Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE ALLGEMEIN - Von der politischen Ökonomie


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       Krisen-ABC
       

WIRTSCHAFTSKRISE - WAS IST DAS ÜBERHAUPT?

Daß Deutschland, Europa, die westliche oder sogar die Welt insge- samt in einer lange nicht dagewesenen Wirtschaftskrise steckt, das kriegt man zur Zeit von Politikern, Journalisten, Professoren und sonstigen "Sachverständigen" täglich 10 mal erzählt. Und im- mer gleich mit der Moral dazu: Jetzt müßten "alle solidarisch zu- sammenstehen", den berühmten "Gürtel enger schnallen" und auf diese Weise unter kundiger Anleitung von Staats-, Wirtschafts- und Gewerkschaftsbossen "die Krise bewältigen. "Finanzkrisen", auf die es nicht ankommt ---------------------------------------- Nun ist für die geehrten Damen und Herren Arbeitnehmer eine "Wirtschaftskrise" in gewissem Sinne gar nichts Fremdes, und ebenso sind ihnen die Methoden ihrer "Bewältigung" vertraut. Vor Monatsende pflegen in manchen Haushaltskassen ziemlich krisen- hafte Notstände auszubrechen. Wenn das Einteilen und Sparen nicht gelungen ist, oder wenn einmal eine unvorhergesehene Extra-Aus- gabe anfällt - eine Heizkostennachzahlung, eine Autoreparatur oder vielleicht schon ein "lieber Besuch" -, dann tritt oft genug eine akute Finanzkrise im Portemonnaie auf. Krankheiten oder ein Unfall machen erst recht die Lage eines normalen Haushalts sehr kritisch. Rentner, die sich noch nicht jeden Appetit abgewöhnt haben, verleben ihren Lebensabend als finanzielle Dauerkrise; Ar- beitslose unter Umständen sogar ihre "besten Lebensjahre". Und gerade diese besonders bitteren "Krisen" sind durch alle Vorsorge und durch noch so viel Bescheidenheit nicht zu verhindern - heut- zutage schon gleich nicht. Alle Anstrengungen eines modernen "Arbeitnehmers", mit seinen privaten Finanz- und Wirtschaftskri- sen zurechtzukommen, eröffnen allemal nur die heiße Aussicht auf das nächste "Risiko", das so sicher eintritt wie Preissteigerun- gen und die jährliche Steuererhöhung. Für einen Menschen, der sich mit Arbeit für Lohn am Leben erhalten muß, ist die Decke dauernd zu kurz. Da mag er noch so sehr dran ziehen - noch jedes- mal kommt heraus, daß er ganz krisenhaft z u w e n i g Geld hat und eben darum nur eins im Überfluß, nämlich Sorgen. Spricht deswegen aber irgendjemand von der Entlassenen- oder der Rentner-"Krise"? Ist die "Lohnkrise" von Millionen Arbeiterhaus- halten gemeint, wenn öffentlich die Wirtschaftskrise bejammert wird? Nein, so etwas gilt als völlig normal. Mehr noch: Wenn eine Wirtschaftskrise ausgerufen wird, dann gelten die Verzichts- und Einteilungskünste des Normalmenschen gleich vollends als "Anspruchsdenken", da man sich schleunigst abzugewöhnen hätte. Dann soll jeder die Vergrößerung seiner privaten Krise geduldig hinnehmen, um die Krise, nämlich die "der" Wirtschaft, nicht noch schlimmer zu machen. Ja: worin besteht die denn eigentlich? Das Gerücht vom "über die Verhältnisse leben" --------------------------------------------- "Wir alle", heißt es, hätten "über unsere Verhältnisse gelebt"; und als mitdenkender Mensch und Bürger möchte man das fast so verstehen, als hätte man schon am Freitag den Kühlschrank fürs Wochenende leergefressen, und nun wäre erst 'mal n i c h t s m e h r d a. Und verzichten soll oder muß der Mensch ja auch tatsächlich, so als herrschte ein bedenklicher M a n g e l an nützlichen Gütern hierzulande. Aber seltsam: ausgerechnet von M a n g e l kann gar nicht die Rede sein, wenn "die Wirtschaft" in einer Krise ist - eher schon herrscht allenthalben ein merk- würdiger Überschuß! - Sind denn zu wenig Waren produziert worden für den Appetit der Leute? Fehlt es an Butter, Autos und Kühlschränken? Nein, das "Problem" besteht darin, daß die Verkaufslager der Firmen und Kaufhäuser mit lauter nützlichen Dingen vollgestopft sind, für die auch ein Bedarf besteht - nur: genügend zahlungsfähige Käufer finden sich dafür nicht. - Gibt es denn zu wenig Fabriken und Maschinen, Rohstoffe und En- ergie, um die Produktion solch nützlicher Güter auch in Zukunft fortzuführen? Im Gegenteil! Die Herren der Wirtschaft klagen über unausgelastete Kapazitäten, die Rohstoffhändler und Ölkonzerne über Absatzstockungen. - Ist etwa zu wenig Geld in Umlauf? Auch das eine lächerliche Vorstellung, wenn man nur einmal darauf achtgibt, welche Summen für den Kauf von Aktien und Wertpapieren aufgebracht werden; wie- viele Milliarden die Banken durch die Welt schieben, um da oder dort einen kleinen Zinsvorteil, eine Schwankung des Dollarkurses, einen Anstieg des Goldpreises auszunutzen; mit welcher Selbstver- ständlichkeit der Finanzminister seinen Haushalt soeben erst mit