Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE LANDWIRTSCHAFT - Von der Ideologie des Landlebens
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DER WELT-AGRAR-MARKT
Einige sachdienliche Hinweise zur Lage auf diesem Feld.
Gemeinsamer Protektionismus
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"A g r a r m a r k t o r d n u n g. Die Agrarpolitik der EWG ist
bisher nicht an Marktwirtschaft und Wettbewerb, sondern - wenn
auch in Verbindung mit Strukturverbesserungsmaßnahmen zur Erhö-
hung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Landwirtschaft (s.
Mansholt-Plan) - am Schutz der einheimischen Produzenten orien-
tiert. Hauptinstrument dieses Schutzes sind die sogenannten
M a r k t o r d n u n g e n für einzelne Produkte. Bei diesen
geht es um
- die Festsetzung eines einheitlichen Preisniveaus,
- den Abbau von Handelshemmnissen zwischen den EWG-Ländern und
- die Vorzugsbehandlung der europäischen Landwirte gegenüber den
Produzenten dritter Länder (sog. Gemeinschaftspräferenzen).
Zu diesem Zweck setzen die Organe der Gemeinschaft meist einmal
im Jahr u.a. sogenannte Richtpreise fest, die meist über den
Weltmarktpreisen liegen. Sinkt der Preis eines Produktes unter
diesen Richtpreis und nähert er sich dem (niedrigeren, ebenfalls
festgesetzten) Interventionspreis, sind die entsprechenden Stel-
len der Gemeinschaft zu Stützungskäufen verpflichtet, um den
Marktpreis nicht unter diesen Interventionspreis absinken zu las-
sen.
Bei E i n f u h r e n von Agrarprodukten aus dritten Ländern
werden die Weltmarktpreise auf die meist höher liegenden Binnen-
marktpreise der EWG angehoben, indem der Preisvorteil dieser Pro-
dukte gegenüber den EWG-Erzeugnissen an der Grenze des einfüh-
renden EWG-Landes in Form eines Preiszuschlags "abgeschöpft"
wird.
Diese Abschöpfungen fließen in den Europäischen Ausrichtungs- und
Garantiefonds für die Landwirtschaft (EAGL) für die Finanzierung
- der genannten Interventionskäufe,
- der E x p o r t b e i h i l f e n für den Absatz von Über-
schüssen der EWG auf dem Weltmarkt zur Überbrückung des Unter-
schieds zwischen dem niedrigeren Weltmarktpreis und dem höheren
EWG-Preis sowie
- der Maßnahmen zur Modernisierung und S t r u k t u r a n-
p a s s u n g der europäischen Landwirtschaft (s. Mansholt-
Plan)." (Aus: "Zivilmacht Europa - Supermacht oder Partner",
Frankfurt a. M. 1973)
Mit GATT zum "fairen Handel"
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"Die Bedeutung des GATT liegt vor allem darin, daß es zum ersten
Mal in der Geschichte einen verbindlichen Kodex praktischer Re-
geln für einen fairen internationalen Handel schuf. Seine Prinzi-
pien sind vor allem: - die Nichtdiskriminierung (...Meistbe-
günstigungsklausel)
- die Beschränkung des Schutzes von einheimischen Industrien auf
zollpolitische Maßnahmen (statt der nur ausnahmsweise erlaubten
mengenmäßigen Beschränkungen)
- die Verpflichtung zur ständigen Konsultation. ...
H a n d e l s p o l i t i s c h konzentrierte sich das GATT ins-
besondere seit den Zollsenkungserfolgen auf den Abbau der beste-
henden mengenmäßigen Beschränkungen (Kontingentierungen), auf die
Verhinderung weiterer Kontingentierungen und auf die damit zusam-
menhängende Regelung von Einfuhrbeschränkungen zum Schutz notlei-
dender Wirtschaftszweige (Schutzklauseln). Die Agrarpolitik der
Mitgliedsländer genießt dabei allerdings eine Ausnahmestellung.
