Quelle: WESTEN OEKONOMIE KAPITAL - Von G-W-G' und G-G'
zurück
Zentralisation des Kapitals
GLÜCKSRITTER, EDLE RITTER UND PILOTFISCHE
Ein regelmäßiger Vorgang ist im Kapitalismus die Enteignung der
Kapitalisten. Allen hoffnungsfrohen Ankündigungen eines Karl Marx
zum Trotz -
"Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanen-
ten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die
Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot.
... Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, wel-
che Vorteile dieses Umwandlungprozesses usurpieren und monopoli-
sieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knecht-
schaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der
stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalisti-
schen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und orga-
nisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der
Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zen-
tralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der
Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit der
kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapi-
talistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden
expropriiert." (Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 790 f.) -
werden die Expropriateure immer noch und ausschließlich von
ihresgleichen expropriiert, und das Ende des Kapitalismus ist
nirgendwo abzusehen; im Gegenteil, die siegreichen Elemente der
Kapitalistenklasse kommen mit wachsendem Elend und Druck prächtig
zurecht. Kein Wunder, wenn dies doch die Ergebnisse und Mittel
ihres Geschäfts sind. Zudem genießen sie die freundliche Unter-
stützung der Enteigneten die für den Verlust ihres Eigentums an
den Produktionsmitteln ja reichlich mit Geldkapital entschädigt
werden - und wem sollten sie das zur Verfügung stellen, wenn
nicht ihresgleichen. So hat der Marx'sche Fehler eine von ihm ab-
geleitete ökonomische G e s e t z m ä ß i g k e i t mit einem
W u n s c h gleichzusetzen - dem Wunsch nämlich, die Wirkungen
dieser Gesetzmäßigkeit würden die Proletarier dazu veranlassen,
sie abzuschaffen -, zwar Legionen von revisionistischen Arbeiter-
freunden als Berufungsinstanz getaugt. Der Kapitalismus hat sich
derweil aber immer nur an den ersten Teil gehalten, munter zen-
tralisiert, eine Krise nach der anderen veranstaltet und sie mit
Hilfe der Zentralisation auch wieder bewältigt.
Ein Gesetz...
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Zusammenschlüsse, Aufkäufe etc. ergeben sich aus der Konkurrenz
der Kapitalisten und dienen zur Durchsetzung in ihr. Die Kapita-
listen bestreiten sich ständig wechselseitig den Gewinn: Einen
Markt in dem naiven Sinne, daß es dort soundsoviel zu verkaufen
gibt und dann ist er "voll", kennen sie nicht; vielmehr ist der
Markt für sie immer der Teil der zahlungskräftigen Nachfrage, den
sie - gegen andere - auf sich ziehen können; zu diesem Zweck wei-
ten sie ihre Produktion aus und senken die "Gestehungskosten"
(Kosten pro Stück), wollen die Konkurrenten also durch mehr und
billigere Ware aus dem Feld schlagen.
Die Wirkung auf den Markt heißt Überfüllung, aus der ein Kapita-
list jedoch nur den Schluß zieht, ihn seinerseits noch mehr zu
überfüllen, so daß die Käufer gar nicht umhin können, sich an ihn
zu wenden; nicht, weil er so wunderschön viel produziert hat,
sondern weil die umfangreiche Produktion besondere Kostengünstig-
keit anzeigt. Diesen Zusammenhang zu negieren, können sich Kapi-
talisten nur im paradiesischen Urzustand des "Wachstumsmarkts"
leisten, der idealiter in Nachkriegszeiten herrscht, wenn die
Zerstörungen eine prima Geschäftsbedingung abgeben; aber auch
nicht lange, weil niedrigere Profitabilität, auch wenn sie über
eine gewisse Zeit infolge eines allgemein hohen Preisniveaus
nicht hervortritt, sich sehr schnell entlarvt, sobald einmal die
Normalität des Abjagens von "Marktanteilen" losgeht.
