Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie
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Der Konjunktureinbruch kommt - der Lohn geht flöten - die Schuld-
zuweisung steht fest:
DER DOLLAR ENTLÄSST DEUTSCHE ARBEITER -
DAS KANN DOCH NICHT WAHR SEIN!
"Bild-Kommentar
Der Dollar-Schreck
Amerika will den Dollar jetzt mit Gewalt nach unten drücken.
Prof. Feldstein, Reagans Top-Berater, hat klipp und klar erklärt,
der Dollar müsse um mindestens 30 Prozent herunter, um Amerikas
Handelsdefizit zu stoppen. Ein Dollar also zu 1,30?
Das wäre für die deutsche Wirtschaft eine Katastrophe! Dann wür-
den Siemens, Bayer und VW pro Dollar am Weltmarkt 50 Pfennig we-
niger erlösen. Jeder dritte deutsche Arbeitsplatz hängt doch di-
rekt oder indirekt vom Dollar ab! 50 Pfennig weniger heißt im
Klartext: Aufschwung beendet, Arbeitslosigkeit steigt schnell.
Das darf keiner wollen.
Helmut Kohl muß sofort mit Ronald Reagan telefonieren, damit die
Währungen stabil und wir gute Freunde bleiben. p.c.m."
In den letzten Wochen häufen sich die Meldungen, in denen deut-
sche Unternehmen über sinkende Auftragszahlen und schwindende Ge-
winne klagen. Besonders "exportorientierte" Kapitale, und hierbei
wiederum besonders solche, die einen Großteil ihrer Produkte in
die USA verkaufen, sehen sich einer Situation ausgesetzt, die sie
zum "Kürzertreten" "zwingt".
Ein sinkender Dollar, ein bißchen Börsenkrach, Käuferzurückhal-
tung bei US-Kunden gegenüber deutschen Luxusprodukten; etliche
Waren "Made in Germany" laufen Gefahr, zu Ladenhütern zu werden.
Und deutsche Unternehmer - reagieren.
Wie z.B. die Firma Porsche. Wenn börsengeschädigte US-Karrie-
risten die immer teurer werdenden Luxusschlitten der Zuffenhause-
ner Nobelmarke nicht mehr kaufen, steht einerseits im
"schwächlichen" Dollar der Schuldige fest. Andererseits ist aber
vor allem klar, wer die Opfer zu tragen hat, wenn die Gewinne der
Firma ihrer Erwartung nicht mehr entsprechen: Ab Januar 88 hat
Porsche Kurzarbeit angekündigt; Entlassungen sind nicht ausge-
schlossen. Und die Audi AG, bei der Teile für Porsche produziert
werden, wird "wohl oder übel" nachziehen "müssen". Warum? Weil
auch sie ihre G e w i n n erwartungen für 1988 für nicht mehr
so sicher hält wie bisher. Meldungen der gleichen Art kommen aus
der Maschinenbauindustrie und aus optischen Betrieben, die einen
wesentlichen Teil ihrer Produkte in die USA exportieren. Der Ex-
portboom der deutschen Industrie "neigt sich seinem Ende zu",
heißt es. Und wer in den Fabriken acht Stunden und mehr pro Tag
für die Milliarden geradesteht, die deutsche Unternehmen beim Ex-
portieren immer noch kassieren, bekommt zu spüren, wie kapitali-
stische Maßnahmen gegen sinkende Erträge aussehen: Noch bevor ir-
gendwelche Geschäftseinbußen sich richtig auf die Bilanzen nie-
derschlagen, werden sie auf Kosten ihres Lebensunterhalts ausge-
bügelt. Weniger Lohn oder gleich gar keiner mehr: Das ist die
Konsequenz, die die Unternehmer vorsorglich durchsetzen.