..." (ebenda)
"Kampfpreise" beleben die Konkurrenz
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"Die EG hat am Wochenende zum zweitenmal binnen acht Tagen die
Exportsubventionierung ihrer Getreidelieferungen nach Nordafrika
kräftig hochgeschraubt. Nachdem im neuen Aktionsplan von Präsi-
dent Ronald Reagan für die amerikanische Handelspolitik weitere
300 Mill. Dollar Exportsubventionen nach den bereits mobilisier-
ten 2 Mrd. Dollar des Ausgleichsprogramms gegen Exportsubventio-
nen dritter Länder angekündigt worden sind, greift auch die EG
tiefer in die Tasche des Gemeinsamen Agrarfonds.
Sorge um Exportmärkte
Die EG fürchtet vor allem für ihre traditionellen Getreideexport-
märkte Ägypten und Algerien, aber auch Tunesien und Syrien, wo
der große Getreideproduzent Frankreich bisher traditioneller Lie-
ferant war. Die EG-Getreidelieferungen dorthin bewegten sich in
einer Größenordnung von etwa 3 Mill. Tonnen. Die USA haben inzwi-
schen mit Bonifikationen 500000 Tonnen von einem Angebot von 1
Mill. Tonnen an Ägypten losschlagen können und bieten jetzt Alge-
rien Weizen an.
Die EG hatte daraufhin ihre Exporterstattungen für Weizen in
diese Region von 41 auf 5.5 ECU (1 ECU = 2,24 DM) je Tonne er-
höht. Sie hat sie am Wochenende weiter auf 67,90 ECU für diese
Region und auf 78 ECU speziell für Algerien heraufgesetzt. Die
Wahrung der EG-Interessen, so Budget-Kommissar Christophersen,
erscheint aber auch durch die Dollar-Baisse geboten. Um ein Pro-
zent Kursverfall des Dollars zu neutralisieren, müßte die EG etwa
80 Mill. ECU zusätzlich aufwenden, damit sie wettbewerbsfähig
bleibt." (Süddeutsche Zeitung, 30.9.1985)
Bauernsterben made in USA
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"Einer der beiden Söhne, Bill, hatte 1978 einiges Land gekauft,
weil er unbedingt selbst Farmer werden wollte. Aber er hatte die
Depression nicht vorausgesehen: 'Wenn die Anlagewerte fallen,
wenn der Bodenpreis und alles andere plötzlich nur noch die
Hälfte wert sind und noch weniger, dann geht's bergab, dann gibt
es keine Rettung mehr.' ...
'Sie (die Landwirtschaft) steht unter schwerem finanziellen
Druck. Dieser Druck hat auch den Genossenschaftsverbund der
Agrarbanken (Farm Credit System) erfaßt. Der Verbund hat keine
andere Aufgabe, als Farmer und Rancher zu finanzieren. Wenn diese
nun keinen Gewinn mehr erwirtschaften, weil bei niedrigen Produk-
tionspreisen die Ausgaben die Einnahmen übersteigen, können sie
die Darlehen nicht zurückzahlen.' Und weiter erklärt der Bankier:
'Wegen der schlechten Gewinne sind aber auch die als Sicherheit
dienenden Anlagewerte gesunken. In Iowa zum Beispiel hat der Wert
des bebauten Bodens um sechzig Prozent verloren. Wir stehen vor
sehr hohen Darlehensverlusten, und das gilt auch für den Genos-
senschaftsverbund der Agrarbanken. ...
... Vance Clark (Direktor des Farmers Home Administration): 'Wir
können nicht jeden retten. Diejenigen Farmer, die keine Barein-
künfte aufbringen und deren Schulden weit über dem Vermögen lie-
gen, werden es eben nicht schaffen. Wir müssen uns auf einen Aus-
siebungsprozeß einstellen.'