Es gibt die seltsame Vorstellung, die Kapitalisten dürften doch
dann nicht weiterproduzieren, wenn eh schon "zuviel" vorhanden
ist. Aber erstens: Wer sagt ihnen denn, wann dieser Punkt er-
reicht ist? - und zweitens: Selbst wenn sie es wüßten, sollte sie
dann ein allgemeines Übereinkommen zur B r a c h l e g u n g
ihres Kapitals schließen, sich also selbst und ganz freiwillig
Verluste zufügen: Verluste schon, sagt ein jeder Kapitalist, aber
bei den anderen, und hält sich an die Devise: Der Markt ist das,
was ich daraus mache.
Einen "Nachteil" scheint die Sache freilich zu haben: Ausweitung
der Produktion und Senkung gehen einher mit Verschlechterung des
Verhältnisses Überschuß : Kosten - immer größere Kapitalmassen
schlagen sich in immer geringerem Gewinn pro Stück nieder. Die
Lösung" steht aber schon fest und besteht in einem "Weiter so!":
Wenn die R a t e des Gewinns fällt, so ist dies durch
M a s s e aufzufangen. Noch effizienter überfüllen, also für
sich erobern, läßt sich der Markt gerade aufgrund der sinkenden
Gewinnrate durch immer größere Anwendung von Kapital. Die
K a p i t a l g r ö ß e ist das letzte und schlagendste Argument
der Konkurrenz, weil sie die je höchste Produktivität und Konkur-
renzfähigkeit anzeigt. Der erfolgreiche Kapitalist sucht seinen
Erfolg also dadurch dauerhaft zu machen, daß er immer neues Kapi-
tal hinzuerwirbt - sei es durch Verschmelzung mit dem Konkurren-
ten, sei es durch Aufkauf und Einverleibung. Daß durch eben die-
sen Umgang mit dem Markt immer wieder Krisen ausbrechen müssen,
ist dagegen überhaupt kein Argument; umgekehrt: Die Krise über-
steht der am besten, der das größte Kapital aufzuweisen hat!
...und sein Überwacher
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Der Staat weiß über die Vor- und Nachteile jeder Zentralisation
genau Bescheid. Er befürchtet an ihr eine bedenkliche Wirkung auf
den Gesamtzusammenhang seiner Wirtschaft, insbesondere wenn sie
vom A u s l a n d angezettelt wird. Er fragt sich nämlich im
Namen des "Freien Wettbewerbs", ob nicht die Eliminierung so man-
cher Kapitalisten aus dem Wirtschaftsleben seinem
n a t i o n a l e n I n t e r e s s e an einer vollumfänglich
und flott in allen Abteilungen prosperierenden Wirtschaft wider-
spricht.
"Konkurrenz belebt das Geschäft" ist zwar bestenfalls eine Tauto-
logie, aber an der Umkehrung hält der Staat immerhin das für be-
achtenswert, daß "Monopolisierung" betroffene Geschäftszweige
"austrocknen" und einige kapitalistische Leistungen abwürgen
könnte. Da Zentralisation andererseits gerade ein Beweis für die
Lebendigkeit des Geschäfts und seinen Erfolg ist, also auch und
erst recht genau dem Ziel dienlich ist, welches die Konkurrenzge-
setzgebung - Kartellgesetz/Antitrust-law - verfolgt, wimmeln
diese Gesetze nur so von Ausnahmen, matten Bußgeldandrohungen und
vorsorglich eingebauten verfahrenstechnischen Selbstbeschränkun-
gen. Im Resultat behindert der Staat keine einzige Fusion - al-
lerhöchstens werden sie auf "unsittliche Geschäftspraktiken" hin
abgeklopft -, er will aber über sämtliche Tendenzen auf dem Lau-
fenden sein. Nicht zuletzt deswegen, um sie in Gestalt des Wirt-
schaftsministers zu befördern, was immer dann angesagt ist, wenn
Durchsetzung des eigenen Kapitals auf dem Weltmarkt eben so sich
einstellt.
"Kartellrechtlich kommt es darauf an, ob das aufkaufende Unter-
nehmen auch beim Konkurs des kranken Unternehmens dessen Marktan-
teile, Kunden usw. an sich bringen würde. Dies ist in der Praxis
oft der Fall. In derartigen Fällen entspricht es den gesetzlichen
Vorschriften, den Aufkauf, d.h. die konkursfreie Abwicklung hin-
zunehmen."
