Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE LANDWIRTSCHAFT - Von der Ideologie des Landlebens
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Ökonomie und Ideologie des Landlebens
DIE BAUERN
Da die Bauern heuer extra sehr ins Gerede gekommen sind, und
diese öffentliche Laberei über diese mit Steuergeldern, Wahlge-
schenken und Strahlengutschriften "verhätschelte Lobby" an Sau-
dummheit nicht zu überbieten ist; da sich andererseits an der
Lage der Bauern im Kapitalismus und am staatlichen Umgang mit
diesem Stand grundsätzlich nichts geändert hat, drucken wir den
Artikel "Die Bauern" - mit einigen Aktualisierungen und Zusätzen
- der MSZ Mai 1978 ab.
Wenn über die "Grüne Front" geredet wird, kommt nichts Gutes über
sie heraus. Der Vorwurf des Verbrauchers gegen diese
"Randgruppen" der Volkswirtschaft, die Preise ihrer Produkte -
zumal wenn Eier, Rindfleisch und Milch gleichermaßen nach Fisch
schmecken - seien ständig zu hoch, ist noch relativ harmlos.
Frontaler der Angriff, der mit Regelmäßigkeit dann auftaucht,
wenn die Partner der EG ihre festen Agrarpreise aushandeln, daß
das
"'grüne Europa' zu einem ungeheuerlich kostspieligen Interventi-
onssumpf entartet, der über kurz oder lang die Steuerzahler über-
fordern muß." (Süddeutsche Zeitung)
Was da geschieht, sei wider jede "ökonomische Logik" (Süddeutsche
Zeitung). Nicht nur, daß Deutschland die heimische Landwirtschaft
mit Steuergeldern durchfüttert, selbst die "Krisenstrategie für
Sommerbirnen" in Italien und "die Preisregelung für Puffbohnen"
irgendso eines Pufferstaates zahlt die BRD - eine Ungeheuerlich-
keit in einer Welt des freien Unternehmerrisikos und angesichts
der Tatsache, daß "wir" doch in der EG sind, um selbst etwas da-
von zu haben. Das letztere stimmt. Aber die Bundesregierung
stellt praktisch klar, daß sie nicht wegen, sondern t r o t z
der Landwirtschaft ein Bündnis eingegangen ist. Ein Bündnis, in
dem bezüglich der Bauern (der Agrarmarkt gilt als "Motor der EG")
trotz aller Streitigkeiten auf diesem Gebiet Einigkeit darüber
besteht, daß die Landwirtschaft "subventioniert, gesteuert, ge-
preisregelt...", also als ökonomischer S o n d e r f a l l be-
handelt werden muß.
Die Natur des Bauern
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"Die Landwirtschaft ist die erste aller Künste; ohne sie gäbe es
keine Kaufleute, Dichter und Philosophen; nur das ist wahrer
Reichtum, was die Erde hervorbringt." (Friedrich der Große)
Die Erfinder der ersten aller Künste haben es gut: Auf europäisch
wird ihnen ein "Orientierungs- oder Richtpreis" zugedacht, den
für den Fall, daß die agrarischen Produkte ihn nicht erreichen,
der "Interventionspreis", eine Art garantierter Mindestpreis, den
die Gemeinschaft zahlt, absichert. Gegen Drittländer außerhalb
der EG sorgt der "Schwellenpreis" dafür, daß die Landwirte auf
ihre Kosten kommen. Ja, es gibt sogar für die europäischen Bauern
eine "grüne Währung".
In Deutschland leben die Bauern - wie gerade erst aufgedeckt - in
einer "Steueroase". Dafür, daß der Staat sie mit seinem
G r ü n e n P l a n subventioniert, zahlen sie lächerlich ge-
ringe Steuern für irgendwann einmal taxierten Boden, dem man es
nicht ansieht, was inzwischen aus ihm gemacht wurde, wenn weiter-
hin darauf verzichtet wird, das Einkommen in Büchern festzuhal-
ten, die ein gestandener Bauer eh nicht führen kann und auch gar
nicht will. Vor allem hat der deutsche Bauer seinen eigenen Grund
und Boden, auf dem er geht und steht, wie er will, keine Last mit
widerspenstigen Lohnarbeitern, weil er die in eigener Person oder
in Gestalt der Ehefrau und ihrer Kinder selbst verkörpert, und
fährt obendrein einen Diesel, mit dem für den landwirtschaftli-
chen Gebrauch subventionierten Sprit. Nicht zuletzt genießt er
b e i seiner Arbeit Landschaft in Hülle und Fülle und die
sprichwörtlich frische Landluft - vom Duft trockenen Heus (schon
ab dem zweiten Lebensjahr darf sich auf dem Lande niemand einen
Heuschnupfen leisten) bis zum prickelnd beißenden Geruch von
Schweinemist, dessen Ammoniakgehalt jeden Ansatz von Erkältung
gründlich wegätzt...
Das Reich der bäuerlichen Freiheit kann so frei und ergiebig
nicht sein, wenn es derart vieler Hilfeleistungen bedarf, wenn
Ziel der gemeinsamen Agrarpolitik für den freien Bauern ist,
"der landwirtschaftlichen Bevölkerung, insbesondere durch Erhö-
hung des Pro-Kopf-Einkommens der in der Landwirtschaft tätigen
Personen, eine angemessene Lebenshaltung zu gewährleisten."
(Römische Verträge der EWG)
Was heißt denn hier "angemessene Lebenshaltung"?
Die eigene Scholle
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Der freie Bauer hängt so an seinem Grund und Boden, wie der
Dreck, den er beackert, an seinen Stiefeln. Mag die Erde, die ihm
gehört, auch noch so unfruchtbar sein und der Fleck Eigentum, der
ihn und seine Familie ernähren soll, auch noch so klein - jeder
Bauer ist stolz darauf, frei und selbständig über sein Land ver-
fügen zu können. So läßt er nicht nur in der Dichtung nach Feier-
abend (im Sommer gegen 20 Uhr) kaputt, aber zufrieden seinen
Blick über seine Felder und Wiesen gleiten ("Der Roggen steht
heuer besonders gut"), kämpft auch einmal bis zum eigenen wirt-
schaftlichen Ruin um eine Handbreit Erde, die der gierige Nachbar
zu sich rübergepflügt hat, und legt Wert darauf, am Ende nir-
gendwo anders als auf seinem eigenen Grund und Boden ins Gras zu
beißen.