Das englische Wort dafür ist shake out. Was es bedeutet, kann man
hören, wenn sich der monotone Zahlensingsang des Auktionators
über Maschinen und Traktoren ergießt. 400000 Amerikaner sind 1985
aus den Landwirtschaftsgebieten abgewandert. Tausende von Farmern
werden wahrscheinlich auch in diesem Jahr unter den Hammer kom-
men." (ZEIT, 2. Mai 1986)
Rückschlag und Gegenschlag
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"Am internationalen Getreidemarkt haben sich nämlich in den letz-
ten zwei, drei Jahren einschneidende Umwälzungen vollzogen. Wich-
tige Großkunden wie China und Indien haben die eigene Erzeugung
so weit vorangebracht, daß ihr einstiger Importbedarf drastisch
zurückgegangen ist und daß sie auch schon selbst als Getreideex-
porteure auftreten. Indische Getreidesilos sind nach Rekordernten
überfüllt; für die neue Ernte fehlt es an Platz, so daß sich die
Regierung um Käufer im Ausland bemüht. China hat gerade selbst
verkündet, daß es in diesem Jahr erstmals sogar zu einem Netto-
Exportland für Getreide wird, also mehr Getreide ins Ausland lie-
fert als vom Ausland erwirbt. Beide Staaten werden damit zugleich
zu Konkurrenten ihrer bisherigen Großlieferanten (wie Vereinigte
Staaten, Europäische Gemeinschaft, Australien, Kanada, Argenti-
nien) und mindern deren Absatz auf dem Weltmarkt damit zusätz-
lich." (Frankfurter Allgemeine, 3.9.1985)
"'Das aggressivste Exportprogramm seit der Eisenhower-Regierung.'
Thomas Kay vom amerikanischen Landwirtschaftsministerium erklärte
dazu kürzlich: 'Die Gesundung der amerikanischen Landwirtschaft
hängt davon ab, daß die Exportmärkte zurückgewonnen werden. Die
Vereinigten Staaten müssen eine Hälfte ihrer Agrarproduktion ex-
portieren, weil sie nur die andere Hälfte selbst verbrauchen kön-
nen.'
...die Exporte sind in den vergangenen fünf Jahren sowieso schon
um dreißig Prozent zurückgegangen. In zehn Jahren ist der ameri-
kanische Anteil am internationalen Weizenhandel von 41 auf 33
Prozent gesunken. Das lag nicht nur am hohen Dollarkurs und am
Embargo, das der ehemalige Präsident Jimmy Carter gegenüber der
Sowjetunion anordnete, sondern auch an den sehr produktiven neuen
Anbietern auf dem Weltmarkt.
Bis Ende dieses Jahres wollen die Vereinigten Staaten nach den
Plänen des Landwirtschaftsministeriums auf den Weltmärkten wieder
voll ins Geschäft kommen. Mehrere Wege werden dafür gewählt:
- Erhöhung der Nahrungsmittellieterungen im Rahmen internationa-
ler Hilfsprogramme um jährlich 550000 Tonnen,
- Subventionen für Getreideexporte in Höhe von 315 Millionen Dol-
lar jährlich,
- Bereitstellung von zwei Milliarden Dollar über die nächsten
drei Jahre, um ausländischen Kunden den Kauf amerikanischer
Agrarprodukte zu erleichtern.
Dieses Bonus Incentive Commodity Export Program (mit der sinnfäl-
ligen Abkürzung BICEP) wird von der Europäischen Gemeinschaft
kritisch beäugt, den sonst wirft Washington der EG gerne Agrar-
protektionismus vor. Wenn jetzt auch noch Retourkutschen auf den
Eintritt Spaniens und Portugals in das EG-Handelsregime angedroht
werden, ist für Zündstoff zum transatlantischen Agrarkonflikt
reichlich gesorgt. Auf den iberischen Märkten, so glauben die
Amerikaner, werden sie bei den Agrarpdodukten Exportverluste von
einer halben Milliarde Dollar verbuchen." (ZEIT, 2. Mai 1986)
"25 Jahre später, 1970, hatten wir die Selbstversorgung in Milch
und Butter erreicht, noch einmal sieben Jahre später in Getreide
und Fleisch. Heute, 1985, ist die Bundesrepublik - die Ausfuhr in
die EG mitgerechnet - der viertgrößte Agrarexporteur der Welt."
