Quelle: WESTEN OEKONOMIE KAPITAL - Von G-W-G' und G-G'
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Alle Welt meint, man verdient, was man verdient, wegen seiner
Leistung. Das ist falsch.
Warum verdient wer wieviel?
DER BÖRSENSPEKULANT
"Wer es sich nicht leisten kann, fünfzig Prozent seines einge-
setzten Geldes zu verlieren, hat in diesem Geschäft nichts zu su-
chen." Dieser Börsentip von Profis für die "kleinen Leute" ist
der einzige, auf den man sich verlassen kann. Spekulation ist
nichts für Leute, die außer dem Einkommen aus ihrer Arbeit nichts
haben. Belegschaftsaktien z.B., die Großbetriebe zu Vorzugsprei-
sen an ihre Arbeitnehmer abgeben, sind für ihre stolzen Besitzer
keine Spekulationsobjekte, sondern eine besondere Form des Spa-
rens, die, wenn man Glück hat, ein paar Mark mehr Zinsen bringt
als das Sparbuch.
Die Spekulation an der Börse ist das Geschäft von wirklich Rei-
chen, von Leuten, die es geschafft haben, so viel Reichtum an
sich zu ziehen, daß der Lebensunterhalt, mag er noch so luxuriös
ausfallen, überhaupt kein Problem ist. Die Millionen und Milliar-
den, die Spekulanten in Aktien und Rentenpapieren, Optionsschei-
nen und Devisen, Edelmetallen und Termingeschäften anlegen, sind
Geld, das sie ganz einfach ü b r i g haben. Damit eröffnet sich
ihnen die Freiheit des Zugriffs auf den kapitalistischen Reich-
tum, der in der Welt produziert wird. Über Nacht werden sie um
eine Million reicher, wenn der Kurs ihrer Aktien gerade gestiegen
ist, und sie können es sich leisten, eine erkleckliche Summe zu
verlieren, wenn ihre Aktien sinken, weil die Kollegen aufs Fallen
spekuliert haben.
Das ist dann auch schon die wesentliche Leistung, die ein Speku-
lant erbringen muß: Geld im Überfluß zu besitzen. Daß es bei ihm
auf ein besonderes Wissen ankäme, ist ein verbreitetes Vorurteil.
Seine Kenntnisse beschränken sich auf eine Handvoll technischer
Details, vor allem auf das Errechnen von Gewinnspannen. Ansonsten
besteht sein Geschäft lediglich darin, ständig die "richtigen"
Papiere zu kaufen und die "falschen" zu verkaufen. Wie das geht?
Indem der Spekulant möglichst früh und richtig handelt: Immer
schon vorher wissen, wie die Börse reagieren wird und möglichst
als erster das tun, was dann die anderen tun - das ist das Ideal
eines Börsenspekulanten. Ob er allerdings mit seinem Kauf oder
Verkauf richtig gelegen hat, zeigt sich erst im nachhinein. Der
gleiche "Instinkt", den er gerne für sich in Anspruch nimmt, wenn
sich eine seiner Transaktionen als erfolgreich herausgestellt
hat, hat im Falle eines Mißerfolgs eben "getrogen":
"E i g e n t l i c h hätte der Kurs steigen müssen." Nur dumm,
daß es die anderen nicht gemerkt haben und er deshalb gefallen
ist. Dumm, wenn der Spekulant angekündigte Massenentlassungen bei
Fiat als Schwäche des Konzerns interpretiert und deshalb in Mai-
land nicht einsteigt, während die Mehrzahl seiner Kollegen darin
die Herstellung einer gesünderen Geschäftsbasis sehen und die Ak-
tie steigt. Da sind ihm wieder einmal Gewinne entgangen, und das
schmerzt den Spekulanten. Clever, wenn der Spekulant amerikani-
sche Kriegsdrohungen rechtzeitig zum Anlaß für "Gewinnmitnahmen"
nimmt und wenn die Mehrzahl seiner Kollegen an der Wall Street
das auch so sieht.
Überhaupt hält der Spekulant den erfolgreichen Einsatz von Gewalt
bei Staaten, die was sind, für ein ziemlich sicheres Zeichen, daß
an der Börse was zu holen ist. Da kennt er keine Skrupel, wenn
wegen eines Krieges die Aktien steigen. Besonders clever natür-
lich, wenn er, wie gegenwärtig der Fall, frühzeitig mitbekommt,
daß der mächtige Kriegsaufmarsch der USA am Golf sein Vertrauen
in den Dollar n i c h t fördert und er lieber in die DM oder
den Yen geht. Und siehe da, der Erfolg gibt dem Schlaumeier
recht: Der Dollar fällt.
Börsenspekulanten brauchen also nichts zu wissen, um sich dumm
und dämlich zu verdienen. Sie verfügen über riesige Mengen des
Reichtums, der von anderen erarbeitet wird, und hantieren damit,
um noch mehr davon an Land zu ziehen. Wenn immer mal wieder einer
dieser Windhunde, der über den Verlust von mehreren Nullen dem
Leben keinen Sinn mehr abgewinnen kann, aus dem Fenster springt,
so braucht das die Zunft der Börsianer nicht zu schmerzen. Ir-
gendein Bonze wird aus dem Pech des einen schon sein Glück ge-
macht haben.
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