst.
Leider beschränkt sich die Bewältigung von Krisen nicht auf die
Kontraktion des Kredits und die damit verbundenen Expropriations-
streitigkeiten. Da sich die Aufwendungen für einen stattlichen
Teil der Produktion nicht lohnen angesichts des kontrahierten
Marktes, wird nicht nur der materielle Reichtum der abstrakten
Form geopfert, in der er beziffert wird. Wo aus der Anwendung von
Arbeit kein Geld zu machen ist, wird der Klasse, die vom Verkauf
ihrer Arbeit lebt, das Einkommen verwehrt. Das Kapital löst seine
übliche Praxis, Attraktion und Repulsion von Arbeitskräften gemäß
seinen wechselnden Produktionsbedürfnissen vorzunehmen, durch die
P r o d u k t i o n e i n e r Ü b e r b e v ö l k e r u n g
ab: z u v i e l e derer laufen herum, die auf die Gnade eines
rentablen Arbeitsplatzes angewiesen sind, wenn das Kapital
"schlechte Zeiten" ausruft. So kommt es zu jener kapitalistischen
Idylle, die sich alle paar Jahre wiederholt: Nebeneinander sind
alle Elemente für die Produktion von Reichtum versammelt - unge-
nutzt, weil sie für den Zweck der freien Marktwirtschaft nichts
mehr hergeben. Ein Heer von Arbeitslosen wird öffentlich beklagt,
wenn es die Erfahrung macht, daß nur zahlungsfähiges Bedürfnis
des Genusses kapitalistischer Produkte würdig ist und darauf auf-
merksam gemacht, daß alles vorhandene Geld, und das andere Zeug
dazu, erst wieder im Aufschwung im Sinne der Beschäftigung von
Lohnabhängigen eingesetzt werden kann. Selbstverständlich unter
dem Vorbehalt, daß diese sich so maßvoll und anspruchlos auffüh-
ren, wie es einer "abhängigen Variablen" zukommt...
Seltsamerweise ertönt in solchen Zeiten, wo der Gegensatz zwi-
schen dem ehrenwerten G e s c h ä f t s interesse der Unterneh-
merzunft und dem Bedürfnis nach einem Auskommen auf seiten der
Arbeiter selten klare Konturen annimmt, der Ruf nach dem Staat.
Und zwar nicht nur von seiten der Kapitalisten, die sich bei der
Wiederherstellung von brauchbaren Geschäftsbedingungen einiges
von der öffentlichen Gewalt erwarten, sondern auch seitens derer,
die im N a m e n d e r A r b e i t e r und ihrer tugendhaf-
ten Dienstbarkeit die Stimme erheben. Humanitär und umweltfreund-
lich gesonnene Menschen, fortschrittlich denkende Ökonomen und
Gewerkschaftsfunktionäre finden nichts dabei, den Staat als An-
wälte der arbeitenden Klasse anzurufen. Wenn sie ihn so als Rich-
ter amtieren sehen wollen, der die am Lohnarbeiter vollstreckten
Urteile widerruft, muß ihnen glatt entgangen sein, was der Ver-
walter der freien Marktwirtschaft mit Geld und Kredit, Lohn und
Armut zu tun hat.
4. Staat und Krise
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Um gleich mit dem "Sozialstaat" anzufangen, auf dessen Verpflich-
tungen gegenüber den "sozial Schwachen" so geübt wie matt bestan-
den wird, sooft die Opfer der freien Marktwirtschaft auffällig
zunehmen: Auf die V e r h i n d e r u n g "sozialer Schwäche"
scheint er es nicht abgesehen zu haben, wenn er ein System von
Zwangsversicherungen einführt! Vielmehr r e c h n e t dieser
Staat mit einem festen Bestand an Armut, zu deren Bewältigung er
den Betroffenen eine Versicherung organisiert. Diese bildet dann
einen Posten in seinem Haushalt und dient als Geldquelle, solange
sie nur von einer Minderheit in Anspruch genommen wird. Kaum ha-
ben Millionen die "Sozialleistungen" n ö t i g, befindet sie
der Staat für u n m ö g l i c h, da sie ihn belasten. Deshalb
lautet in den famosen 80er Jahren die Parole: Erhaltung des
"sozialen Netzes" - durch Abbau seiner "Leistungen".