(Gräfin Dönhoff in "ZEIT", 24. Januar 1986)
Der Segen der Mißwirtschaft
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"Exportieren? Die europäische Gemeinschaft verkauft heute mehr
und mehr ihre landwirtschaftlichen Produkte zu einem Bruchteil
der inländischen Erzeugerkosten auf dem Weltmarkt. Der Butterex-
port wurde in zehn Jahren verdreifacht und an Käse, Wein und
Fleisch wird die doppelte Menge über die Grenzen der EG geschafft
und dann zu einem Drittel oder gar Viertel des Inlandspreises
verkauft. Selbst bei diesen Niedrigstpreisen müssen oft noch Käu-
fer gesucht werden. Für Europa, USA und Kanada sind heute Mißern-
ten ein Segen, denn sie entlasten den Markt. Wehe aber uns, wenn
plötzlich die kommunistische Mißwirtschaft ihr Ende hätte und so
viel Korn auf der fruchtbaren Schwarzerde Rußlands wachsen würde
wie auf den Feldern der westlichen Welt. Mit ihren subventionier-
ten Überschüssen beherrschen die reichen Industriestaaten den
Agrarweltmarkt und machen hierdurch den armen Agrarstaaten eine
unlautere Konkurrenz." (ZEIT, 1. November 1985)
1984/85 gingen fast zwei Drittel aller westlichen Weizen- und
-mehl-Exporte in die Entwicklungsländer, über ein Viertel wurde
in die UdSSR exportiert. Übriges Getreide ohne Reis wurde in etwa
zu denselben Teilen in diese Länder, UdSSR und Entwicklungslän-
der, exportiert (nach Agrarbericht der Bundesregierung 1986).
"Es hat auf der Welt noch nie eine Landwirtschaft in freier
Marktwirtschaft gegeben. Der Störfaktor, den wir überhaupt noch
nicht erwähnt haben, ist der zur Zeit freie Welthandel, in dem
sich die Agrarexporte nicht nach der Nachfrage richten, sondern
wo sie in der Dritten Welt von den Zinsforderungen des interna-
tionalen Kapitals erzwungen oder durch gehortete Überschüsse sub-
ventioniert werden. Deren Preise liegen dann immer unter den Ge-
stehungskosten." (Gerhard Preuschen, Dr. agr. habil., wissen-
schaftlicher Betreuer der Stiftung ökologischer Landbau)
Politische Preise
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bestimmen den Agrarweltmarkt. Im internationalen Handel mit agra-
rischen Erzeugnissen blüht der Protektionismus in nicht mit ande-
ren Waren vergleichbarem Umfang. Zölle und Kontingentierungen,
Exporterleichterungen und Importbeschränkungen, festgelegt für
die verschiedensten Früchte der Landwirtschaft, gehören beim
Agrarhandel dazu. Staatlich garantierte Preise für nationale
Agrarprodukte haben mit einem ökonomischen Konkurrenzvergleich
auf dem Weltmarkt nichts zu tun, sie befreien die Bauern vom Pro-
duktivitätsvergleich ihrer Waren, wie er sonst über die Preise
und ihren Wechsel durch Angebot und Nachfrage geschieht. Aber
auch der Weltmarktpreis für Getreide oder Fleisch oder Butter,
von dem es immer heißt, daß er niedriger sei als die im Inland
garantierten Preise'. (so als wäre er marktgesetzlich zustandege-
kommen), ist kein Datum, das aus dem billigen überreichen Angebot
im Verhältnis zu einer zahlungsmäßig begrenzten Nachfrage her-
rührte. Die konkurrierenden Staaten sind das politische Subjekt
des agrarischen Weltmarktpreises. Für diese Konkurrenz spielen
dann freilich ökonomische Gegebenheiten und Unterschiede zwischen
den Landwirtschaften der Nationen eine Rolle.