"Seitdem seine Frau tot war, war er nicht mehr von seinem Grund
und Boden heruntergekommen. ... Er sagte dann immer bloß: 'Nee,
nee, dazu bin ich nu doch zu alt.' In Wahrheit hatte er Angst,
daß er nicht auf seinem eigenen Land sterben könne, und das
wollte er." (Hermann Löns)
Gründet das bornierte Verwachsensein mit dem eigenen Dreck darin,
daß für den selbständigen Bauern die eigene Erde das Subsistenz-
mittel ist, mit dem er sein Einkommen sichern muß, so ist darin
eingeschlossen, daß dieses Einkommen ständig nicht gesichert ist,
er sich mit ihm ständig am Rande des Existenzminimums oder darun-
ter bewegt. Der freie Bauer, der sich von der Abhängigkeit vom
Feudalherren gelöst hat, sieht sich in der Welt des Kapitals ei-
ner Schranke gegenüber, die ihn an dessen Fortschritt ganz anders
teilnehmen läßt, als er sich das vielleicht gedacht hatte. Wenn
gegenwärtig in der BRD von 721.000 landwirtschaftlichen Betrieben
fast jeder zweite Bauer überwiegend von einem außerlandwirt-
schaftlichen Einkommen lebt, also unter die Rubrik
"Nebenerwerbsbetriebe" fällt, so stellt diese Tatsache klar, wie-
viel die Freiheit, freier Eigentümer zu sein, wert ist, wenn sie
sich mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigt. Da es sich bis auf
ein paar verrückte Hippies, die den reaktionären Versuch machen,
auf makrobiotischen und von (wörtlich) eigener Hand (und mit ei-
gener Scheiße) angelegten Kulturen gegen einen entfremdeten Kon-
sum ihr "neues" Glück zu entfalten, kein Bauer erlauben kann,
u n m i t t e l b a r für den eigenen und seiner Familie Selbst-
bedarf zu produzieren, jeder Bauer also seine Produkte auf dem
Markt losschlagen muß, um einen Gewinn zu machen, bekommt er die
Vorteile, über eigenen Grund und Boden zu verfügen, zu spüren.
Für eine kostengünstige Produktion, um seine Erzeugnisse mit Ge-
winn oder überhaupt absetzen zu können, muß er r a t i o n e l l
produzieren. Dafür benötigt er Maschinen und Mittel, die die
Fruchtbarkeit des Bodens erhöhen, was ein Kapital voraussetzt,
das er nicht hat. Hätte er es, könnte er es auf seinem mickrigen
Eigentum (350.000 westdeutsche Höfchen besitzen Land nicht größer
als bis zu 10 ha) gar nicht anwenden, da die Bodenfläche eine
Produktion auf großem Maßstab und mit dem entsprechenden Maschi-
nenpark nicht zuläßt. Und gibt er etwa vorhandenes oder gelie-
henes Kapital aus, um neuen Boden dazuzukaufen, fehlt ihm das-
selbe für die rationelle Bewirtschaftung der jetzt größeren Bo-
denfläche, und es bewahrheitet sich die Bauernregel:
"Ist im März kein Moos im Haus,
Sieht die Ernte mickrig aus."
Das, worauf der Bauer so stolz ist, freier Eigentümer zu sein,
erfährt der kleine Grundeigentümer als "Schranke und Hindernis
der Agrikultur" (Kapital, Band III, S. 821, i. folg. zit. als K
III).
"Das Parzelleneigentum schließt seiner Natur nach aus: Entwick-
lung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit, gesell-
schaftliche Formen der Arbeit, gesellschaftliche Konzentration
der Kapitale, Viehzucht auf großem Maßstab, progressive Anwendung
der Wissenschaft." (K III/815) Daß dies so ist, dem trägt die
Agrarpolitik Rechnung. Halten die Politiker auch weiterhin das
Eigentum als höchstes Heiligtum hoch und schimpfen auf die unper-
sönliche Kollektivierung im Osten, die einem jeden den Spaß an
der Arbeit verleiden soll, weil das eigene Risiko fehle, so sehen
sie es andererseits aber doch ganz gern, daß die kleinen land-
wirtschaftlichen Betriebe mit oder ohne staatliche Hilfe Bankrott
gehen und einem größeren ihren Boden durch Verkauf oder als Pacht
überlassen. Zugleich werden ganz ohne östliche Beeinflussung den
weiter produzierenden kleinen Betrieben "Maschinenringe",
"Erzeugerringe", "Zusammenschlüsse" angeboten, die den kleinen
Grundeigentümern den sofortigen Ruin ersparen, solange Kraft für
harte Arbeit vorhanden ist, die das Einkommen erträglich macht.