Quer durch sämtliche alte und neue Regierungsparteien hat sich
das Rezept als "vernünftig" herausgestellt, daß auf seiten der
Lohnabhängigen jeder Verzicht auf Opfer g e f ä h r l i c h
ist: während der Zeiten des flotten Wachstums für - das Wachstum,
in Krisenzeiten für - den nötigen Aufschwung. Und in den ideolo-
gischen Aussagen dieser Art wird der Staat dem praktischen Auf-
trag, den er sich zuerkennt und vollführt, durchaus gerecht. Denn
jenseits aller werbewirksamen I n t e r p r e t a t i o n e n
von Politik, mit denen sich die Parteien in Szene setzen, beflei-
ßigt sich der Staat prinzipiell und immerzu
- des S c h u t z e s d e r K o n k u r r e n z, weil ihm am
Wachstum des p r i v a t e n E i g e n t u m s, seiner gewinn-
trächtigen "Initiative" einiges liegt. Aus dieser Art Reichtum
auf Kosten und durch die Dienste der lohnabhängigen Mehrheit
gründet sich s e i n e Macht. Er weiß sich als die unverzicht-
bare Bedingung für das Funktionieren der Klassengesellschaft, be-
ziffert die ökonomische "Gesundheit" von Land und Leuten, die
seiner Gewalt unterstehen, in G e l d, das mehr wird und auch
ihm die Mittel abtritt, mit denen er seinen Gewaltapparat nach
innen wie nach außen funktionstüchtig erhält. Für das florierende
Geschäft weiß er umgekehrt wieder manche Mittel locker zu machen:
Während er sich für den Konsum armer Leute nie und nimmer ein
"Haushaltsloch" leisten mag, hat er immer etwas übrig, wenn es um
Investitionen geht, die für Rationalisierungen, modernere Ausbeu-
tungsmethoden, lohnkostensparende zumal, gut sind. Wegen "unserer
Industrie", die konkurrenzfähig bleiben oder werden muß...
- der P f l e g e d e s K r e d i t w e s e n s, des Hebels
der Kapitalvermehrung. Dabei garantiert er nicht nur die ord-
nungsgemäße Benützung des Kredits in der Konkurrenz, die Geschäf-
temacherei der Banken und das Geldwesen samt seinen Härten, die
alle erfahren, welche Geld nicht als Kapital, sondern als Kauf-
mittel verwenden und durch Arbeit verdienen müssen. Als
G e w a l t, die den Ausschluß von Reichtum durch den Maßstab
des Geldes sichert und dessen Anwendung als Kapital gewährleistet
haben will, verfügt derselbe Staat über das Monopol für die Aus-
gabe der allgemein gültigen Kreditzettel - und macht aus seiner
Verwendung von Geld als Kaufmittel eine für die Geschäftswelt of-
fenstehende Q u e l l e v o n K r e d i t. Seine S c h u l-
d e n bringt er als Umlaufsmittel bzw. als Rechtstitel auf die
Ausgabe von Kredit unter die Leute - so daß er nicht nur auf die
akkumulationsfördernde Benützung von Schulden als Kapital achtet,
sie v e r w a l t e t, sondern seine freie Marktwirtschaft mit
dem Mittel ihrer Überakkumulation a u s s t a t t e t.
- Dabei hat er - als politischer Agent des Geschäftserfolgs sei-
ner Lieblingsbürger - außer dem B e d ü r f n i s nach Kredit,
das aus dem Gang der Geschäfte erwächst und über die rege Kommu-
nikation zwischen Banken und Bundesbank, Bundesbank und Finanzmi-
nister, Finanzminister und Kanzler immer an sein Ohr dringt, noch
ein paar zusätzliche Rücksichten geltend zu machen: Die Wirkung
seiner Verschuldung auf die Wechselkurse interessiert ihn, den
ideellen Gesamtkapitalisten, ebenso wie die Höhe des Zinses, die
bisweilen nachteilige Wanderungen von Kapital über die Grenzen
nach sich zieht etc. Er relativiert ständig seine Kreditpolitik
gegenüber seinen nationalen Banken und Unternehmen an erwünschten
und mißliebigen Folgen von Staatsschuld, Inflation etc. für das
internationale Geschäft, so daß man beim Lesen des Wirtschafts-
teils der Presse vor lauter Widersprüchen fast übersehen möchte,
welches Kriterium allen Entscheidungen und Alternativen zugrunde
liegt: der E r f o l g d e s n a t i o n a l e n K a p i-
t a l s, für den sich eine imperialistische Demokratie immer zu
ständig weiß.
