Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE LANDWIRTSCHAFT - Von der Ideologie des Landlebens


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       Mit der  erfolgreichen  P r o d u k t i o n  landwirtschaftlicher
       Produkte ist  es  für  einen  bäuerlichen  Betrieb  nicht  getan.
       Weizen, Milch und Mastschweine müssen mit Gewinn  v e r k a u f t
       werden, erst  dann stellt  sich wirtschaftlicher  Erfolg ein. Die
       von der  europäischen  Gemeinschaft  festgelegten  Erzeugerpreise
       spielen da,  neben Naturbedingungen und Produktionsverfahren eine
       entscheidende Rolle für Existenz oder Ruin eines Landwirts.
       Agarwissenschaftler halten  das offenbar  für selbstverständlich.
       Der landwirtschaftliche Hochschultag in Hohenheim befaßt sich mit
       den "Entwicklungen  in  Europa"  und  den  daraus  resultierenden
       "Chancen  und  Risiken  für  die  heimische  Landwirtschaft"  als
       Gegenstand  agrar w i s s e n s c h a f t l i c h e r    Betrach-
       tung, ganz  als ob  es sich  bei diesen  politisch gesetzten Fak-
       tizitäten um  naturgegebene Voraussetzungen handle. Preise, Macht
       und Wettbewerb,  die die Politiker in Europa den Bauern gegenüber
       als Zwänge geltend machen, werden ebenso wie Bodenbeschaffenheit,
       klimatische Verhältnisse  und biologische  Gesetzmäßigkeiten  als
       Daten behandelt, auf die man sich als Bauern einstellen  m u ß.
       Wissenschaftler halten Vorträge über technologische Verfahren bei
       Pflanzenbau, Milchwirtschaft  und Fleischerzeugung und behaupten,
       daß der Landwirt damit "Wettbewerbsfaktoren und Wettbewerbssitua-
       tion" für  seinen Betrieb  erfolgreich gestalten könne. Da werden
       allerdings   Äpfel,    Birnen   und   Pflaumen   zusammengezählt.
       Milchleistung  und   Hektarertrag  mögen   eine   Frage   wissen-
       schaftlichen Sachverstands  und technologischen  know-hows  sein,
       das Ganze  mit kalkuliertem Kapitaleinsatz durchzurationalisieren
       und so kostengünstig zu gestalten, ist etwas ganz anderes. Und ob
       sich dabei letztendlich ein in  G e l d  zählbarer Erfolg auf dem
       Markt einstellt, hängt gar nicht allein davon ab, sondern von den
       Zufällen der politisch geregelten Konkurrenz.
       Praktische Widersprüche sind es, die von der EG "geregelt" werden
       und  an  denen  der  bäuerliche  Familienbetrieb  sich  beständig
       abarbeitet.
       
       Betriebskapital Familie
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       Die Früchte  der Natur werden in der Bundesrepublik vorwiegend in
       "bäuerlichen Familienbetrieben"  entwickelt. Das  besagt mehr als
       die Banalität,  daß sich ein kapitalistisches Unternehmen in Pri-
       vatbesitz befindet.  Nicht nur  setzt der  Unternehmer in  Sachen
       Landwirtschaft seine eigene Arbeitskraft ein: Auch seine Frau und
       die natürliche  Verlängerung der Kraft der beiden, die Kinder, ja
       sogar Opa  und Oma  - sie  alle packen selbstverständlich mit an.
       Und das  nicht zu  knapp: Arbeitszeiten  von 6  bis 20  Uhr -  zu
       Erntezeiten natürlich  länger -  sind normal.  Urlaub ist für die
       meisten Bauern  ein Fremdwort.  Offenbar kommt  nur so  durch die
       Produktion in Ackerbau und Viehzucht ein einigermaßen 'lohnendes'
       Einkommen zustande,  wobei die Frage, ob sich das wirklich lohnt,
       noch vor  der Entscheidung,  welche Preise  der Bauer  mit seinen
       Produkten auf dem Markt erzielt, ziemlich unkapitalistisch beant-
       wortet wird.  Die Eigentümer  und Unternehmer  des ländlichen Ge-
       werbes sind ihre eigenen Lohnarbeiter und pflegen die ökonomische
       Borniertheit, die Kost der Arbeit von sich und der ganzen Familie
       bei der  Bilanzierung ihres Einkommens nicht in Rechnung zu stel-
       len.
       