Der Segen der Natur
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Der Segen, den der Bauer ohne Kapital und ausreichende Bodenflä-
che der Natur entreißt, kommt nämlich nicht aus ihr und ihrer ra-
tionellen Bebauung, was ständige Erhöhung der Qualität und Quan-
tität der Produkte zur folge haben müßte, sondern er wird mit ei-
ner "ungeheuren Verschwendung von Menschenkraft" (K III/816) ge-
schaffen, die anstelle der Einsatzes von Kapital in Form von Pro-
duktionsmitteln weniger den Gewinn als die Existenz leidlich si-
chert. Da die Preise nicht so steigen, wie die Erzeugerkosten
sich erhöht haben, muß jede Anschaffung von Maschinen und anderen
Produktionsmitteln durch Vergrößerung Produktionsvolumens - die
aber am eigenen Grund und Boden und am hohen Bodenpreis fremder
Böden ihre Grenzen hat - und/oder durch die Einsparung von Ar-
beitskräften halbwegs rationell gestaltet werden. Diese gängige
Effektivierungsform der Ausbeutung der Lohnarbeiter zum Zwecke
der Gewinnsteigerung ist aber für die kleinen und mittleren land-
wirtschaftlichen Betriebe schlechthin unmöglich - sie haben in
der Regel nämlich keine solchen. Auf 721.000 Höfen in der Bundes-
republik arbeiten ungefähr 100.000 Landarbeiter, die sich trotz
niedriger Löhne und überlanger Arbeitszeiten noch nicht zur Land-
flucht entschlossen haben. Der kleine und mittelgroße Bauer ar-
beitet die zusätzlichen Kosten für Rationalisierungen oder die
Unkosten, die ihm durch Preisschwankungen auf dem Markt entste-
hen, s e l b s t rein. "Als absolute Schranke für ihn als klei-
nen Kapitalisten erscheint nicht als der Arbeitslohn, den er sich
selber zahlt, nach Abzug der eigentlichen Kosten. Solange der
Preis des Produkts ihm diesen deckt, wird er sein Land bebauen,
und dies oft bis herab zu einem physischen Minimum des Arbeits-
lohns." (K III/814)
Der Bauer, der sein eigener Lohnarbeiter ist und so sein Einkom-
men erwirtschaftet, was ihn zu der verrückten Vorstellung bringt,
nur die finanziellen Unkosten, nicht aber die eigene Arbeit als
Kosten zu werten und den Gewinn als Ausfluß seines Grund und Bo-
dens anzusehen, dessen Fruchtbarkeit bei dieser Wirtschaftsweise
nicht gerade steigt, kann trotz dieser Vorstellung und trotz der
frischen Luft, in der er schafft, nicht 24 statt 12 Stunden ar-
beiten. Um zu schaffen, was zu schaffen ist, hat er sich Familie
zugelegt. Deutschlands Bauern sind F a m i l i e n b e-
t r i e b e im wahrsten Sinne des Wortes. Gemäß der unter diesen
Umständen recht sinnvollen Bauernregel
"Fehlt das Geld für die Traktoren,
Wird im März ein Kind geboren."
arbeitet alles mit, was Hände hat. Die Kleinen tun das, wozu sie
besonders flinke Hände haben sollen, und auch schon das was ei-
gentlich über ihre Kräfte geht und ihnen schon früh eine gebeugte
Haltung einbringt. Kinderarbeit ist selbstredend in einem Famili-
enbetrieb nicht verboten und fällt nur unangenehm auf, wenn wie-
der einmal ein Zehnjähriger unter einem Traktor, mit dem er den
väterlichen Acker bestellt hatte, zu Tode gekommen ist. Die der
Schulzeit entwachsenen Söhne und Töchter, die so blöd waren, sich
nicht abzuseilen oder keinen Beruf gefunden haben, schuften auf
dem elterlichen Hof für kerniges Essen und ein Taschengeld, so-
weit weiblich, mit der Zusicherung einer Aussteuer für die von
ihrem Standpunkt aus hoffentlich baldige Heirat - nicht unbedingt
muß es ein Bauer sein. Die Mutter der Kinder hat selbstverständ-
lich neben dem Kinderkriegen und -aufziehen und der Hausarbeit
(für einen bäuerlichen Hof ein Euphemismus) auch im Stall und auf
dem Acker mitanzupacken, so daß es kein natürliches Wunder ist,
daß Bäuerinnen schon bald nach der Heirat alle gleich... aussehen
(und das liegt nicht unbedingt daran, daß auch heute noch hie und
da quer über den Mistfall geheiratet wird, also die sich zur Ehe
nehmen, die sich eh jeden Tag begegnen, weil Haus und Besitz bei-
einander liegen, und so für den Erhalt des "gesunden Bauernstan-
des" sorgen, welches Wort im übrigen von Konrad Adenauer stammt).
Und die Alten, die erst dann den Hof an den Sohn überschreiben,
wenn dieser selbst schon Opa geworden ist, dürfen sich ihren Al-
tenteil in Form von freiem Wohnen und Essen (das landwirtschaft-
liche Altersruhegeld reicht gerade aus, um zu den feststehenden
Gelegenheiten den Kindern und Enkeln das erwartete Geschenk zu
machen) dadurch verdienen, daß sie das tun, wofür ihre Glieder
überhaupt noch zu bewegen sind - also nicht nur auf die Enkel
aufpassen.
Der bäuerliche Familienbetrieb, dem die Bundesregierung seine
"Lebensfähigkeit" sichern will, diese natürliche Verlängerung des
landwirtschaftlichen "Einmannbetriebes", ist die arbeitsreiche
Zwischenform einer Agrikultur, in der es überwiegend kaum echte
Unternehmer in Sachen Landwirtschaft gibt und auf der anderen
Seite kaum auch mehr Landarbeiter. Letzteres kann sich natürlich
ändern. Man bedenke nur, daß die Zahl der "familienfremden Ar-
beitskräfte (Lohnarbeitskräfte)" von 1984 auf 1985 um 9,3% ge-
stiegen ist. Da hat die Arbeitslosigkeit die Landflucht umge-
kehrt.
Warum es in der Landwirtschaft so abseitig anders zugeht als in
der Industrie, wird jeder als eine dumme Frage abqualifizieren.
Ist doch klar, die Bauern, das sind doch die, die vom Wetter ab-
hängen und darauf h o f f e n, daß die Kartoffeln möglichst
dick geraten, so daß das Gewicht den niedrigen Preis aufwiegt,
den ihnen die städtischen Feinschmecker für diese aufgeblähten
Dinger n u r zahlen wollen.
Ackerbau und Viehzucht
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Daß sich trotz der Tatsache, daß die technischen Errungenschaften
der Menschheit es dieser ermöglichen, den ganzen Globus in die
Luft zu sprengen, immer noch eine Macht hält, die doch eigentlich
als beherrschte gilt, soll an zwei Beispielen belegt werden:
New-York Daily Tribune, 10. September 1860:
"Da sich das Wetter in dieser Woche nicht gebessert hat, stieg
der Wert des in London produzierten Mehls gestern in Mark Lane um
6 sh. pro Sack..."
- Agrarbericht 1978
"Die wesentliche Ursache des Einkommensrückgangs (der landwirt-
schaftlichen Familierarbeitskräfte) 1976/77 liegt in den Auswir-
kungen der Trockenheit. Zum einen wurden die trockenheitsbeding-
ten Rückgänge bei den Erntemengen nur zum Teil durch höhere Er-
zeugerpreise ausgeglichen. Zum anderen waren zahlreiche Betriebe
wegen der starken Ertragseinbußen bei der Rauhfutterernte gezwun-
gen, in ungewöhnlich starkem Umfang Futtermittel zuzukaufen. Ne-
ben diesen Einflüssen der Trockenheit wirkten sich gleichzeitig
der zyklisch bedingte Preisrückgang bei Schlachtschweinen und die
insgesamt geringe Abnahme des Arbeitskräftebesatzes auf das Ein-
kommensergebnis aus. Mit der geringeren Ahnahme der Arbeitskräf-
tebesatzes hat sich ein Bestimmungsfaktor abgeschwächt, der noch
bis zum Wirtschaftsjahr 1974/75 wesentlich zur Steigerung des
Pro-Kopf-Einkommens in den landwirtchaftlichen Betrieben beige-
tragen hat."
