Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE GRUNDEIGENTUM - Vom sozialen Wohnungsbau
zurück
GEWERKSCHAFT VERKAUFT NEUE HEIMAT BAYERN
33.000 Wohnungen der Neuen Heimat Bayern haben den Eigentümer ge-
wechselt, und die Öffentlichkeit war - fast zwei Wochen lang -
empört.
Der geheuchelte Skandal
-----------------------
Leute, die für "Freiheit statt Sozialismus" eintreten und Privat-
eigentum und das kapitalistische Geschäftemachen zu den höchsten
Menschenrechten zählen, konnten gar nicht laut genug über
"Profitgier" und "Spekulantentum" klagen. Politiker, die das Ge-
schäft mit Immobilien durch Gesetze regeln und dafür eintreten,
daß ab sofort auch in der DDR Grund und Boden eine käufliche Ware
zu sein hat, haben "Superkapitalisten" und "mieterfeindlichen Ka-
pitalismus" verurteilt. Journalisten, die in ihren Zeitungen über
zuviel Einfluß der Gewerkschaften jammern und vor dem Gewerk-
schaftsstaat warnen, machten sich Sorgen, das Ansehen der Gewerk-
schaft könne durch dieses Geschäft schwer geschädigt werden.
Und das ganze im Namen der betroffenen Mieter, die sich einbilden
durften, es ginge irgendwie um sie. Nicht nur daran, wie schnell
sich die ganze Aufregung auch wieder gelegt hat, hätten sie das
Gegenteil merken können. Unter Berufung auf die Mieter sollte die
Gewerkschaft blamiert werden. Das fanden die guten Demokraten von
rechts einfach mal wieder fällig. Denn die stören sich daran, daß
die Gewerkschaften immer wieder einmal ganz offiziell über
"Profitgier" und "Spekulantentum" klagen und über "mieterfeind-
lichen Kapitalismus" schimpfen ...
Der wirkliche Skandal mit dem gemeinnützigen Wohnungsbau
Der Gewerkschaft wurden ihre eigenen Maßstäbe vorgehalten. Inso-
fern hat sie sich ihre Blamage redlich verdient. Eine Kritik an
der Gewerkschaft und ihrer gemeinnützigen Einmischung ins Woh-
nungsbaugeschäft ist das aber noch lange nicht. Was hat der DGB
denn wirklich in dieser Branche verloren?
Als Arbeitervertretung kümmert sich die Gewerkschaft um den Lohn.
Dabei hat sie immer darauf geachtet, daß durch die Höhe des Lohns
das Gewinnemachen der Unternehmer nicht beeinträchtigt wird. Daß
mit solchen Löhnen kein angenehmes, sorgenfreies Leben möglich
ist, weiß sie auch. Sie kennt die Wohnungsnöte der Leute, die von
ihrem knappen Lohn Miete zahlen müssen an jene, für die eine Woh-
nung keine Lebensnotwendigkeit, sondern ein Geschäftsmittel ist.
Um das Problem mit dem Wohnen zu vermindern, ist sie als tragende
Säule der Marktwirtschaft nicht auf entsprechend hohe Lohnforde-
rungen verfallen. Ausgehend von den niedrigen Löhnen, die sie
ausgehandelt hat, ist sie auf die menschenfreundliche Idee gekom-
men, das Geschäft mit dem Bau und der Vermietung von Wohnungen in
die eigene Hand zu nehmen. Und zwar nach den gesetzlichen Mög-
lichkeiten der steuerbegünstigten Gemeinnützigkeit und des sozia-
len Wohnungsbaus. Damit waren die DGB-Vereine zugleich die Sorge
los, wie sie ihre Vereinskasse ertragreich anlegen sollten.
Daß die geschäftliche Kalkulation auch der Gewerkschaft mit
Grundstückspreisen, staatlichen Krediten, Bankzinsen, Baukosten
und Mieteinnahmen etwas ganz anderes ist als die Beschaffung von
billigen und schönen Wohnungen, konnten Neue-Heimat-Mieter von
Anfang an merken: an den nur vergleichsweise billigen Wohnungen
in Billig-Bauten Marke Betonburg. Daß das Geschäft mit Immobilien
sich nicht verträgt mit sozialen Wohltaten für Mieter mit Loh-
neinkommen, bekamen sie aber auch dann zu spüren, als die Neue
Heimat ins Gerede kam, Pleite zu gehen drohte und die Gewerk-
schaft den geschäftlichen Mißerfolg durch Verkauf der Neue-Hei-
mat-Wohnungen bereinigte. Da hat die Gewerkschaft nämlich auf ge-
nau die Bauspekulanten gesetzt, denen sie eine gemeinnützige Al-
ternative entgegensetzen wollte - auf wen denn auch sonst!
Bei der Abwicklung ihres Sanierungsprogramms verstand und ver-
steht sich die Gewerkschaft genauso gut auf Heuchelei wie ihre
Kritiker: Natürlich liegen auch ihr die Mieter nach wie vor sehr
am Herzen, aber leider, leider kann sie gar nicht anders, als
sich den Sachzwängen des Wohnungsmarktes zu beugen. Da wird schon
was dran sein: Marktwirtschaft beim Wohnen und sorgenfreie Mie-
ter, das geht ja wirklich nicht zusammen. Auch dann nicht, wenn
eine Gewerkschaft beides unter einen Hut bringen will. Aber zu so
einer kritischen Einsicht ist durch den Neue-Heimat-Skandal nie-
mand gekommen.
zurück