Quelle: WESTEN OEKONOMIE KAPITAL - Von G-W-G' und G-G'
zurück
Die Macht der Mark
ERFOLGSREZEPTE EINER UNVERSCHÄMTEN NATION
Die bundesdeutsche Wirtschaftsmacht tritt fordernd auf in aller
Welt und will ihre Wirtschaftserfolge als unverrückbare Rechtspo-
sitionen gesichert haben. Dieses Recht geht von deutschem Boden
aus, heißt: die ganz eigenen Verfahrensweisen und politischen Ma-
növer zur Förderung des Kapitals in all seinen Formen werden als
allgemeingültige, "vernünftige" Wahrheiten behauptet, die den
wirtschaftlichen Verkehr der Nationen zu bestimmen hätten, und
alle auswärtigen Anträge, gar Drohungen, die auf Modifikation
dringen, treffen auf mehr oder minder umstandslose Ablehnung. So
meldet die Wirtschaftsmacht ihren Führungsanspruch an.
Kein nationales Vorhaben kommt aus ohne den Hinweis auf die öko-
nomische Wucht, die diese Republik ins Feld zu führen weiß; und
umgekehrt muß sich jeder Konkurrent belehren lassen, daß seinen
nationalen Anliegen Respekt nur gezollt wird, wenn er dieser
Wucht Paroli bieten kann. Allerdings: Er hat sich auch darauf
einzurichten, daß die Bundesrepublik alles unternimmt, diesen Un-
glücksfall gar nicht erst eintreten zu lassen.
Dabei verfolgt die bundesrepublikanische Geld- und Wirtschaftspo-
litik eine klare und einfache Linie, wobei sie sich jahrzehnte-
lange Praxis der USA ein bißchen zum Vorbild genommen hat: Sie
verpflichtet andere Staaten auf die Gesetzmäßigkeiten des Kapi-
tals, auf W i r t s c h a f t s k r a f t p u r. Das klingt
banal, ist es aber nicht: Immerhin ist in dieser Verpflichtung
enthalten ein E i n g r i f f s- u n d M i t b e s t i m-
m u n g s r e c h t d e r B R D u n d i h r e r W ä h-
r u n g, w a n n i m m e r e i n e u r o p ä i s c h e r
S t a a t s e i n e n S t a a t s h a u s h a l t u n d d i e
S t a a t s v e r s c h u l d u n g z u r K o r r e k t u r
n a t i o n a l u n l i e b s a m e r F o l g e n d e r
K o n k u r r e n z d e s K a p i t a l s i n A n s c h l a g
z u b r i n g e n s u c h t. Ein wesentliches Kampf- und Kon-
kurrenzmittel der Nationen wird von ihr systematisch entwertet,
ja, bei unbotmäßigem Gebrauch bestraft. In ihrem Geltungsbereich
- das allerdings ist ein Ding mit hartumkämpften Grenzen - duldet
sie k e i n e n n a t i o n a l e n S o n d e r w e g. Umge-
kehrt: Sie zwingt anderen Staaten die "Nachahmung" des BRD-Weges
auf. Daß die Ansprüche der BRD sich nicht auf "ihren" Block be-
schränken, liegt auf der Hand: Eine B a s t i o n im Weltmarkt
zu errichten - das zielt darauf, auch diesem mit dem "german way
of living" eine harte ökonomische Nuß zu knacken zu geben. Die
schönen Worte eines Genscher oder der unendlich strapazierfähige
Hintern eines Kohls können das natürlich nicht bewerkstelligen,
auch wenn die Herren den bundesdeutschen Erfolg als ihr Werk aus-
geben. Und selbst wenn mittlerweile ganz Europa voller Bewunde-
rung und Ehrfurcht nach Frankfurt starrt: Auch die maßlos angebe-
rischen Hänger von der Deutschen Bundesbank sind dafür nicht ver-
antwortlich.
Der Grund des bundesdeutschen Erfolgs ist schlicht und einfach
das, worauf sie die anderen Nationen verpflichtet - die Schlag-
kraft des Kapitals. Das ist aber ausgerechnet ein Ding, das sich
keiner bestimmten Nation zurechnen läßt - es sei denn, es be-
schließt selbst, ein nationales Territorium und die dort gültige
Herrschaft zu seinem bevorzugten Betätigungsfeld zu machen. Das
ist bekannt geworden unter dem Begriff des "Standorts", und die
Bundesrepublik hat es in dieser Hinsicht offensichtlich zu eini-
gem gebracht. Der zusammenfassende und handgreifliche Ausdruck
dieses Erfolgs ist die W ä h r u n g: Sie ist "hart", weil sich
viele und erfolgreiche Geschäfte in ihr abspielen, und weil sie
"hart" ist, befleißigen sich Kapitalisten, ihrem Kapital diese
Zirkulations- und Repräsentationsform zu geben.
Hinter dieser Tautologie steht die BRD mit Leib und Seele. Dem
verdankt sich der Auftrag der Deutschen Bundesbank und das hat
ihr soviel Macht und Einfluß eingetragen: Sie ist zuständig für
die "Härte" der D-Mark, ohne zu wissen, woher die eigentlich
stammt. Was sie aber weiß, ist, daß gutes Geld schlechtes Geld
aus dem Feld schlägt. Deswegen ist Verteidigung der "Härte" ein
viel zu bescheidenes Anliegen gegenüber dem, was wirklich an-
steht: Sie hat Z u g r i f f auf die demgegenüber "weicheren"
Währungen und den nutzt sie aus.
"Bundesbank cracks a whip"
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schreibt die "Financial Times" und meint damit eine Zinserhöhung
von 1%. Diese führt zu hektischen Aktivitäten in ganz Europa,
alle Zentralbanken haben sich darauf einzustellen, denn die
"Ankerwährung" hat ein Kommando erlassen:
"Europa hat schon die Zentralbank. Sie heißt Bundesbank und be-
findet sich in Frankfurt. Wenn es darüber jemals einen Zweifel
gegeben hat, dann haben ihn die Ereignisse, die der gestrigen
Zinserhöhung folgten, endgültig beseitigt. Die Erhöhung wurde von
allen Zentralbanken quer durch Europa nachvollzogen, vom heimge-
suchten Vereinigten Königreich (UK) sowieso." (Financial Times,
6.10.)
Elf Geldaufsichtsbehörden, deren Währungen einen nicht gerade un-
bedeutenden Reichtum repräsentieren, müssen schauen, wie sie mit
einer Entscheidung der Bundesbank zurechtkommen; und allen Betei-
ligten ist klar, daß der Mechanismus umgekehrt gerade nicht gilt.
Frankfurt hat verkündet, worauf es hinaus will: Das Europäische
Währungssystem (EWS) muß einer kritischen Prüfung unterzogen wer-
den, und eine Aufwertung der DM wird dabei herauskommen, ob es
den anderen nun paßt oder nicht. Man fragt sich nicht nur, wie
ein läppisches Prozent das hinkriegen soll, sondern auch, welchen
Vorteil die Bundesbank im Auge hat. Die Begründungen sind die üb-
lichen: "Stabilitätspolitik" und "Inflationsbekämpfung".
"Die nach wie vor bestehenden Diskrepanzen in der Kosten- und
Preisentwicklung sowie in den außenwirtschaftlichen Positionen
seien letztlich Ausdruck unterschiedlicher Rahmenbedingungen. Be-
sonders die Finanzpolitik entspreche nicht in jedem Land den An-
forderungen eines Systems fester Wechselkurse. So seien die Defi-
zite der öffentlichen Haushalte im Vergleich mit der Zeit vor
Gründung des EWS in mehreren Ländern gestiegen. Dies ist
besonders in Belgien und Italien der Fall."
"Im vergangenen Jahr hatte die Bundesrepublik eine monetäre Ex-
pansion von 6,3 Prozent, Italien aber beispielsweise eine von
+12,4 Prozent. Wenn eine Eindämmung der Geldexpansion auf ein
stabilitätspolitisch verträgliches Maß nicht zu erreichen sei,
werde auch der Inflationsdruck in den einzelnen Staaten unter-
schiedlich bleiben. Blieben die nominalen Wechselkurse dennoch
weitgehend unverändert, so verschiebe sich im Lauf der Zeit die
internationale Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen EWS-Länder.
Staaten mit relativ stabilen Preisen verbesserten ihre Position
auf den Absatzmärkten - und umgekehrt. Die Bundesbank erwähnt in
diesem Zusammenhang die überaus großen Außenhandels-Überschüsse
der Bundesrepublik. Die Defizit-Länder könnten mit Hilfe der
Zinspolitik ihre Defizite zwar "finanzieren", doch bestehe auf
Dauer die Gefahr, daß sich die Stabilitätsverankerung des ganzen
Systems lockere." (Süddeutsche Zeitung, 24.11.)
In anderen EG-Ländern seien die Inflationsraten zu hoch und die
Staatshaushalte zu sehr angeschwollen - na und? Ist das denn
nicht der Beweis der hervorragenden "Wettbewerbsposition der
deutschen Wirtschaft" und die Garantie, daß sie sich in den un-
terlegenen Ländern noch nachdrücklicher bemerkbar machen wird?
Und wie ist es um das zarte Pflänzchen "Exportnation" bestellt,
wenn sich für die Exporteure die Preisrelationen verschlechtern?