Die anderen "Fälle" genießen ebenso wohlwollende Begutachtung -
"Etwa 90 Prozent der eingeleiteten Verfahren bleiben schon im Amt
'hängen', weil die Unterlagen für eine Bestrafung nicht ausrei-
chen" -,
so daß die Monopolkommission schließlich feststellen kann:
"Die von der Monopolkommission festgestellte Entwicklung der Grö-
ßenverhältnisse in- und ausländischer Unternehmen belegt, daß die
deutschen Großunternehmen in den letzten Jahren im Verhältnis zu
ausländischen Konkurrenten deutlich gewachsen sind. Insgesamt ge-
sehen hat sich die Fusionskontrolle - auch bei Zusammenschlüssen
mit Auslandsbezug - nicht als Hemmnis für unternehmerische Expan-
sionsbestrebungen erwiesen."
Bigger yes, but better? (Time)
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"Das Übernahme-Spiel, wie es gegen wärtig durchgezogen wird, hat
wirklich etwas von einem Wettrüsten an sich. " (F. Rohatyn, La-
zard Freres)
Auch wenn man die Klage über das arme Amerika, das sich in aller
Welt verteidigen muß -
"Wenn man auf dem internationalen Markt konkurriert, dann ist -
so glaube ich - Größe ein sehr wichtiger Faktor, da einige der
europäischen und asiatischen Konglomerate sehr, sehr groß sind.
Verschmelzungen, die, wie Sie wissen, vor einigen Jahren niemals
erlaubt worden wären, werden nun erlaubt; der Regierung ist be-
wußt geworden, daß man gegen die ausländischen Goliaths nicht be-
stehen kann, wenn man so ein scharfes Kartellgesetz hat, das nie-
mand erlaubt, durch Zukauf zu wachsen." (F. Shumway, Signal Inc.)
-,
nicht glauben soll, so stimmt doch, daß sich die US-Rechtspre-
chung seit Amtsantritt Präsident Reagans geändert hat - das Kar-
tellgesetz wird praktisch nicht mehr angewendet. Das ist für die
Kapitalisten ein besonderer Grund zur Freude, die die Überwachung
der "Monopolbildung" in den USA schon immer für einen überflüssi-
gen Umstand gehalten haben. Sie kam dem Auftrag gleich, Kapital-
größe vornehmlich im Ausland zu bilden durch Aufkauf und Bildung
von Tochtergesellschaften. Das hat so gut geklappt, daß die
"Reagonomics" neben anderen Förderungsmaßnahmen fürs Kapital
(vgl. MSZ 11/85) nun meinen, die Zentralisation des Kapitals auch
im eigenen Lande vorantreiben zu müssen, eben in der Gewißheit,
daß dies der Weltmarktposition nur zugute kommen kann.
Auf diesen Startschuß haben die amerikanischen Kapitalisten nur
gewartet - und ihre internationalen Kollegen auch gleich ganz
schön in Zugzwang gebracht - und eine satte "Fusionswelle" in
Gang gesetzt.
Bei den Beobachtern will sich hingegen keine ungebrochene Begei-
sterung einstellen. Die immer schon geläufige m o r a l i-
s c h e Kritik - böses, anonymes Großkapital schlägt fleißigen,
kleinen Gewerbsmann tot - kann jetzt nicht so recht florieren, da
ja die oberste Instanz ihren Segen gegeben hat. Dafür wird umso
heftiger die Frage "Kann das gutgehen?" gewälzt - es fallen ihnen
nämlich einige "Entartungen" auf, die ihnen quasi als ungehörige
Zutat vorkommen und die sie schließlich doch wieder zu
Charakterstudien bewegen: ehrlicher Großkapitalist oder vermes-
sener Glücksritter?
An erster Stelle steht die etwas naive Sorge über die giganti-
schen Summen, die da gehandelt werden. Kann es sich denn noch
rentieren, wenn soviel Geld ausgegeben wird; sind da nicht unöko-
nomische Gründe am Wirke ähnlich irrational, wie bei einem
"Wettrüsten", wo angeblich der eine immer nur rüstet, weil der
andere usw.?
"Ehrgeiz und Machtstreben der Industrieführer sind auch nach An-
sicht anderer Beobachter oft auslösender Faktor für Akquisitions-
unterfangen, und das Kräftemessen individueller Persönlichkeiten
scheint oft den Ausgang eines Übernahmekampfes zu entscheiden.
