Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie
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PROFIT ALS MORALISCHE KATEGORIE
Seitdem es den bürgerlichen Zirkus gibt, steht der Profit, bzw.
was man dafür hält, in schlechtem Ruf. Zwar hat sich seit Marx
kaum jemand sonderlich dafür interessiert, was er ist; doch als
Urheber für allerlei Ungemach ist diese ökonomische Größe stets
ausgemacht worden. Immer wieder wurde er für zu hoch befunden,
Bomben und Panzer sollen ihm ihre Herstellung zu verdanken haben,
und auch für die Leiden der "Umwelt" wird er bis auf den heutigen
Tag haftbar gemacht. Erst in neuester Zeit ist er wieder wegen
seiner unbestreitbaren, guten Wirkungen rehabilitiert worden:
Mehr oder minder unbestechliche Wirtschaftspolitiker haben die
Öffentlichkeit darauf hingewiesen, daß im Profit jene Kraft am
Wirken ist, die Arbeitsplätze, also Gutes schafft.
Da heißt es sich entscheiden. Alle diejenigen, die meinen, ge-
wisse Leute hätten Profit gemacht, - ihn eingesteckt und bei ame-
rikanischen (!) Banken angelegt, statt die Arbeitslosen von den
deutschen Straßen zu holen, haben sich sogar schon entschieden.
Auch manche ehrbare Gewerkschaftler zählen zu den Verehrern des
Profits, solange er nicht mißbraucht wird - und sie verachten
nicht das in Profit bemessene "Wachstum", sondern den unseligen
Egoismus, der sich bei den Inhabern von neun- und mehrstelligen
Konten bemerkbar macht. Diese verwerfliche Einstellung ist bei
Liebhabern der geschändeten Natur ebenfalls verpönt. Deshalb sind
sie auf den originellen Vorschlag gekommen, Investitionen zur Re-
staurierung der Umwelt zu fordern. Für den Fall, daß dieses Ge-
werbe erst einmal zu einer rentablen Branche ausgebaut ist, ver-
sprechen sie sich von deren Wachstum jede Menge Arbeitsplätze so-
wie einen Aufschwung des Friedens. Statt mit der Herstellung von
Panzern ist dann nämlich mit der Produktion von Wäldern, Wiesen
und Windmühlen etwas zu verdienen.
Gegen solche Anträge, den zum Motiv heruntergebrachten Profit zur
Verrichtung menschenfreundlicher Werke zu kanalisieren, nimmt
sich die alte Beschwerde, er sei zu groß, fast materialistisch
aus. Immerhin wird mit dem "zu" der Armut gedacht, mit der jener
Zuwachs an in Geld gemessenem Reichtum einfach nicht zu versöhnen
sein soll. Ist er aber leider; wie die schönen Rechnungen zeigen,
die anführen, wieviel lumpige Märker auf jeden kleinen Mann ent-
fallen, wenn die Millionäre ihr Vermögen unters Volk verteilen,
liegt im friedlichen Nebeneinander von Arm und Reich sogar die
denkbar beste Lösung vor. Schließlich wären die Gelder dann dem
Konsum - und zwar einem unerheblichen - geopfert, und niemand
hätte mehr genug beisammen, um eine Fabrik zu unterhalten.
Man sieht, wieviel man gerade von den Apologeten des Profits ler-
nen kann. Zwar ist der logische Ertrag ihrer Weltsicht gering, da
sie nichts begründen. Immerhin aber b e r u f e n sie sich auf
die "Sachgesetze" einer Ordnung, in der ohne Profit nichts läuft,
weil es eben auf ihn ankommt. Als "M o t o r" der (Markt-)
Wirtschaft gebührt ihm das Verdienst, bei allem das
E n t s c h e i d e n d e zu sein. Diese Geldgröße ist die
Frucht einer K a p i t a l anlage und duldet daher keinen Ver-
gleich mit "Einkommen", welche zum Gebrauch und Verzehr gewöhnli-
cher Güter verwendet werden. Der Teil des Profits, der sich in
Revenue derer verwandelt, die ihn machen, ist zwar vom Standpunkt
eines armen Schluckers enorm, für den Z w e c k dieses Über-
schusses an Reichtum aber unerheblich. Als Gradmesser von lohnen-
den Geschäften gebietet er, daß sämtliche gewöhnlichen Einkommen
als K o s t e n behandelt werden.