Und verteuert sich nicht auch der Kredit? So engstirnig sieht die
Bundesbank das offensichtlich nicht. Über den Zustand der natio-
nalen Wirtschaft macht sie sich gleich eine sehr viel umfassen-
dere Sorge, daß nämlich die "R a h m e n b e d i n g u n g e n"
d e s B l o c k s stimmen müssen. Das ist eine Sorge von der
feinsten Art: Wenn die Bundesbank das Geld- und Kreditgefüge von
12 Nationen einzurichten imstande ist, dann geht sie auch davon
aus, daß der ganze Block Bedingung, Grundlage und Erfolgsgarant
bundesdeutscher Kapitalwucht ist. Über einen so lächerlichen
"Vorteil" wie einen Inflationsvorsprung gegenüber Italien sind
die Macher dieser Wucht weit hinaus, da sie sich schon längst EG-
international betätigen. Wofür elementar gesorgt sein will, ist:
In allen Ländern der Gemeinschaft muß die Vermehrung des Reich-
tums in einer t a u g l i c h e n W ä h r u n g stattfinden!
Somit ist der Zweifel an den diversen Nationaluniformen des
Geldes auf dem Tisch - und zugleich der Wille, durch die Herstel-
lung einer "richtigen" Relation zur DM für ihre Tauglichkeit ein-
zustehen.
Das ist der harte Kern von "Stabilitätspolitik": Die Bundesbank
erzwingt die Festlegung der Geld- und Wirtschaftspolitik der ge-
samten EG auf das überragende Ziel, für eine gesicherte Währung
zu sorgen, somit dem Kapital eine jederzeit und überall gültige
Darstellungsform seines Erfolgs zu garantieren. Selbstverständ-
lich kommt diese Garantie in erster Linie dem Kapital zugute, das
sich durchzusetzen versteht. Auf diesem "indirekten" Wege ver-
pflichtet die Bundesbank ihre EG-"Partner" auf die V o r-
h e r r s c h a f t d e s K a p i t a l e r f o l g s.
Dafür erbringt sie auch das "Opfer" der Aufwertung und der Kre-
ditverteuerung - mit den absehbar vorteilhaften Folgen. Das 1
Prozent schlägt insofern zu, als es der gesamten internationalen
Geschäftswelt als Aufforderung ausreicht, den eingerissenen Fluß
des Kapitals zu revidieren. Näher: Die bestehenden Zinshöhen, mit
denen die EG-Staaten Kapital zum Zwecke ihrer Finanzierung an
sich ziehen, können sich nicht mehr behaupten gegen den Zwang der
nunmehr 7 bundesdeutschen Prozente. Alle Staaten müssen sich und
ihren Ökonomien höhere Kosten aufhalsen, wobei die schon vorher
um einiges über denen der BRD lagen; wenn die DM ihrer
"Stabilität" 1 Prozent hinzufügt, ist dies unwidersprechlich.
Was geschieht? Einige Staaten - Italien und Belgien sind beson-
ders angesprochen - müssen erfahren, daß ihre Maßnahmen, an Kapi-
tal zu kommen, aufgehoben werden, und zwar weil ihre "Finanz-
politik nicht einem System der festen Wechselkurse entspricht".
Gemeint ist das EWS, worin sich die Staaten auf einen
Wechselkursanspassungsmechanismus geeinigt haben. Dieses System
zeichnet sich aus durch eine "Leitwährung", die DM, und durch die
Einschränkung der Geldhoheit aller anderen. Über Auf- und Abwer-
tung können sie nicht mehr frei entscheiden, aber sie genießen
die Gegenleistung, von der harten Mark wie selbstverständlich ge-
stützt zu werden. Die Absicht dieses Verbundes ist es, auf dem
europäischen Markt für stabile Wechselkursverhältnisse zu sorgen
und sich, komplementär dazu, gegen die Bewegungen von Dollar und
Yen zu feien.
Der italienische Staat zum Beispiel: um seinen Finanzbedarf zu
decken, hat er sich zu höheren Zinsen entschlossen. Der Zustrom
von Kapital schwoll an und bewirkte auf diesem "indirekten" Wege
eine Aufwertung der Lira. Die kam dem Schatzminister recht, da
sie das internationale Ansehen seiner Währung aufpolierte - aber
er mußte sich sagen lassen, daß es sich um eine "paradoxe" Auf-
wertung handle. Die Härte der Lira sei nämlich insofern schwin-
delhaft, als ihr ein sehr großes und wachsendes Staatsdefizit ge-
genüberstehe: eine "nicht fundierte" Aufwertung sei das. Möglich
ist sie nur, so die Kritiker, aufgrund der Mitgliedschaft Itali-
ens im EWS: Diese Mitgliedschaft stellt wiederum so etwas wie die
generelle Vertrauensbasis bereit - in den allermeisten Ländern
steigert eine Zinssteigerung eher das Mißtrauen der Anleger -,
die obendrein Italien noch extra ausnutzen kann, da ihm eine grö-
ßere "Bandbreite" der erlaubten Kursschwankung als den anderen
zur Verfügung steht. Damit ist folgendes gemeint: Innerhalb einer
gewissen Bandbreite, begrenzt durch die "Interventionspunkte",
kann eine europäische Währung schwanken; "bricht" sie jedoch
"aus", setzt ein Mechanismus ein, in dem die Währungen der Mit-
gliedstaaten dafür eingesetzt werden, die "ausbrechende" Währung
innerhalb der Bandbreite zu halten. So selbstverständlich ist der
Mechanismus natürlich nicht: Immer, wenn eine Währung dauerhaft
einen "Interventionspunkt" überschreitet, setzt ein
p o l i t i s c h e r D i s p u t ein, ob nicht eine
Auf/Abwertung b e s c h l o s s e n werden muß, ob nicht die
"Margen" neu festzusetzen sind. Offensichtlich wollte Italien den
durch die höheren Zinsen bewirkten Aufwertungsgewinn festhalten
und ausbauen. Die Bundesbank hat dies als gegen die
"Stabilitätserfordernisse des Blocks" gerichtet gewertet und mit
dem Wörtchen "paradox" umschrieben. Für beide Seiten geht es um
die Frage, ob d e r Z w a n g d e s E W S z u l o c k e r n
ist - nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. Der italienische
Schatzmeister wollte gar nicht auf "seine"' Bandbreite beharren,
bloß sollten dann halt alle größere Freiheiten genießen Die Ziel-
scheibe dieses Antrags wurde offen genug benannt:
"Größere EWS-Bandbreiten für alle"
Rom befürchtet ein europäisches Großdeutschland
Die größte Gefahr beim Bau Europas der neunziger Jahre bestehe
darin - 'und diese Gefahr ist schon sehr konkret' -, daß die Ge-
meinschaft eine Neuausgabe Großdeutschlands hundert Jahre nach
der Reichsgründung wird und sich das Währungssystem zu einem
'marktzentralen Raum' entwickelt, in dem die Länder mit schwäche-
rer Währung durch hohe Zinsen ersticken. Diese Ansicht vertrat
der italienische Schatzminister Giuliano Amato in einer römischen
Feierstunde zum zehnjährigen Bestehen des Europäischen Währungs-
systems. So wie es jetzt funktioniere, bewegt es die Entwicklung
der Gemeinschaft immer mehr im Takt derjenigen Wirtschaft mit der
härtesten Währung, nämlich der Deutschen Mark, begründete Amato
seine Befürchtung.
Nur ein Verzicht aller Länder auf einen Teil ihrer Souveränität
und die Gründung einer zentralen europäischen Bank könnten diese
Gefahr bannen, meint der Schatzminister. Er erklärte, Italien sei
bereit, auf die seinerzeit zum Schutz der Lira von den anderen
Partnern des Währungssystems zugestandene Bandbreite von 6 Pro-
zent nach beiden Seiten zu verzichten, wenn dafür die anderen im
Verbund von ihren 2,5 Prozent abrücken und eine höhere Bandbreite
in Kauf nehmen würden...
"...In Erwartung der Europäischen Notenbank könnten Italien,
Frankreich, Spanien und Portugal vorab eine lateinische Liga bil-
den mit einer gemeinsamen Bank, die föderalistische Struktur ha-
ben sollte... An eine Vergrößerung der Bandbreite für die europä-
ischen Währungen könne man denken, aber gleichzeitig müsse auch
das Gewicht der Lira im ECU-System verdoppelt werden."
Diesen Angriff auf das EWS, immerhin wird Modifikation verlangt,
kombiniert mit dem Gedankenexperiment einer "lateinischen Liga",
weist die Bundesbank als s a c h f r e m d e n
N a t i o n a l i s m u s zurück. Und die bundesdeutsche Zinser-
höhung hat ausgereicht, ihn (vorläufig) zu begraben. Die Gegenat-
tacke geht gleich auf den Kern des Problems: Der Finanzbedarf des
italienischen Staates geht nicht in Ordnung. Dabei ist der Bun-
desbank egal, warum und wofür der italienische Staat das Geld
benötigt. Sie legt den - nur ihr in dieser Radikalität zukommen-
den - Mastab an, daß hier nicht mit v e r d i e n t e m, son-
dern mit bloß g e l i e h e n e m Geld operiert wird. Dieses
Geld leiht sich der Staat rein auf seine Gewalt - und die Mittei-
lung der Bundesbank lautet. Das reicht nicht.
Mit der Hoheit über Auf- und Abwertung haben die Staaten nicht
die Hoheit über ihre Haushalte abgetreten - und dennoch müssen
sie sich die M i t b e s t i m m u n g des bundesdeutschen
Staates per seiner Zentralbank gefallen lassen. Wenn nämlich die
Bundesbank den Zins erhöht, das Kapital damit wieder umlenkt -
mit der Folge, daß die Lira wieder sinkt -, dann bestreitet sie
dem italienischen Staat erfolgreich den H e b e l zur Deckung
seines Finanzbedarfs, eben den Zins. Sie zwingt ihm den einzigen
"Hebel" auf, den sie für richtig hält, den Haushalt selbst. Und
auch da nur in einer Richtung: Nach unten! Zumindest solange das
Verdikt "Bloß geliehen!" nicht widerlegt ist.