Reich charakterisiert die Akquisitions- und Übernahmeaktivität in
wohl kaum zu überbietender Bissigkeit als 'Paper enterpreneura-
lism', als im grossen und ganzen unproduktives Herumjonglieren
und Umgruppieren von Vermögenswerten, das aus der Unfähigkeit re-
sultierte, sich im verschärften internationalen Wettbewerb zu be-
haupten. Manche Akademiker stimmen zumindest darin überein, daß
das 'asset play' die Aufmerksamkeit des Managements überbeanspru-
che und von der wirklichen Aufgabe, nämlich zu produzieren, ab-
lenke." (Neue Züricher Zeitung, 20.11.)
Die auf ihre Unfähigkeit angesprochenen Kapitalisten haben eine
simple Antwort: Es lohnt sich. Eine hohe durchschnittliche Kapi-
talgröße ist kein Argument fürs Aufhören, sondern im Gegenteil
Ansporn, beim Fusionieren noch eins draufzugeben. Die Erringung
weiterer Kosten- und Produktivitätsvorteile verlangt - die Umwäl-
zung immer größerer Kapitalmassen:
"Der Slogan, wonach kaufen billiger ist als selbst aufbauen,
trifft in besonderem Maße für die Milliardenfusionen in der Erd-
ölindustrie zu. Eines von vielen Beispielen ist die 10,2-Mia.-
Dollar-Übernahme der Getty Oil durch Texaco: Obwohl im Laufe ei-
nes zähen Übernahmekampfes der Aktienpreis von 80 Dollar auf 125
Dollar emporgetrieben wurde, bezahlte Texaco letztlich für Gettys
Erdölreserven nur 4 Dollar pro Faß oder rund viermal weniger, als
die eigene Exploration gekostet hätte. Mit dem gleichen Argument
werden gegenwärtig etablierte Großkonzerne des Konsumgütersektors
mit gut eingeführten Markenartikeln und starken Marktanteilen am
Laufmeter aufgeschnappt; die hohen Alternativkosten für die Lan-
cierung eigener Produkte scheinen dabei die großzügigen Übernah-
meofferten zu rechtfertigen." (NZZ, 17.11.)
Solche Fusionen fallen noch ganz ins Altväterliche: Ein erfolg-
reiches Kapital bemächtigt sich eines Konkurrenten oder erweitert
sich in einen anderen Geschäftszweig. Letzteres wird als
"Diversifikation" gehandelt, ist aber auch nichts anderes als
eine Variation des Arguments "Größe" - schließlich ist es einem
Kapitalisten schnurzpiepegal, wo und womit er seinen Schnitt
macht. In dieser Abteilung sind nur zwei Besonderheiten zu ver-
melden, nämlich in Bezug auf die bevorzugten Sphären der Zentra-
lisation: Rüstung und Konsumgüter/Nahrungsmittelindustrie. Was
die Rüstung angeht, haben die Kapitalisten halt einfach gemerkt,
daß hier von Staats wegen ein dauerhaftes Bombengeschäft zu ma-
chen geht; jeder namhafte Konzern bemüht sich, ein Bein ins
"High-Tech" zu kriegen, sofern er nicht schon längst drin ist.
Die Zentralisation in der Versorgungsabteilung fürs Proletariat
ist ebenfalls eine Reaktion auf staatliche Maßnahmen - der Verar-
mung. Wie auch hier ganz klassische Überlegungen in Anschlag kom-
men - dafür ein Beispiel:
Im Oktober kaufte Philip Morris ('Marlboro') den Nahrungsmittel-
konzem General Foods, Kaufpreis 5,7 Milliarden Dollar. Der erwar-
tete Umsatz des neuen Konzerns beläuft sich auf 13 Milliarden
Dollar. Der amerikanische Zigarettenkonsum war zu dem Zeitpunkt
zum ersten Mal überhaupt zurückgegangen. Die aufgekaufte Firma
war im Vergleich zu ihren Konkurrenten eher mäßig erfolgreich,
nämlich mit einem Umsatzwachstum von 4% im Vergleich zu 10-12%
bei den anderen. Als Strategie wird angegeben: Verkauf einiger
niedrigprofitabler Teile von General Foods, Durchrationalisierung
der verbliebenen Teile.
