Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie

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       Krisentheorien
       

GUTE GRÜNDE FÜR SCHWERE ZEITEN UND REZEPTE FÜR NOCH SCHWERERE

Um Kriterien dafür, wann eine wirtschaftliche Krise vorliegen soll, sind Ökonomen noch nie verlegen gewesen: "Stagnierende Produktion, ständig steigende Arbeitslosigkeit, Firmenzusammenbrüche, nachlassende Bestelltätigkeit und die pes- simistische Stimmung in den Chefetagen - all dies deutet darauf hin, daß sich die deutsche Wirtschaft in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg befindet." So sicher sich die professionellen Auguren des Wirtschaftsgesche- hens darüber sind, daß eine Krise nicht unmittelbar eine Krise der "Produktion", der "Bestelltätigkeit" oder der "Stimmung" ist, so wenig waren sie jemals zu vernünftigen Antworten darauf in der Lage, w e s s e n Darniederliegen durch jene mißlichen Umstände angezeigt wird: "Krise wird definiert als ein Nachlassen der wirtschaftlichen Ak- tivität." Denkt man bei "wirtschaftlicher Aktivität" daran, woran man of- fensichtlich denken soll (Bestellen, Produzieren, Firmen eröffnen und schließen...), so findet man sich unversehens im Reich der I n d i k a t o r e n wieder. Die Antwort darauf, wessen Krise diese Krise sei, wird schlichtweg ersetzt durch die abstrakte Zu- sammenfassung jener Umstände, die - nach eigenem Bekunden - nur anzeigen sollen, daß sich irgendetwas a n d e r e s, auf dessen Florieren es ankommt, in der Krise befindet - also durch blanke Metaphorik: Schlecht geht's - wem? - insgesamt! (siehe MSZ Nr. 1/82, "Biorhythmus des Kapitals") Und wenn sich Ökonomen einer Erklärung dieser trübseligen Dia- gnose zuwenden, dann nur, um diese "Feststellung" mit einer über- raschenden Umkehrung fortzusetzen: "In den westlichen Industrieländern drücken die hohen Zinsen, eine rapide steigende Arbeitslosigkeit, teilweise gesättigte Märkte und eine allgemeine Angst vor der Zukunft auf die Investi- tions- und Konsumbereitschaft." Alles, was einen Absatz zuvor als I n d i k a t o r für die Krise bemüht und als deren W i r k u n g beschrieben wurde, sieht sich nunmehr in den Rang einer Krisen u r s a c h e erho- ben: Schlecht steht's - kein Wunder, wenn es überall so duster aussieht! Zwar haben die Zinsen offensichtlich nicht unbedingt mit Krise zu tun, völlig eindeutig ist aber ihre Wirkung, wenn sie ausreichend "hoch" sind. Wie hoch müssen sie denn sein: 2% oder erst bei 6,7%? Für sich genommen scheint Arbeitslosigkeit nicht unbedingt etwas mit Krise zu tun zu haben - aber wenn sie "steigt"! Ab wann wirkt's? Bei 1% pro Monat oder bei 12% Zuwachs pro Jahr? Ach so, wenn sie "rapide" steigt. So schnell oder noch schneller? Während Physiker die Gesetze des Drucks kennen und deswegen wissen, warum und wann der Kessel platzt, bemühen Ökono- men, die fast genauso gerne rechnen, den blanken Hinweis darauf, d a ß es ja krisele, als Argument dafür, um irgendwelche Um- stände vom Preis bis zur Stimmung als schlechte oder fehlende B e d i n g u n g zu erfinden; eben nicht als einen notwendigen Grund für die Krise, sondern als S c h u l d i g e n für etwas, was es im Moment gar nicht gibt: den Aufschwung. Da erfährt man zwar sehr viel über Sachen, die angeblich irgend eine "Rolle spielen", aber nie, wieso und wofür z.B. Zinsen und sinkender Absatz so bedeutsam sein sollen. Warum sollte bei allen diesen Spekulationen auch der Krise auf den Grund gegangen werden - die Überakkumulation des Kapitals -, wenn, gemessen am Ideal einer s t ö r u n g s f r e i e n Akkumulation, Krise immer nur als Ausbleiben des Aufschwungs unangenehm empfunden wird. Ausgestattet mit diesen Ergebnissen 100-jähriger Konjunkturfor- schung