Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie
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NACHRICHTEN VON DER MARKTWIRTSCHAFT
Erstaunliches aus China
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Die Marktwirtschaft hat angeblich mittlerweile sogar das große
China ereilt. Daran stimmt sicher so viel, daß die chinesischen
Führer den Ausbeutungsgrad im eigenen Land für völlig ungenügend
halten - gemessen an der Plackerei in vorrevolutionären Zeiten
ist der chinesische Bauer ziemlich abgeschlafft:
Der Chefkommentator der "Volkszeitung" in einem Interview mit dem
"Spiegel":
"Traditionell ging der chinesische Bauer im Morgengrauen auf das
Feld. Nachdem die Volkskommunen eingeführt worden waren, ging er
erst um 8 Uhr aufs Feld. Dann ließ er sich vom Kader die Arbeit
zuteilen und ging ins Dorf zurück, um sich sein Arbeitsgerät zu
holen. Wieder auf dem Feld nahm er sich erst mal Zeit für eine
Zigarettenpause. Was Wunder, daß die Produktivität auf dem Lande
gering war."
Den eigenen Leuten das Hin-und-Herschlendern und die Zigaretten-
pausen auszutreiben, nennt Herr Fan Rongkang ganz richtig ein
"marktwirtschaftliches Element", und um sich ausländische Kapital
anzudienern, verspricht er mehr von der Sorte:
"Spiegel: Sieht Ihr Konzept vor, marktwirtschaftliche Elemente
überall dort zuzulassen, wo sie Effizienz versprechen?
Fon Rongkong: Ja, der Anteil der Marktwirtschaft wird sich noch
vergrößern."
Der "Spiegel" enthält sich aller Ironie und schmeichelt dem
frischgewonnenen Anhänger westlicher Lebens- und Leistungskultur
pflichtschuldigst - nicht aber ohne die Nachfrage, ob der Herr
Chinas denn auch bereit sei, die naturnotwendigen Folgen zu tra-
gen:
"Spiegel: Der Erfolg der chinesischen Wirtschaftsreform ist in
der Tat erstaunlich... Wenn das so weitergeht, werden dann nicht
viele Arbeitskräfte, zumal auf dem Lande, überflüssig?
Fan Rongkang: Ja, das ist ein Problem..."
Sprachregelungen und andere Schweinereien
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Dr. Volkmar Köhler, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundes-
ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, verdanken wir
einen Kompreß der gültigen Sprachregelungen in Sachen Ausbeutung
der "3. Welt".
1. Den sogenannten Entwicklungsländern geht es darum so dreckig,
weil sie meinten, sich entwickeln zu müssen:
"Von den Entwicklungsländern sind häufig unter Mithilfe westli-
cher Banken und Entwicklungshilfeinstitutionen zu ehrgeizige oder
zu wenig rentable Investitionen durchgeführt worden."
2. Diesem Idealismus, gefördert von so caritativen Vereinigungen
wie der Deutschen Bank AG und dem Entwicklungshilfeministerium,
hat nun die rauhe Wirklichkeit eine Absage erteilt, und bedrückt
müssen alle einsehen:
"Die Krise in Afrika hat schwerwiegende Versäumnisse... deutlich
gemacht. Dies hat international zu einer Ernüchterung geführt.
Notwendige Folge war die Überprüfung der Wirtschaftspolitik..."
3. Die gar nicht verkaterten Wohltäter gedenken nun, mit noch we-
niger Aufwand als zuvor, die paar ihnen wichtigen Wertgegenstände
herauszuholen. Die Argumentation bedient sich dabei eines Zwei-
schritts:
a) Neger total arm, weil gegängelt und von uns versorgt;
b) Neger satt, wenn allein gelassen und auf seinen Grips angewie-
sen:
"...nicht durch staatliche Gängelei ersticken. Langfristig kann
die absolute Armut in den Entwicklungsländern nur dann erfolg-
reich bekämpft werden, wenn dabei den schöpferischen Kräften der
Betroffenen selbst eine ausreichende Chance eingeräumt wird."
Eine schöpferische Anwendung der absoluten Armut ist bekanntlich
das umstandslose Krepieren.
4. Dabei müssen sich die Neger darüber im klaren sein, daß sie
weiterhin unser Zeug zu kaufen haben - da sie sonst Souveränität
und Interessenausgleich verletzen:
"Partnerschaft heißt immer: Respektierung der Souveränität und
Interessenausgleich...