Was Marx - er schrieb den Artikel in der Daily Tribune - dem ge-
neigten Leser in einem Satz klarmacht: daß die Kornpreise stei-
gen, weil das Wetter schlecht ist, aber deswegen noch lange nicht
das schlechte Wetter der Grund für das Steigen der Preise ist,
verdeutlicht der "Grüne Bericht" dem ebenso geneigten Leser in
mehreren Sätzen - ohne es zu wollen. Wenn nämlich der
"Bestimmungsfaktor Arbeitskräftebesatz" nicht geringer - viel-
leicht sogar stärker - abgenommen hätte (einfach umwerfend die
agrarpolitische Strategie, das Einkommen der Familienbauern da-
durch zu vergrößern, daß man sie reduziert, so daß die Verblei-
benden, die dasselbe Pensum wie vorher schon irgendwie schaffen,
notgedrungen mehr Einkommen bekommen); wenn obendrein die
Schlachtschweine ihren "zyklisch bedingten Preisrückgang" (selbst
Schweine sollten wissen, daß auf ein Hoch in der Regel ein Tief
folgt und vice versa) einfach hätten ausfallen lassen; wenn
schließlich die EG die Erzeugerpreise nach dem Hundertjährigen
Kalender, also in weiser, gut-bäuerlicher Voraussicht einer kom-
menden Trockenheit festgesetzt hätte... wenn alle diese gänzlich
unnatürlichen Bestimmungsfaktoren anders gewesen wären, als sie
es waren, dann wäre vielleicht die Trockenheit doch nicht "die
wesentliche Ursache des Einkommensrückganges" gewesen. Da es aber
anders kam, die Agrarpolitiker nach der Bauernregel
"Wenn der Hahn kräht auf dem Mist,
So ändert sich das Wetter,
Oder es bleibt, wie es ist."
planten und es so mit Willen und Bewußtsein den Bauern überlie-
ßen, mit ihrem Einkommen fertigzuwerden, bleibt es für die Poli-
tiker dabei, daß die große Trockenheit der Schuldige war, obwohl
es natürlich auch hätte sein können, daß trotz fehlender Trocken-
heit die Schweinepreise sich so verhalten hätten, daß trotzdem
die Einkommen gesunken wären und so weiter.
Die Natur...
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Zweifellos hat es die Landwirtschaft und Viehzucht mit der orga-
nischen Natur zu tun und auch mit dem Wetter. Ein nasser Sommer
reduziert die Ernteerträge oder ihre Qualität gegenwärtig noch.
Denn daß man auch dem Wetter naturwissenschaftlich beikommen
kann, zeigt die Entwicklung der Landwirtschaft: Bewässerung;
Trockenanlagen für naß eingebrachtes Getreide; Getreidesorten,
die Minustemperaturen lässig aushalten - bis hin zur direkten
Einwirkung auf die Witterung. Der Witz, der über den im Hochwas-
ser schwimmenden Hut gemacht wird: "Dat is Hein, de mägget (mäht)
bi jedem Wedder." ist so gesehen so blöd gar nicht. Ein Acker-
bauer kann sich auch seinen Roggen nicht an einem Tag schnitzen
(obwohl mehrere Ernten im Jahr schon möglich sind). Und der Vieh-
züchter würde seine blauen Wunder erleben, wollte er versuchen,
aus einem Ferkel in Nullkommanichts ein genießbares Schwein zu
basteln, obwohl es schon Torpedoschweine mit 1 Kottelett extra
gibt! Doch daß aufgrund der natürlichen Vorgänge, die der Bauer
sich zunutze macht, indem er sie durchschaut, eine Kartoffel
plötzlich zwei statt zehn Pfennig kostet und ein Schwein nur noch
drei- statt fünfhundert Mark aufwiegt, dies liegt doch offen-
sichtlich nicht an der Natur und ihren Witterungsbedingungen. Das
Besondere von Ackerbau und Viehzucht (vom Wald gar nicht zu re-
den) liegt darin daß dieses Gewerbe, das sich in der organischen
Natur betätigt, nicht in die kapitalistische Landschaft paßt und
doch notwendig dazu gehört. Vom harten oder papierenen Wert kann
sich niemand ernähren, genauso wenig wie die Produkte der großen
Industrien jemand sattmachen. Daß auch in dem modernen und
hochentwickelten Industriestaat BRD die Landwirtschaft für die
nötigen Nahrungsmittel und organischen Rohstoffe sorgen muß,
heißt aber nicht, daß alles getan wird, der Natur ihre Früchte zu
entreißen, indem man sie sich mit allen Mitteln der Naturwissen-
schaft und Technik aneignet. Im Gegenteil, sie ist ein Zuschußun-
ternehmen, das, den Wechselfällen der Industrie ausgesetzt, da-
hinvegetiert und nur durch die Ruinierung von Menschen, Höfen und
Natur fortschreitet. Ewig das gleiche Spiel in Ackerbau und Vieh-
zucht. War die Ernte gut, fallen die Preise und nehmen den Vor-
teil der Qualität und Quantität des Produkts, so daß auch einmal
eine schlechte Ernte durch hohe Preise entschädigt werden kann.
Vielleicht!