Das ist der harte Kern von "Ankerwährung" und "Inflations-
bekämpfung": Die europäischen Währungen sind U n t e r w ä h-
r u n g e n d e r D - M a r k, das und nur das sichert ihre
Tauglichheit. Die D-Mark ist ein Disziplinierungsinstrument, das
den anderen Staaten politökonomische Vorschriften macht.
Allerdings - sonst gäbe es das EWS nicht - im gemeinsamen
Interesse, wobei einer eben der Allergemeinsamste ist. Die Staa-
ten r e l a t i v i e r e n i h r e H o h e i t übers Geld
und sie v e r g r ö ß e r n dadurch s e i n e M a c h t. Das
Bild von der"Ankerwährung" will sagen, daß die DM die anderen
Währungen festhält, ihnen aber auch Halt verleiht. Gewährleistet
ist damit die "Stabilität" aller Währungen.
Dafür müssen sie sich allerdings Vorschriften machen lassen:
Staatsverschuldung hat sich nicht an die Stelle ungenügender Ka-
pitalwucht zu setzen. Den so korrigierten Staaten bleiben nur
zwei Konsequenzen: Sie machen eine Anleihe bei bundesdeutscher
Kapitalwucht (hierzu: "Deutsche Überschüsse..." ), der einzig so-
liden Quelle der Finanzierung, und sie setzen den Haushalt als
Hebel zur Steigerung der Kapitalwucht nach innen ein. Was daraus
folgt, ist wieder ganz klar: Sie entschlagen sich aller sozialen
Überflüssigkeiten und eigener so heißen sie dann -
"Prestigeobjekte". "Inflationsbekämpfung" - das ist die
w a h r g e m a c h t e I d e o l o g i e, d e r S t a a t
h a b e s i c h g ä n z l i c h i n d e n D i e n s t d e s
K a p i t a l s z u s t e l l e n u n d s i c h v o n
s e i n e m W a c h s t u m a b h ä n g i g z u m a c h e n.
Wie es mit wahrgemachten Ideologien so ist, hängt alles davon ab,
ob's k l a p p t. Der Erfolg gibt der BRD recht, und darauf ha-
ben ihre "Partner" zu hören. Mit dem Angriff auf "ungenügende Fi-
nanzpolitik" nagelt bundesdeutsch-europäische Wirtschaftspolitik
den anderen auf sein Haushaltsdefizit fest und heißt ihn, sich
auf seine nationale Wirtschaftskraft allein zu "besinnen",
o b w o h l und weil gerade die nicht reicht. Nicht das Lei-
stungsbilanzdefizit ist der Stein des Anstoßes, sondern der dar-
übergestülpte Verdacht eines "nationalen Egoismus". Auch wenn es
den Staaten bei der Einrichtung wohl kaum bewußt war, so ist das
EWS nicht "bloß" ein Abkommen über Währungsrelationen, sondern
darüber hinaus ein Abkommen über Umfang und Gebrauch des Natio-
nalkredits - zumindest ist es das unter Anleitung der
"Leitwährung" geworden. Die "Wirtschaftsunion" ist schon ziemlich
vorangekommen: Sein Geld kann sich kein Staat mehr besorgen ohne
Rücksichtnahme aufs EWS, ohne die Einmischung der BRD. So sorgt
sie für ein p r o d u k t i v e s E u r o p a, das sie
a n f ü h r t. Ein letzter Hinweis zu "Inflationsbekämpfung":
Man soll immer glauben, es ginge darum, das Geld "knapp" zu ma-
chen. In Wahrheit kann es v o n g u t e m G e l d n i c h t
g e n u g g e b e n:
"Der Geldpolitik gelingt es, den Zuwachs der Geldmenge auf einem
Pfad von etwa 5 vH zu halten. E i n e n g e r i n g e r e n
Z u w a c h s w ü r d e d i e B u n d e s b a n k ...
n i c h t t o l e r i e r e n." (Herbstgutachten der For-
schungsinstitute)
Noch ein Anschluß
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Die bundesdeutschen Regierungen und ihre Bundesbank fordern Groß-
britannien seit ewigen Zeiten auf, ins EWS einzutreten. Mrs.
Thatcher verweigerte dies, hauptsächlich mit dem Hinweis, diese
Einschränkung der Hoheit über die nationale Währung könne sich
eine Großmacht nicht leisten.
Heute kann man lesen, der Thatcherismus sei gescheitert:
"Das Land befindet sich in den Wehen einer Währungskrise, ange-
stachelt von einem Verdacht, der um die ganze Welt geistert, daß
der Thatcherismus nicht viele der grundlegenden Probleme Großbri-
tanniens gelöst habe." (International Herald Tribune, 25.10.)
Einer Zinserhöhung der Deutschen Bundesbank auf 7% folgte eine
Erhöhung des britischen Leitzinses auf 15% aufdem Fuß, was das
Pfund nach unten und den Schatzkanzler aus dem Amt trieb. Eigen-
tümlich ist es schon, wenn das Angebot einer besseren Verdienst-
möglichkeit die Nachfrage nach einer angepriesenen Währung zu-
rückschrecken läßt; ob aber Mr. Lawson ausgerechnet folgenden
Fehler begangen hat, ist sehr zu bezweifeln:
"Auch diesmal begründet das Schatzamt die Hochzinspolitik damit,
daß dem Kampf gegen die Inflation 'höchste Priorität' zukomme.
Teures Geld soll den Briten die Lust am Kauf auf Kredit verder-
ben, geht die Nachfrage zurück, so die Lehrbuchregel, sinken auch
wieder die Preise. Obendrein läßt dann auch der Import-Sog nach
das Handelsdefizit wird kleiner.
Die Rechnung ist im Prinzip richtig. Aber inzwischen ist vielen
klar, daß Lawson die Zinsschraube überdreht hat. Höhere Zinsen
schlagen nämlich auch auf die Preise durch." (Spiegel, 43/89)
Folgt man dieser "Analyse", dann hätte Mr. Lawson den Zins genau
so zu erhöhen, daß alles teurer wird, damit alles billiger wird.
Diesen Wunderzins hat der Schatzkanzler nicht erwischt, so daß
alles bloß teurer geworden ist - das ist "inzwischen vielen
klar".
Wirklich klar ist den maßgeblichen Personen, denen, die sich in
der internationalen Währungsspekulation auskennen, daß diese
"Hochzinspolitik" sich von der der Thatcherschen Aufbruchzeiten
doch um einiges unterschied: Die frühere Souveränität, einen Zins
zu setzen, ist nicht mehr gegeben; der britische Staat ist
g e z w u n g e n, den Zins zu erhöhen, somit spricht die
H ö h e g e g e n i h n und schürt das M i ß t r a u e n der
internationalen Anleger. Der "mechanische" Nachvollzug einer Bun-
desbankvorgabe, wie z.B. in Frankreich oder Italien, wäre nach
allgemeiner Auffassung noch nicht so sehr das Problem. Hier aber
erblickt die City, die natürlich die hohen Zinsen nach Bedarf
mitnimmt und mit der Spanne zu den BRD-Zinsen kalkuliert, ein
"ungesundes" Verhältnis. Woher sie das hat, ist nicht schwer zu
erraten. Problematisch an diesem Nachvollzug ist, daß eine Souve-
ränität, die angetreten war, sich dagegen zu v e r w a h r e n,
blamiert wird. Die City hält es nun für das ausschlaggebende
ö k o n o m i s c h e Argument, wenn der p o l i t i s c h e
Wille der britischen Regierung d u r c h k r e u z t wird. Da-
bei ist die Tautologie nicht zu übersehen, daß es die Geldleute
selbst sind, die das Durchkreuzen praktisch durchsetzen. Sie tun
dies mit einem eigenartigen Realismus der Bescheidenheit:
"Es war die offizielle Position der Regierung, diktiert von der
Premierministerin, daß sich Großbritannien dem EWS anschließt,
'wenn die Zeit reif ist'. Jedermann war klar, wie das von Marga-
ret Thatcher gemeint war, nämlich als 'Nur über meine Leiche'.
Würde jetzt die Ankündigung erfolgen, die Zeit sei reif, müßte
man das als den beginnenden Abstieg interpretieren. Das ist je-
doch unvermeidlich, aber selbst die Premierministerin müßte ein-
sehen, daß das noch das kleinere Übel für sie ist. ... Die wirt-
schaftliche Souveränität, die Mrs. Thatcher zu verteidigen vor-
gibt, ist eine Schimäre. Diese sogenannte Souveränität läuft hin-
aus auf die Wahl zwischen einem dauerhaften Druck auf das Pfund
und einem Abschwung, den die hohen Zinsen bewirken werden. Die
Weigerung, sich dem EWS anzuschließen, schadet der Nation, wie es
ein engstirniger Nationalismus ja eigentlich immer tut." (The In-
dependent, 11.10.)