       Zwischen Marktgesetzen und Naturschwankungen
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       An der   N a t u r,   durch  deren Benutzung der Bauer seine Pro-
       dukte herstellt,  kann es  wohl kaum  liegen, daß in Ackerbau und
       Viehzucht so  viel Arbeit  vergeudet wird und die Einkommen nicht
       vergleichbar sind mit den Gewinnen industrieller Unternehmen. Die
       Redeweise, daß  man der  Natur mühsam  ihre  Früchte  "entreißen"
       müsse, hat längst ihre natürliche Begründung verloren. Daß Boden-
       fruchtbarkeit, Klima,  Wind und  Wetter im  Ackerbau  eine  Rolle
       spielen und  man sich  in der  Viehzucht nicht  ganz darüber hin-
       wegsetzen kann,  daß Kälber und Ferkel erst geboren sein und dann
       auch noch wachsen müssen, bevor ein Kotelett oder eine Lende dar-
       aus wird, ist sicher der Fall. Aber wo soll das Problem sein? Der
       Einsatz von  Naturwissenschaft und  Technik in der Landwirtschaft
       ist längst  so weit  gediehen, daß die Besonderheiten der Frucht-
       barkeit, Wachstumszyklus,  ja sogar  von Klima  und Wetter keinen
       Grund mehr  hergeben für das ökonomische Dauerproblem der Bauern,
       Fortschritte in  der Landwirtschaft,  in Qualität  und Menge  der
       Produkte, wären  ein rein  technisches Problem, wenn da nicht der
       bekannte Umstand  wäre, daß auch Bauern nicht produzieren, um die
       Menschheit mit  guten Nahrungsmitteln  zu versorgen,  sondern für
       den   M a r k t   und wegen des Gewinns. Und die freie Marktwirt-
       schaft hat  in der  Landwirtschaft ihren besonderen Preis. In der
       Welt von  Angebot und Nachfrage kommt es zu der Verrücktheit, daß
       die naturgesetzlich bedingte - im Vergleich zur Industrie - lange
       Produktionszeit und nicht beherrschte Blödheiten des Wetters sich
       unangenehm bemerkbar  machen. Die  Preise halten  sich nicht  ans
       Wetter. Eine  allgemein gute Ernte bedeutet eben ein großes Ange-
       bot an  landwirtschaftlichen Produkten auf dem Markt und sinkende
       Preise. Umgekehrt,  umgekehrt. Doch  ist auch  das nicht  sicher,
       denn das  Wetter ist  eben nicht  der Grund  für  steigende  oder
       fallende Preise.  Diese sind,  wie auch  die Ernte ausfällt, ent-
       scheidend abhängig  von den  Konjunkturen der  Industrie und  der
       Nachfrage, die  sich daraus bestimmt. Und die steht zu Beginn des
       Produktionszyklus der Landwirtschaft keineswegs fest. Setzen eine
       Menge Bauern - was ja einleuchtet - wegen des hohen Preises eines
       bestimmten    Viehs     auf    dieses     und     tätigen     Er-
       weiterungsinvestitionen, so  können sie  nach Fertigstellung  des
       Produkts -  mit welchen  Giften sie  auch immer  das Wachstum be-
       schleunigt haben  - ihr  blaues Wunder  erleben.  So,  wegen  des
       Markts,  kommt  die  sogenannte  "Überschußproduktion"  zustande.
       Überschüsse, die  natürlich nicht  zu viel  sind, weil der "Magen
       begrenzt" ist - Esser fänden sich genug - , sondern weil sich mit
       ihnen kein lohnender Preis erzielen läßt.
       