Stellt ein Bauer seine ganze Produktion auf Mastschweine ein,
weil diese Viecher im Augenblick einen hohen Preis erbringen,
sieht er sich nach der Aufzucht - selbst mit Fischmehl und ohne
störende Eber und überflüssige Bewegung dauert die Aufzucht ihre
Zeit - mit einem deutlich gesunkenen Preis konfrontiert, zumal
auch andere Bauern auf seine Idee verfallen sind. Rafft eine
Krankheit die Tiere dahin, ist alles für die Katz. Andererseits
kann er die Schweine nicht zurückhalten und im Keller abstellen,
wenn sie zum Verkauf fett genug sind. So und mit den Fortschrit-
ten der Produktivität der Erzeugung für den Markt gerät der Segen
der Natur zur "Überschußproduktion", die noch einmal kräftig er-
höht wird, wenn EG und Staat Preise garantieren, so daß im Ver-
band der EG die bekannten "Butterberge, Rindfleischhügel und
Milchseen" gestapelt werden (siehe dazu den Artikel
'Überschußproduktion'). Derweil muß das Volk Margarine fressen
und kann sich weiterhin nur an Festtagen einen gescheiten Rinds-
braten leisten. Oder eine Unterschußproduktion führt dazu, daß
plötzlich Kartoffeln das Dreifache des Vorjahres kosten, ohne daß
dadurch die Einkommen der Bauern merklich stiegen, da sie ja zu
wenig (wofür?) produziert haben. So sind die Bauern gezwungen,
sich in Genossenschaften zusammenzuschließen, um sich gegen die
Marktschwankungen, die von den Händlern rücksichtslos ausgenutzt
werden können, einen halbwegs geregelten Absatz zu einem dement-
sprechend niedrigen Preis zu sichern, der den Abgang der Klein-
bauern bestenfalls hinauszögert, indem er ihn genossenschaftlich
schützt.
...des Kapitals
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Was Begutachter der Landwirtschaft noch immer vorbringen, wenn
sie deren schlechte Lage entschuldigen, die Abhängigkeit von der
Natur, ist in Wirklichkeit die Abhängigkeit landwirtschaftlicher
Produktion von der wechselvollen Nachfrage der Industrie, die vom
Geldbeutel der Lohnarbeiter (genauer: "Die industriellen Arbeit-
geber hoffen, durch Niedrighalten der Agrarpreise Lohnforderungen
vorbeugen zu können." Dr. C. Puvogel im Agrarbericht 1956) und
der Gewinnkalkulation der organischen Rohstoffe verarbeitenden
Unternehmer bestimmt wird. Weil es nicht um rationelle Agrikultur
geht - der Zweck nicht die möglichst intensive und produktive
Ausnutzung der Natur ist, also auch nicht die Produktion höchster
Qualität und die Erhaltung und Beförderung der Bodenfruchtbarkeit
als Grundlage
"Die Modernisierung und Intensivierung der Betriebe hat aber ihre
Grenze, denn nicht die möglichst hohe Produktion, sondern der
höchste Gewinn ist Zweck der Landwirtschaft und muß es sein, auch
im Hinblick auf das allgemein Beste." (Thaer, Grundsätze der ra-
tionellen Landwirtschaft), -
sondern sich alles um den Gewinn dreht, der aber von den Bedürf-
nissen der Industrie abhängt zudem in bäuerlichen Kleinbetrieben
von Unternehmern erwirtschaftet wird, die weder Kapitalist noch
Lohnarbeiter sind - ist die Natur eine Schranke, die längst über-
wunden ist.
So dreht sich alles um. Obwohl die Produktivität der Landwirt-
schaft "der natürlichen Grundlage nach" (K III/793) die Voraus-
setzung nicht nur von Künstlern und Philosophen, sondern jeder
Industrie ist, der Überschuß der Landwirtschaft erst alle Formen
kapitalistischer Überschüsse in Form von Gewinnen ermöglicht, ist
das ländliche Gewerbe das S t i e f k i n d der Volkswirt-
schaft, in der die Arbeit und nicht die Natur die Quelle eines
Reichtums ist, von dem diejenigen, die ihn erarbeiten, wenig se-
hen. Als "wahrer Reichtum" gilt etwas anderes als die optimale
Ausnutzung der Natur. Der Bauer verkörpert in der bürgerlichen
Gesellschaft, solange es ihn noch gibt, nicht das Reich der Frei-
heit, sondern das der Notwendigkeit und des Nicht-Überflusses.
Sein Stand muß nach den Richtlinien der Agrarpolitik
"lebensfähig" erhalten werden, was alles über den Zustand des
Bauernstandes aussagt. Er ist in der Welt des Kapitals ein noch
notwendiges Übel, weshalb einerseits der Staat die Landwirtschaft
subventioniert, andererseits aber zugleich deutlich macht, daß er
dies nicht um der Bauern willen tut:
"Trotz großer Fortschritte wird die Landwirtschaft sicherlich
weiterhin im Schatten der Industrie stehen... Der Lebensstandard
unserer bäuerlichen Bevölkerung steht und fällt mit der Gesamt-
konjunktur. " (ehemaliger Minister Niermann/CDU)
Dorfkultur
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"Alle Kultur hat ihre Grundlagen im Bauerntum." (Hermann Löns)
Was unter diesen Umständen von dem Lob des Bauernstandes, wie es
noch vor gar nicht langer Zeit in Schulbüchern stand, von Attri-
buten wie "kräftige Naturburschen", "Unschuld vom Land",
"glückliche Bäuerin" (von einem Kultusminister aktualisiert),
"Bauern sind schlau" ... zu halten ist, kann man sich vorstellen,
ohne einen Bauern zum Verwandten zu haben. Außer der Tatsache,
daß dieser Menschenschlag ein recht erfrischendes Verhältnis zu
Tieren entwickelt hat, also selbst Hunde und Katzen vor die Tür
setzt oder abschießt, wenn sie ihm nicht mehr passen (die Sache
mit dem Zigeuner, den ein niederbayerischer Bauer abschoß, war
dagegen eine nicht zu billigende Verwechslung), gibt es nichts
Positives über ihn zu berichten. Seine sprichwörtliche
"Natürlichkeit" ist gar nichts Feines, und die Ansätze von
"Zivilisierung" sind für sich auch kein Gut, wie man ja aus der
Stadt weiß. Die Mischung aber aus beidem, das eine nicht mehr,
das andere noch nicht zu sein, ergibt eine Figur, deren Schöpfung
dem Kapital alle Ehre macht. "Wenn das kleine Grundeigentum eine
halb außerhalb der Gesellschaft stehende Klasse von Barbaren
schafft, die alle Roheit primitiver Gesellschaftsformen mit allen
Qualen und aller Misere zivilisierter Länder verbindet"
(KIII/821), so sind damit die Bauern auf den Begriff gebracht.
