Quelle: WESTEN OEKONOMIE KAPITAL - Von G-W-G' und G-G'


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       Spekulation
       

DIE GESCHÄFTE DES MR. NELSON BUNKER HUNT

Nirgendwo wird die Ideologie, der wahre Sinn "unseres Wirtschaf- tens" bestünde in der Versorgung der Menschheit mit "Gebrauchs- gütern", eine Mühe, für die deren Macher billigerweise mit Gewinnen entlohnt werden, anschaulicher widerlegt als an den Warenterminmärkten: Das Geschäft mit dem Warentermingeschäft ---------------------------------------- Wer dort Zucker oder Silber verkauft, muß von der Ware, die er besitzt, nicht das kleinste Bröselchen haben; und wer wie "Lord" Nelson Bunker Hunt, von Beruf "texanischer Ölmillionär", seine Vertragspartner bittet, ihm das bei ihnen gekaufte Silber tatsächlich zu liefern, zeigt außerordentlich "ungewöhnliches Spekulationsverhalten" was Hunt natürlich kalt läßt, schließlich sieht er - ganz Spekulant - "für Silber glänzende Zukunftsaus- sichten:" Aber immerhin, eines ist an diesem Vorwurf verständlich: Jeder hat das Silber, das er verkauft, nur als A n r e c h t darauf. Auf Materiellem zu bestehen, bringt manchen Verkäufer in arge Nöte; d a f ü r war das Ganze ja wohl nicht gedacht. "Leerverkäufe" sind nämlich die Technik des Gewinns auf den Warenterminmärkten, wie uns ein Insider mit glänzenden Augen er- läuterte: Kauft ein Spekulant auf Termin, dann hat er damit - durch die Hinterlegung von "lächerlichen" 40.000 Dollar - das An- recht erworben, zum vereinbarten Termin eine bestimmte Menge Sil- ber zu erhalten, deren Kaufpreis nach dem jetzigen Kurs - z.B. 20 Dollar die Unze - berechnet wird; er würde demnach etwa 10 Mill. Dollar betragen. Da er selbst das Silber gar nicht haben will, verkauft er den Kontrakt, und zwar dann, wenn ihm die Preissitua- tion günstig erscheint. Ist der Silberkurs z.B. bis zum verein- barten Termin um 1 Dollar die Unze gestiegen, kann er bei Wieder- verkauf des Kontraktes einen Gewinn von 1/2 Million Dollar reali- sieren; sinkt der Kurs dagegen um 1 Dollar, so muß er, der sich dies offensichtlich auch leisten kann, nicht nur seine 40.000 Dollar abschreiben, sondern auch - wenn er mit dem Kontrakt auch die Chance auf zukünftigen Gewinn halten will - noch 460.000 Dol- lar "nachschießen". So manches Schicksal, könnte man meinen, wird auf diesen Märkten, den "modernen Tummelplätzen der Leiden- schaft", besiegelt. Wie vergänglich die Bewunderung der Welt ge- rade hier ist, mußte eben jener Bunker Hunt erfahren, der inner- halb kürzester Zeit vom "genialen Glücksritter" des Silbertermin- geschäftes zum "Verlierer einer gigantischen Spekulation" avan- cierte, und das nur, weil er eine Kreditlinie von 1,1 Mrd. Dollar in Anspruch nahm. Unser Ratgeber für spekulative Transaktionen, Nulli Fröhlich, wollte den Gerüchten um den "Fettkloß" aus Dallas nicht glauben und ließ sich in einem offenherzigen Interview von ihm bestätigen: "Alles purer Neid!". MSZ-Interview mit Nelson Bunker Hunt ------------------------------------ MSZ: Mr. Hunt, solange der Silberpreis stieg, war von Ihnen in der Öffentlichkeit wenig zu hören. Erst im Nachhinein erfuhr die Welt, welch "genialen" Coup Sie da abzuziehen gedachten. Was war Ihre "Philosophie"? Hunt: