Quelle: WESTEN OEKONOMIE KAPITAL - Von G-W-G' und G-G'


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       Die ökonomische Psychologie des Börsenspekulanten
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       Der Börsenspekulant  hält sich  für den  schlauesten Hund von der
       Welt. Er braucht keine Fabrik, keine Bank und kein Handelskontor,
       sondern ist alles in einer Person: Ein Schwung Telefone, ein Zei-
       gefinger, Stimmbänder, ein Taschenrechner genügen ihm, um riesige
       Umsätze innerhalb  kürzester Zeit zu managen und dabei schöne Ge-
       winne zu erzielen.
       Er handelt mit Anrechtsscheinen auf (erst noch zu produzierenden)
       M e h r w e r t,   und auch  mit Anrechtsscheinen  auf  Anrechts-
       scheine; besonders  stolz ist er, wenn es ihm gelingt, einen Han-
       del von  Anrechtsscheinen auf Anrechtsscheine auf Anrechtsscheine
       auszuhecken. Dafür muß er welche finden, die dabei mitmachen.
       Die machen mit, wie sonst auch, wenn sich nämlich im Preis dieser
       Anrechtsscheine   V e r ä n d e r u n g e n  ergeben. Denn nur so
       lassen sich Gewinne machen. Für den Fall, daß die Preise nach un-
       ten gehen, muß man auf Baisse spekulieren, wenn sie nach oben ge-
       hen, muß man auf Hausse spekulieren.
       Dabei stört  den Börsenspekulanten nicht, daß das, worauf er spe-
       kuliert, er  selber macht. Er muß nur dem, was er bewirkt, zuvor-
       kommen. Dann sind die anderen reingefallen, weil sie auf der Wir-
       kung sitzengeblieben  sind, während  er rechtzeitig  abgesprungen
       ist.
       Er hört  das Gras  wachsen. Mit  Luchsaugen  und  Fledermausohren
       saust er zwischen seinesgleichen herum, um "Informationen" aufzu-
       schnappen. Die  gehen im wesentlichen darüber, wer wem was gesagt
       und sich dabei gedacht hat, was der wohl dabei denkt, weswegen er
       sich denkt,  daß der  dann... Wie gesagt, der Spekulant hält sich
       für einen  schlauen Hund.  Er glaubt  nichts und  weiß alles: Vom
       letzten Gewinnausweis und der bevorstehenden Ernte über die poli-
       tische Lage,  was andere  von der  politischen Lage  halten,  der
       Stand der Bohrungen vor der Küste von..., Gerüchte aus der Noten-
       bank, wer  diese Gerüchte ausgegeben hat, was der sich denkt, was
       man sich  dabei denken soll, bis zur allgemeinen Stimmungslage an
       der Tokioter  Börse listet  er alles  auf, wägt sorgfältig ab und
       zieht dann  einen Schluß daraus, was die meisten wohl machen wer-
       den. Dann macht er mit oder auch ganz was anderes.
       Er ist  ein Gemütsmensch und riskiert auch mal was ins Blaue bzw.
       auf sein  Gefühl hin. Dabei ist er vorsichtig, behauptet aber, da
       wäre er  ganz waghalsig  gewesen, was überhaupt die Seele vom Ge-
       schäft.
       Manchmal gerät  der Spekulant  auch in  Panik. Er hört von allen,
       das kann  nicht länger gutgehen, und er hat sich auch schon sowas
       gedacht. Besonders,  wie die  politischen Instanzen  dastehen und
       was sie  verlautbaren, gibt  ihm schwer  zu denken.  Damit es ihn
       nicht ganz  furchtbar reinreißt, entfernt er sich rechtzeitig aus
       dem Geschäft. Wenn genug der Auffassung sind, gibt es eine Panik,
       und es  passiert genau  das, was sie befürchtet haben. Haufenweis
       werden Anrechtsscheine wertlos. Die Börse wird geschlossen, macht
       dann aber wieder auf.
       Der Spekulant  ist ein ziemlich dummer Hund. Er hat keine Ahnung,
       womit er  eigentlich handelt.  Die Dummheit  ist berufsnotwendig,
       denn wenn  er wüßte, daß die Grundlage seines Geschäfts die Mehr-
       wertproduktion und  der dafür  gegebene Kredit  ist, daß  Gewinne
       sich nicht aus einem geschickten Einkaufstelefonat und einem noch
       geschickteren Verkaufstelefonat ergeben, dann würde er mit seiner
       Informationsauflistung und -abwägung furchtbar durcheinander kom-
       men und alles verpatzen. Der alte Marx hat's ihnen vorgemacht.
       Der Spekulant  bekommt seinen  Teil vom weltweiten Mehrwert, weil
       er eine  nützliche Aufgabe erfüllt. Indem er in aller Welt Kurse,
       Zinsen, Preise  und Tendenzen  vergleicht, ist er die Speerspitze
       der Kapitalbewegung,  der Pfadfinder  des Sphärenwechsels. Er ist
       der Schwanz, der mit dem Kredit wedelt. Das ist gerecht, denn wie
       wüßte der sonst, wo er hin muß.

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