zusätzlichen 50 Milliarden DM ausgestattet hat, die seine Finan- zämter überhaupt nicht eingestrichen haben. - Schließlich: Fehlt es denn an Arbeitern? Zwei oder demnächst vier Millionen Arbeitslose beweisen das Gegenteil. Massenhaft steht Arbeitskraft jeder Ausbildungsstufe zur Verfügung - aber niemand will, selbst zu einem noch so geringen Lohn, Gebrauch da- von machen. Wirtschaftskrise: Das ist offenkundig der bemerkenswerte Zustand, wo von allem, was die Menschen gut brauchen können und zum Produ- zieren benötigen, und sogar von arbeitsfähigem und -willigem Men- schen-"Material" zu viel da ist. Zu viel - wofür eigentlich? Zu viel Geschäft für den Fortgang des Geschäfts ----------------------------------------------- Die Antwort ist einfach, jedem bekannt, wird jedenfalls von den maßgeblichen und verantwortlichen Machern von Wirtschaft und Wirtschaftspolitik lauthals genug verkündet: Alle ökonomischen Umtriebe in der bundesdeutschen Gesellschaft - und in der Welt- wirtschaft überhaupt - haben sich z u s e h r a u s g e- d e h n t, um noch ihrem m a ß g e b l i c h e n Z w e c k z u n u t z e n. Und dieser Zweck heißt eben n i c h t: alle Leute sollen gut versorgt sein. Sondern: Produziert muß werden für den V e r k a u f; verkauft muß werden für den G e w i n n; Gewinn muß gemacht werden für l o h n e n d e r e P r o d u k t i o n... usw. Ein G e s c h ä f t muß heraus- schauen, wenn in dieser schönsten aller Welten nützliche Güter gemacht, Menschen in Brot gesetzt werden sollen; ein Geschäft, dessen Erträge für i m m e r n e u e G e s c h ä f t e gut sind. Und d a b e i kommen d i e G e s c h ä f t e- m a c h e r s e l b s t einander in die Quere: - J e d e r Geschäftsmann dehnt Produktion und Absatz beständig aus, um sein eingesetztes Kapital beständig zu vermehren. "Untätiges" Geld ist ihm verhaßt; es muß "arbeiten", sprich: mehr werden. Für sich will jeder Kapitalist den Markt mit Beschlag be- legen und Jedermann das Geld aus der Tasche ziehen. - Und weil das jeder will, k o n k u r r i e r e n die Ge- schäftsleute der freien Welt gegeneinander - u n d: stehen sich wechselseitig bei! Nicht mit Geschenken, versteht sich: aber mit riesigen L e i h g e s c h ä f t e n, mit Wechseln und Anlei- hen, besorgen die Kapitalisten einander Zahlungsmittel, die ihr Geschäft wieder in Schwung bringen und in Schwung halten w e i t ü b e r d i e S c h r a n k e n d e r v o r h a n d e n e n Z a h l u n g s f ä h i g k e i t h i n a u s. - Diese a u s n i c h t s oder genauer: aus Schulden geschaf- fene Zahlungsfähigkeit der kapitalistischen Geschäftswelt, ihr Kreditüberbau, ist am Ende gewaltiger als die Hochhäuser der Ban- ken, die ihn in Gang halten. Und je gewaltiger, um so härter macht sich irgendwann die Tatsache geltend, daß da nur einer, der aber ganz unbekümmert, "ü b e r s e i n e V e r h ä l t n i s- s e gelebt" hat: d a s k a p i t a l i s t i s c h e G e- s c h ä f t s w e s e n! Die "Verhältnisse", über die hinaus es "gelebt" hat, das ist die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft, die jeder Kapitalist für Profit und Neubeginn seiner Profitmacherei beansprucht. Das Mittel, um darüberhinaus zu leben, ist der Kredit. Der aber will irgendwann nicht mehr durch neue Kredite abgelöst, sondern wirklich eingelöst sein. Und dann tritt mit Notwendigkeit ein vorübergehender Zusammenbruch des Kredits und der darauf gegründeten Geschäftemacherei ein - leider nur ein vorübergehender. Denn wenn dann genügend Pleiten durchgestanden, genügend Schulden durchgestrichen, genügend Kapazitäten still- gelegt, genügend Waren verschimmelt und verrostet und - genügend Arbeitskräfte 'rausgeschmissen worden sind, geht allemal die alte Scheiße mit neuem Schwung wieder los: "A u f s c h w u n g" heißt das Kind dann... bis zur nächsten Krise. Wirtschaftswachstum produziert Überschuß - an unnötigen Menschen! ----------------------------------------------------------------- Und die geschätzten "Mitarbeiter" der Firma? "König Kunde"? Die Bürger, die mit ihrem "Anspruchsdenken" an allem schuld sein sol- len? Die wurden in j e d e r "Konjunkturphase" an die bittere Wahr- heit gewöhnt, daß sie mit ihrer Arbeit und ihrem Lohn, ihrer "Kaufkraft" und ihrer Sparsamkeit allemal nicht der Zweck der Wirtschaft, sondern M a n ö v r i e r m a s s e d e s K a p i t a l s sind. In Krisenzeiten nimmt dieser herrschende Maßstab die spezielle Form an, daß es von i h n e n gemessen am maßgeblichen Zweck lohnender Geschäftemacherei z u v i e l e gibt. Und eins steht fest: durch die untertänige, tränenselige Bitte, man selber möge doch nicht zu den überflüssigen, zum Aus- schuß gezählt werden, ist dieser Maßstab ganz gewiß nicht außer Kraft zu setzen! zurück