Zu welcher Produktivität die in allen Ländern übliche Subventio-
nierung der Bauern diese befördert hat; welches Gewicht der
Agrarsektor in der nationalen Volkswirtschaft besitzt und was die
gesamte Wirtschaft international darstellt - das ist von Bedeu-
tung dafür; was sich Staaten ihre Landwirtschaft kosten lassen
oder kosten lassen können. Daß die staatlichen Unkosten der Un-
terstützung der Landwirtschaft einmal ganz wegfallen, ist ein
ziemlich unkapitalistisches Ideal. Vorher entscheidet sich, ob
sie sich relativ gelohnt haben: ob man es sich leisten kann, mit
Dumpingpreisen zu konkurrieren und in Nordafrika den Zuschlag für
Weizenexport zu bekommen; ob man es schafft, die eingerichteten
Abhängigkeiten von Entwicklungsländern gegen Dritte dafür zu nut-
zen, mit gesicherten Exportmengenabkommen die Überschüsse und
"teuren" Getreidehügel und Milchseen in Grenzen zu halten; ob es
für einen Staat ökonomisch gar nicht sinnlos ist, die gehorteten
agrarischen Überschüsse weiter dadurch abzubauen, daß in der Form
der "Nahrungsmittelhilfe" billige Entwicklungshilfe gegeben wird.
Wer exportiert Getreide oder Butter in die UdSSR - zu welchem
Preis auch immer? Schließlich ist nicht unerheblich auf diesem
Feld, welcher Staat es sich leisten kann und will, daß seine auf
den Weltmarkt gesetzten Preise wieder zig-tausend Bauern ihr äl-
testes Gewerbe aufgeben lassen. Es findet eine Konkurrenz statt
um die Minderung von Subventionen, ohne die es in die Abteilung
des nationalen Geschäftslebens nicht geht. Dabei kommt es sehr
darauf an, ob ein Staat seine Landwirtschaft vor dem Weltmarkt
schützt oder sie zu einem Exportschlager hochsubventioniert. Das
Bauernsterben in der EG und in den USA fällt unter diese Rubrik
des Agrarweltmarkts.
Geändert hat sich an der ökonomischen Grundlage dieses politi-
schen Weltagrarmarktzirkus' auch noch etwas. D e r Spitzenex-
porteur agrarischer Produkte auf dem Weltmarkt über Jahrzehnte -
natürlich immer schon staatlich subventioniert -, die USA, hat
zur Kenntnis nehmen müssen, daß selbst so bodenarme Länder wie
die europäischen bei ihrer "Erhaltung des Bauernstandes" ein paar
kapitalistische Gesichtspunkte des Landes der unbegrenzten Mög-
lichkeiten beherzigt haben. Die EG ist gerade dabei, die USA als
ersten Agrarexporteur der Welt zu überholen. In der Milch- und
Fleischproduktion überflügelt sie mit höherer Produktivität die
Konkurrenz der Vereinigten Staaten und verzeichnet Exporterfolge
nach Nordamerika. Als Getreideproduzent hat die EG hinter den USA
den zweiten Platz in der westlichen Welt erreicht, vor Australien
und Kanada. Im Weltweizenexport steht die EG neben Australien und
Kanada an zweiter Stelle hinter dem Spitzenexporteur USA, dessen
Gesamtgetreideausfuhren aber in den letzten 5 Jahren um 30 Pro-
zent zurückgingen. Neue Anbieter von Getreide kommen auf den
Weltmarkt. Während Argentinien und Brasilien steigende Mengen
produzieren, gehen bisherige Getreideimport-Länder wie China und
Indien jetzt mit Überschüssen auf den Markt. Dies und die konti-
nuierlich steigende Produktivität in den traditionellen Getreide-
Ländern steigern die zu verkaufenden Überschüsse, so daß eine
Konkurrenz um den Abbau der Lagervorräte stattfindet, mit Prei-
sen, die im Verhältnis zu Lagerkosten und Wertverfall der Waren
bestimmt werden. Die UdSSR und die Entwicklungsländer sind dafür
ein Glücksfall, die einen, wenn sie mal wieder eine ordentliche
Mißernte geschafft haben, die anderen, je weniger sie in der Lage
sind, die einheimische Nahrungsmittelproduktion zu steigern, bzw.