Der tatsächliche Stachel der Besorgnis sind die lustigen Beglei-
terscheinungen, die die "Vorhersagen" des alten Marx so richtig
schön auf die Spitze treiben:
"Diese Expropriation stellt sich aber innerhalb des kapitalisti-
schen Systems selbst in gegensätzlicher Gestalt dar, als Aneig-
nung des gesellschaftlichen Reichtums durch wenige; und der Kre-
dit gibt diesen wenigen immer mehr den Charakter reiner Glücks-
ritter. Da das Eigentum hier in der Form der Aktie existiert,
wird seine Bewegung und Übertragung reines Börsenspiel, wo die
kleinen Fische von den Haifischen und die Schafe von den Börsen-
wölfen verschlungen werden." (Das Kapital, Bd.3, MEW 25, S. 456)
Von der Politik mit einem Persilschein versehen und unter ge-
schickter Handhabe der Kreditmassen, die sich in den Banken auf-
gehäuft haben, macht sich ein neuentstandener Beruf - der be-
zeichnenderweise gleich drei Bezeichnungen trägt, nämlich Über-
nahmekünstler (take-over artist), Plünderer (raider) und freund-
licher Erpresser ("greenmailer" - in Anlehnung an "blackmailer",
aber mit grünen Dollars) - daran, die Zentralisation richtigge-
hend zur M e t h o d e, z u m Z w e c k j e n s e i t s
d e r g e w ö h n l i c h d a m i t v e r k n ü p f t e n
k a p i t a l i s t i s c h e n V o r h a b e n zu machen. Das
Marx'sche Diktum über die Aktie
"In dem Aktienwesen existiert schon Gegensatz gegen die alte
Form, worin gesellschaftliches Produktionsmittel als individuel-
les Eigentum erscheint; aber die Verwandlung in die Form der Ak-
tie bleibt selbst noch befangen in den kapitalistischen Schran-
ken; statt daher den Gegensatz zwischen dem Charakters des
Reichtums als gesellschaftlicher und als Privatreichtum zu über-
winden, bildet sie ihn nur in neuer Gestalt aus." (a.a.O.) -
gestalten sie schöpferisch aus: Aus dieser Form des vergesell-
schafteten Eigentums (vgl. Kasten: Die Aktie) lassen sich doch
ein paar flotte neue Geschäfte machen...
Techniken unternehmerischer Verantwortung und Risikobereitschaft
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So ein Übernahmekünstler beginnt zumeist mit einer "sneak-at-
tack", d.h. er kauft heimlich einen Schwung Aktien der anvisier-
ten Firma. Die sind - warum, wird sich gleich zeigen - in der Re-
gel "unterbewertet", er kriegt sie also billig. Die "Zielfirma"
steht im Normalfall weder zur Übernahme an, noch ist sie marode -
weswegen sie umso überraschter ist, wenn der Künstler seine At-
tacke startet, die sie darum eine "feindselige Attacke" ("hostile
attack") nennt. Die Attacke besteht darin, den Aktionären über
den Kopf der Firmenleitung hinweg ein Angebot zu machen, sprich:
ihnen einen schönen Kursgewinn auf ihre Aktien zu versprechen,
wenn sie verkaufen. Die Sache kann nun in drei Richtungen ausge-
hen:
- Der Angreifer übersteht eine eventuelle "Pac-Man-Defense" - die
angegriffene Firma dreht den Spieß um und bietet auf seine Aktien
- und erwirbt ein Aktienpaket, das ihm bestimmenden Einfluß si-
chert. Er muß jetzt den Kaufpreis aufbringen. Dafür empfiehlt
sich ein "Leveraged Buyout" (LBO):
"Aufkauf der Publikumsaktionäre durch eine kleine Investoren-
gruppe (in der Regel unter Beteiligung oder auf Initiative von
Konzernleitungsmitgliedem) mit mehrheitlich geborgten Mitteln und
ohne nennenswerten Eigenkapitaleinsatz. Die Aktiven der zu akqui-
rierenden Gesellschaft dienen als Sicherheit für die Kredite und
werden oft teilweise liquidiert, um den Schuldenberg abzutragen."