Verwirrt in dieser Hinsicht zeigen sich zumindest all die bürger-
lichen wie linken Kritiker des Staates, die ihm anläßlich der
eingetretenen Überakkumulation vorwerfen, er wäre im
V e r h i n d e r n d e r K r i s e "gescheitert". D a f ü r
ist nämlich die Staatsgewalt überhaupt nicht zuständig, auch wenn
"antizyklische Konjunkturpolitik" sich so anhört für Leute, die
von den ökonomischen Taten der Staatsgewalt nichts wissen wollen,
in der Krise aber meinen, zur Vermeidung von Ungemach in Sachen
Kapitalvermehrung wäre der Staat wohl gehalten. Sicher ist es
keinem Kabinett recht, wenn Gewinne ausbleiben - daraus jedoch zu
folgern, die Gewinnförderung hätte zu entfallen, da sie immer mit
der Gefahr der Krise ("Überhitzung" ) schwanger gehe, ist ein
seltsames Anliegen an die Politik. Daß sie es mit
K o n j u n k t u r e n zu tun hat, wissen ihre Macher selbst,
und sie legen sich i h r e Aufgabe so zurecht, daß sie eben das
Beste aus dem Auf und Ab zu machen haben. Albern jedenfalls ist
es, das dabei gepredigte Ideal - "nur Aufs" - ausgerechnet im Na-
men der Opfer zu verlangen, die im Boom wie in der Depression
fällig sind.
Die B e w ä l t i g u n g d e r K r i s e n fordert den Klas-
senstaat schon heraus - aber in getreuer Kontinuität der Leistun-
gen, die seine Gewalt zwischen den Krisen vollbringt: in konse-
quenter Parteinahme für ein erfolgreiches Hantieren mit Geld und
Kredit, für eine in diesem Sinne nützliche Armut s e t z t e r
d i e K r i s e d u r c h - und plädiert im Namen der Arbeits-
losen für den Aufschwung des Geschäfts, von dem in der freien
Marktwirtschaft eben alles a b h ä n g t. Sogar die Existenz
der Leute, die das Geschäft überflüssig macht: Besteht nicht der
soziale Beruf des Kapitalisten in der Schaffung von Arbeitsplät-
zen?
Die Besonderheiten der gegenwärtigen Krise
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Von den marxistischen Dogmen über den Begriff und Grund der Krise
widerlegt die Szene '82 kein einziges. Den getätigten Geschäften,
die sich nicht gelohnt haben, den nicht lohnenden, die gar nicht
erst getätigt werden, den mit allerlei geheuchelten "leider" vor-
genommenen Entlassungen würde Marx ohne weiteres den "Fall der
Profitrate" entnehmen. Und aus dem Hin und Her in der AEG-Affäre,
um gewährte wie zur "Rettung" des Unternehmens benötigte Kredite,
um staatliche Bürgschaften und um die Techniken der "Sanierung"
hätte er (trotz und wegen der Personalunion zwischen Banker und
Unternehmer) einiges über den Gegensatz "von produktivem und lo-
anable Kapital"" wie er für Krisen charakteristisch ist, erfah-
ren. Auch die gegen jegliche Illusion taugliche Art des Umgangs
mit überflüssigem Arbeitervolk, wie ihn Kapital und Staat pfle-
gen, hätte ihn kaum überrascht. Vielmehr darin bestätigt, was er
immer schon vertreten hat: Klassenkampf tut not, und nicht ge-
samtgesellschaftliche Seufzer nach Vollbeschäftigung.
Dennoch - im Umgang des Staates mit den täglich beschworenen
"Schwierigkeiten", als da sind "kein Wachstum", "keine Solidität
der Finanzen" etc., sind ein paar historische Neuerungen zu ver-
zeichnen, die es in sich haben.