Ihr Gewerbe in Ackerbau und Viehzucht, das ihnen trotz aller An-
strengungen und der Notwendigkeit, quasi wie ein kapitalistischer
Unternehmer zu kalkulieren, immer nichts einbringt, erzeugt einen
M a t e r i a l i s m u s, der nur g e m e i n genannt werden
kann. Er enthält den Idealismus der Entbehrung und des Verzichts,
der jedem Nachbarn eine Neuanschaffung mißgönnt für das Ziel, auf
dem kleinen Hof Maschinen anzuschaffen, sich selbst, Frau und
Kindern jede erdenkliche Arbeit und alle möglichen Beschränkungen
abverlangt bis hin zu der Absurdität, statt Butter Margarine zu
essen, damit für die Kühe das Kraftfutter gekauft werden kann. Da
der Bauer glaubt, Arbeit koste nichts, wird sie dazu verwandt,
aus dem letzten Dreck seines Eigentums an Grund und Boden ein we-
nig Frucht rauszuholen und die letzten Kartoffeln, die bei der
Lese liegengeblieben sind, aus dem Acker zu wühlen. Jeder Ar-
beitserleichterung und Produktivitätssteigerung steht der Bauer
skeptisch gegenüber. Sie kostet Geld - dann schon lieber die Kin-
der nicht zur Realschule schicken -, und zu diesem hat er das ka-
pitalistisch widersinnige Verhältnis, es zwar zusammenraffen,
aber nicht vorschießen zu wollen.
Seine sogenannte Einfachheit und Natürlichkeit ist die Roheit,
und seine Menschenkenntnis erschöpft sich in der Brutalität gegen
die individuelle Besonderheit, an der ihm Kraft, Schläue und die
Größe des Hofes imponiert. Liebe und Ehe (letztere wird im Mai
eingegangen, wenn die Bäume ausschlagen, die Saatbestellung vor-
bei, die Heuernte noch nicht begonnen hat) bewitzelt er durch
Vergleiche mit der Rinder- und Schweineaufzucht und gibt so zum
besten, wofür ihm die Familie gut ist. Seine "Ruhe" demonstriert
er am handgreiflichsten vor der zivilisatorischen Errungenschaft
Fernseher, vor dem er regelmäßig nach dem Wetterbericht ein-
schläft. Seine "gesunde Art" kennt keinerlei Psychologie:
"Im Krankheitsverzeichnis des Bauern kommen die Nerven nicht
vor." (Balzac)
Wenn der Bäuerin das Geschrei der Kinder auf den Wecker geht und
sie durchdreht, kommt der Vorwurf: "Dir fehlt doch nichts! Stell
dich nicht so an!"
Die "Bauernschläue" dient dazu, in der Kargheit des bäuerlichen
Lebens sich hin und wieder einen Vorteil zu ergaunern. Sie ver-
trägt sich sehr gut mit dem Idiotismus, sei er nun angeheiratet
oder in der Schulzeit erworben, die man mit Feldarbeit ver-
brachte, oder die Folge der Schwerstarbeit der Bäuerin, die
schwanger Heu aufsticht und sich nach der Niederkunft nicht um
die Blagen kümmern kann, oder die Folge der eigenen Arbeit:
"Wenn die Arbeit den Körper aufreibt, raubt sie dem Denken dessen
reinigende Wirkung." (Balzac)
Das "Bauerntum als Gegenpol gegenüber der intellektuellen Ver-
städterung" (Hitler) lebt in Haufen- oder Streu d ö r f e r n.
Mitten darinnen die Kirche, die zum gemeinen Materialismus dazu-
gehört, egal ob die Bauern sie noch wirklich besuchen oder nur
kurz hineinschauen auf dem sonntäglichen Gang ins Wirtshaus, das
daneben liegt. Handgreifliche Diskussionen kommen auf allen Dorf-
festen zustande -
"Trinken, sich streiten, sich prügeln, essen und betrunken und
krank heimgehen, das heißt für sie 'feiern'." (Balzac)
und drehen sich ansonsten um die Abweichungen von der Moral, der
in der Enge der Geborgenheit des Dorfes niemand entfliehen kann.
Die schlimmsten Sünden sind immer noch der Beischlaf ohne Kinds-
folge. Beischlaf mit Folgen aber ohne Ehe (bei geplanter Ehe dem
Gaul auf Fruchtbarkeit ins Maul schauen, ist erlaubt) und
"Undankbarkeit" gegen Eltern und Verwandtschaft, wenn man sich um
diese nicht mehr kümmert.
Ansätze von Fortschritt schleichen sich natürlich ein. Z.B. gilt
die brutale materialistische Bauernregel nicht mehr
"Ein totes Pferd bringt größre Not,
Als drin im Haus die Frau ist tot.",
da heutzutage auf dem Land Pferde kaum noch angewandt werden.
Fortschritt ist auch nicht zu übersehen in der Mode, die sich
häufig, da von der Stange gekauft, gleicht und an den Folgen
jahrhundertelanger Praxis, das Blut der Bauern rein zu erhalten,
recht adrett aussieht. Fortschritt auch bei der Jugend, die sich
in größeren Dörfern einen Beatschuppen leistet, um sich von den
Geräuschen auf dem bäuerlichen Hof zu erholen. Fortschritt auch,
was die dörfliche Isoliertheit anbetrifft: Werbung um Stadt-
menschen für "Ferien auf dem Dorf". Einer der letzten Versuche,
den Hof zu retten, bevor man dazu übergeht, der Frau und den Kin-
dern die landwirtschaftliche Arbeit zu überlassen und in der
Stadt auf Arbeit geht, so daß man bei BMW die Kombination eines
Bauern und eines Arbeiters beobachten kann. Und die ist wahrlich
alles andere als das Produkt von natürlicher Kraft und handwerk-
licher Geschicklichkeit, sondern ein billiges und williges Ar-
beitstier.
Vom Bauern zum Landwirt
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"Ziel der bayerischen Agrarpolitik ist es, eine bäuerlich betrie-
bene Landwirtschaft zu erhalten." (Bayerische Staatskanzlei 1976)
Daß es die Bauern noch eine Zeitlang geben wird, ist keine Frage.
