Quelle: WESTEN OEKONOMIE KAPITAL - Von G-W-G' und G-G'
zurück
Diskussionsveranstaltung
Die Börse und ihr Krach:
DER KAPITALISMUS STELLT DIE VERTRAUENSFRAGE
Kann sich unser System so verspekulieren?
1.
Man kann dem Börsenkrach durchaus seine g u t e n S e i t e n
abgewinnen. Immerhin hat die Anglikanische Kirche 500 Millionen
Mark vergeigt, weil sie sich auf ihr Geschwätz vom "Lohn im Him-
mel" nicht verlassen und ihre irdische Agntation lieber aus irdi-
schen Spekulationsgewinnen bestreiten will (der Vatikan hält
sich, wie immer, noch bedeckt). Vergnüglich auch die Kompetenz
der vielen, vielen Fachleute in Redaktionsstuben, Wandelgängen
und Ministerien, die VolksweisheiLen en gros darbieten - die
Bäume, die nicht in den Himmel wachsen, der tiefe Fall nach lan-
gem Aufstieg, die Ernüchterung nach dem Rausch... solch gründli-
che Analyse ehrt den ökonomischen Sachverstand.
2.
Man kann sich auch zusammen mit den Fachleuten auf die Suche nach
"E r k l ä r u n g e n" begeben. Dafür ist die Kunst verlangt,
die Volksweisheiten auf Glanzpapier darzubieten:
"Der Börsenjobber rätseln noch, warum ihnen plötzlich der Himmel
aufs Haupt gestürzt ist, doch nachdenkliche Geister haben längst
die entscheidenden Ursachen für das Kursgemetzel ausgemacht. Die
wichtigste: Sie haben's alle zu toll getrieben, die Broker und
die Banken, die Anleger und die Regierungen." (Spiegel)
Toll trieben es die Spekulanten. Was denn nun? Das "Spekulieren"
halt.
So blöd diese Besprechung auch ist, sie taugt immerhin dazu, ein
K r i t i k v e r b o t einzuleiten - am "M a r k t" nämlich.
Der hatte zu leiden unter der "Ü b e r spekulation" der
Markt t e i l n e h m e r, was Wunder, wenn er daraufhin seinen
"Selbstverstärkungseffekt" anwarf und zum guten Schluß zurück-
schlug und alle eines Besseren belehrte. Die sich aufdrängende
Frage, wie denn die Benutzer des Marktes das Eigenleben dieses
mystischen Gebildes jahrelang vergewaltigen können, dann aber
sich von ihm Mores lehren lassen müssen, erledigt sich einfach:
So ist er halt, der Markt. Wenn er zuschlägt, bleibt kein Auge
trocken: Er setzt Milliardensummen in den Sand, winkt schnell mal
mit einer fetten Wirtschaftskrise - und dabei ist er nach Aus-
kunft der gesamten Expertenwelt und der politischen Machthaber
weder zu lenken noch zu kontrollieren und nicht einmal recht zu
durchschauen. Ein E i n w a n d gegen den Markt ist das aber
alles nie und nimmer. Im Gegenteil: "Der Markt" rechtfertigt so-
gar alle Sachzwänge, die er in Kraft setzt!
Das fertige Kritikverbot besteht also im A b s t a n d n e h-
m e n von einer Erklärung. An dessen Stelle hat die Beteuerung
des "Unfaßbaren" zu stehen:
"Typisch für die Entwicklung der letzten Tage ist das Zusammen-
treffen von rationalen und irrationalen Faktoren." (Süddeutsche
Zeitung)
Wenn erst einmal "rational" und "irrational" ordentlich zusammen-
und durcheinandergemixt sind, dann ist ein "Grund" so gut wie der
andere, alle erlaubt, keiner wahr - kongenial begleitet das freie
theoretische Spekulieren über die Börse das Spekulieren an der
Börse durch Dick und Dünn.
3.
Man kann sich Sorgen machen über die Wirkungen des Börsenkrachs.
Die Stimmen mehren sich, die eine "Weltwirtschaftskrise" aufzie-
hen sehen. Zugleich wird Trost geliefert: Die "wirtschaftliche
Grundlage" sei "gesund", es wird schon "nicht so schlimm kommen".
Seltsam auch das. Die "gesunde wirtschaftliche Grundlage" hat den
Börsenkrach nicht verhindert, aber beeinträchtigt werden kann sie
durch ihn schon, und zwar gründlich. Angesichts der Tatsache, daß
die Börse, ein T u m m e l p l a t z f ü r F a n a t i k e r
d e s K r e d i t s so ziemlich tut, was sie will, soll man
sich die H o f f n u n g zu eigen machen, daß die "Grundlage"
sich widerstandsfähig genug erweisen wird? Da muß man schon der
etwas verträumten Vorstellung anhängen, die berufsmäßigen Speku-
lanten würden einfach ihre "Buchgewinne" wieder durchstreichen,
mitsamt dem Kredit, den sie g e s c h a f f e n und i n
A n s p r u c h g e n o m m e n haben. Und nur zur Erinnerung:
Zur "Grundlagen"-Abteilung gehören doch wohl auch haufenweise
Leute, die ihr Leben mehr schlecht als recht mit Arbeit bestrei-
ten - und vom Börsengeschehen himmelweit entfernt sind - und
denen wird jetzt mitgeteilt, daß für sie vom Ausgang des Börsen-
krachs a l l e s a b h ä n g t. Das ist doch mal eine schöne
Klarstellung, wie bei uns "der Mensch im Mittelpunkt" steht.
4.
Man kann sich natürlich auch einmal fragen, was eine Aktie ist.
Welche Leistung sie für die A k k u m u l a t i o n k a p i-
t a l i s t i s c h e n R e i c h t u m s erbringt. Inwiefern
dieses seltsame Papier, das eine Verdopplung von Kapital
repräsentiert, eine von seiner Herkunft völlig e m a n z i-
p i e r t e Spekulation in Gang setzen m u ß. Worin eigentlich
die Gesetzmäßigkeiten dieser Spekulation bestehen. Warum die
Spekulation mit f i k t i v e m K a p i t a l auf e r w a r-
t e t e E r t r ä g e ein Nährboden für S c h w i n d e l
aller Art ist, ohne daß jedoch ein einziges dieser Geschäfte
"fiktiv" ist. Warum ein Kurs b o o m und ein Kurs s t u r z so
ziemlich dieselben Gründe haben. Und schließlich: Welche Rolle
die P o l i t i k in dieser Wunderwelt des Kredits spielt.
zurück