Diesen Kredit auf den zu erwerbenden Kredit (Aktien) geben Banken
nicht ungern her -
"LBO eröffnen oft die Aussicht auf lukrative Gewinne, sei es
durch die spätere Liquidierung des Unternehmens oder durch eine
Aktienemission nach erfolgreicher Reorganisation des Geschäfts.
... Was die Warnrufe hinsichtlich der hohen Schuldenaufnahme be-
trifft, so zeigen sich weder Banken noch institutionelle Anleger
besorgt. Im Gegenteil, LBO und andere Akquisitionsvorhaben werden
bereitwillig finanziert; für Banken sind diese lukrativen Auslei-
hungen um so willkommener, als sie die Einbußen im Energie- und
Landwirtschaftssektor und in der internationalen Kreditvergabe
wettmachen können." -,
weil sie vom Resultat ja die gleichbleibend gute Meinung haben,
daß ein größerer Konzern allemal besser ist als ein kleinerer,
ein Kredit also gut angelegt ist. Deswegen wimmelt es auch nur so
von Verrätern: Nicht selten schlagen sich Mitglieder der Konzern-
leitung oder die Hausbank auf die Seite des Angreifers.
- Der bedrängten Firma eilt ein edler Ritter ("white knight") zur
Hilfe -
"Eine Gesellschaft, die hilfebringend herbeigaloppiert. Der Rit-
ter rettet die bedrohte Firma, indem er sich bereit erklärt, sie
zu günstigeren Bedingungen zu erwerben, als sie der Verfolger an-
bietet. Die verbesserten Bedingungen können einen höheren Kauf-
preis für das Aktienkapital beinhalten und Zusicherungen für das
Führungspersonal der übernommenen Firma, so daß dieses nicht in
die goldenen Fallschirme gehen muß..." -,
nutzt also die "hostile attack" schamlos aus, so daß alle wieder
lachen können.
- Wenn, drittens, die ganze Attacke einfach bloß so scheitert,
dann freuen sich nicht nur die Aktionäre - wie in den beiden vor-
hergehenden Fällen übrigens auch -, sondern insbesondere auch der
"raider" ist fein heraus: Ein schöner "windfall-profit" bleibt
eigentlich immer zurück, weil während der ganzen Manöver die Ak-
tienkurse rasant steigen.
"Icahn (ein berühmter 'raider') wurde nicht das erste Mal zurück-
geschlagen. Er lancierte einen erfolglosen Angriff auf Phillips
Petroleum vor zwei Monaten und wurde auch in der Vergangenheit
schon einigemal abgewehrt, nämlich von Marshall Field, Dan River
und Saxon Industries. Aber nach jedem dieser Abenteuer verließ
Icahn das Schlachtfeld mit einem hübschen Sümmchen in der Ta-
sche."
Die "hübschen Sümmchen" belaufen sich durchschnittlich auf 50-150
Millionen Dollar...
Der Übernahmekünstler hat natürlich ein paar hieb- und stichfeste
volkswirtschaftliche Argumente auf seiner Seite:
1. Die Aktionäre kriegen ihre "unterbewerteten" Aktien endlich
auf den gerechten Wert gehoben; darum freuen sich diese auch im-
mer sehr, wenn's losgeht.
2. Der "raider" sorgt für frischen Wind im Geschäft; und tatsäch-
lich, auch wenn es gar nicht sein Anliegen zu sein braucht,
treibt er die Zentralisation voran:
"Pickens (Mesa-Oil) empfindet Verachtung für die, wie er sagt,
eingewurzelten Manager des Big Oil. Er betrachtet sie als hochbe-
zahlte Angestellte, die sich mehr um die Sicherheit ihrer Jobs
kümmern als um die Verbesserung der Kurswerte für die Aktio-
näre... 'Es macht mich rasend', sagt er, 'wenn ich sehe, wie sie
ihr eigenes Geld in Staatspapieren anlegen, statt es in die Ge-
sellschaft zu stecken, um deren Wert zu erhöhen'."
