Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie
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Stichwort:
AUFSCHWUNG / ABSCHWUNG
Macht "die Konjunktur" oder eine ihrer "Lokomotiven" eine Ver-
schnaufpause"? Fehlt es der Regierung an "Erfolgsrezepten"? Oder
unterläßt sie fahrlässig "konjunkturbelebende Maßnahmen" wie
Steuersenkungen oder Großeinkäufe von Straßen, Tunnels, Schulen
und Panzern?
Selten sind die Ideologien dümmer, die politischen Dummheiten wi-
dersprüchlicher, als wenn Wohl und Wehe der nationalen Wirtschaft
in der Debatte sind. Der Grund dafür ist einfach: Politiker kon-
kurrieren um die Macht; sie wollen als die denkbar besten Sach-
walter des nationalen Erfolgs dastehen. Dazu gehört die Angeberei
mit allem, was im Kapitalismus als Erfolg gilt. Die, die dran
sind, scheuen keine Lüge, um den flotten Gang der Geschäfte als
ihre Leistung darzustellen. Andererseits sind mit dem Gang kapi-
talistischer Geschäfte, und zwar mit dem flotten wie mit einem
mehr krisenhaften, allemal gewisse Wirkungen verbunden, die nicht
so publikumswirksam sind. Wenn Unternehmen ihre Werke schließen,
ganze Regionen verarmen oder den Bauern ihr Milchüberschuß als
Verlustgeschäft vorgerechnet wird, dann wollen regierende Politi-
ker die sonst nichts auf ihre Allzuständigkeit kommen lassen, da-
für lieber nicht verantwortlich sein. Wenn Pleiten und Entlassun-
gen zur "Welle" werden, dann sind dafür allemal irgendwelche
"Sachzwänge" zuständig, denen ausgerechnet die Machthaber letzt-
lich genauso ohnmächtig gegenüberstehen - sagen sie! - wie die
Betroffenen.
Nun ist es immer eine Lüge, wenn erfolgreiche Befehlshaber einer
ganzen Nation sich für machtlos erklären. Sie stellen damit klar,
daß sie bedingungslos auf Seiten des Erfolgs stehen und den
Reichtum der Nation um gar keinen Preis an Erfolglose verschleu-
dert sehen wollen. Die Ausdehnung konkurrenztüchtiger Geschäfte
fördern sie mit allen Mitteln. Im Inneren sorgen sie mit Arbeits-
gesetzen für flexibles und billiges Menschenmaterial und stecken
den Rahmen für die gleichgeschalteten Bemühungen der
"Sozialpartner" ab; nach außen sorgen sie mit ein wenig Erpres-
sung und viel Subventionen für billigen Einkauf und Absatzchan-
cen. Mit ihrer Notenbank und mit eigenen Staatsgarantien sichern
sie den geschäftstüchtigen Umgang mit Schulden aller Art vom ein-
fachen Handelswechsel bis zum Aktienmarkt; Schulden, ohne die
keine Firma sich im Konkurrenzkampf blicken lassen kann. Kein
Geld ist ihnen zu schade, keine Staatsaktion zu brutal, keine
Staatsverschuldung zu problematisch, wenn es um die allgemeine
Belebung der Profitmacherei geht.
Insofern sind die Politiker durchaus der Motor dessen, was sie
"Aufschwung" nennen: einer sturen Geschäftemacherei mit Produk-
tion, Handel und Kredit, die nur ein Maß und Ziel kennt, nämlich
ihre genauso sture fortwährende Ausdehnung. Die Vokabel "genug"
ist diesem Aufschwung genauso fremd wie das Ziel, die Bedürfnisse
der Leute mit möglichst wenig Aufwand möglichst gut zu befriedi-
gen. Bedürfnisse zählen überhaupt bloß nach der Kaufkraft, die
einer dafür aufwenden kann; insofern kommen sie im Auf- und Ab-
schwung als eine Geschäfts b e d i n g u n g vor, aber nie als
Zweck der Veranstaltung. Das Ziel beim Herstellen, Verkaufen und
Schuldenmachen heißt immer mehr - immer mehr Geschäft und immer
mehr Geld, das in den Kassen der Firmen und an den Händen der Ge-
schäftemacher kleben bleibt. Das Maß heißt: jedes Jahr mehr davon
als im Jahr davor - sonst ist nämlich A b s c h w u n g, also
ein Mißerfolg, wie nationale Machthaber ihn überhaupt nicht lei-
den können.
Der stellt sich trotzdem immer wieder ein; und zwar nicht bloß
regelmäßig wie Sommer und Winter, sondern auch mit Notwendigkeit.
Er ist nämlich eine notwendige Folge des Aufschwungs, dem alle
Welt nachjagt - bzw. nachgejagt wird und für den die Inhaber der
Staatsgewalt ihre Gewalt spielen lassen. Die allseits belebte Ge-
schäftstätigkeit läßt nämlich mit ihrem sturen Erfolgsstreben
eine Bedingung weit hinter sich, auf die es am Ende doch wieder-
ankommt: Zahlungsfähige Kundschaft muß sich schon finden, die mit
Kredit produziert und auf Kredit verkauft werden sind.