       Das Grundeigentum - eine einzige Hypothek
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       Die Landwirtschaft  ist also abhängig von den Notwendigkeiten und
       den Launen  der Natur   u n d  der Industrie mit ihrer Nachfrage.
       So wird  ausgerechnet die  Natur, die  Grundlage und Mittel jeder
       Reichtumsproduktion, zum  Hindernis. Das  ist der  eine Grund für
       die Rückständigkeit  in der Produktivität  i m  V e r g l e i c h
       mit dem industriellen Sektor. Gerade die riesigen Produktivitäts-
       fortschritte in der deutschen Landwirtschaft, die das Bauernster-
       ben seit 1950 begleitet haben, belegen das. Zwar schafft das bäu-
       erliche Gewerbe weltmeisterliche Hektarerträge, aber eben pro Ar-
       beitskraft im  Jahr wesentlich  weniger an  Wert als  die anderen
       Wirtschaftssektoren. Und  auf dieses  Resultat der  Produktivität
       kommt es im Kapitalismus an.
       Der andere  Grund für  die ökonomische Besonderheit der landwirt-
       schaftlichen Produktion mitten im Kapitalismus entbehrt nicht ei-
       ner gewissen  Ironie im  Reich der  Freiheit der Marktkräfte. Das
       E i g e n t u m,   aus dem  aller Segen  für die  Person und auch
       noch seine  eigene Vermehrung kommen soll, stößt dem Bauern unan-
       genehm auf, obwohl er es hat. Für eine kostengünstige Produktion,
       um seine  Erzeugnisse mit  Gewinn oder überhaupt absetzen zu kön-
       nen, muß  er   r a t i o n e l l   produzieren. Dafür benötigt er
       Maschinen und  Mittel, die  die Fruchtbarkeit des Bodens erhöhen,
       was ein  Kapital voraussetzt,  das er  nicht hat.  Hätte  er  es,
       könnte er es auf seinem mickrigen Eigentum gar nicht anwenden, da
       die Bodenfläche  eine Produktion  auf großem  Maßstab und mit dem
       entsprechenden Maschinenpark  nicht zuläßt. Ebenso fehlt Kapital,
       um Grund  und Boden  dazukaufen zu  können als Grundlage für eine
       rationelle Produktion. Und gibt er etwa doch vorhandenes oder ge-
       liehenes Kapital aus, um neuen Boden dazuzukaufen, fehlt ihm das-
       selbe für  die Bewirtschaftung der jetzt größeren Bodenfläche. Er
       kann natürlich  eine Hypothek  aufnehmen auf seinen Dreck, was ja
       auch viele  Höfe, die es früher mal gab, gemacht haben, aber dann
       muß er  für sein  Eigentum sogar noch Zinsen zahlen. Zwei Drittel
       der bebauten  Fläche der  Bundesrepublik sind heute noch Eigentum
       ihrer Anwender.  Ein Drittel  wird heute  schon als Pachtland ge-
       nutzt. Der  Beweis dafür,  daß es auf das Vorhandensein von Kapi-
       tal, auf dessen Vermehrung, ankommt und nicht auf den Besitz sei-
       ner eigenen  Scholle. Aber  auch für  diese fortschrittlichen Be-
       triebe, die  sich mit Pachtverträgen eine Größe verschafft haben,
       die auf dem Markt mithalten und die kleineren Bauern fertigmachen
       können (daher  kommt ja wohl das neue Gelände), bleibt der Wider-
       spruch bestehen,  daß sie von ihrem Gewinn eine Grundrente berap-
       pen müssen,  bloß weil irgendein Depp - oder inzwischen eine Bank
       - Eigentümer von dem Grund ist.
       