Der Pickensche Angriff auf die Saftsäcke von Big Oil hat ohne je-
den Zweifel entscheidend zu der Fusionierungswelle auf dem ameri-
kanischen Ölmarkt beigetragen - und ihn von einem 2,2%-Aktionär
seiner eigenen Gesellschaft zu einem Heros der Börse gemacht.
3. Der Staat schneidet auch nicht schlecht ab:
"Auf einem Dinner bekam Pickens eine Kristallnachbildung des
Stadtsymbols von New Yorks Bürgermeister Ed Koch überreicht,
einen Apfel. Die Ehrung erfolgte in Dankbarkeit für die 50 Mil-
lionen Dollar, die infolge des Übernahmekampfes um Gulf Oil in
Form von gesetzlichen Gebühren und Zahlungen für andere Dienst-
leistungen in den Stadtsäckel flossen."
Wenn Leute wie Icahn und Pickens es zu Methodikern der Zentrali-
sation gebracht haben, so finden sich im "Börsenspiel" gleich
welche, die da noch eins draufgeben: Die "risk arbitragers",
wörtlich: Zinsvergleichsspekulanten:
"Wenn der Übernahmekünstler die Rolle des Hais im Meer der Ge-
sellschaften spielt, so ist der risk arbitrager der Pilotfisch,
der mit dem Hai schwimmt und die Krumen aufnibbelt. Auch wenn es
sich dabei um Millionen-Dollar-Krumen handelt... Wenn die soge-
nannten 'arbs' einen 'raider' umherschleichen sehen, kaufen sie
Aktienpakete der Zielfirma, solange die Kurse noch niedrig ste-
hen. Sie wetten darauf, daß der Handel zustandekommt und sie ihr
Paket dann zu höherem Preis verkaufen können... Ivan Boesky: 'Das
ist nicht so'ne Art spielerische Übung, sondern sehr ernsthaftes
business'... -
Kritiker der arbitragers behaupten, diese würden bloß Geld für
sich selbst machen und nichts Wertvolles für die Wirtschaft bei-
tragen."
Damit kein Mißverständnis aufkommt: Häßlichkeiten und Betrug sind
auch in diesem Geschäft nur erlaubt, solange sie nicht aufkommen.
Auch hier wacht der Staat noch streng über die Einhaltung des
"fair play":
"Texaco zu 10 Milliarden Dollar Schadenersatz verurteilt.
Im Januar 1984 hatte sich die in Texas beheimatete Erdölgesell-
schaft Pennzoil Co. um die Übernahme der durch die Familie glei-
chen Namens kontrollierten Getty Oil Co. bemüht. Pennzoil offe-
rierte 5,3 Mia. Dollar für 43% des Aktienkapitals und damit für
den entscheidenen Einfluß in der Geschäftsleitung. Nach einer dem
Vernehmen nach tumultösen Marathonsitzung stimmten die Verant-
wortlichen der Getty Oil dem Vorschlag zu, ohne ihn allerdings
abschließend zu bewilligen; daraufhin und nachdem man sich gegen-
seitig mit Champagner zugeprostet hatte, veröffentlichte Getty
eine entsprechendes Communique. Die Texaco ihrerseits bot der Fa-
milie Getty in der Folge 125 Dollar je Aktie bzw. rund 10 Mia.
Dollar für das ganze Paket, auf welche Offerte diese denn auch
sofort einstieg. Dies wiederum veranlaßte Pennzoil zur Einrei-
chung einer 14-Mia.-Dollar-Klage gegen Texaco mit der Begründung,
die drittgrößte Erdölgesellschaft der USA hätte Getty zum Wort-
bruch einer bindenden Abmachung veranlaßt. Die Jury in Houston
hat nun mit ihrem Schiedsspruch diese Version unterstützt."
Und die Moral von der Geschicht!
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Der "Gegensatz von gesellschaftlichem Produktionsmittel und indi-
viduellem Eigentum" macht trotz Marx munter voran und sich kaum
als Gegensatz bemerkbar. Gegen die tiefe Einsicht die Großen wür-
den immerzu die Kleinen auffressen, und das wäre am Kapitalismus
bedenklich, ist, logisch gesehen, einzuwenden, daß es andersherum
nicht geht, weil dazu die Kleinen erst einmal wachsen müßten. In
den unsterblichen Worten des jungen P. Alexander:
"Die süßesten Früchte fressen nur
die großen Tiere,
weil diese Tiere groß sind,
und weil die Bäume hoch sind.