Vielleicht grinsen Sie deswegen so bei dem Wort "Philosophie", Mr. Froulik, weil die Idee weder besonders neu, noch besonders kompliziert ist: Um am Terminmarkt Geld zu machen, brauchen Sie steigende Preise und dafür wieder steigende Nach- frage nach Silber oder nach Silberkontrakten. Bunker, habe ich mir gedacht, dieser Nachfrage kannst du selbst ein bißchen auf die Beine helfen, - "self-made", verstehen Sie! Was tat ich? Die steigenden Preise für ein paar ordentliche Termingeschäfte aus- genützt, mit dem Gewinn Silber angekauft, damit Nachfrage ange- heizt, auf die damit zu erwartenden Preissteigerungen neue Ter- mingeschäfte abgeschlossen; alle machten mit, alle wollten Sil- berkontrakte, die Preise steigen, ich kaufte Silber, neue Termin- geschäfte usw. usw. Einfache Ideen müssen freilich ebenso einfach durchgesetzt werden, wofür es wiederum eines entsprechenden Mit- tels bedarf. MSZ: Sie meinen... Hunt: Ja, meine Milliarden. Für so ein Geschäft braucht man einen langen Atem, man muß langfristig denken bzw. kurzfristige Verlu- ste hinnehmen können. MSZ: Der "Spiegel" behauptet, Sie hätten "dieses Talent vom Vater geerbt". Hunt: Mir war wichtiger, daß er mir 2 Mrd. Dollar und ein paar Ölfelder vererbt hat. Sparsam damit umgehen, ist eine andere Sa- che, das Zeug zusammenhalten, verstehen Sie! Die einzige Leiden- schaft, die ich mir leiste, sind meine 1000 Renngäule, prächtige Dinger übrigens. MSZ: Man hört auch, Sie würden sogar arabischen Ölfürsten ihre geliebten "Big Macs" zum Diner vorsetzen. Aber sagen Sie, Mr. Hunt, warum gingen Sie gerade in Silber? Man vermutet, daß Sie "getrieben von Inflationsfurcht und Kriegsangst" "dem Geld miß- trauen". Hunt: Haha, Furcht ist gut! Mr. Froulik, halten Sie mich für einen armseligen Angsthasen, der seinen Dollars mißtraut, weil er sie wirklich nur verlieren kann? Mr. Froulik, mit keinem Stoff der Erde - auch nicht mit Gold - war in den vergangenen Monaten soviel Geld zu machen wie mit Silber, allright! MSZ: Mr. Hunt, es gibt eine Menge Leute, die meinen, Spekulanten wie Sie würden sich "auf Kosten ordentlicher Leute bereichern". Was halten Sie davon? Hunt: Everlasting loosers, die unbedingt durch Arbeit arm aber sauber, wie sie meinen, bleiben wollen. MSZ: Mr. Hunt, um Genaueres über die Art dieses Geschäfts zu er- fahren, befragten wir den Verwalter unseres Vereinsvermögens. Er gab uns folgende Auskunft: "Spekulative Engagements im Rahmen der Warentermingeschäfte spielen eine volkswirtschaftlich wichtige Rolle. Sie erhöhen das Handelsvolumen, wodurch Monopolbildungen entgegengewirkt und zur Offenheit, Flexibilität und Kontinuität des Geschäfts beigetragen wird. Damit vermindert sich die Gefahr extremer Preisausschläge. Die bei Spekulationsgeschäften mögli- cherweise anfallenden Gewinne sind Prämien für deren besondere weltwirtschaftliche Funktion." (- Bunkers Bruder Herbert Hunt, der bisher seinem "weltläufig wirkenden Bruder das Reden überließ" und sich darauf beschränkte, "freundlich zu grinsen", gluckste belustigt. "Die hinter den dic- ken Fettpölsterchen seines Gesichts verborgenen flinken Augen verrieten aber, daß er hellwach" ("Zeit") geworden war. Ein ein- ziges Mal griff er nun in das Gespräch ein:) Herbert Hunt: "Möglicherweise anfallende Gewinne", "möglicherweise", das ist gut, was Bunker! (- Damit fiel er wieder in seinen Sessel und in seine scheinbare Döserei zurück.) Hunt: Na, na Herbert! Irgendwie hat er schon recht, der Mann. Denn schließlich hat sich das Handelsvolumen ja wirklich erhöht - in meinen Tresoren. MSZ: Aber deswegen gibt es doch nicht mehr Silber auf der Welt: Hunt: Eher weniger (lacht). MSZ: Der Wert des Silbers war also zwischenzeitlich gestiegen... Hunt: Eben! Weil ich ihn hochgetrieben habe. Darin liegt doch der Reiz des Geschäfts, sofern man die dafür nötigen Mittel hat: die Warenterminhändler - ich bin da allerdings eine kleine Ausnahme - hoffen auf Wertsteigerungen, die sie dann rechtzeitig realisieren wollen. MSZ: Nun sind diese Wertsteigerungen doch ihre eigene Tat und er- geben sich doch schon daraus, daß die Spekulation in Gang kommt. Wenn sie die Kontrakte verkaufen, machen sie also diese Wertstei- gerungen unmöglich und haben auch keinen Gewinn mehr. Hunt: Das ist schon richtig. - Wichtig ist aber nur, daß man im- mer die Nase vom dran hat. MSZ: Also liegt das ganze Geheimnis im richtigen Zeitpunkt von Kauf und Verkauf? Hunt: Wenn Sie so wollen... MSZ: Muß man nicht sagen, daß gerade dadurch 'extreme Preisaus- schläge' passieren müssen, insbesondere wenn man bedenkt, daß un- geheure Summen mit geringen Vorschüssen zu kaufen sind, also fast alles über Kredit läuft? Hunt: Deswegen hat Herbert ja gelacht. Sie sollten sich einen neuen Vermögensverwalter zulegen. In der rauhen Wirklichkeit des Börsengeschäfts kann man mit solchen 'volkswirtschaftlichen' Sprüchen keinen jackpot gewinnen. In einem hat Ihr Berater un- freiwillig recht: für die 'Flexibilität und Kontinuität' unseres Geschäfts sorgen wir schon, was Herbert? MSZ: Nun, Mr. Hunt, das öffentliche Urteil über Sie und Ihre Ge- schäfte hat sich ja in letzter Zeit radikal gewandelt. 'Genial' hieß es früher, 'gigantischer Verlust' (Bunker Hunts Bruder Her- bert grinst freundlich) und 'übertriebene Spekulation' heißt es jetzt. Die Silberpreise sind rapide verfallen. Aber Ihnen scheint es nicht allzuviel Sorgen zu machen, Mr. Hunt... Hunt: Meine Freunde nennen mich Nelson... MSZ: Nun, Mr. Nelson, was ist passiert? Hunt: Ganz einfach: Die Preise für Silber stiegen und stiegen. Dann entschlossen sich immer mehr, nicht mehr auf weiter stei- gende Preise zu setzen, sondern ihre Gewinne mitzunehmen, zumal sich andere Anlagemöglichkeiten auf dem US-Kapitalmarkt boten. Sie stiegen aus, verkauften, der Preis fiel. Je mehr der Preis fiel, desto mehr verkauften ihre Kontrakte usw., bis der Londoner "Guardian" 'anderthalb Stunden lang das Ende des Kapitalismus ge- kommen' sah. Für die anderen vielleicht. MSZ: Aber Sie haben doch auch große Verluste gemacht, heißt es? Hunt: Nun, die Kontrakte, die ich zuletzt in Händen hielt, verlo- ren mächtig an Wert. Aber das war ja vorhersehbar. Wichtig ist, was ich während der Spekulation mit den laufend hereinfließenden Gewinnen gemacht habe. Wissen Sie, Mr. Froulik, worauf ich sitze? Auf 17,5 Mill. Unzen Silber! Nur darauf und auf unsere paar Öl- felder erhielten wir auf Drängen von Paul Volcker, meinem Freund von der FED (US-Zentralbank) von verschiedenen Banken eine