1. Staatsverschuldung ohne Konjunkturpolitik
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Zunächst einmal hat sich der Staat - in der BRD unter soziallibe-
ralen Parolen - bei der Ausstattung seiner Ökonomie mit Kredit
über Jahre hinweg nicht an den konjunkturgemäßen Bedürfnissen der
Geschäftswelt orientiert, sondern am "B e d a r f" n a c h
A u f r ü s t u n g, wie er in den Bündnisgremien der NATO hoch-
gerechnet worden war. So erfreute sich die Finanzwelt einer wach-
senden Flut von Geschäftsmitteln - und des staatlichen Auftrags,
Geschäfte zu organisieren, die die rücksichtslose Staatsverschul-
dung kompensieren sollten. Deswegen durften als Erqänzung zum
Aufrüstungsprogramm, dessen Finanzierung kein Streitgegenstand
der Haushaltspolitik zu sein hatte, alle anderen Kosten des Staa-
tes unter dem Titel "Sparprogramm" einer Revision unterzogen wer-
den. Diese in mehreren Abteilungen vollzogene S e n k u n g
d e s P r e i s e s d e r A r b e i t zielte nie auf
"Ausgleich" der Staatsfinanzen - wie sollte die Schröpfung der
arbeitenden Klasse auch die Beträge "umverteilen", die für die
Rüstung feststanden? -, sondern auf die Befähigung der nationalen
Wirtschaft, über Extraprofite als K r i e g s w i r t-
s c h a f t zu taugen und doch M a r k t w i r t s c h a f t
zu bleiben. Seitdem häufen sich auch jene Streitigkeiten zwischen
den führenden Nationen im Bündnis, die unter dem Titel
"Wirtschaftskrieg", oder zumindest "drohender", geführt werden.
Der Leistungen, die die imperialistischen Demokratien von ihrem
nationalen Kapital erwarteten, war dieses allerdings nicht fähig.
An der i n t e r n a t i o n a l e n Konkurrenz - in der sich
die verbündeten Nationen um die Kosten der beschlossenen Haupt-
kampflinie streiten - erfahren sie heute, wie flott sie überakku-
muliert haben. Und in konsequenter Fortsetzung des Kampfes um die
V e r t e i l u n g d e s S c h a d e n s wickeln die Herren-
nationen des Weltmarkts die Bewältigung ihrer Krise ab. Seitdem
diese auf der offiziellen Tagesordnung steht, wissen ihre Führer,
daß K o n j u n k t u r p o l i t i k im überkommenen Sinn
nichts taugt. Der K o n t r a k t i o n d e s M a r k t e s,
welche die Geschäftswelt beklagt und auf die sie reagiert, folgt
k e i n e K o n t r a k t i o n d e s K r e d i t s, den die
Nation verwaltet - zu wichtig ist die Aufrechterhaltung der eige-
nen Währung als internationales Finanzierungsmittel, des Kapital-
markts als "Attraktion" für Anlagen, die sich noch lohnen: Der
Entschluß, keine E n t w e r t u n g abzuwickeln - alle in den
nationalen Farben getätigten Geschäfte wären da plötzlich in
Frage gestellt -, hat sogar den Zins zu unverdienten Ehren ge-
bracht. An seiner Höhe, ansonsten ein Resultat von Angebot und
Nachfrage auf dem Geldmarkt, sollte sich das Schicksal ganzer Na-
tionen entscheiden! Und soviel ist wahr daran: Solange das einge-
standene Mißverhältnis zwischen realer und fiktiver Akkumulation
aufrechterhalten und sogar noch ausgebaut wird, spielt die staat-
lich garantierte Fiktion, mit national eingefärbten Eigentumsti-
teln und Schuldscheinen ließe sich ein lohnendes Geschäft machen,
eine Rolle.