Ein paar Jahre durften Lohnarbeiter erfahren, wie deutsche Unter-
nehmer ihr Geschäft mit dem boomenden Export machten und dabei
neben satten Gewinnen Arbeitslose in Millionenhöhe produzierten -
ein "Sachzwang", der zur Förderung des g u t e n Geschäfts un-
umgänglich war. Nun bekommen sie zu spüren, daß die Verhinderung
des s c h l e c h t e n Geschäfts denselben "Sachzwang" hervor-
bringt: Noch mehr Habenichtse, deren Lebensunterhalt weitgehend
überflüssig ist, weil mit ihrer Anwendung kein Geschäft mehr zu
machen geht.
Dieses Verfahren ist übrigens international gebräuchlich. Die Ge-
winne, die deutsche Unternehmen mit der ausgiebigen Benützung ih-
rer Arbeitskräfte auf dem Weltmarkt einfahren, werden von franzö-
sischen, englischen, amerikanischen usw. Unternehmen als i h r
"Sachzwang" vorgetragen, Löhne zu kürzen und Arbeiter zu entlas-
sen. Regierungschefs wie z.B. M. Thatcher in Großbritannien haben
die Verelendung ihres nationalen Proletariats über Jahre hinweg
zum Staatsprogramm gemacht, damit ihr Kapital mit den Welterfol-
gen der deutschen Exportnation konkurrieren kann. Die Exporter-
folge deutscher Wertarbeit haben so manchen deutschen Fließband-
löhner mit so etwas wie Stolz erfüllt angesichts von "Bild"-Zei-
tungs-Botschaften, daß "wir mit unseren expandierenden Unterneh-
men bei vergleichsweise wenig Arbeitslosen immer noch besser da-
stehen als andere mit ihrer maroden Wirtschaft und ihrem Heer von
arbeitslosen Hungerleidern." Mit einem zurückgehenden Erfolg der
deutschen Exportwirtschaft bekommt die deutsche Arbeiterklasse
nun ihre Dienstbarkeit einmal andersherum klargemacht. Nachdem
sie sich im Leistungsvergleich mit den unter der Regie fremder
Kapitalisten und Staaten stehenden Arbeitskräften blendend be-
währt haben, dürfen deutsche Wertarbeiter jetzt zeigen, daß man
mit ihnen auch schlechtere Geschäftsbedingungen noch besser be-
wältigen kann als die ausländische Konkurrenz.
Eine alte langweilige Belehrung bekommen die Lohnempfänger in der
BRD gleich noch mit dazu: Nicht etwa Porsche, Rodenstock, Audi
und die "vielen mittelständischen Betriebe, die besonders hart
getroffen werden", sollen für die Lage zuständig sein, die sie
ihren Arbeitern bereiten. Die Schuldfrage ist längst geklärt, be-
vor Pläne über Massenentlassungen laut werden: Der Dollar und das
Ausland machen "uns" das Leben schwer. Und fest steht auch: Rich-
tig unternehmen kann man dagegen nichts. Denn wo sogar die eigene
Firma "Opfer des Dollar" ist, da können sich die "kleinen Leute"
doch bloß ergeben in ihr "Schicksal" fügen.
Mit einer solchen Schuldzuweisung und einer solchen Ohnmachtser-
klärung werden die Arbeiter moralisch aufgerüstet. Als die fest-
stehenden Opfer der neuen Konkurrenzbedingungen ihrer Unternehmen
sollen sie die richtige, nämlich die nationalistische Deutung ih-
rer Lebenslage in die Kurzarbeits- oder Arbeitslosenstatistik
bzw. zu ihrem Elitearbeitsplatz mitnehmen.
Der Beitrag der Gewerkschaft:
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Für deutsche Arbeiter deutsches Kapital
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Auf diesem Weg ins Glück hilft dem deutschen Arbeitnehmer auf
ihre Art - wozu hat er sie denn auch? - die deutsche Gewerk-
schaft. In ihrer Oktober-Nummer 21 widmet die IG-Metall-Mitglie-
derzeitschrift "metall" ihre Titelgeschichte dem Thema: Japani-
sche Firmen plündern brave deutsche Arbeiter, Steuerzahler und
Kommunen aus!