glauben Ökonomen auf Besonderheiten der gegenwärtigen Wirtschaftslage zu stoßen. Zum ersten ist die Krise heute "überall" und "tiefgreifend", - alles zusammen: "Die Weltwirtschaft steht vor dem Kollaps." Was macht's auch! Wenn man eh nicht weiß, w a s sich eigentlich in der Krise befindet, kann man locker den sachverständigen Aus- ruf "schlecht steht's" zu einem wahren Weltbrandgemälde ausbauen und in der Suche nach Indikatoren dafür sämtliche Unterschiede zwischen den Machern des Weltmarktes und seiner Kalkulationsmasse "amerikanische Stahlindustrie nur zu 48% ausgelastet niedrige Rohstoffpreise in der dritten Welt müssen immer mehr Entwicklungsprojekte ad acta gelegt werden...", und zwischen "wirtschaftlichen Schwierigkeiten" in kapitalisti- schen Nationen und deren politischen Erfolgen, "30 Mill. Arbeitslose in den westlichen Industrieländern... Selbst die Länder des Ostblocks bleiben nicht verschont" (vor wem!?). "Polen und Rumänien sind bereits beinahe bankrott...", verschwinden lassen. Der Besonderheiten zweiter Teil: "Die lange Dauer des Abschwunges ist ein deutliches Anzeichen da- für, daß sich die Weltwirtschaft nicht in einer der üblichen zy- klischen Schwächeperioden befindet." Voll getroffen - aber blind geschossen! Wie sollte aus der D a u e r einer Konjunkturphase folgen, daß es sich dabei nicht mehr um eine Phase der K o n j u n k t u r handele. Früher wuß- ten Ökonomen doch auch nie, wann und warum der nächste Aufschwung kommt, woher auch bei dieser Konjunkturtheorie. Woher nur schöp- fen sie umgekehrt heute die Sicherheit, daß der Aufschwung auf keinen Fall schon zusammen mit dem Frühling vor der Tür stehen könne - woher, wenn nicht aus einem sicheren politischen In- stinkt. Nur: Wenn staatlicherseits dauerhaft schwere Zeiten ver- ordnet und die NATO-Aufrüstung in die Tat umgesetzt wird - dann will man doch nicht gleich von einer politisch verordneten Krise sprechen; stattdessen sucht man nach einem "ökonomischen Anzei- chen" für das, was in den Regierungskommuniques in Aussicht ge- stellt wird. Und selbst wenn Ökonomen - gewohnt, die Krise mit den Indikatoren für sie zu identifizieren - über manche Unge- reimtheit zwischen ihrem Konjunkturbild und der heutigen Lage stolpern: "Handelte es sich in der Welt gegenwärtig nur um eine konjunktu- rell verursachte Unterauslastung der Produktionskapazitäten, wür- den nicht steigende Inflationsraten mit Stagnation und Arbeitslo- sigkeit einherschreiten. In einer konjunkturellen Rezession soll- ten eigentlich auch nicht die Zinsen hoch bleiben." - dann nicht, um den veränderten staatlichen Umgang mit Zins und Inflation als Grund für die Verlaufsform der heutigen Krise festzuhalten. So sehr sie dies nämlich einerseits mitbekommen: "Wenn dies anders ist, so hängt das damit zusammen, daß überall ein hoher staatlicher Kreditbedarf auf den Kapitalmärkten la- stet.", so sehr wollen sie für Inflation und Hochzins andererseits eine ö k o n o m i s c h e U n a u s w e i c h l i c h k e i t er- sinnen: "Kapital würde auch dann in der Welt für längere Zeit teuer blei- ben, wenn die Kapitalnachfrage deswegen kräftig steigt, weil das, was an Produktionskapazitäten fehlt, in Zukunft zu mehr Investi- tionen führt, also die Kapitalnachfrage erhöht. Diese Zusammen- hänge verkennt, wer die Geldpolitik in den USA oder anderswo we- gen der hohen Zinsen auf die Anklagebank zitiert." Nicht die staatliche Inanspruchnahme der Kapitalmärkte ist der Grund für den hohen Zins, weil es eben auch etwas anderes sein k ö n n t e - die private Kreditnachfrage; es gibt sie zwar jetzt n i c h t, aber d e s w e g e n gäbe es sie sofort, wenn der Staat nicht mehr... Auch eine Methode, die ökonomische Unumgäng- lichkeit einer