Die Geschäftsleute rechnen ihrem politischen Vorstand vor, daß
"wirtschaftliche Realitäten" und politische Absicht endgültig
nicht mehr zusammenpassen - weil eben die Geschäftswelt nicht
länger gewillt ist, sie zusammenpassend zu machen. Was jahrelang
als der besondere Vorzug der "Eisernen Lady" galt, ihr demonstra-
tiver (Wirtschafts-)Nationalismus, das eiserne Beharren auf einem
souveränen Einsatz der politischen Gewalt für die Rekonstruktion
einer Weltwirtschaftsmacht Großbritannien das Empire als an-
spruchsvolles Ideal vor Augen -, schlägt nun ins Gegenteil um und
muß sich als "engstirniger Nationalismus" abkanzeln lassen. Das
jahrelange Lob der Bekämpfung der "englischen Krankheit", die Zu-
friedenheit über einen Aufschwung, der nicht von Pappe war - ver-
gessen und verkauft. Statt dessen ein opportunistischer Schwenk
zum Großen Bruder jenseits des Kanals, mit der üblichen Pose der
(nachträglichen) Besserwisserei:
"Das Problem ist, daß wir die Schwierigkeiten einer Anbindung an
die DM hatten, ohne den vollen Nutzen daraus zu ziehen. Es war
kein Fehler, sich an die DM anzuhängen; aber der Schatzkanzler
hätte es viel früher tun müssen und er hätte es konsequent tun
müssen. Frankreich hat es getan, und seine Zinsrate liegt jetzt
nur 2% über der der Bundesrepublik, unsere hingegen liegt 7% dar-
über. Wenn wir uns schon Mitte der 80er Jahre an die DM angebun-
den hätten, wären der heimischen Wirtschaftspolitik viel früher
Zügel angelegt worden, ohne daß es zu einem Streit zwischen den
Anhängern des leichten oder des knappen Geldes hätte kommen kön-
nen, und die Inflation hätte niemals den hohen Stand erreichen
können, der den jetzigen Zinsunterschied wohl als gerechtfertigt
erscheinen läßt." (Financial Times, 9.10.)
Diese Realisten des Wirtschaftslebens, die sich einmal gar zu
gern an den Busen von Mrs. Thatcher gedrückt haben, konstatieren
nun einen m i ß g l ü c k t e n G e b r a u c h d e s
N a t i o n a l k r e d i t s und konstruieren den
S a c h z w a n g e i n e r B e n u t z u n g d e r
D M - S t ä r k e. Vom R e s u l t a t her trauen sie sich
glatt das Urteil zu, der Thatchersche Versuch, sich gegen die DM
durchzusetzen, sei von vornherein aussichtslos gewesen. Kann man
von einem Scheitern des britischen Wirtschaftsprogramms sprechen?
Die Inflationsrate und die Zinsen mögen höher sein als anderswo,
das Pfund hat sich unter die "psychologisch wichtige Grenze" von
DM 3 begeben - aber insgesamt hat die britische Wirtschaft eine
flotte Aufschwungphase hingelegt, was den Arbeitern sehr
schlechte und den Kapitalisten sehr gute Erfahrungen beschert
hat. Wenn aber allenthalben die Rede davon ist, daß das Pfund nun
doch allmählich dem EWS beitreten müsse, und das nicht ganz aus
freiem Entschluß heraus, dann liegt ein Indiz vor, daß die
s t a a t l i c h e n A b s i c h t e n nicht aufgegangen sind.
Die Kritik, mit der Mrs. Thatcher angetreten war: das Pfund sei
"heruntergewirtschaftet", ist offensichtlich nicht aus der Welt;
ihr Souveränitäts a n s p r u c h, mithilfe dessen sie aus einer
schwächlichen Währung wieder g u t e s G e l d machen wollte,
Geld, dessen nationale und internationale Geschäftstauglichkeit
außer Frage steht, muß sich nun vorhalten lassen, zu einer
B e l a s t u n g d e r W i r t s c h a f t entartet zu sein:
"Die Bundesbank exportiert die Erträge (benefits) ihrer Unabhän-
gigkeit in das gesamte Europa... Das erinnert uns daran, daß die
Spanne von 7% für kurzfristiges Geld in der Bundesrepublik und im
UK die Kosten für die politische Kontrolle über die britische
Geldpolitik umreißen." (Financial Times, 6.10.)
Der Betrachter stellt exakt den Vergleich an, den auch Mrs. That-
cher im Sinn hatte, nämlich zwischen der BRD und Großbritannien,
und kommt zu dem Schluß, daß die britische Wirtschaftspolitik
e b e n w e g e n d i e s e s V e r g l e i c h s der briti-
schen Wirtschaft "p o l i t i s c h e K o s t e n" aufhalst.
Gerade so, als ob der Staat wegen seines Souveränitätsanspruchs
dem Kapital eine 7%ige Extra-Steuer auferlegte. Umgekehrt ist es
also eine Leistung der Bundesbank, in ihrem Wirkungsbereich - Ge-
samteuropa, jedoch ohne UK - diese eigenartigen Kosten gar nicht
erst aufkommen zu lassen. Somit hat sich der zweifellos gutge-
meinte Gebrauch des Nationalkredits als dauerhafte Benachteili-
gung in der internationalen Konkurrenz herausgestellt. Da fällt
Kapitalisten und ihren Fürsprechern dann ein, diese Staatsaktivi-
tät als puren Abzug zu bezeichnen, als ob sie bei den Marxisten
die Sache mit den "faux frais" nachgelesen hätten; richtig vater-
landslos -"schlappschwänzig" würde Mrs. Thatcher sie nennen -
verlangen sie eine (partielle) Gültigkeit auswärtiger Souveräni-
tät über ihre Geschäftstätigkeit. Die von Mrs. Thatcher be-
hauptete Wucht ihrer Geldhoheit hat den Nachweis der Durchset-
zungsfähigkeit nicht erbracht, so daß das EWS plötzlich wie eine
einzige Ansammlung v o r e n t h a l t e n e r "benefits" er-
scheint. Der Souveränitätsanspruch muß "e n t w e r t e t" wer-
den. Während er in seiner ersten Phase durchaus Anklang fand und
dem Pfund einen ordentlichen Vertrauensvorschuß eintrug, ist nun
tendenziell Unterordnung gefragt, freilich keineswegs mit der Ga-
rantie wiedergewonnenen Vertrauens.
Was hat Mrs. Thatcher zu spüren gekriegt? Als sie meinte, aus dem
Pfund wieder g u t e s Geld gemacht zu haben, wollte sie sich
auch die Freiheit herausnehmen, es als Geld zu verwenden. Hatte
sie zuvor eisern auf die "Stabilität" des Pfunds gesetzt, dafür
die Zinsen hochgesetzt, einiges an Firmen und sogar Branchen über
den Jordan gehen lassen und den Staatshaushalt dort zusammenge-
strichen, wo er in der Logik imperialistischer Staaten zusammen-
gestrichen gehört, nämlich beim "Sozialen", so wollte sie daran
anschließend auf den eingeleiteten Aufschwung eins draufsetzen
und ihm die von ihr gewünschte imperialistische Durchschlagskraft
verleihen. Wenn es in einem der vorigen Zitate heißt, Mrs. That-
cher hätte Mitte der 80er Jahre das Pfund an die DM anbinden und
ihrer Wirtschaftspolitik Zügel anlegen sollen, dann bezeichnet
das zwar negativ herum Zeitpunkt und Umfang der neuen Wirt-
schaftspolitik, ist aber ansonsten ein bloßes Räsonieren: Die
Dame wollte befreit auftrumpfen, sie war mit dem erreichten Er-
folg ja nur als Sprungbrett zufrieden. Sie wollte einen bombigen
Kapitalismus s t i f t e n und dafür ihren Nationalkredit
v e r w e n d e n. Konnte anfänglich kaum der populäre. Verdacht
aufkommen, sie würde ihren Kapitalisten das Geld in den Hintern
stecken - was sollten die auch mit dem schlechten Geld! -, so tat
sie es nun um so kräftiger.
Gegen das EWS, so wie es von der Bundesbank geführt wird, konnte
sich dieses Programm nicht durchsetzen:
- Die Zinsen, die der britische Staat für das Geld zur Aufrüstung
des Kapitals aufbringen mußte, blieben dauerhaft über denen des
Währungsblocks, somit auch die Kosten der Staatsverschuldung und
des Kredits.
- Die Bundesbank erachtete es nicht für notwendig, in dieser Kon-
kurrenz ums Kapital nachzuziehen. Mit gutem Grund: Die Wirt-
schaftskraft, die Mrs. Thatcher erst herstellen wollte, lag als
die vertrauensstiftende Grundlage für alle Abwägungen des Geldka-
pitals in der BRD schon vor. Eine "Verengung am Kapitalmarkt"
brauchte die Bundesbank zu keinem Zeitpunkt festzustellen.
- Die Leistungsbilanz Großbritanniens verschlechterte sich zuse-
hends. Erstens gingen die Einnahmen aus dem Ölexport, auf die der
britische Staat einigermaßen gebaut hatte, zurück; das war Pech.
Zweitens stiegen mit den Zinsen und der angestachelten Nachfrage
auch die Preise. Daraus folgt zusammengefaßt drittens, daß der
"Binnenmarkt", den die BRD unter ihrer Fuchtel hat, den briti-
schen Aufschwung mit besseren Preisen und Lieferbedingungen aus-
statten konnte; die Aufwertung Pfunds schlug - ganz anders als in
der BRD, wo die Mark im Zuge weltweiter erfolgreicher Geschäfte
erstarkt, diesen also auch durch die Wertveränderung der Mark
nicht wieder Abbruch getan werden kann - gegen die britische
(Export-)Wirtschaft aus, beflügelte den Import und produzierte
wachsende Leistungsbilanzdefizite. Der "Binnenmarkt" des EWS
stand den britischen Kapitalisten eben nicht im selben Ausmaß zur
Verfügung wie ihren Konkurrenten vom Festland: Herrschte in deren
"internem" Verkehr Wechselkursstabilität, mußte die britische
Wirtschaft in ihrem Handel m i t diesem Block die Nachteile ei-
nes auf sich selbst gestellten, teuren Pfunds erst wegstecken.
Viertens war also einer der Hauptprofiteure des britischen Auf-
schwungs mal wieder die BRD.