willens, das Zeug nicht im Ausland zu verscherbeln. In Afrika
steigen die Hungerquoten:
"Es sei 'das beste Hilfspaket des Jahrhunderts' (meint ein UN-Ex-
perte aus Ghana), wenn die Entwicklungsländer durch zeitlich auf
drei bis fünf Jahre befristete Nahrungsmittelhilfe zu Reformen
gezwungen würden.
Die entwicklungspolitische Realität sieht dagegen anders aus, ob-
wohl auch Bonn in offiziellen Erklärungen meist von einer
'Übergangslösung' spricht. Denn längst hat sich diese Form der
Überschußverwertung einen festen Platz im Instrumentenkasten der
Europäischen Gemeinschaft (EG) erobert. Nach den USA avancierte
die EG zum zweitgrößten Billiglieferanten: Allein im letzten Jahr
wurden rund 1,1 Millionen Tonnen Getreide und 157400 Tonnen
Milchpulver, Zucker, Butter- und Pflanzenöle in die Entwicklungs-
länder verschifft. Fast jede dritte für Entwicklungspolitik re-
servierte EG-Mark wird inzwischen für die Nahrungsmittelhilfe
ausgegeben.
Hinzu kommen noch die bilateralen Leistungen einzelner Mitglieds-
länder wie der Bundesrepublik, die 1985 auf eigene Rechnung noch
einmal gut 190000 Tonnen Überschußgetreide in die Dritte Welt
schleuste." (Frankfurter Rundschau, 14. Mai 1986)
Gemeinsames Gleichgewicht
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Auf dem Agrarweltmarkt bringt die Politik "Angebot und Nachfrage
ins Gleichgewicht". Das haben die Sieben auf ihrem Wirtschafts-
gipfel in Tokio erst kürzlich wieder voll bestätigt, indem sie
sich gemeinsam Sorgen machten:
"Mit Besorgnis stellen wir fest, daß heute bei einigen wichtigen
Agrarerzeugnissen eine globale strukturelle Überschußsituation
herrscht, die teils auf technische Verbesserungen und teils auf
eine langjährige Politik der innerstaatlichen Subventionierung
und des Schutzes der Landwirtschaft in allen unseren Ländern zu-
rückgeht. Das schadet der Wirtschaft gewisser Entwicklungsländer
und dürfte die Gefahr ausgedehnteren protektionistischen Drucks
verschärfen. Vor diesem Problem stehen wir alle, und es läßt sich
nur durch gegenseitige Zusammenarbeit bewältigen. Wir alle kennen
die Bedeutung der Landwirtschaft für das Wohlergehen ländlicher
Gemeinschaften, sind uns aber einig, daß bei Vorliegen von Über-
schüssen Handlungsbedarf besteht, damit im Lichte der Weltnach-
frage die Politik umgeschichtet und die Struktur der Agrarerzeu-
gung angepaßt wird." (Wirtschaftserklärung von Tokio)
In diesem Sinne sind schon erste Handlungserfolge zu verzeichnen:
"Sowohl die USA wie auch die EG haben am Freitag noch einmal ihre
Verhandlungsbereitschaft hervorgehoben ... Die USA rechnen sich
aber Handelsverluste zwischen 700 Mill. und 2 Mrd. Dollar bei ih-
ren Agrarausfuhren nach Spanien und Portugal aus, da die beiden
neuen EG-Mitgliedsstaaten seit dem 1. März in die gemeinsame EG-
Agrarpolitik mit ihren besonderen Schutzvorkehrungen eingeglie-
dert wurden.