Kre- ditlinie von 1,1 Mrd. Dollar eingeräumt, um die laufenden Kon- trakte einzuhalten, d.h. um nachzuschießen. MSZ: Von manchen Seiten wurde beträchtlicher Unmut, darüber geäu- ßert, daß Ihnen von den Banken quasi ein 'Auffangnetz' geknüpft wurde. Hunt: Alles purer Neid! Wie mir Paul Volcker am Telex mitteilte, hätte er seine Empfehlung mit 'Rücksicht auf das Allgemeinwohl' gegeben. Ich glaub's ihm. Durch die Kredite wollte er verhindern, daß es 'zu weiteren Erschütterungen der Finanzmärkte und Geldin- stitute' käme. Er wird's schon wissen. Übrigens, wie Sie selbst vorhin sagten, hätten wir Spekulanten eine überaus bedeutsame Funktion für die Weltwirtschaft oder so, so war's doch, oder! MSZ: Wie erklären Sie sich dann, daß all die anderen Spekulanten ausgestiegen sind und so horrende Verluste in Kauf genommen ha- ben. Mußten sie? Hunt: Das sind die kleinen Börsenhechte, die mit ihren paar 100.000 Dollar herumschwänzeln und sich von der Strömung mittra- gen lassen wollen. Eine Zeitlang, als sie dachten, mit Nelson Bunker Hunt im Hintergrund kann nichts schiefgehen, haben sie mitgemacht, die Kontraktpreise gesteigert und schöne Gewinne ein- gestrichen. MSZ: Warum haben sie dann aufgehört? Hunt: Sie merkten, daß die Sache ausschließlich in meiner Hand lag und gleichzeitig das Silber immer knapper wurde. Sie bekamen Angst, weil sie dachten, ich würde nun verkaufen, wo das Silber doch so sehr im Preis gestiegen war. Sie schlossen ganz falsch von ihren gewöhnlichen Spekulantendenken auf mich und schlugen ihre Kontrakte los. Zack! purzelten die Preise, und die letzten wurden von den berühmten Hunden gebissen. Das haben sie nun davon - es gibt eben Leute, die sind von Natur aus nervös und haben Angst vor allem. MSZ: Was man wohl schon daran sieht, daß sie Mißerfolg hatten, oder? Übrigens, Mr. Hunt, dem "Spiegel" gegenüber äußerten Sie, daß Sie keine Lust hätten, Ihr Silber zu verkaufen. Bei diesen gegenwärtigen Preisen sicher nicht, das glaube ich. Worauf grün- den Sie eigentlich die Zuversicht, daß die Silberpreise auch in Zukunft steigen? Hunt: Nun, dafür muß man nicht viel kapiert haben... MSZ: Sie sind ja auch 'zu einem der reichsten Männer der Welt' geworden... Hunt: Nun, wie gesagt, die Sache ist recht einfach. Die Preisent- wicklungen, die wir erleben werden, sind die logische Folge... MSZ: Na na, Mr. Hunt! Hunt: ...des gravierenden Ungleichgewichts zwischen der jährli- chen Produktion und dem Industrieverbrauch... MSZ: ...und Ihrer tätigen Mithilfe... Hunt: ...und außerdem: Solange, ich habe dies bereits dem "Spiegel" gegenüber geäußert, solange die monetäre Basis der Welt nicht stabil ist, wird Silber, wie das Gold, immer ein Reserveme- tall sein. Die weltweite Inflation wird andauern... MSZ: ...und die Tausende, 'getrieben von Inflationsangst und Kriegsfurcht', werden voller 'Mißtrauen in das Geld' ins Silber gehen und dabei eine überaus 'wichtige volkswirtschaftliche Rolle' spielen. Mr. Hunt, noch eine letzte Frage: Fußballspieler, so sagt man, würden ihre Torgefährlichkeit verlieren, sobald sie das Denken anfingen; glauben Sie, daß Ihnen ähnliches passieren kann? Hunt: Nein, ich spiele nur an der Börse! Bild ansehen Rohstoff-Roulett Bild ansehen Gold Silber zurück