Die Leistungskraft der deutschen Entwicklungshilfe beruht auf der
Leistungskraft unserer Wirtschaft und ihrer Exporte. Teil des In-
teressenausgleichs... ist, daß deutsche Entwicklungshilfe in ent-
wicklungspolitisch geeigneten Fällen beschäftigungswirksam für
unsere Wirtschaft wird."
5. Alle, die dagegen etwas einwenden, sind Kriegstreiber und Ter-
roristen:
"Von der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit müssen Impulse
für den Frieden ausgehen. ... Entwicklungszusammenarbeit und
Friedenssicherung sind heute mehr denn je als eine Einheit anzu-
sehen. Dabei fördern wir die Kräfte des Ausgleichs und nicht die
der Gewalt." (Alle Zitate aus FAZ, 7.5.)
*
"Die Devisennöte zahlreicher Entwicklungsländer haben in den
letzten Jahren zu einem starken Anstieg der Tauschgeschäfte im
Welthandel geführt... Die 'Renaissance der Tauschgeschäfte' habe
ihre Ursache vor allem in den Liquiditätsschwierigkeiten durch
die hohe Verschuldung. Diese habe in vielen Ländern zu gestiege-
nen Schuldendienst-Verpflichtungen bei gleichzeitig gesunkener
Bonität geführt. Die Verwendung von Tauschwaren sei ein Mittel,
um die notwendigen Importe ohne Rücksicht auf knappe Devisen oder
Kredite finanzieren zu können." (Süddeutsche Zeitung, 30.4.)
Die Einbeziehung der Länder der "3. Welt" ins kapitalistische
Geldwesen hat es mit anti-kolonialistischem Kampf, Anerkennung
der Souveränität und freier Betätigung auf dem Weltmarkt er-
reicht, daß dem Kapital alle Türen und Tore geöffnet wurden. Der
damit eingerichtete Zwang, alle Güter und Dienstleistungen in
Geld zu bemessen und somit den Gesetzen der Profitabilität zu un-
terwerfen, hat die "Einbahnstraße" dort ankommen lassen, wo sie
angefangen hat bei der Wiederauflage des klassischen
Bimbo/Rothaut-Verfahrens: Du mir geben gelbes Glitzerstein, ich
dir geben Glasperlen - oder etwas vornehmer:
"Beim Tausch müssen teilweise erhebliche Preisabschläge akzep-
tiert werden."
Im Unterschied zu den Zeiten des Christoph Columbus beruht das
Verfahren allerdings nicht auf der Unwissenheit der Eingeborenen
und der falschen Freundlichkeit des Händlers, sondern auf der
beiden Seiten bewußten Paarung von Ohnmacht und Erpressung:
"Über den Zuschlag im Tauschgeschäft entscheidet nicht der Wett-
bewerb, sondern die Akzeptanz der Tauschwaren."
Der kapitalistische "Käufer" holt sich das Zeug ab, das er
braucht - und zwar nicht, um es daheim zu verteilen, sondern um
es in s e i n e m Wettbewerb zu Geld zu m a c h e n.
Wenn Kapitalisten denken
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Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber (BDA) denkt an
ihre Pflichten und legt die Mitgliedsbeiträge sinnvoll auf dem
Gebiet der Feldforschung für Standardideologien an.
"Die Produktivität als Grundlage des Verteilungsspielraums neu zu
fassen, hatte sich der - Ausschuß für volkswirtschaftliche Fragen
der Einkommensverteilung im BDA vorgenommen... Dr. Franz-Josef
Trouvain: Bei der Überlegung sei es um die Steigerung der Wettbe-
werbsfähigkeit des Faktors Arbeit und damit um die Schaffung von
mehr Beschäftigungsmöglichkeiten gegangen. Die von dem Ausschuß
unter diesem Blickwinkel erarbeitete Faustregel bestätigt, daß
die Entwicklung der Produktivität Maßstab für Lohngestaltung
bleiben muß. Nach Trouvains Worten dürfte jedoch nicht allein die
Produktivität der beschäftigten Arbeitskräfte Orientierungshilfe
sein, sondern es mußten auch diejenigen berücksichtigt werden,
die einen Arbeitsplatz suchen." (Süddeutsche Zeitung, 11.5.)
Die Idee ist so bestechend wie frech und blödsinnig. Das wäre ja
wirklich das Neueste, wenn ein Arbeiter vom Ertrag seiner Arbeit
bezahlt würde - die Abschaffung des Kapitalismus wäre in Win-
deseile passiert, da es nur noch Millionäre und keine Arbeiter
mehr gäbe.