Doch bedeutet dies noch lange nicht, daß die "Erhaltung eines le-
bensfähigen deutschen Bauerntums" die Bauern und Höfe erhält, so
wie es sie jetzt noch gibt. Das Landwirtschaftsgesetz von 1955
läßt keinen Zweifel daran, was der Staat von den Bauern will,
wenn er ihnen helfend unter die Arme zu greifen verspricht. Es
bricht radikal mit der Weisheit: "Der dümmste Bauer hat die dick-
sten Kartoffeln."
"Um der Landwirtschaft die Teilnahme an der fortschreitenden Ent-
wicklung der deutschen Volkswirtschaft und um der Bevölkerung die
bestmögliche Versorgung mit Ernährungsgütern zu sichern, ist die
Landwirtschaft mit den Mitteln der allgemeinen Wirtschafts- und
Agrarpolitik - insbesondere der Handels-, Steuer-, Kredit- und
Preispolitik - in den Stand zu setzen, die für sie bestehenden
naturbedingten und (?) wirtschaftlichen Nachteile gegenüber ande-
ren Wirtschaftsbereichen auszugleichen und ihre Produktivität zu
steigern. Damit sollen zugleich die Einkommen der in der Land-
wirtschaft tätigen Menschen an die vergleichbarer Berufsgruppen
angeglichen werden." (Paragr. 1)
Das Schöne an dieser staatlichen Subventionspolitik ist, daß sie
bewirkt, daß einmal die Landwirtschaft produktiver produziert,
daß aber zum anderen dieser Fortschritt, ohne daß die anvisierte
Angleichung erreicht würde, eine Gesundschrumpfung bedeutet, die
deshalb den Lebensstandard auf dem Land anhebt, weil die in die-
ser Wirtschaft Tätigen gezwungenermaßen nicht mehr als Bauern,
sondern als Lohnarbeiter ihren Unterhalt verdienen müssen. Dieses
Ziel hat der Staat zuerst einmal dadurch erreicht, daß er nichts
getan hat. Die fehlende Beschäftigungsmöglichkeit auf dem Lande,
weil sich die Bauern nicht einmal Billigstlohnarbeiter leisten
konnten, bzw. die Niedrigstlöhne, die den Landarbeiter zwangen,
in die Industrie zu gehen und die Bauern, die von ihrem Grund
nicht mehr leben konnten, alle diese Faktoren, "Landflucht" ge-
nannt, reduzierten die in der Landwirtschaft Beschäftigten von
ungefähr 5 Millionen nach dem Kriege auf ungefähr 1,3 Millionen
heute. Gleichzeitig verringerte sich die Zahl der landwirtschaft-
lichen Betriebe von knapp 2 Millionen 1949 auf 721.000 1985.
Und die staatlichen Hilfen für die Landwirtschaft mögen für die
Großen nicht schlecht sein, bei kleinen und mittleren Betrieben
verlängern sie höchstens das 'Überleben' ein wenig. Unrentable
Betriebe erhalten nämlich keine Kredithilfe oder sie unterliegen
hochverschuldet trotz der Stützpreise in der Konkurrenz. Wer di-
rekte Kapitalhilfen will, muß schon einiges an Eigentum vorwei-
sen, damit die Rationalisierung lohnend erscheint, und wird
zugleich gezwungen, sich in die Bücher schauen zu lassen, also
exakte Buchführung zu treiben. Einkommenseinbrüche ( 1976/77 um
13,6%) lassen einer Vielzahl von Bauern keine andere Möglichkeit
als die, den Hof aufzugeben oder als Doppelarbeiter (Hof und Ar-
beitsplatz in der Fabrik) die Vorstufe des Verkaufs oder der Ver-
pachtung seiner Ländereien durchzustehen. Bei dem Vorhaben, die
unrentablen Betriebe auszuschalten, sind selbst die Nachteile,
die die deutsche Landwirtschaft um der Vorteile der sonstigen
Wirtschaft willen in der EG in Kauf nehmen muß, doch wieder nicht
so schlecht. Sie zwingen die Kleinen raus und die Großen zur Aus-
weitung ihrer Bodenflächen als Grundlage für eine kostenkalkula-
torisch optimalere Produktion.
Wenn also der ehemalige sozialliberale Landwirtschaftsminister
Ertl davon redet, daß "auch agrarpolitische Fragen in größeren
Zusammenhängen gesehen werden" müßten, und der Bauernverband, der
sich ständig als die Interessenvertretung aller Bauern aufführt,
verspricht,
"Die Landwirtschaft ist bereit, weiterhin einen angemessenen Bei-
trag zur Sicherung von Wachstum, Stabilität und Beschäftigung zu
leisten",
dann geht es allemal darum, in der deutschen Landwirtschaft kapi-
talistische Zustände einzuführen, also aus den Bauern Landwirte
zu machen die über genügend Grund und Boden verfügen um ihr Kapi-
tal darauf kostengünstig anwenden zu können. So fügen sich und
sollen sich die Bauern in den "großen Zusammenhang" einfügen, als
Unternehmer in Sachen Landwirtschaft, die ihre Kollegen, die als
Lohnarbeiter auf der Strecke geblieben sind, nur noch für zweier-
lei gebrauchen können: Sie sollen ihnen ihren Boden zur Verfügung
stellen (das tun sie dann auch), wenn sie schon nicht als Landar-
beiter beim Landwirt ihr Leben fristen wollen, soweit sie sich
das noch aussuchen können.
Die Grundlagen der freien Landwirtschaft
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Für das Ziel, Kapitalisierung der Landwirtschaft, das sich auch
"Strukturpolitik" nennt, gibt es doch tatsächlich selbst in der
CDU Leute, die sich (heimlich) die Analyse des kapitalistischen
Grundeigentums von Karl Marx zunutze gemacht haben. Sie haben
eingesehen, daß kapitalistische Landwirtschaft mit K a p i t a l
betrieben werden muß, und es dafür nicht auf das E i g e n t u m
an Grund und Boden ankommt, sondern auf eine entsprechende
"Flächenaufstockung". Freilich bleibt das Dumme, daß die Flächen
immer jemandem gehören.
"Die Flächenerweiterung durch Bodenerwerb erfordert bei dem knap-
pen Bodenerwerb und den hohen Bodenpreisen" (auch Erde hat ihren
Preis) "sehr hohe Kapitalsummen, um das Einkommen zu verbessern "
(dafür ausgegeben, erhöht es das Einkommen wohl kaum). "Die Zu-
pacht stellt daher die betriebswirtschaftlich wirksamste Maßnahme
dar, um die Einkommenskapazität zu kleiner Betriebe zu erweitern.