Für die Industrie allerdings eine fatale. Die Kontraktion des
Marktes läßt sich nämlich trotz eines bleibenden Angebots an Fi-
nanzierungsmitteln nicht übersehen, so daß die Techniken der Ent-
wertung hier voll zum Einsatz gelangen. Weder Reagans noch Kohls
"neuer Anfang" hat etwas anderes bewirkt als die D e z i m i e-
r u n g e r f o l g r e i c h e r P r o d u k t i o n. In der
Welt des Profits setzt ein Aufschwung immer noch die Bereinigung
der Geschäfts b e d i n g u n g e n voraus, die dem Gewinne-
machen nicht mehr gemäß sind - und da die imperialistisch
maßgeblichen Staaten diese Bereinigung wegen ihrer Konkurrenz
nicht zulassen, erfahren sie in ihrer Konkurrenz untereinander
ihre G r e n z e n. Unter dem Schutz der NATO sind sie
angetreten, den Weltmarkt zur Quelle ihrer dauerhaften
Bereicherung herzurichten. Die dafür gerne eingegangene
Verpflichtung, ihr Wachstum der Aufrüstung unterzuordnen, bringt
ihnen nun den historisch neuen Auftrag ein, eine W e l t-
w i r t s c h a f t s k r i s e unter NATO-Vorbehalt zu insze-
nieren: mit Konkurrenzmitteln gegen das Ausland, die erstens in
jedem Gegner den politischen Partner berücksichtigen müssen, und
die zweitens aufgrund der dreißig Jahre lang geschmiedeten
positiven ökonomischen Abhängigkeit den Ruin der eigenen
nationalen Geschäftsgrundlagen einschließen, sobald sie
konsequent eingesetzt werden. In den Verlautbarungen über
z a h l u n g s u n f ä h i g e L ä n d e r - die das Bedürfnis
nach Rückflüssen aus dem imperialistischen Geschäft als aktuelles
erkennen lassen, sowohl bei Geschäfts- wie bei Nationalbanken -,
die man aber besser nicht für zahlungsunfähig e r k l ä r t,
weil dies durchaus einer Kontraktion des eigenen Nationalkredits
gleichkommt, deutet sich die ständige Gefahr eines "klassischen
Zusammenbruchs" an. Und in dem Bemühen, durch Geschäfte mit dem
Gegner im Osten Kreditmittel (insbesondere ihre Basis: Gold) in
seinen Besitz zu bringen, zeigt sich, daß selbst die angefeindete
Besonderheit der Staatswirtschaft, nicht voll in den Weltmarkt
für Kapitalakkumulation und Kreditgeschäfte 'integriert' zu sein,
als entgegenwirkende Ursache gegen die Gefährdung des eigenen
Nationalkredits eingesetzt und zum Gegenstand innerwestlicher
Konkurrenz wird.
Wie bei allen Widersprüchen des Imperialismus gilt leider auch
für die gegenwärtige Krise und die aus ihr folgenden Besonderhei-
ten der internationalen Konkurrenz der Lehrsatz, daß weder Poli-
tiker noch Wirtschaftskapitäne sie auszubaden haben. Das überlas-
sen sie anderen, und zwar per Verordnung. Ihr Programm heißt
2. "Rettung der Nation"
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Wenn das Kapital in der Krise ist, weil es unter Regie des Staa-
tes "über seine Verhältnisse" gewirtschaftet hat, dann sind die
großen und kleinen Führer schnell mit einem Beschluß bei der
Hand. Und der heißt: "Das Volk hat über seine Verhältnisse ge-
lebt!" Diejenigen, die im Namen der Wirtschaft den Klassenkampf
von oben als Staatsauftrag vollziehen, sind selbstkritisch: sie
zeihen sich selbst - oder, was im Konkurrenzkampf demokratischer
Parteien immer gut ist, den Vorgänger - einer schweren Verfeh-
lung. Nämlich der, dem Volk zu viel g e s c h e n k t zu haben,
was der Wirtschaft und dem Staatshaushalt unermeßlichen Schaden
zugefügt haben soll. Damit steht für sie auch schon der
A u f t r a g f ü r s V o l k fest: es ist für die
R e t t u n g d e s S t a a t e s da, und als gutes Volk, das
seine Führer schließlich per Wahl ermächtigt hat, weiß es auch,
was sich gehört. "Keiner drückt sich!", "Alle müssen die Ärmel
hochkrempeln wie nach dem Krieg" - als das liebe Gemeinwesen in
noch schlechterer Verfassung war als heute - so tönt ein neuer
deutscher Sozialminister. Hatte der alte Kanzler in der
"Bildzeitung" noch mit der Weisheit aufgewartet: "Das deutsche