Die kaufkräftige Nachfrage kann die Märkte aber gar nicht leer-
räumen, wenn die konkurrierenden Firmen mit dem größten Aufwand,
auch an produktiv eingesetzten Schulden, einander zu überbieten
und im Preis zu unterbieten trachten. Jede Firma handelt ja ge-
rade so, als müßte letztlich der gesamte Markt, also alle Zah-
lungsfähigkeit für Artikel der von ihr gehandelten Art, ihr al-
lein gehören; so geht Konkurrenzkampf! Auf diese Weise sorgen
alle Konkurrenten gemeinsam aus reiner Geschäftsvernunft immer
wieder für eine hoffnungslose Verstopfung der Märkte - was kei-
neswegs heißt, daß alle Leute kriegen würden, was sie brauchen:
Es ist ja nicht zuletzt ihre Kaufkraft, die bei weitem nicht hin-
reicht, um die Lager zu leeren. Planmäßig machen etliche Konkur-
renten Pleite, was einerseits gut ist; andererseits fehlt damit
schon wieder ein Stück Zahlungsfähigkeit, mit dem andere Verkäu-
fer gerechnet haben. Kredite, die das Geschäft so schön erweitert
haben, erweisen sich für einen Schuldner nach dem andern als eine
ruinöse Last; und sogar die Gläubigerbanken müssen "Außenstände"
abschreiben und "Werte berichtigen". Und die Politiker, die bis
gestern noch den Aufschwung auf ihr Verdienstkonto geschrieben
haben, kriegen alle Hände voll zu tun, um die Verantwortung für
den allgemeinen Rückschlag des Geschäftsgangs - vornehm
"Rezession" genannt - von sich abzuwälzen.
Auf wen?
Da sind die Verantwortlichen nicht besonders erfinderisch. Si-
cher, ihre Gelehrten - die dafür schließlich bezahlt werden -
denken sich immer neue Spezialursachen aus, die ausgerechnet zu
der gerade fälligen Krise geführt hätten: mal das Steigen, mal
das Sinken des Ölpreises; mal eine ausgebliebene Steuerreform und
mal eine bedeutende Erfindung, die nicht stattgefunden hat; auch
die Sternbilder sind schon zu wirtschaftswissenschaftlichen Ehren
gekommen. Für den politischen Gebrauch kommt es aber immer nur
und immer wieder auf dieselben zwei Hauptschuldigen an: Lohnar-
beiter - bzw. deren Gewerkschaft -, die unverschämterweise ir-
gendwie Lohn gefordert hätten; und das Ausland. Beides ist zwar
völliger Unsinn: Wenn bei uns jemand die Konjunkturgutachten als
Evangelium betrachtet, dann sind es die ÖGB-Gewerkschaften bei
ihren jährlichen Lohnrunden. Und "das Ausland" ist auch bloß eine
Ansammlung von Konkurrenzunternehmen, von denen man gerne billig
kauft und die umgekehrt mit ihrer Zahlungsfähigkeit für die Be-
dürfnisse "unserer Exportnation" gerade stehen sollen.
Konjunktuegemäße Schuldzuweisungen richten sich aber sowieso
nicht nach einer ermittelten Wahrheit über die Sache. Sie wollen
auf eine ebenso dumme wie brutale Schlußfolgerung hinaus - und
für die ist jeder "Beweis" recht -: Mehr Staatsgewalt soll her!
Wo das nationale Wohlergehen einen Rückschlag produziert, da wird
die Jagd auf angebliche unverschämte Brüder im Innern und draußen
in der Welt aufgemacht, denen gegenüber sich unsere Machthaber
(noch) nicht genügend durchgesetzt hätten. Diesen Ruf hören die
verantwortlichen Krisenmanager im Nationalrat und auf den Mini-
stersesseln so gern, daß sie ihn bei Bedarf gleich selber anstim-
men. Denn es ist ein Ruf nach i h r e r G e w a l t - gegen
die freche Konkurrenz im Ausland und gegen die verwöhnten An-
spruchsdenker daheim.
Die solcherart angesprochenen Massen könnten schon einmal darauf
aufmerken, daß sich ihr Einsatz für "die Wirtschaft" nur für ei-
nes lohnt: für den Aufschwung der Geschäfte bis zu ihrem nächsten
Abschwung und dann wieder von vorn. Im anderen Fall bleiben sie
nämlich ein wenig schizophrene Untertanen, die auf "überzogene"
Löhne schimpfen, von denen sie und ihresgleichen immerhin leben
müssen. Und sie bleiben leicht führbare Nationalisten, die jedem
Feindbild hinterhermarschieren, das die Verantwortlichen gerade
für angebracht halten.
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