       Agrarsubventionen: Zwang zur freien Konkurrenz
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       Weil  die   Bauern  mit  ihrem  eigentümlichen  Produktionsmittel
       'organische Natur'  für den  Markt produzieren  müssen und Grund-
       rente oder  Bodenpreis als weiteren Konkurrenten in ihre Kalkula-
       tion einzubeziehen  haben, sind  die Bauern dauernd die geborenen
       Stiefkinder der  modernen kapitalistischen  Volkswirtschaft. Des-
       halb werden  sie vom Staat subventioniert, beherrschen politische
       Preise den  Agrarmarkt (auch  in den  USA, wo  die Agrarkultur am
       weitesten  fortgeschritten   ist).  Doch   ist   das   staatliche
       Unterstützungsprogramm nicht zu verwechseln mit der Sicherung der
       "Lebensfähigkeit" der  Bauern oder dem Erhalt der bäuerlichen Fa-
       milienbetriebe. Durchgefüttert wird da kein Hof. Das beständige
       Höfesterben steht  keineswegs im  Widerspruch  zu  dem  staatlich
       festgelegten "Ziel,  eine bäuerlich  betriebene Landwirtschaft zu
       erhalten" (Regierungserklärung  1949, 1950  ... 1989). Die Tatsa-
       che, daß  europäische Agrarprodukte konkurrieren müssen mit jenen
       aus den  Ländern, die klimatisch günstigere Bedingungen aufweisen
       und vom  Imperialismus eigens als billige Rohstoff- und Nahrungs-
       mittel-Lieferanten hergerichtet worden sind, war den hiesigen Po-
       litikern stets  Anlaß, die   R a t i o n a l i s i e r u n g  der
       einheimischen Landwirtschaft  voranzutreiben.  Kein  kapitalisti-
       scher Staat läßt es zu, bloß wegen bestimmter Konkurrenznachteile
       seine Landwirtschaft  als Geschäftssphäre  abzuschreiben und sich
       für die  natürlichen Grundlagen  seiner Ökonomie ganz vom Ausland
       abhängig zu machen.
       So war  es dem  Staatenbündnis EG  von jeher ein Anliegen, seiner
       industriellen und militärischen Potenz eine leistungsfähige Land-
       wirtschaft an  die Seite  zu stellen. Das geht natürlich nur über
       kapitalintensiven und  großflächigen Anbau  - also  über die Ver-
       nichtung von  Kleinbauern. Die Aufgabe, der sich die Agrarpolitik
       der   EG   verschrieben   hat,   bestand   und   besteht   darin,
       i n n e r h a l b   der  europäischen  Landwirtschaft  eine  ver-
       stärkte Konkurrenz  in Gang zu setzen bei gleichzeitigem "Schutz"
       ihrer Bauernschaft  vor der   W e l t m a r k t konkurrenz. Durch
       staatliche Subventionen und den Aufkauf von Überschüssen wird ein
       Preisniveau über den Weltmarktpreisen garantiert, an dem sich der
       Bauernstand sortiert  in rentable  und nicht überlebensfähige Be-
       triebe. Butterberge  und Milchseen  sind die  Folge dieses Zwangs
       zur Produktivitätssteigerung  bei politisch garantierten Preisen.
       Von den  Wirkungen auf  die  Q u a l i t ä t  der Produkte einmal
       ganz abgesehen.
       Hieraus ergibt  sich zum  einen der beständige "Anpassungsbedarf"
       der Interventionspreise,  Quotenregelungen etc.  an  den  jeweils
       veränderten Konkurrenzstand.  Zum anderen  der ewige  Streit zwi-
       schen den beteiligten Nationen um die Kosten, die ihnen aus ihrer
       gemeinsamen Agrarpolitik entstehen. Und immer wieder Verkäufe zur
       Senkung der  Lagerkosten ohne  Störung des "Preisgefüges" auf dem
       EG-Markt wie  die 100.000 t "Butter für den Kreml". Zu den ebenso
       selbstverständlichen Folgen gehören immer wieder einmal randalie-
       rende Trakorfahrer  und die Ansprüche, die aus dem Bauernlegen an
       die Sozialkassen  erwachsen. Haupt- und Lieblingsthema für natio-
       nalistische Gemüter sind aber vor allem die
       
       Beiträge an die EG-Kassen
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       Die in der BRD eifrig gepflegte Beschwerde, daß "wir mittlerweile
       die einzigen  Nettozahler in  der EG sind" - was sich dem Umstand
       verdankt, daß die BRD innerhalb der EG die erfolgreichste Export-
       nation ist, von dem gemeinsamen Markt also am meisten profitiert,
       und ihr  abzuführender Mehrwertsteueranteil daher am größten aus-
       fällt -,  ändert nichts  daran, daß  a l l e  EG-Staaten der Auf-
       fassung  sind,   von   den   gegenüber   Drittländern   erhobenen
       "Agrarabschöpfungen", sprich:  Zöllen, stünde  gerade   i h n e n
       sehr viel mehr zu.
       So sind  die Agrarverhandlungsrunden  und -ministertreffen längst
       zur Dauereinrichtung  geworden, bei  denen die Kiechles der zwölf
       EG-Staaten die  Interessen ihres  Nationalhaushalts als das ihrer
       einheimischen Bauernschaft ausgeben. Diese ist dann nachher jedes
       Mal wieder  sehr enttäuscht und wird bisweilen "radikal" und lädt
       den Herrn Minister vorm nächsten Landwirtschaftstreffen aus.
       Die Öffentlichkeit  gibt sich  derweilen der  albernen Sorge hin,
       die über  den gemeinsamen Markt und die NATO zur Weltmacht aufge-
       stiegene EG könne an der "Rindfleischfrage" zerbrechen - und for-
       dert ansonsten  genau das,  was ihre  Politiker auch  meinen, daß
       nämlich das Ganze doch weniger kosten sollte.
       Und die  "Verbraucher", die  für miese  Produkte den Preis zahlen
       müssen, der  verlangt wird,  überziehen die Bauern mit gehässigem
       Neid und  regen sich  darüber auf, daß den Russen "unsere" Butter
       mit "unseren" Steuergeldern nachgeschmissen wird.

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