Tatsächlich wurden in der Vergangenheit die durch Verkleinerung
(?) oder Auflösung von Betrieben freigewordenen Flächen weniger
durch Eigentumswechsel als vielmehr auf dem Wege der Pacht zuge-
führt. Dementsprechend hat die Zahl der Betriebe mit Pachtland in
mittel- und großbäuerlichen Wirtschaften kräftig zugenommen. Die
Pacht verdient daher verstärkte Förderung." (Professor Dr. Dr.
h.c. E. Woermann auf dem Bauernkongreß der CDU in Oldenburg 1965)
Dieser Professor hat begriffen, daß es im Kapitalismus aufs
K a p i t a l ankommt, welches man auch in der "naturbedingten"
Landwirtschaft anzuwenden habe. Tatsächlich macht die gepachtete
Fläche heute schon 32,9% der gesamten landwirtschaftlich genutz-
ten Fläche aus. Da man aber auch Kapital erst einmal haben muß,
also Eigentum der letzte Schlüssel für jeglichen Gewinn ist,
hätte er sich bei seiner im kapitalistischen Sinne völlig richti-
gen Lösung des Bauernproblems an eine Bauernregel erinnern müs-
sen, die darauf hinweist, daß sich das Kapital mit seinem Eigen-
tumsfanatismus einen unangenehmen Gegner geschaffen hat:
"Egal, wie's Kapital ausschlägt,
Der Boden jährlich Rente trägt."
Und dies aus dem vom Wert aus gesehen völlig absurden Grund, daß
das maßlose Kapital trotz seiner Grenzenlosigkeit auf Grund und
Boden und die Früchte der Erde irgendwie angewiesen ist. So muß
der Landwirt, der sein Kapital in Landwirtschaft und Viehzucht
vermehren will, dem Grundeigentümer Pacht zahlen, bloß weil die-
sem der Boden gehört. Diesem Tribut der Landwirte an die Grundei-
gentümer tragen die hohen Preise oder die staatlichen Subventio-
nen, die in einer kapitalistisch betriebenen Landwirtschaft nicht
überflüssig werden, Rechnung. Und der freie deutsche Großbauer
mit großem Grundbesitz, der sein Eigentum ist, der also keine
Rente zu zahlen hat, steht zwar besser da als der Pächter, aber
doch nicht ohne den Widerspruch des Privateigentums. Was nämlich
sein Grund und Boden wert ist, kann er nicht als produktives Ka-
pital, das sich vermehrt, anwenden (so daß es auch immer wieder
große Bauern gibt, die ihr Eigentum verpachten und sich als Ren-
tiers zur Ruhe setzen, um nicht mehr den Widrigkeiten des Auf und
Ab der Preise ausgesetzt zu sein, die auch für die kapitalisti-
sche Landwirtschaft die Schranke ihrer Rationalität bleibt).
So verfällt auch in der Landwirtschaft der Kapitalist im Ringen
mit dem Grundeigentum und den Wechselfällen des industriellen Zy-
klus, der sich nicht nach seiner in der organischen Natur ange-
siedelten Produktion richtet, auf den Trick, dem das Kapital
seine Existenz verdankt: die Natur auszubeuten statt auszunutzen
mittels der Ausbeutung von Menschenmaterial in Form von Lohnar-
beitern:
"Wenn das kleine Grundeigentum eine außerhalb der Gesellschaft
stehende Klasse von Barbaren schafft die alle Roheit primitiver
Gesellschaftsformen mit allen Qualen und aller Misere zivilisier-
ter Länder verbindet, so untergräbt das große Grundeigentum die
Arbeitskraft in der letzten Region, wohin sich ihre naturwüchsige
Energie flüchtet, und wo sie als Reservefonds für die Erneuerung
der Lebenskraft der Nationen sich aufspeichert, auf dem Lande
selbst. Große Industrie und industriell betriebene große Agrikul-
tur wirken zusammen. Wenn sie sich ursprünglich dadurch scheiden,
daß die erste mehr die Arbeitskraft und daher die Naturkraft des
Menschen, die letztere mehr direkt die. Naturkraft des Bodens
verwüstet und ruiniert, so reichen sich später im Fortgang beide
die Hand, indem das industrielle System auf dem Lande auch die
Arbeiter entkräftet und Industrie und Handel ihrerseits der Agri-
kultur die Mittel zur Erschöpfung des Bodens verschaffen." (K
III/821)
Wo die Industrie bekanntlich am größten ist, in den USA, ist
diese kühne Prophezeiung von Karl Marx (zwar Ökonom, aber kein
Landwirt!) inzwischen bis ins Detail verwirklicht worden. Doch
auch in den USA überwiegt die Zahl der bäuerlichen Familienbe-
triebe, wird die Landwirtschaft subventioniert, findet ein konti-
nuierliches Bauernsterben statt. Der Übergang vom Bauern zum ka-
pitalistischen Landwirt befördert zwar die technische Entwicklung
der Landwirtschaft, doch eine rationelle Agrikultur beginnt des-
halb noch lange nicht. Sie ist "unverträglich mit dem kapitali-
stischen System" (K III/131). So bleibt nur die bahnbrechende
Bauernregel zu befolgen:
"Wenn wir's Kapital brachlegen,
Ist endlich die Natur ein Segen."
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Ungerecht
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ist, daß sich das Schimpfwort "Du Bauer!" hartnäckig hält - und
das, obwohl sich dieser Stand das ganze Leben lang mit Kultur
(des Bodens, der Tiere) befaßt -, während sich "Du Kapitalist!"
oder "Sie Lohnarbeiter, Sie!" in der Umgangssprache einfach nicht
als negativ besetzte Hauptwörter durchsetzen wollen. Dabei brin-
gen die Akteure dieser beiden Klassen alle ökonomisch bestimmten
Charaktereigenschaften mit - wenn auch ganz verschiedene -, die
ihre Klassennamen als Schimpfwörter vorzüglich geeignet machen.
Warum also immer nur auf dem ländlichen Kretin (Kapitalist u n d
Lohnarbeiter in einem - und beides nicht gescheit) herumhacken?
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Die Schrumpfung der Landwirtschaft
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