politisch verordneten Krise zu "beweisen" - und zwar als fruchtbares Gespräch zweier trostloser Lager: Angesichts hoher Zinsen kann man sich entweder schlicht auf den Standpunkt stellen, daß es sie ja gibt, um allein daraus einen guten Grund für sie "folgen" zu lassen: "Nach Meinung der Angebotstheoretiker ist der hohe Zins vor allem ein Indikator für die Knappheit an Produktivkapital. Wer da meint, die Zinsen unterhalb eines solchen Natürlichen Niveaus an- siedeln zu können, will einmal klüger sein als der Markt.", oder man kann sich in den Wettkampf mit diesem Geistesriesen stürzen, sich auf den Standpunkt irgendwelcher W i r k u n g e n des Zinses stellen und dabei genauso tun, als wüßte man erstens ein Maßverhältnis zwischen Milliarden und Prozenten und zweitens dieses ganz genau: "Der Zins als Preis für Kapital ist nicht mehr von den tatsächli- chen Knappheitsverhältnissen" (mehr Geld als Eier?!) "abhängig, seine Ausschläge sind überhöht....Fehlsteuerungen die Folge." Dann sagen Sie einmal, Herr Ökonom: Wie hoch muß der Zins sein, damit er zu 15,67 Mrd. DM paßt? Angesichts nachlassender "Geschäftstätigkeit" kann man entweder auf "mangelnde Nachfrage" als Schuldigen verweisen oder sich auf den Standpunkt stellen, daß es wohl am "Angebot" liege, wenn es keinen Stich mache. Irgendwie dämmert den Ökonomen dann, daß bei ihnen andererseits immer "Nachfrage und Angebot zwei Seiten ein und derselben Sache" sind: "Eine Trennung zwischen nachfrageseitig und angebotsseitig verur- sachten Störungen ist nicht immer leicht.", aber dies hindert sie keineswegs daran, die Frage, ob nun das Bett zu kurz oder der Mann zu lang sei, auf jeden Fall zu e n t s c h e i d e n. Die Sicherheit, mit der sie akkurat die "Nachfrageseite" als Hauptursache ausschließen, entspringt dem Opportunismus dieser Theorie: Seit staatlicherseits das Ende von "Konjunkturprogrammen alten Stils " verkündet wurde, weil das Geld dafür andernorts gebraucht werde und darüberhinaus einiges für die Beschneidung der Massenkaufkraft getan wird - seitdem überschlagen sich die Ökonomen vor lauter "Nachweisen", daß es an der Nachfrage auch nicht liegen k ö n n e. Noch vor nicht allzulanger Zeit überschrieben die Ökonomen gerade in Rezessionsjahren ihre Gutachten mit Titeln wie "Mut zur Zu- kunft"; der "Glaube an die Selbstheilungskräfte des Marktes" war zwar fromm, aber positiv. Heutzutage beglückwünschen sich diese Herren gegenseitig zu ihrem "Realismus" und bestätigen sich, daß man zwar Hoffnungen hegen könne, es dafür aber gar keinen Grund gebe. Es handle sich eben keineswegs um eine "zyklische Krise", sondern - um eine "Anpassungskrise": "Die Schwierigkeiten vieler Länder, die Anpassung an die verän- derten weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen voranzubringen, be- hindern, nicht zuletzt mit ihren Folgen für die Zinsen, allent- halben die konjunkturelle Erholung..." Wie war das: "Hohe Zinsen" einerseits als U r s a c h e für die Depression, als Inhalt der "weltwirtschaftlichen Rahmenbedingun- gen" und andererseits als F o l g e; aber nicht einfach als Folge der Staatsverschuldung, noch nicht einmal als Folge einer Konjunkturpolitik (von der nirgends etwas zu sehen ist), sondern als Folge des S c h e i t e r n s aller staatlichen Versuche, t r o t z hoher Zinsen, d.h. in "Anpassung" an sie, einen Auf- schwung zustande zu bringen. "Anpassungskrise" ist tatsächlich der dem ökonomischen Geist in der heutigen Lage entsprechende Konjunkturbegriff: Die "Schwierigkeit", sich an die Krise a n z u p a s s e n, i s t die Krise. Darin ist der W u n s c h ausgedrückt, durch gelungene Anpassung an die Krise, ihre Wirkungen zu vermeiden - trotz der Krisenursachen keine Krise zu machen. zurück