Quelle: WESTEN OEKONOMIE KAPITAL - Von G-W-G' und G-G'
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DER KAPITALISMUS HÄTTE SICH VERÄNDERT
Daß sich was verändert hat seit 1864 als der erste Band des Kapi-
tals erschienen ist, will keiner bestreiten. Sie meinen aber daß
der Kapitalismus sich verändert hätte.
Das was Marx damals kritisiert hat, seine Lehre zu diesem System
sind nicht mehr zutreffend - ist der Gedanke. Weil der Kapitalis-
mus stabil, überlebensfähig ist, ist der Beweis, daß er sich ver-
ändern kann. Die Veränderungen sieht man am Soziales, am Sozial-
staat. Marx hätte dazu gesagt, ein Staatswesen, das Sozialkassen
einrichtet, den Leuten per Abzug aus dem Lohnzettel abknüpft, hat
an dem was als nützliche Armut in Kapitalismus gibt, nicht nur
nichts verändert, sondern als Notwendigkeit im Programm bei sich
aufgenommen. Bei dem jetzigen Programm der Übernahme der DDR
würde Marx lauter Bestätigungen für das was er nicht nur be-
hauptet hat, sondern belegt hat. Es ist notwendig, daß nach der
Grundrechnungsart, nach den Rechnungen der Rentabilität, der Kal-
kulation eines kapitalistischen Betriebes, nach den Methoden wie
er seine Kalkulation verbessert durch Steigerung der Produktivi-
tät der Arbeit sowie durch Senkung des Preises der Arbeit, der
Warenpreise auf dem Markt, durch Konkurrenzfähigkeit, allemal Ar-
beitslose rauskommen: Leute, deren Entlohnung sich nicht mehr
rentiert, weil aus ihre Arbeit nichts mehr rausgeholt werden
soll, weil man es aus den anderen, übriggebliebenen Arbeiter die-
selbe Leistung rauszieht.
Hat sich daran was verändert? Kaum war die Währungsunion be-
schlossen, mußte sofort hinterher eine Sozialunion beschließen
und einrichten, weil man weist, daß diese Wirkung bombensicher
ist. Man schafft Sozialfälle aller Art, Arme auch in bürgerlichen
Sinne, Invaliden und Arbeitslosen. Also müssen Sozialkassen ein-
gerichtet werden, beiträge eingesammelt und Kriterien ihrer Ver-
gabe festgelegt werden. Rechnet so jemand der meint am Kapitalis-
mus hätte sich was verändert? Und das Soziale nicht mehr ein not-
wendiger Bestandteil?
Das Zweite was sich verändert haben soll: das demokratische, das
System bürgerlicher Herrschaft. Es wird daran erinnert, daß heute
in einer modernen bürgerlichen Gesellschaft die Trennung zwischen
der politischen Gewalt und der Gegensatz der politischen Gewalt
gegen die Unterworfenen, die auf dem Gesetz hören müssen, daß
diese Trennung von Volk und Staatsgewalt, über ein Verfahren er-
folgt. Daß sie nicht einfach da ist und der Kaiser ankommt und
sagt: hier ist meine schweizer Garde, wer hier nicht die Schnauze
hält, der kriegt eine auf die Mütze. Sondern daß jetzt regelmäßig
ein durchgeführter Trennungsverfahren, namens Wahlen, wo per
Stimmzettel ermächtigt wird und dann ist die Staatsgewalt souve-
rän und macht die Gesetze nach denen sich die Menschheit richten
muß. Ein Verfahren in dem die Trennung erfolgt und nicht von ihr
ausgegangen wird, in dem die Trennung sogar ein Akt der Willen-
säußerung des wählenden Volkes ist, das wird bezeichnet als Ver-
änderung, als was anders als Herrschaft, weil die Trennung ein
bewußter Akt der Ermächtigung beim wählen ist. Weil alles von der
Willkür eines Potentaten abgelöst ist, sondern weil alle Gewalt
die ausgeübt wird sich Regel setzt - jeder Gewaltakt eines Staa-
tes kommt als Ausführung eines Rechts und einer Pflicht daher -
wird so getan als wäre das Recht das absolut Gewaltfreiestes von
der Welt.
Das Dritte: die vergleichweise behauptete Lebensfähigkeit der Ar-
beiterklasse. Der Vergleich geht so: man haben die gehaust damals
in Manchester, und ins Brot haben sie Sägespäne reingemischt und
die Kinder sind verwahrlost. Als könnte man das nicht auch jetzt
sagen. Gibt es nicht heute in unsere moderne Gesellschaft eine
Riesenkampagne über ungesunde Lebensmittel? Über aus Geschäfts-
gründe zubereitete Ware, von der man eine Allergie kriegt oder
anderswie krank wird? Gibt es nicht ein ganzes Wahngebilde von
politische Gesundheit und Ökobewegung und Körnchenfraß deswegen
weil sehr viel von Nahrungsmittel für sich ungesund sein soll?
Sind nicht gerade die ökologische Umweltschäden der Beweis dafür,
daß die Zerstörung der Lebensbedingungen kein Fakt für vergange-
nen Zeiten ist? Damals soll alles sehr rapid von sich gegangen
sein. Und deswegen soll man sich auf die relativen Überlebensfä-
higkeit der Arbeiterklasse berufen und soll sich dabei denken,
daß weil sie lebt mit Polo und Toyota, hätte sich furchtbar was
verändert. Man soll sich denken, daß weil die Leute in die Fabrik
reingehen, Auto fahren, zu den Ämter latschen und sogar ihre
Freizeit verbringen, daß das die Widerlegung der Behauptung von
Marx über die Notwendigkeit nützlicher Armut wäre. Die Methode
ist einfach: man nimmt sich eine Vorstellung vom Manchesterkapi-
talismus vor - dafür gibt es genügend Literatur und Filme -, sagt
sich, das war also Kapitalismus, das hätte Marx behauptet. Aber
heute ist es ganz was anders. Heute gehen sie bloß morgens um 5
in die Frühschicht, sehen wunderbar pumperlgesund aus, keiner hat
ein Magengeschwür, keiner hat Berufskrankheiten. Klar die werden
zwar zu Millionen verbucht bei den Ärzten, aber heute gibt es
nicht mehr, daß Arbeit lebensbedrohend, gesundheitsschädlich und
armutstiftend in einem ist. Es gibt zwar eine industrielle Reser-
vearmee - da hat Marx darüber gesagt, daß die Methoden der abso-
luten und relativen Mehrwertproduktion die Gründe für die Außer-
brotsetzung von Leute, die darauf angewiesen sind so ihr Lebens-
unterhalt zu verdienen und das Urteil mitgeteilt bekommen, daß
sie nicht mehr gebraucht werden - aber wir haben bloß ein Pro-
blem. Es ist alles ganz anders. Soll es wirklich bloß auf der
billigen Vorstellung hinaus, daß damals ein Arbeiter mit seinem
Motorrad zur Arbeit gefahren ist und jetzt glatt mit dem Auto.
dann ist aber die Tatsache, daß der Arbeiter elektrisches Licht
im Klo hat, die allerbeste Marx Wiederlegung.
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