Eine Hauptmacht Europas hatte sich dem Zwang des EWS verweigert
und ein "Bauen auf die eigene Kraft" dagegengesetzt. Es hat sich
gegen die im EWS versammelte und von ihm geleitete Wirtschafts-
kraft nicht durchsetzen können. Das hat einige Jahre gedauert,
während der in der Frankfurter Bank Gelassenheit herrschte. Kein
einziges Mal mußte man sich dort nämlich - weder von Kapital-,
noch von Staatsseite - mit dem Antrag auseinandersetzen, einen
"Maßnahmenkatalog" gegen einen britischen "Sog" zusammenzustel-
len. Der Konkurrent des EWS hat sich schließlich selbst eines
Besseren belehrt.
Das hat der Bundesbank viel Lobhudelei über ihre "Unabhängigkeit"
eingetragen, die sich mal wieder so göttlich bewährt haben soll.
Die ehrlichsten Anbeter sitzen zur Zeit natürlich auf der Insel
und in Italien, wo bezeichnenderweise die Notenbanken eine De-
batte angefangen haben, ob sie nicht auch mehr von diese
"Unabhängigkeit" bräuchten. Allen Ernstes wird behauptet, die
Weisungsgebundenheit wäre der Ursprung allen Übels, weil sich Po-
litiker einfach nicht aufs Geld verstehen. Umgekehrt könne man an
der Bundesbank studieren was ungebundener Sachverstand - in der
Satzung der Bundesbank steht tatsächlich, daß sie ihre Entschei-
dungen in Sachen Zins und Geldmenge "in Absprache mit der Regie-
rung" zu treffen habe, während die Regierung beim Wechselkurs au-
tonom entscheidet - zu leisten imstande sei. In Wahrheit ist es
so, daß die Bundesbank "unabhängig" belassen wird, weil sich Re-
gierung und Bankrat e i n i g sind in der Frage der Staatsfi-
nanzierung. Sie können es sich leisten, so zu tun, als ob es gar
kein Finanzierungsbedürfnis des Staates gegenüber seiner Bank
gäbe, weil der Zustrom der Mittel verglichen mit den wesentlichen
Konkurrenten - so b i l l i g u n d r e i c h l i c h funk-
tioniert. Dabei wird der Schein der Selbständigkeit der Bank ge-
festigt durch eben den Hintergrund dieser Annehmlichkeit, das
EWS, welches die Bundesbank managed, aber auch nur, weil die
p o l i t i s c h e I n s t a l l a t i o n dieses Systems ge-
nau dies von ihr verlangt. Wenn man das alles unterstellt, ist
dann doch etwas dran an dieser "Unabhängigkeit": Die Bundesbank
hat die Freiheit, sich ganz ihrem F a c h i d i o t e n t u m
hinzugeben. Dies besteht darin, bei der Geschäftswelt - repräsen-
tiert durch die Banken - nachzufragen, wieviel vom guten Geld für
die Bedürfnisse des Geschäfts gewünscht wird, um es dann auch be-
reitzustellen. Und da schau her diese Geldmenge ist im Falle der
BRD eigentlich immer "richtig".
Deutsche Überschüsse müssen sein
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"Aber jeder unserer zinspolitischen Beschlüsse ist zu seiner Zeit
im In- und Ausland kritisiert worden, so ist es auch diesmal. Das
ist jedoch der Vorteil einer unabhängigen Notenbank, daß sie das
sachlich Notwendige tun kann, ohne Rücksicht auf politische oder
andere 'Sachzwänge' nehmen zu müssen." (Bundesbankpräsident Pöhl
vor dem Verband öffentlicher Banken, 6.10.)
Einen Mangel an Selbstvertrauen kann man dem obersten Banker
nicht vorwerfen: Die Bundesbank tut nur, was eine Bundesbank tun
muß. Allen Vorschlägen aus In- und Ausland, die im Gewande von
"Sachzwängen" daherkommen, erteilt sie eine Abfuhr. Sie kennt nur
ihre eigenen Sachzwänge, das "sachlich Notwendige". Pöhl be-
hauptet, mit dieser "autonomen" Entscheidung so etwas wie das
"wirtschaftliche Gleichgewicht" schlechthin gewahrt zu haben.
Er bezieht seine Überheblichkeit aus einer Erfahrung: Die in D-
Mark getätigten Geschäfte haben die Eigenart an sich, der Nation
quasi automatisch einen Überschuß einzubringen. Der Bundesbank-
Chef braucht gar nicht zu wissen, wie dieser Überschuß entsteht.
Es genügt der schlichte Hinweis: Wenn Wachstum, dann überwiegend
bei uns:
"Das günstige Bild der Wirtschaftsentwicklung in der Bundesrepu-
blik wird allerdings durch vorwiegend strukturelle Probleme ge-
trübt, zum einen durch die im Vergleich zur regen Konjunktur noch
hohe Zahl von registrierten Arbeitslosen, zum andern durch hohe
außenwirtschaftliche Überschüsse, die ebenfalls konträr zur Kon-
junkturlage nicht abnehmen, sondern weiter steigen und 1989 in
der deutschen Leistungsbilanz die Rekordhöhe von etwa 115 Mrd. DM
und im Außenhandel sogar ca. 145 Mrd. DM erreichen werden."
Die pflichtgemäße Rhetorik bezüglich der Arbeitslosigkeit wegge-
lassen, so überrascht auf den ersten Blick das "strukturelle Pro-
blem" Nr. 2: Warum gibt sich der oberste Bilanzierer der Geld-
ströme besorgt über Dauerüberschüsse? Er operiert mit einem
volkswirtschaftlichen Modellidealismus, nach dem - insbesondere
bei Wachstum - die nationalen Konten sich ausgleichen sollten.
Tun sie aber nicht - und "strukturell" will in etwa besagen: Wir
kriegen das "Problem" einfach nicht weg.
Es liegt ein Fall von handelsdiplomatischer Scheinheiligkeit vor:
Der Mann aus Frankfurt weiß ganz genau, daß seine Überschüsse
nicht eine bedenkliche Abweichung von einem volkswirtschaftlichen
Modell darstellen, sondern anderen Nationen Schwierigkeiten ein-
tragen; er weiß des weiteren, da die dauerhafte Schlagseite des
Reichtums in seiner Nation die anderen in ökonomische
A b h ä n g i g k e i t e n bringt, die ihnen Gegenmaßnahmen
dringend geraten sein lassen; seine Besorgnis sieht aus wie eine
Beschwichtigung und teilt mit, man sei sich der eigenen Verant-
wortung hinsichtlich der Bewältigung dieses "Ungleichgewichts"
bewußt. Keiner seiner auswärtigen Kollegen ist so blöd, sich da-
von tatsächlich beschwichtigen zu lassen. Das ist aber auch egal,
denn wenn sich nun Pöhl über den "Abbau" der Überschüsse ausläßt,
so ist er gleich beim wirklichen Inhalt seiner Verantwortung: Da
die Abhängigkeiten nun mal g e s c h a f f e n sind, denkt die
Bundesrepublik nicht im Traum daran, sich da wieder hinausdrücken
zu lassen; ganz im Gegenteil besteht sie auf dem weiteren Ausbau
ihrer Überschüsse, dies ist ihr w o h l v e r d i e n t e s
R e c h t, und die anderen haben nur die Chance, sich darauf
einzustellen und ihr Heil in der Zusammenarbeit mit dem "ökonomi-
schen Riesen" zu suchen. Pöhls Argumentation ist schlicht:
Dagegen könnt ihr n i c h t s m a c h e n und ihr habt es auch
n i c h t a n d e r s v e r d i e n t - diplomatisch ausge-
drückt als: Es muß doch euer eigenes Interesse sein. Es handelt
sich hier um eine Art Zwischenbilanz imperialistischer Strei-
tigkeiten, und die legt die bundesdeutsche Sicht dar. Immer
wieder mußten sich deutsche Wirtschafts- und Finanzminister vor-
halten lassen, mit ihren Rekordüberschüssen ihre Partner und
Freunde schlecht zu behandeln. Dem Vorwurf "unfairer Praktiken"
folgte die Forderung auf dem Fuß, den ökonomischen Erfolg zugun-
sten höherer Ziele zu relativieren bzw. den Beschwerdeführer am
Erfolg teilhaben zu lassen.
Das Verfahren, das sich imperialistische Staaten für den
"kooperativen" Umgang mit Leistungsbilanzdefiziten ausgedacht ha-
ben, will sich auf den guten alten Schutzzoll nicht mehr so recht
verlassen. Mit gutem Grund: Eine Gegenmaßnahme desselben Kalibers
steht zu erwarten, mit der unausweichlichen Folge einer
E i n s c h r ä n k u n g des Geschäfts bei unsichere Ausgang.
Statt dessen hat sich die Forderung eingebürgert, der überlegene
Teil möge das Geschäft a u s w e i t e n, jedoch n a c h
i n n e n. Er soll die Wucht seiner (Export-)Wirtschaft sozusa-
gen umlenken, indem er für "Binnenachfrage" sorgt, mit zwei Wir-
kungen: Erstens bleiben die ursprünglich für den Export gedachten
Güter im Lande, zweitens nimmt der Import zu. Ob diese Wirkungen
eintreten, soll den Kopf der volkswirtschaftlichen Idealisten be-
schäftigen; fest steht jedoch, daß die verlangte Ausweitung oder
auch "Binnennachfrage" auf eine Ausweitung der
S t a a t s n a c h f r a g e drängt. Da sind zwei Wirkungen
zweifelsfrei: Entweder zieht der Staat sein gutes Geld von ande-
ren Vorhaben ab, um diese Nachfrage zu schaffen - und das kann
nur auswärtige Geldausgabe betreffen, denn alle sonstigen Staats-
gelder sind automatisch "nachfragewirksam", höchstens brauchen
sie noch den Zusatz einer "Umschichtung von konsumtiven auf inve-
stive Ausgaben", also einer noch direkteren Bedienung des Kapi-
tals; oder er vergrößert seine S c h u l d e n oder beides. Das
Eigentümliche an dieser Forderung ist, daß ausgerechnet der ins
Hintertreffen geratene Staat nicht bloß Berücksichtigung ver-
langt, sondern eine Berücksichtigung, die die H o h e i t des
überlegenen Staates über seinen Nationalkredit s c h m ä-
l e r t. Und zwar indem der unterlegene Staat mit dem Argument
"Du kannst es dir doch leisten" antritt mit der ausdrücklichen
Absicht, von fremdem Nationalkredit p r o f i t i e r e n zu
wollen. Der Verweis auf den Titel "Weltwirtschaftliches
Gleichgewicht" gibt dafür die Wucht sicher nicht her, vielmehr
steht hier eine p o l i t i s c h e D r o h u n g im Raum, die
ökonomische Unterlegenheit k o m p e n s i e r e n will. Sie
thematisiert das politische Verhältnis der Staaten untereinander
und winkt mit Verschlechterungen ganz anderer Art - die
ökonomischen Resultate sollen vor dem Hintergrund der politischen
Abhängigkeiten und Herrschaftsverhältnisse keinen Bestand haben
oder zumindest relativiert werden.