Die süßesten Früchte schmecken
dir und mir genauso.
Doch weil wir beide klein sind,
erreichen wir sie nie!"
***
Die Aktie
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Eine Aktiengesellschaft ist selbst schon Ergebnis eines Zentrali-
sationsprozesses. Um die geschäftsfähige Größe eines Kapitals
herzustellen, erhalten noch die niedlichsten Geldsummen die Gele-
genheit, Kapital zu werden. Großbanken, kleine Leute und Unter-
nehmer, die aus ihrer Fabrik nichts mehr machen konnten, halten
Anteilscheine an einer mit ihrem Geld gebildeten Gesellschaft,
deren Betriebsführung aber nur noch formell, in den Mitglieder-
versammlungen, an ihren Willen gebunden ist. Die Hingabe des Ka-
pitals an die Gesellschaft ist einerseits unwiderruflich, da die
Gesellschaft es nicht mehr herausrückt. Andererseits ist die öko-
nomische Aktivität des Verleihers damit nicht beendet: An der
Börse findet ein schwunghafter Handel mit den Anrechtscheinen auf
den Gewinn statt, was wiederum völlig neue Gewinne produziert in
Form der Kursbewegungen. Das Aktienkapital existiert also doppelt
- als das, was im Betrieb steckt, und als f i k t i v e s Kapi-
tal, das einen A n s p r u c h auf Reichtumsvermehrung begrün-
det. Der an die Gesellschaft gegebene Kredit hat eine eigenstän-
dige Existenz, die wiederum Grundlage für vielerlei Sorten Kredit
ist, da ja eine Aktie als Vermögenswert gilt und so bestens für
Kreditaufnahme taugt.
***
Internationale Solidarität der Arbeiterklasse - mit ihrem Kapital
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Den wirklich Betroffenen der "Fusionswelle" fällt auf beiden Sei-
ten des großen Teiches regelmäßig nichts besseres ein, als ihren
"alten" Kapitalisten hochzuhalten. Die Formen des "Protestes",
unter gewerkschaftlicher Anleitung, konnte man hierzulande wäh-
rend der letzten zwei Jahre ausführlich studieren: Sie spitzten
sich sehr eintönig immer wieder auf den Sarg mit der Aufschrift
des alten Firmennamens zu, der anklagend durch die Straßen ge-
schleppt wurde, möglichst vor ein Ministerium, wo dann ein Mini-
ster versprach, sich für den Erhalt des Werkes einzusetzen oder
auch nicht. In den USA ist weniger der Staat die Appellationsin-
stanz, aber um eine höhere Gerechtigkeit soll es auch hier gehen.
Ein T. Boone Pickens attackiert Phillips-Oil, und die amerikani-
schen Arbeiter werden mit typisch amerikanischer Originalität ak-
tiv:
"Die ansässigen Kirchen veranstalteten Gebetswachen rund um die
Uhr, um Pickens zurückzuschlagen. Überall tauchten BOONE BUSTERS
T-Shirts auf (in Anlehnung an die 'Ghostbusters'). Bei einer Ver-
sammlung dachten sich die Leute einen Anti-Pickens Song aus:
'There's gonna be a meeting at the old town hall tonight / And if
they try to stop us, there's gonna be a fight / We're gonna get
our company out of this awful fix / 'Cause we don't want to
change our name to Pickens 66'." (Time, 4,3.)
Mit ihren deutschen Kollegen haben sie eine Form des "Kampfes"
gemeinsam, die aus der "schrecklichen Klemme" herausführen soll,
nämlich dem "eigenen" Kapitalisten den eigenen Lohn als Manö-
vriermasse anzubieten...
Nie fehlen darf natürlich der witzige Vorwurf der Profitgier -
eine äußerst unkritische Art, sich über die Wirkungen der kapita-
listischen Konkurrenz durch eine säuberliche Zerlegung des Kapi-
talisten in einen unauffälligen Funktionär eines wohltätigen Me-
chanismus (vorher! ) und seine raffgierig danebenstehende Men-
schennatur (nachher!) zu beruhigen.
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