Daß dem Profit diese außergewöhnliche Rolle zufällt, ist weder
dem lieben Gott noch der Natur zu danken. Wenn sich die einen
nach ihm richten, um ihren Reichtum zu vermehren, und die ande-
ren, um "von" seiner Schaffung wenigstens leben zu können, so
schulden sie diese marktwirtschaftlichen Rechte und Pflichten ih-
rem Staat. Der schützt mit "d e m" Eigentum auch die Klassen,
von denen er etwas Entgegenkommen erwartet: Die einen haben sich
als Mittel des Eigentums zu bewähren, das die anderen haben.
An den W i r k u n g e n dieser gewaltsam entstandenen und er-
haltenen "Sozialpartnerschaft", zu der man als guter Demokrat nie
Ausbeutung sagen darf, haben kritische Geister offenbar immer
wieder den P r o f i t a l s U r s a c h e ausmachen wollen.
Traurig an diesem Protest, der schon so lange in Mode ist wie das
Kapital selbst, ist das Kunststück zu nennen, durch das die all-
gegenwärtige Verdammung des Profits zur staatsbürgerlichen
Pflichtübung verkommt. Das Kunststück besteht aus einer psycholo-
gisch-moralischen Fehlleistung, aus einem dafür unerläßlichen lo-
gischen Kraftakt und einer Dummheit des politischen Verstandes.
1. Die Klagen über den Profit zeugen stets vom festen Willen zur
Unterscheidung - zwischen "normalen", akzeptierten Opfern und
solchen, die für außergewöhnlich und unerträglich gelten. Der
G r a d d e r B e t r o f f e n h e i t scheint für manche
Leute erst bei einigen Millionen Arbeitslosen und einer handfe-
sten Kriegsvorbereitung kritikwürdig zu werden - und unter einem
auch allgemein und regierungsamtlich zum "Problem" gekürten Übel,
das sie dann in den Rang eines S k a n d a l s erheben, fangen
moralische Kritiker des Profits gar nicht erst an.
2. Deshalb gerät ihnen offenbar auch die Zeit, in der die Ursache
ihre Wirkung entfaltet, selbst noch rückblickend zu einer Periode
mit rosigen Perspektiven. In der Ära der sozialliberalen Koali-
tion will so schnell keiner die Fortschritte des Kapitals festma-
chen, die der Nation ihren "Sockel" an Arbeitslosen beschert ha-
ben; und der Profit der Rüstungskonzerne kam erst ins Gerede, als
manche über die "Nachrüstung" erschrocken sein wollten. Insofern
deuten die Anhänger allgemeiner Bürgerbetroffenheit, wenn sie den
Profit geißeln, sehr eindeutig an, daß es sich ihrer bescheidenen
Meinung nach um eine V e r f e h l u n g, und nicht um ein von
ihnen entdecktes P r i n z i p handelt, was ihnen mißfällt. Lo-
gisch: Sie widerrufen ständig ihre Behauptung, daß es sich bei
den ungeliebten Mißständen, die sie dem Profit zuschreiben, um
d e s s e n Wirkung handelt. Eher schon zielen sie auf die
S c h u l d von hemmungslosen, u n g e z ü g e l t e n und
rücksichtslosen Exemplaren der Profit m a c h e r.
3. So ist es auch nicht verwunderlich, daß sie statt Klassenkampf
eine Empfehlung und Alternative propagieren. Der Klassenstaat,
immerhin Garant internationalen Geschäftserfolgs und Abnehmer des
Kriegsgeräts, hätte ihnen zufolge die Aufgabe, sein höchstes
Prinzip zu b r e m s e n. So sehr schätzen Moralisten des All-
gemeinwohls den gewöhnlichen Gang von Geschäft und Gewalt, daß
sie die politische Herrschaft des Kapitals zum Anwalt des ster-
benden Waldes, des Friedens und der "sozial Schwachen" ernennen!
Bis zu dem haarsträubenden Ansinnen hin, die Politik möge durch
alternative Gestaltung des Staatshaushalts den V e r f e h-
l u n g e n Einhalt gebieten, die sie bislang ü b e r s e h e n
hätte!
Die maßgeblichen Politiker ihrerseits können diese Einwände be-
quem zurückweisen. Denn die sog. "Sachzwänge" von Geschäft und
Gewalt stellen ja die Moraltanten des geläuterten und sozial ge-
lenkten Profits nicht in Frage. Insofern hält auch der Profit
selbst die Angriffe der politischen Moral schon lange gut aus.
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