Die "Argumente" sind eine bodenlose Frechheit: Als Vorwurf gegen
"die Japaner" wird alles aufgelistet - von der Wochenend-Schicht
bis zu den "unsicheren Arbeitsplätzen" und von den Steuergeschen-
ken bis zum angeblich vorenthaltenen "high-tech"-Transfer -, was
bei d e u t s c h e n Firmen gang und gäbe ist: Welche deutsche
Firma verzichtet denn auf geschenkte Grundstücke und williges Ar-
beitsvieh zwischen Nordsee und Alpen, welche deutsche Firma ge-
währt ihren Arbeitern denn eine Arbeitsplatzgarantie? Welche
deutsche Firma achtet denn beim Kapitalexport z.B. nach Afrika
darauf, daß die Neger nur modernste Technik in die Finger krie-
gen? Und, nebenher: Wie sollen eigentlich deutsche Arbeiter dar-
unter leiden, daß "die Japaner" angeblich nicht das Modernste
hinstellen, wenn sie hierzulande investieren?
Die Gewerkschaft agitiert hier vom Standpunkt des deutschen Ar-
beiters - aber so, daß sich alles um das DEUTSCH dreht und die
stinknormale kapitalistische Benutzung der Leute als ARBEITER nur
noch zeigen soll, wie schlecht DIE AUSLÄNDER UNS DEUTSCHE behan-
deln. Sie agitiert für den deutschen Arbeitnehmer aber so, daß
sie DAS DEUTSCHE am Arbeitnehmer hochhält und frech davon ab-
sieht, was für ganz eigenständige deutsch-nationale Arbeitsbedin-
gungen sie hierzulande mit eingerichtet hat. Sie hetzt gegen das
"Einwickeln und Abkassieren" im Zeichen der japanischen National-
flagge - SCHWARZ-ROT-GOLD möchte sie es haben! Das nützt dann
wohl dem Arbeiter, oder wie?!
Das passende Echo war eine Nummer später in zwei Leserbriefen
nachzulesen. Streng ausgeglichen ist der eine Brief für, der an-
dere gegen den Artikel. Herr Seifert aus Bochum hat sich wenig-
stens am Nationalismus der IG Metall gestört; aber mit dem merk-
würdigen Argument: "Das haben wir nicht nötig." Doch, genau das
brauchen Leute, die so denken wie die IG Metall-Zeitschrift: Eine
"Erklärung" ihres beschissenen Alltags, die auf die bösen Auslän-
der losgeht, also für eine kämpferische Einigkeit zwischen den
T r o t t e l n der Nation und ihrer N a t i o n sorgt. Und
die Nation braucht Durchblicker wie Herrn Zeiger aus Rohrbach,
der gleich den ganzen patriotischen Gewerkschaftsunsinn aufsagt:
"... menschenunwürdige Produktionsmethoden... bei uns schon ganze
Industriezweige vernichtet... Gott sei Dank in Europa starke und
freie Gewerkschaften... andere Einstellung zur Arbeit... leben,
nur um zu arbeiten, nein. "
Weiß der gute Mann eigentlich nicht, daß seine freie starke Ge-
werkschaft auch für die Produktionsmethoden japanischer Firmen
hierzulande zuständig ist? Oder will er nur gesagt haben, daß
"der Japaner" bloß für die Arbeit lebt, während es bei unserer
"starken und freien" Menschenrasse genau umgekehrt ist? Klar: In
den Industriezweigen, die die Japaner bei uns noch nicht kaputt-
gemacht haben, wird bloß gearbeitet, damit der DEUTSCHE EXPORT
lebt, wächst und gedeiht. Das ist die richtige "Mentalität" für
DEUTSCHE ARBEITER!
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