Eine Kurzfassung dessen sind die "Freiwilligen Selbstbeschrän-
kungsabkommen". Wie der Begriff schon sagt, steht der Krach zwar
an, soll aber ausdrücklich vermieden werden. Ökonomische Kampf-
maßnahmen sollen nicht in Anschlag gebracht werden, vielmehr muß
der überlegene Staat, Abteilung Ökonomie, im Sinne eines "höheren
Interesses" auf einen Teil seines wirtschaftlichen Erfolgs ver-
zichten, um die politische Stabilität zu wahren. Der drohende
Staat teilt mit, daß er sich eine weitere Schwächung infolge öko-
nomischer Rückschläge nicht weiter leisten kann und will. Die USA
haben dieses Verfahren, auch und gerade gegen Japan, schon einige
Male durchexerziert.
Dagegen, wie auch gegen entsprechende (Schubladen-)Pläne bei EG-
Partnern, legt der Bundesbankpräsident im Auftrag seiner Nation
ein Veto ein. Das Programm der Bundesrepublik ist es,
ö k o n o m i s c h e W u c h t i n p o l i t i s c h e
B e d e u t u n g umzusetzen, also wird sie sich nicht ausge-
rechnet angesichts schöner Resultate davon abbringen lassen:
"In einer immer enger zusammenwachsenden Welt... sind Überschüsse
und Defizite in der Zahlungsbilanz für sich genommen nichts
Schädliches, sofern sie sich in einer Größenordnung halten, die
von den Märkten einigermaßen reibungslos finanziert werden kann.
Die deutschen Überschüsse sind nicht das Ergebnis eines zu schwa-
chen binnenwirtschaftlichen Wachstums. Auch die Importe aus dem
Ausland wachsen kräftig.
Es wäre falsch und hätte auch böse Folgen für die Preisstabili-
tät," (schon wieder die...) "wenn wir die Binnennachfrage noch
weiter stimulieren würden, um unsere Überschüsse zu verringern."
Die Sache mit der "immer enger zusammenwachsenden Welt" ist ein
dezenter Hinweis auf bestehende Abhängigkeiten - mit eindeutiger
Rollenverteilung; die Sache mit der Finanzierbarkeit der Defizite
ist eine etwas hinterfotzige Beruhigung, die dem Defizitland be-
teuert, es könne sich zwecks Auffüllung seiner Löcher an das
Überschußland wenden, also sich bei ihm verschulden - wobei letz-
teres über die angemessene "Größenordnung" befindet; die Sache
mit dem wachsenden deutschen Import ist das bekannte "Wir haben
unsere Hausaufgaben gemacht" und weist den Antragsteller darauf
hin, daß er doch eine rechte Flasche ist, die also auch nichts zu
melden hat - man kauft ihm schließlich eine Menge ab. Diesen Hin-
weis baut Pöhl aus:
"Insbesondere werden die deutschen Überschüsse gegenüber jenen
Ländern in der EG noch weiter zunehmen, die eine höhere Inflati-
onsrate haben als die Bundesrepublik. So werden die Überschüsse
gegenüber Italien, Spanien und ganz ausgeprägt gegenüber Großbri-
tannien deutlich anwachsen."
Die Redeweise des Herrn Pöhl im Futur strotzt vor Sicherheit: Da
kommt nichts dazwischen! Wer in Sachen Wirtschaft nachhinkt, dem
folgt die Strafe auf dem Fuß. Was immer man sich unter Grund und
Wirkung der Inflationsrate vorstellen mag - Pöhl nimmt sie ein-
fach als Ausweis wirtschaftlicher Rückständigkeit, die sich ganz
gerecht noch mehr Rückständigkeit einhandelt, während die BRD
nichts anderes als wachsenden wirtschaftlichen Erfolg verdient.
Umgekehrt können sich alle unzufriedenen Staaten glücklich schät-
zen, daß es die BRD gibt - für ihr Wachstum sind sie nämlich auf
deren Leistungen angewiesen. Wenn sie sich selbst überhaupt noch
als Wirtschaftsmächte behaupten wollen, müssen sie bei der neuen
Vormacht kaufen:
"Wir erleben einen Wachstumsschub nicht nur in der Bundesrepu-
blik, sondern auch in anderen europäischen Ländern... Die Importe
von Investitionsgütern aus der Bundesrepublik erlauben es anderen
Ländern, ihr Produktionspotential auszubauen und ihre Inflation
niedriger zu halten, als es sonst nötig wäre: Dies geschieht al-
lerdings um den Preis wachsender Leistungsbilanzdefizite, die
aber - dank hoher Zinsen - geräuschlos vom Import von Kapital,
also von Ersparnissen der Überschußländer finanziert werden. Man
könnte sogar sagen 'überfinanziert', wie man am Wechselkurs und
an den stark steigenden Devisenreserven der Länder mit Handelsbi-
lanzdefiziten erkennen kann. Paradoxerweise haben die Währungen
dieser Länder, die überdies die höchsten Inflationsraten in Eu-
ropa haben, real gegenüber der DM aufgewertet."
Wie die Bundesbank mit dieser "Paradoxie" umgeht, war Gegenstand
eines vorigen Kapitels. Aufschlußreich ist hier noch die Lässig-
keit, mit der sich Pöhl über eine auf- oder abgewertete D-Mark
ausbreitet. Deren Bewegungen sind offensichtlich kein Argument
mehr gegen ihr Recht auf Überschüsse, die kommen allemal herein,
egal wie die Mark steht, und die wird den "A u f wertungs-
verdacht" so schnell nicht mehr los. Es handelt sich eben um eine
Währung, die es in der Konkurrenz gegen den Dollar schon so weit
gebracht hat, daß sie das Vertrauen der Geldkapitalisten ganz
unmittelbar genießt - nicht umsonst steht sie im Rang einer
"Weltreservewährung" - und die Einträglichkeit der Niederungen
des kapitalistischen Geschäfts für ihren "Wert" jederzeit
unterstellen kann.
Wie sie es auch drehen und wenden, die Defizitländer, von der BRD
kommen sie nicht mehr los. Dem Kaufen beim Exportriesen folgt ein
"geräuschloser" Import von Kapital: Deutsche Kapitalisten zieren
sich nicht und legen ihre Überschüsse in den Ländern an, aus
denen sie sie beziehen. So ist die "wechselseitige Durchdringung"
gewährleistet, freilich mit der Besonderheit, daß die Wechselsei-
tigkeit sehr einseitig abläuft.
Da hat ein Bundesbank-Chef ein feines Leben: Er konstatiert das
R e s u l t a t und b e h a r r t darauf: D-Mark-Überschüsse!
Alle Klagen und Beschwerden anderer Nationen nimmt er, nicht zu
Unrecht, als einen Antrag, die von ihm gehütete Währung
w e i c h e r z u m a c h e n - und weist ihn zurück. Dabei
bildet er sich noch ein, diese Tat wäre die Erfolgsgarantie. Und
in einer Hinsicht stimmt es: Die in den auswärtigen Anträgen ent-
haltene politische Beschwerde prallt an diesem Diplomaten des Na-
tionalkredits nicht nur ab, sondern "nötigt" ihn zu der einzig
korrekten Feststellung: W i r stellen hier die Forderungen!
Der "Standort BRD" weiß, was er sich schuldig ist.
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Im Spätherbst '89 kommt er nicht mehr aus ohne...
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... die "industrielle Führerschaft", auch und gerade in Sachen
Mikrochips. Wer in so gut wie allen Abteilungen der Akkumulation
Weltspitze ist, an vorderster Front für moralischen Verschleiß
sorgt, in mindestens zwei Dritteln aller neuen Technologien fe-
derführend sein will, der kann es sich nicht leisten, einfach so
auf die billigen Angebote des Auslands einzugehen. Da heißt es,
diese Chips erstens selbst und zweitens billiger zu produzieren,
was ein Schlaglicht auf den Skandal wirft, daß wir auch bei der
Produktionsausrüstung für Chips viel zu wenig selber machen:
"Daß die Bundesrepublik mehr als die Hälfte der benötigten Chips
importieren muß, ist inzwischen weitgehend bekannt. Weniger ge-
läufig, wenngleich nicht weniger prekär ist dagegen die Tatsache,
daß die deutsche Wirtschaft auch bei der Produktionsausrüstung
vom Ausland abhängig ist." (Süddeutsche Zeitung, 11.11.)
Nur gut, daß wir bei den Voraussetzungen der Voraussetzung schon
wieder Weltspitze sind: Chemie, Feinmechanik, Maschinenbau, Kli-
matechnik, Meßtechnik, Siliciumscheiben, Ausrüstung für Leiter-
platten, Röntgenstrahl-Technologie...