Trotzdem kann so ein hart arbeitender Kapitalistenunterausschuß
doch einfach mal so tun, dann behaupten, daß - weil so ein ge-
fährliches Prinzip angewendet wurde - Leute arbeitslos werden
mußten, dann aber schnell das Prinzip wieder "retten", indem die
Null-Produktivität der Arbeitslosen dagegen aufgerechnet wird.
Mit diesem simplen Trick ist die Produktivität dann gesunken,
dann muß ja auch der Lohn sinken. - S o ist die Produktivität
der schönste "Maßstab für die Lohngestaltung" - dann steigt die
"Wettbewerbsfähigkeit des Faktors Arbeit", die den Unternehmern
bekanntlich schon immer ein Herzensanliegen war, dann steigt die
Produktivität, dann, ja dann können endlich wieder die Löhne
steigen...
Geier über Bhopal?
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Die falsche moralische Empörung über die "Giftkatastrophe" in
Bhopal, die sich nichts über die Notwendigkeit solcher "Unglücke
" in unserer heißgeliebten Produktionsweise aber alles über den
mal wieder bewiesenen Schlendrian in der Menschennatur vor Augen
führen will, hat anläßlich der juristischen Aufarbeitung mal wie-
der Futter gekriegt. Eine lange Reihe amerikanischer Anwälte
sieht die Gelegenheit für lukrative Anwendung ihres Sachverstan-
des - und das einhellige Urteil lautet: "Wie die Geier stürzen
sie sich auf die armen Opfer!"
Allen Moralwachteln muß gesagt werden: Wie anders als durch die
Bereicherung der Anwälte am Gift sollen die Opfer an eine
"Entschädigung" kommen? Dem amerikanischen Staranwalt Marvin
Belli mag ein indischer Paria zwar wie Dreck in den Rillen seiner
Schuhsohlen vorkommen, aber wenn er sein Geschäft mit ihm machen
will, muß er möglichst viele davon zusammenkratzen und die Scha-
denssumme hochtreiben. Gebühren und Erfolgshonorare richten sich
ja nach dem S t r e i t w e r t - viel Schaden = viel Anwalt
heißt die Faustregel. Und am schönsten sind noch allemal schwere
Körperverletzungen und Todesfälle. Die Giftopfer in Bhopal sind
gut beraten, wenn sie sich Anwälte aus dem Mutterland von Angebot
und Nachfrage nehmen - denen steckt das Aushandeln f a i r e r
P r e i s e direkt im Blut.
Da ein indischer Paria keinen allzu großen Wert repräsentiert,
ist Produktion auf großer Stufenleiter vonnöten: Die indische Re-
gierung hat ein großes Paket von Opfern geschnürt und die Scha-
densmasse an eine dafür geeignete Rechtsfabrik zur weiteren -Be-
handlung übergeben. Die Anwaltsfirma Robins, Zelle, Larxon und
Kaplan, die "Katastrophenkönige" (Time), hat sich hervorgetan in
"einigen der schlimmsten Unglücksfälle (calamities) der letzten
zehn Jahre", wobei gut 700 Tote und Verletzte und ein Gesamtscha-
den von weit über einer Milliarde Dollar anfiel. Sie hat es zu
einigen "Millionen-Siegen" für ihre Klienten gebracht und darum
ihr Personal von anfänglich 38 auf mittlerweile 152 Rechtsanwäl-
ten aufgestockt. Mißgünstige Konkurrenzfirmen gönnten Robins,
Zelle et al. den Erfolg nicht und beantragten Verlegung der Ge-
richtsbarkeit - aber wie es auch immer ausgeht:
"Robins, Zelle... befinden sich in einer beneidenswerten Posi-
tion. Ein wesentlicher Teil des Firmenerfolgs besteht in der Raf-
finesse, mit der sich diese Anwälte ihre Klienten aussuchen, ge-
nauso sorgfältig eben wie der Klient, der sich seine Anwälte aus-
sucht. Außer in dem unwahrscheinlichen Fall, daß die indische Re-
gierung als klageberechtigte Partei ausgeschlossen wird, ist Ro-
bins, Zelle... jetzt ein lukrativer Platz in der vordersten Reihe
des Bhopal-Dramas garantiert - bis zum Schluß." (Time )
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