Volk ist verwöhnt!", so wissen die Betreiber der "moralischen und
geistigen Erneuerung" schon mehr. Die geistige und sittliche Zer-
setzung habe unter Anleitung sozialliberaler Demagogen wie eine
"Volkskrankheit" um sich gegriffen; eine wissenschaftliche Dol-
metscherin (Mewes) vergleicht den an Geburtenschwund, Kriminali-
tät und Drogensucht belegten Verfall mit Tuberkulose - und belegt
demokratisch-öffentlich ebenso wie Kanzler Kohl mit seinen in
"Mein Kampf" längst gedruckten "Werten", wie wenig das Faschis-
mus-Etikett taugt, wenn es gilt, politische Programme und Taten
zu charakterisieren. Der Moralismus des Faschismus-Vorwurfs hat
sich offenbar längst getrennt von einem Inhalt, der von dem rui-
nösen Umgang von Staatsmännern mit ihrem Volk kündet - er ist nur
noch ein Kürzel für "Staat vergeigt!" Deswegen wird er auch von
einem Kabinettsmitglied nach dem anderen gegen die "Grünen " los-
gelassen. Der Verdacht lautet, s o l c h e Parlamentarier wür-
den die S o u v e r ä n i t ä t d e s S t a a t e s, die
Handlungsfreiheit der R e g i e r e n d e n gefährden. Und die
will heute nicht nur in den Phrasen der politischen Selbstbespie-
gelung als "Führer, geistig" genutzt sein. Die bis zum Erbrecher
wiederholte Vokabel "O p f e r" will in die Tat umgesetzt wer-
den, und zwar ohne die Perspektive, daß die "Gesundung" der Repu-
blik etwas mit (gesteigertem) Wohlstand zu tun haben könnte.
Nicht um den Arbeitslosen zu einem Auskommen zu verhelfen wollen
sie an die Macht müssen und Verantwortung übernehmen (eine solche
"Dienstleistung" hatte sich Hitler im Namen der Volksgesundheit
noch vorgenommen), sondern weil die Arbeitslosen ohnehin noch
mehr werden! A r m u t wird verordnet - und mit
"S o l i d a r i t ä t" begründet. Die Z w a n g s g e m e i n-
s c h a f t, die ein Staat nun einmal ist - was er seine
arbeitende Klasse auch immerzu spüren läßt - darf man sich als
total von Herzen kommende G e m e i n s c h a f t l i c h-
k e i t zu Herzen nehmen - und im Verelendungs-
Solidaritätsprogramm praktizieren. Das müssen sogar die Ausländer
einsehen. In medizinischen Metaphern ist zu denken geboten der
Staat = "wir alle" l e i d e t, muß gesund werden. Und
d a f ü r taugt das Geltendmachen materieller Ansprüche absolut
nichts.
So kommt in der neuesten und doch so alten form der Krisenbewäl-
tigung der K l a s s e n k a m p f vor. In dem Augenblick, wo
der Gegensatz der Klassen wie der zwischen Staat und Bürger ganz
brutal zur Anschauung gebracht wird - Kriegsvorbereitung durch
Verelendung gewährleistet! -, setzt die Politik den
f a s c h i s t i s c h e n U n t e r t a n als ihr Ideal in
die Welt und tut alles, um dieses Ideal wahrzumachen!
Der Kritik dieses K r i s e n f a n a t i s m u s haben sich
die berüchtigten "fortschrittlichen Kräfte" noch nicht einmal
theoretisch angenommen: weder durch die Klarstellung dessen, was
eine Krise ist, noch durch die Ablehnung der S o r g e-
p f l i c h t, die aus der ideologischen Verwandlung jeden
Fortschritts von Geschäft und Gewalt in eine "Krise" deduziert
wird. Während linke Wissenschaftler nostalgisch werden und echte
"Konjunkturpolitik" herbeisehnen, kaum ist sie nicht mehr
Staatsprogramm; andere das neue Staatsprogramm an seiner alten,
sozialdemokratischen Interpretation messen, gefällt sich der DGB
in der kompromißlosen Forderung "Gleiche Opfer für alle!" - die
sicher erhört wird. Es sind nämlich immer die Lohnabhängigen ge-
meint, nur unter verschiedenen Titeln: als Krankenversicherte,
Rentner; Arbeitslose, Beschäftigte und Volk mit leichten Einkom-
mensunterschieden.
Überhaupt: die A r b e i t s l o s e n! Welche Dummheit, welche
Gemeinheit läßt sich mit diesen s c h o n e r z i e l t e n
O p f e r n eigentlich nicht rechtfertigen?
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