Den "Rest" tut der Staat hinzu, dem dafür das Geld nicht ausgeht
und dem es auch schon gelungen ist, die europäischen Partner ein-
zuspannen:
"Ein 'Signal in die richtige Richtung' setzt auch das gemeinsame
europäische 'Jessi'-Projekt. Es sieht nicht nur die Entwicklung
leistungsfähigerer Chips vor, sondern auch den Bau der entspre-
chenden Fertigungsgeräte."
*
...die "Befreiung von Handelsschranken", die absolut nicht mehr
zeitgemäß sind. Unsere Handelshäuser, die sich überall in der
Welt tummeln, unsere Waren schnell und nachdrücklich auf jedem
Markt unterbringen und für günstigen Import sorgen; die bravourös
die undankbare Aufgabe erledigt haben, die untauglichen Waren des
Ostens hier im Westen zu verscherbeln, so daß der Export unserer
guten Waren und Kredite dorthin nicht an den leidigen
"Kompensationsgeschäften" scheitern mußte - diese Häuser fordern
einmütig mit dem industriellen Kapital die Neuformulierung der
COCOM-Liste. Da steckt zuviel amerikanisches Interesse drin, bis
hin zur Möglichkeit, unliebsame Geschäfte der Konkurrenz einfach
unter Hinweis auf die Weltlage zu unterbinden. Nachdem die Japa-
ner auf die Schnauze gefallen sind, weil sie sich bei verbotenen
Lieferungen haben erwischen lassen, wollen wir dieselben Ge-
schäfte machen, aber nach Wegfall des Verbotes. Immerhin hat sich
unser Handel sehr verdient gemacht bei der Aufweichung des
Ostens:
"Nur am Rande: Auch dem Westen könnte etwas mehr Selbstehrlich-
keit bei diesem Thema nicht schaden. Die heutige Cocom-Liste mag
ja mal ihre Berechtigung gehabt und teilweise heute noch haben.
In ihrer extensiven Auslegung ist sie aber nicht nur überholt,
sondern gerät zunehmend in den Verdacht, weniger eine Vereinba-
rung zum Schutz sicherheitsrelevanter Technologien als vielmehr
ein Mittel der Handelspolitik zu sein. Ein kräftiges Durchlüften
würde Verläßlichkeit schaffen." (AEG-Chef Heinz Dürr, in: Spiegel
45/89)
*
...eine "herausragende Rolle des deutschen Finanz-Markt-Platzes".
Die deutschen Banken haben es verstanden, die Dollarzuflüsse der
70er Jahre in Kredit weltweit zu verwandeln, so daß am Schluß je-
der den Kredit gern gleich in Deutscher Mark aufnimmt. Auf diesen
Lorbeeren haben sie sich nicht ausgeruht, sondern unentwegt an
ihrer "internationalen Präsenz" gearbeitet. Solange der US-Staat
noch Schwierigkeiten machte, kassierte man eben die sehr anstän-
digen Zinsen seiner reichlich erworbenen Wertpapiere, kaufte sich
in US-Banken ein, bei jedem "off-shore" war eine Deutsche Bank
dabei, und passenderweise liegt gleich nebenan ein Staat, der
sich zur Filiale ausbauen ließ. Bei der Vergabe von Krediten an
"Schwellenländer" und "Dritte Welt" waren die deutschen Banken
immer voll dabei, aber auch umsichtig genug, das staatliche Son-
derangebot der "Wertberichtigung auf schlechte Risiken" mitzuneh-
men, so daß sie haufenweise Kredite stehen haben, die sich längst
ausgezahlt haben, als Forderungen weiterexistieren und trotzdem
im Falle des Ausfalls keinen Schaden anrichten. Zumindest keinen
so großen wie in den USA, wo die Banken viel mehr drinhängen.
Nicht zu übersehen ist jedoch, daß die japanischen Banken, aber
auch die europäischen Kollegen nicht geschlafen haben und daß
hier eine echte Herausforderung vorliegt. Dagegen ist verlangt,
daß sich die internationalistische Wucht des Geldkapitals ganz
anschaulich und direkt auf deutschem Boden abspielt. Eine Fessel
soll es keinesfalls sein, doch wäre es dem bundesdeutschen Staat
ein sehr dringliches Bedürfnis, daß die geldkapitalistischen Aus-
flüge in alle Welt eine sichere Heimstatt unter seiner Hoheit
wählen. Warum, weiß er wahrscheinlich selbst nicht so genau, aber
er hält es einfach für "disproportional", wenn seine industriel-
len Konzerne von hier aus Europa und die Welt erobern und wenn
die auf deutschem Boden, mit Hilfe der Deutschen Bundespost und
mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Bundesbank hin und
her gewälzten Kreditmassen dem nicht "entsprechen":
"Frage: Als Industrieland ist die Bundesrepublik Deutschland ein
Riese, als Finanzplatz gilt sie international als Winzling. Wie
ist die Stellung der Bundesrepublik im Wettbewerb der internatio-
nalen Finanzzentren zu werten?
Antwort: Von 'Winzling' kann sicher keine Rede sein. Aber es ist
richtig, daß das Land mit dem drittgrößten Bruttosozialprodukt
der westlichen Industrieländer im Finanzgeschäft nicht denselben
Rang einnimmt. Obwohl die D-Mark nach dem Dollar die mit Abstand
wichtigste Reserve-, Anlage- und Transaktionswährung geworden ist
und z.B. die 'Ankerfunktion' der D-Mark im Europäischen Währungs-
verbund auch in den Nachbarländern überwiegend positiv gewürdigt
wird, spielt der deutsche 'Finanz-Marktplatz' nicht dieselbe her-
ausragende Rolle. So findet z.B. der Handel in deutschen Aktien-
und Rentenwerten zu einem erheblichen Teil in London statt. Ein
zunehmender Teil des mit der D-Mark verbundenen Geschäfts spielt
sich über die Euro-Märkte ab, findet also jenseits der deutschen
Grenze statt. Ich halte das für keine gute Entwicklung. Man kann
diesen Trend allerdings umkehren, und einiges geschieht auch
schon." (Ein Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank)
Sehr weitreichende Vorstellungen hat dieser Herr. Keinesfalls
will er das Geschäft in London und Paris, auf den Euro-Märkten
und sonstwo unterbinden; es soll bloß alles DEUTSCH sein. Es ist
schon ein anspruchsvolles Anliegen, wenn es darum geht, gleich
einen ganzen "Trend umzukehren". Die alteingesessenen Finanz-
plätze haben sich - gerade weil sie in letzter Zeit einiges un-
ternommen haben, ihre Stellung als Finanzmetropolen auszubauen -
darauf gefaßt zu machen, daß die BRD mal wieder "eine Herausfor-
derung annimmt". Europäisches Gravitationszentrum des großen
Geldes hat Frankfurt zu sein. Wahrscheinlich ist auch diesem Pro-
jekt Erfolg beschieden, wenn sogar schon die Frankfurter Grünen
im Stadtrat voll kapiert haben, daß ein "ökologischer Kapitalis-
mus" nur geht, wenn ganz viel sauberes Geld in einem "Campanile"
gewaschen wird und daß man unmöglich der aus aller Welt einflie-
genden Geldprominenz mit völlig veralteten Verkehrsberuhigungs-
projekten auf den Keks gehen kann. Womöglich winkt sogar ein
kleiner Aufschwung für die "Öko-Bank"...
Interessanterweise ist in letzter Zeit wieder häufig von der
Sparquote zu hören. Die soll hierzulande außergewöhnlich hoch
sein. Das spricht einerseits für eine gute Moral der Bevölkerung
im Geldkrieg, weil sie andererseits den hiesigen Banken ein sat-
tes Polster an stinkbilligen Einlagen zuschieben. Andere Nationen
wie zum Beispiel die Engländer und die Amis sind da keineswegs so
vorbildlich und werden ihre nationalen Geldhaie beim Dumping si-
cherlich nicht so sehr unterstützen. Wohlgefällig wird zudem ver-
merkt, daß der US-Staat wohl an die 200 Mrd. Dollar wird aufbrin-
gen müssen, um sein zusammengekrachtes Sparkassenwesen zu retten.
Sorgen machen allerdings mal wieder die Japaner.
*
...eine Stärkung des "militärisch-industriellen Komplexes". Nach-
dem die Sache mit Daimler-Benz und MBB sauber über die Bühne ge-
gangen ist, machen wir uns nun an die Fusion von Mannesmann und
Krauss-Maffei. Auch das Schiffebauen kommt voran, wenn sich nun
die deutschen Werften in einem "Verbund" zusammengeschlossen ha-
ben.
*
...einen unbegrenzten Waffenexport. Der amerikanische Einspruch
gegen das bundesdeutsche Waffengeschäft anläßlich des Techtel-
mechtels mit Libyen ist Schnee von gestern. Der Kanzler hat dem
Präsidenten Bush zwar ein neues "restriktives" Gesetz in die Hand
versprochen, aber bei der Erarbeitung dieses Gesetzes hat sich
herausgestellt, daß es gar nicht geht. Es ist, so der Rechtsex-
perte der CDU, "unsinnig und verfassungswidrig". Genausogut könn-
ten die Amis von uns verlangen, die Wiedervereinigung ad acta zu
legen, die steht nämlich auch im Grundgesetz. Darüber hinaus ver-
letzen sie aber unser allergrundsätzlichstes Grundgesetz, unser
Recht auf Wirtschaftserfolg:
"Vor allem aber befürchten Kritiker des Gesetzes einen
'erheblichen Wettbewerbsnachteil' für die deutsche Wirtschaft.
