Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie


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       Wovon Polen, Ungarn, Russen träumen -
       Was DDR-Flüchtlingen hier blüht:
       

DIE LEISTUNGSGESELLSCHAFT

"Die Idee der Freiheit des Wirtschaftens hat sich als die stär- kere erwiesen." (Gauweiler) An dieser "besseren Idee" dürfen sich nun auch unsere neu ange- kommenen Brüder und Schwestern aus der DDR abarbeiten. Daß all die feinen Produkte der Leistungsgesellschaft nicht einfach für die da sind, die nichts anderes als ihre Dienstbarkeit im Ruck- sack mitgebracht haben, wissen sie auch. Genauso wie ihre schon länger in Demokratie und Marktwirtschaft erfahrenen Klassenbrüder in den deutschen Westzonen. "Irgendwie" soll es aber doch an je- dem selbst liegen, zu was er in dieser "harten, aber gerechten Ellenbogengesellschaft" kommt. Da täuschen sich die Brüder. Wel- che Stellung die strebende Nationalmannschaft in der Stufenleiter von Lohn und Leistung einnimmt, dafür sorgen die Sachgesetze des Marktes ganz von allein. Erst einmal muß einer, der über keine Geschäftsmittel verfügt, einen Nutzanwender für seine Arbeit finden. Damit steht nach den Regeln der freien Konkurrenz immer schon fest, wer die Leistung zu erbringen hat und für wen sie sich lohnt. Die freie Marktwirt- schaft mit ihrer Garantie des Privateigentums sorgt dafür, daß Leistungsgerechtigkeit herrscht. - Am meisten Geld kriegt derjenige, der es hat. Seine Leistung besteht darin, sein Geld, sprich: andere für sich arbeiten zu lassen. Ob als Grundeigentümer, Fabrikant oder Bankier oder alles gleichzeitig - immer begründet das Eigentum ein Recht auf Gewinn. Die Leistung der "besitzenden Klasse" besteht darin, ihr Vermögen zu vermehren. - Dafür braucht es dann noch Vorstände, Manager, Betriebsleiter usw. Die heißen "Verantwortungsträger", sitzen in leitenden Stel- lungen und verdienen ziemlich gut. Ihre Leistung besteht darin aufzupassen, daß andere was leisten und daß sich das für die Geldgeber lohnt; darauf verwenden sie ihren ganzen Einfallsreich- tum. - Wo das Arbeiten anfängt, bei der Masse derjenigen, die den Ge- schäftsleuten ihre Gewinne zu schaffen haben, sind die Unter- schiede in beruflicher Stellung und beruflichem Ertrag zwar nicht mehr besonders groß; extra gerecht, nach Leistungsgruppensystemen differenziert, geht es aber auch dort zu. Die höheren Stufen der Lohnhierachie eröffnen sich nur dem Arbeiter, der per Fach- arbeiterbrief eine Qualifikation vorzeigen kann. Einen Anspruch kann er daraus nicht ableiten. Fest steht aber: Arbeitsplätze, die nicht als Facharbeiterarbeitplätze bewertet sind, gestatten nur weniger Lohnzahlung. Daß an den Arbeitsplätzen der niedrigen Lohngruppen kein Können verlangt wird, geschweige denn Verantwor- tung zu tragen ist, wird dem Arbeiter zur Last gelegt - er muß n u r leisten und kriegt entsprechend weniger. Es gilt das Prin- zip: Je schlechter eine Arbeit auszuhalten, je größer die An- strengung, desto schlechter die Bezahlung. - Produktivitätsfortschritt, profitträchtige Rationalisierungen berechtigen den Arbeitgeber, mehr Leistung zu verlangen und/oder den Lohn durch Abgruppierung zu senken. Je produktiver produziert wird, desto weniger haben die Produzenten davon. - Selbst die stattliche Anzahl der so vom Kapital überflüssig Ge- machten hat noch ihr Scherflein zum Gedeihen der Gesellschaft beizutragen. Als Reservearmee haben sie sich brauchbar zu halten; als Argument gegen den Lohn der Beschäftigen taugen sie auch noch. Fazit: Die ach so schöne und gerechte Leistungsgesellschaft ist nichts als eine K l a s s e n g e s e l l s c h a f t. Daß Lohn, der immer knapp bemessen wird, hierzulande jede Menge Lei- stung erzwingt, heißt eben nicht, daß man sich mit viel Leistung ein Anrecht auf hohen Lohn erarbeiten könnte. Vielmehr ist es so, daß die Masse der Lohnabhängigen mit Arbeit und bescheidener Exi- stenz dafür geradezustehen hat, daß der Reichtum der Eigentümer nicht aufhört zu wachsen. So und nicht "irgendwie" hängt es von einem selbst ab, zu was man es bringt. zurück