Die USA beschränken infolgedessen vom 19. Mai an die Einfuhrmen-
gen - ohne zusätzliche Abgaben zu erheben - von Wein und Bier,
Fruchtsäften und Süßigkeiten aus der EG. Präsident Reagans Spre-
cher Larry Speakes beurteilte die Maßnahmen als 'fair und ausge-
wogen'...
Antwort aus Brüssel... Wenn die USA zu Handelsbeschränkungen
greifen, müsse die EG jetzt mit 'symmetrischen und parallelen'
Gegenmaßnahmen antworten. ... Äußerungen Noirs (französischer Au-
ßenhandelsminister) zufolge würden sie (die Antwort der Europäer)
den Export der USA von Sonnenblumenöl, Honig, Äpfeln, Bier, Back-
pflaumen und Fruchtsaft betreffen." (Süddeutsche Zeitung,
Pfingsten 1986)
Anders war ja auch der "Handlungsbedarf" nicht gemeint. Solche
"Handelskriege" sind im politischen Preis des Agrarweltmarkts
notwendig mit einbegriffen.
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Nichts dazugelernt
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aus dem Krieg:
"'48 aus russischer Gefangenschaft heimgekommen... da war ich ka-
putt... Ich hab das bißchen Milch, was meine Mutter in einer al-
ten Heringsbüchse den Katzen hingestellt hat, ausgesoffen. Und
heut' ist zuviel davon da. Damals waren die Bauern gut genug, da-
mit die anderen was zu fressen hatten. Mit dem Handwagen sind 'se
aus der Stadt gekommen und haben geramscht... gebettelt... Das
ist alles längst vergessen. Heut' sind wir bloß noch die dummen
Bauern." (Ein Milchbauer aus dem Odenwald)
Das war damals wohl gerechter als heut', wo der Staat auch nicht
zu seinen Bauern hält?
"Während die deutschen Bauern ihre Erzeugnisse einschränken müs-
sen, erhalten die irischen noch Erzeugerprämien aus dem Brüsseler
Topf. Und das soll gerecht sein?" (derselbe)
"Die werden sich in Bonn noch wundern. Wir Bauern, wir machen
zwar nur noch fünf bis sechs Prozent von dem 'Stimmvieh' aus.
Aber die entscheiden '87 die Wahl."
Da wird sich die SPD aber freuen, wie gut das Stimmvieh auszu-
rechnen ist und wie treu der Bauer seinen Grundsätzen bliebt:
staatstreu und total ergeben in sein Scheiß-Los.
"'Das Vieh kommt immer zuerst.' Es ist die erste Mahlzeit (9
Uhr), die die beiden zu sich nehmen. Man ißt Schwarzbrot mit But-
ter und selbstangemachtem Quark oder Zwetschgenmarmelade und Ap-
felgelee aus eigener, der Hausfrau Herstellung. 'Die morgens
schon Wurst, Käse oder Schinken aufs Brot tun, die sind bald
bankrott', sagt der Bauer, und seine Frau setzt hinzu: 'oder
kriegen die Gicht in die Glieder'."
Der Milchbauer, kurz vor dem Übergang zur Margarine! Gottseidank
hat diese bäuerliche Dummheit auch mal ihr Ende:
"Der kleine Sven bleibt bei der Großmutter, die jetzt noch das
Melkgeschirr zu spülen hat und das Mittagessen zubereiten muß.
'Wir machen halt jeden Tag so weiter. Es muß einfach weitergehen,
auch wenn es noch viel zu klagen gibt. Erst wenn wir im Kasten
liegen und uns kein Zahn mehr wehtut" (der gesunde bäuerliche Ma-
terialismus!), "haben wir unsere Ruhe'. Die größte Gerechtigkeit
sei, daß alle hinmüssen," (auch die Iren z.B.!) "und, fügt sie
schmunzelnd hinzu, 'das letzte Hemd hat keine Taschen!'" (Alle
Zitate aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 14. März 1986)
Die letzte war die Mutter von dem Bauern und die Großmutter von
dem Sohn des Bauern. So wird von Generation zu Generation weiter-
gegeben, daß man nichts dazugelernt hat.
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