Sie prophezeien 'die Beendigung der Mitarbeit an europäischen
Forschungs- und Entwicklungsprojekten in weiten Bereichen'."
(Spiegel, 47/89)
Bei solchen Angriffen auf unser Lebensrecht steht es uns zu, mit
Gegenforderungen aufzuwarten, und zwar schon wieder mit einem al-
ten Bekannten:
"Wenn Bonn den Wunsch der Amerikaner nach Selbstbeschränkungen im
Export erfülle, müsse Washington endlich die Cocom-Liste verklei-
nern, die den Verkauf sensibler Produkte in den Ostblock be-
schränkt."
*
..."freie Fahrt für deutsche LKWs". Wenn die Österreicher meinen,
bloß wegen einiger Flausen in Sachen Umweltschutz unsere Brummis
zur Nachtruhe zwingen zu können, dann haben sie sich geschnitten.
Dann werden wir sehen, wer wem mehr Schaden zufügen kann. Wieder
einmal steht unser Lebensrecht auf dem Spiel, denn schließlich
sind wir als Exportnation unter anderem auch eine Transportna-
tion. Und wenn man da im kleinen Zugeständnisse macht, stehen wir
blitzschnell vor dem Ruin. Also können sich die Österreicher ihre
Klage, daß die Vergeltungsmaßnahme des Ministers Zimmermann, die
österreichische LKWs ebenfalls einem Nachtfahrverbot unterwirft,
gleich dreifach internationales Recht verletzt, in die Haare
schmieren.
*
...eine strategisch-methodische Unzufriedenheit mit allem und je-
dem, was der naive Blick für einen bundesdeutschen Erfolg halten
könnte. Wer da nicht aufpaßt, wird selbstzufrieden, gefährdet
seine Vormacht und übersieht, daß die anderen tatsächlich immer
noch mitkonkurrieren. Das hat sich insbesondere die Arbeitskraft,
aber nicht nur die, hinter die Ohren zu schreiben:
"Und was die Flexibilität des Arbeitsmarkts angeht, so liegt die
Bundesrepublik im internationalen Vergleich weit abgeschlagen.
Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich nicht in einem Überschuß der Lei-
stungsbilanz. Der Ressourcenexport, der hinter ihm steht, kann
sehr wohl darauf beruhen, daß die Rentabilität der Sachinvesti-
tionen vor Ort nicht so hoch ist wie anderswo. Auch eine geringe
Attraktivität für ausländische Direktinvestitionen ist kein gutes
Zeichen. So hat die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Bundes-
republik noch große Aufgaben im Hinblick auf 1991. Gewiß gibt es
hierzulande manche Standortfaktoren, die Bestnoten verdienen, so
die monetäre Stabilität und die Qualifikation der Arbeitskräfte,
aber andere Länder holen auf." (Herbert Giersch, Wirtschaftswo-
che, 27.10.)
Völker, höret die Signale - unter Bestnoten in (fast) allen
"Standortfaktoren" lassen wir nicht locker.
Die "japanische Herausforderung" -
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wirtschaftsideologische Mobilmachung, 2. Auflage
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Die BRD versteht sich als Exportnation. Deutsche Unternehmen be-
haupten sich auf dem Weltmarkt und erzielen Jahr für Jahr einen
Exportüberschußrekord nach dem anderen. Kein Verantwortlicher be-
trachtet diese Erfolge als Ruhekissen. Man ist unermüdlich dahin-
terher, errungene Marktpositionen zu sichern und auszubauen, neue
Märkte zu erschließen. - Japan versteht sich auch als Exportna-
tion. Die nicht minder beeindruckenden japanischen Exportraten
sind auch dort niemandem Anlaß zur Rast. Auch dort werden einge-
fahrene Gewinne an der gewinnbringendsten Stelle rund über den
Globus reinvestiert. - Das liegt in der Natur des
K a p i t a l s, nach dessen Gesetzen hier wie dort gewirtschaf-
tet wird - sollte man meinen.
Japan und die Bundesrepublik sind Konkurrenten. Sie treten gegen-
einander an mit den friedlichen Mitteln, die erfolgreiche Natio-
nen vorzuweisen haben: einer brauchbaren Arbeiterklasse, Kapital,
dessen Größe für die nötige Wucht sorgt, dem Geschick seiner Ma-
nager unterstützt und flankiert von der jeweiligen politischen
Macht. So nützen sie einander wechselseitig und geraten aneinan-
der, denn ein ausgeglichenes Nutzenverhältnis wäre ja das trost-
loseste Ergebnis in der ganz besonderen Sphäre, die Weltmarkt
heißt. Krach muß sein. Hiesige Japanexperten machen immer wieder
ganz erstaunliche Absonderlichkeiten auf der anderen Seite der
Welt ausfindig:
- Kapitalismus aus Japan ist eine "G e f a h r", denn "Japan
ist ganz anders". Dort werden z.B. Gewinne "... zielstrebig ein-
gesetzt, um dem Land bei Zukunftstechnologien eine Vormachtstel-
lung zu sichern". Wem das vertraut klingt, der hat den Unter-
schied schon übersehen. "Wir" sind zwar "gezwungen", ungefähr
dasselbe zu tun wie die Japaner, Gewinne zu investieren, Daimler
und MBB zu fusionieren, dem Steuerzahler Milliardensubventionen
für Airbus, die nächste Chipgeneration usw. abzuverlangen - es
geht uns aber nicht um "Vormachtstellung", sondern um
"Unabhängigkeit".
- Japanisches Kapital ist d u r c h t r i e b e n, weil es sich
streng an die Regeln hält, die jedem beliebigen Marketinglehrbuch
zu entnehmen sind: "Japanische Exportkämpfer studieren zunächst
das Terrain, knüpfen Kontakte zu Händlern" und gehen dann zum
"Großangriff" über.
- Japanischer Kapitalexport ist a g g r e s s i v.
"Grenzüberschreitende Investments bedeuten noch lange nicht, daß
ein japanischer Konzern zahmer wird". Statt daß sie, wie "wir"
das zu tun pflegen, "harmonisch" "Einbindung in fremden Märkten"
suchen, bis alles angebunden ist.
- ... u n f a i r. "Die japanischen Wettbewerber ... nutzen ihre
Auslandsstützpunkte, um die örtlichen Politiker für ihre Belange
einzuspannen". Statt wie "wir" die dortigen Politiker höflich
darauf hinzuweisen, daß ein "investitionsfreundliches politisches
Klima" doch wohl in ihrem eigenen Interesse sei, "wir" es also
als unabweislichen Sachzwang verlangen können.
- ... und m a ß l o s. "Die Massenstrategie wird nicht in der
edlen Absicht gefahren, in friedlichen Wettbewerb mit Produzenten
aus anderen Ländern zu treten. Sie dient gleichzeitig dem frag-
würdigen Ziel, die Konkurrenten ein für allemal beiseite zu räu-
men." Das ist "fragwürdig", weil "unser" Ziel nur ist, in einem
"friedlichen Wettbewerb" nicht zweiter Sieger zu werden.
- Japanischer Export sorgt weltweit für O p f e r.
"Arbeitsplätze, Manager und Firmen... Leichen pflastern seinen
Weg". Dagegen pflegen ordentliche Exporteure ihren Lieferscheinen
eine Bestandsgarantie für die alteingesessene Konkurrenz zur ge-
fälligen Kenntnisnahme beizufügen, und Arbeiter entlassen sie so-
wieso nie.
- "Japan tritt in der Weltwirtschaft nicht als Handelspartner,
sondern nur als Verkäufer auf", während "wir" alles dafür tun,
unsere Exportüberschüsse endlich zum Verschwinden zu bringen.
- Auch mit der Arbeiterklasse verhält es sich in Japan ganz an-
ders als in unseren Breiten. Sie verdient gut und hat nichts da-
von. "Die Löhne der japanischen Arbeiter, die auf den Lohn-
streifen beeindruckend hoch sind, werden schnell aufgezehrt von
den unglaublich hohen Lebenshaltungskosten". Und keine Aussicht,
daß eine kämpferische Arbeiterklasse die Weltmachtambitionen der
Nation "an ihrem Widerstand scheitern" läßt. Im Gegenteil: "Die
Weltmarkteroberung wird auch auf Kosten des japanischen Normal-
verbrauchers betrieben", wohingegen eine anständige Nation wie
die unsere ihren Aufschwung nur bewerkstelligt, um ihre Bevölke-
rung mit Wohltaten einzudecken.
- "Japan vollzog seinen Aufstieg nicht als Erfinder". Er verdankt
sich einem "hemmungslosen Ideenklau", ist also u n v e r-
d i e n t, wo es sich doch beim Weltmarkt um einen Ideen-
wettbewerb handelt, der über die Berechtigung von Marktanteilen
entscheidet...
*
In Japan gibt es tatsächlich "Politiker und Unternehmer, die sich
in Großmachtphantasien ergehen, die japanische Wirtschaftssiege
nur zu gern umsetzen möchten in politische und kulturelle Er-
folge". Wer hier an Parallelen denkt, Goethe-Institute in etwa,
und daß "unsere wirtschaftliche Bedeutung nach der Bürde der po-
litischen Verantwortung" schreit, der hat übersehen, daß "wir"
eben u n v e r g l e i c h l i c h sind.
Erbauliches hat das Japanexpertentum schließlich auch noch zu be-
richten. Man soll von denen auch lernen können - wie man ihnen
beikommt, zum Beispiel. Man muß nur dasselbe machen wie sie, bloß
"intelligenter": "mit billiger Massenware" und "unseren kreativen
Fähigkeiten" - "da haben sich die Japaner erstaunlicherweise ge-
schlagen gegeben". So wären sie gut zu haben: geschlagen und
menschlich.
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