Quelle: Archiv MG - WESTEN OEKONOMIE LANDWIRTSCHAFT - Von der Ideologie des Landlebens


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DIE BAUERNFRAGE

Über den nationalen Nährstand erfährt man regelmäßig Meldungen der folgenden Art: - Bauerneinkommen um 10% gesunken, 20% Düngesteuer, Absatzförde- rungsbeiträge, Weingesetz führen zu weiteren finanziellen Einbu- ßen, steigende Abwanderungsraten bzw. 'Bauer als Nebenerwerb' - Weinsee, Butterberg, Getreidehalde, Milchsee, Käseberg etc.; - "In Österreich gehen ja nicht die Arbeiter auf die Straße, son- dern Ärzte und Bauern" (Benya), "Traktoren blockieren Grenzüber- gänge". Daran kann einem einiges auffallen: 1. Der Erfolg kapitalistischer Landwirtschaft mißt sich weder an der Quantität, geschweige denn an der Qualität seiner Produkti- onsergebnisse. Die agriko-geographischen Kompositiva drücken vielmehr das Ärgernis aus, das ein Produktionsüberschuß dar- stellt, der sein Maß wiederum nicht in den Bedürfnissen hat (dann wäre er ja nicht weiter schlimm), sondern an den mit dem Angebot sinkenden Preisen: Ernteerfolge als Geschäfts s t ö r u n g. 2. Die Bauern sind offensichtlich eine Sorte Privateigentümer, die mehrheitlich von ihrem Eigentum nicht reich werden, sondern für dessen Erhalt regelmäßige finanzielle Einbußen in Kauf neh- men. Darin scheint dieser Stand recht eigen, denn kein Geschäfts- mann ist normalerweise ein solcher Fanatiker seines Privateigen- tums, daß er sich für dieses g e g e n den Geschäftserfolg ent- scheidet. 3. Bauern dürfen sich in steter Regelmäßigkeit mit ihren Trakto- ren und Vieh an öffentlichen Orten in einer Weise aufführen, wie es der ÖGB seinen Arbeiter für unfein erklärt. Zurecht sind sich die Politiker darin sicher, daß die mit Traktoren demonstrieren- den Bauern ihre geballten Pferdestärken nicht dafür benutzen, der politischen Fürsorge und Verantwortlichkeit von Minister und Par- lament vor den Karren zu fahren. Auch wenn bisweilen ein Polizi- stenkiefer ob des Zorns der Naturburschen dran glauben muß, bleibt alles im Rahmen demokratisch erlaubter Opposition: ein bisserl finanzielle Entschädigung für eine 60-Stunden-Schwerar- beitswoche, bitte! Im folgenden eine Aufklärung über die Gründe des harten Bauernle- bens: Betriebskapital Familie ----------------------- Die Früchte der Natur werden auch im modernen Industriestaat Österreich vorwiegend in "bäuerlichen Familienbetrieben" entwic- kelt. Das besagt mehr als die Banalität, daß sich ein kapitali- stisches Unternehmen in Privatbesitz befindet. Nicht nur setzt der Unternehmer in Sachen Landwirtschaft seine eigene Arbeits- kraft ein; auch seine Frau und die natürliche Verlängerung der Kraft der beiden, die Kinder, ja sogar Opa und Oma - sie alle packen selbstverständlich mit an. Und das nicht zu knapp: Ar- beitszeiten von 6-20 Uhr - zu Erntezeiten natürlich länger - sind normal. Urlaub ist für die meisten Bauern ein Fremdwort. Offenbar kommt nur so durch die Produktion in Ackerbau und Viehzucht ein einigermaßen 'lohnendes' Einkommen zustande, wobei die Frage, ob sich das wirklich lohnt, noch vor der Entscheidung, welche Preise der Bauer mit seinen Produkten auf dem Markt erzielt, ziemlich unkapitalistisch beantwortet wird. Die Eigentümer und Unternehmer des ländlichen Gewerbes sind ihre eigenen Lohnarbeiter und pfle- gen die ökonomische Borniertheit, die Kost der Arbeit von sich und der ganzen Familie bei der Bilanzierung ihres Einkommens nicht in Rechnung zu stellen. Zwischen Marktgesetzen und Naturschwankungen -------------------------------------------- An der Natur, durch deren Benutzung der Bauer seine Produkte her- stellt, kann es wohl kaum liegen, daß in Ackerbau und Viehzucht so viel Arbeit vergeudet wird und die Einkommen nicht vergleich- bar sind mit den Gewinnen industrieller Unternehmen. Die Rede- weise, daß man der Natur mühsam ihre Früchte "entreißen" müsse, hat längst ihre natürliche Begründung verloren. Daß Bodenfrucht- barkeit, Klima, Wind und Wetter im Ackerbau eine Rolle spielen und man sich in der Viehzucht nicht ganz darüber hinwegsetzen kann, daß Kälber und Ferkel erst geboren sein und dann auch noch wachsen müssen, bevor ein Kotelett oder eine Lende daraus wird, ist sicher der Fall. Dasselbe gilt für den Wein. Aber wo soll das Problem liegen? Der Einsatz von Naturwissenschaft und Technik in der Landwirtschaft ist längst so weit gediehen, daß die Besonder- heiten der Fruchtbarkeit, des Wachstumszyklus, der Reifungsdauer, ja sogar von Klima und Wetter keinen Grund mehr hergeben für das ökonomische Dauerproblem der Bauern. Fortschritte in der Land- wirtschaft, in Qualität und Menge der Produkte, wären ein rein technisches Problem, wenn da nicht der bekannte Umstand wäre, daß Bauern nicht produzieren, um die Menschheit mit guten Nahrungs- mitteln zu versorgen, sondern für den Markt und wegen des Ge- winns. Und die freie Marktwirtschaft hat in der Landwirtschaft ihren besonderen Preis. In der Welt von Angebot und Nachfrage kommt es zu der Verrücktheit, daß die naturgesetzlich bedingte - im Vergleich zur Industrie - lange Produktionszeit und (noch) nicht beherrschte Blödheiten des Wetters und Klimas sich unange- nehm bemerkbar machen. Die Preise halten sich nicht ans Wetter, oder vielleicht doch? Gute Ernte - große Menge - niedriger Preis; schlechte Ernte - geringe Menge - hoher Preis. Doch ist auch dies nicht sicher, man darf nämlich die Konjunkturen der Nachfrage der Industrie nicht vergessen. Setzen eine Menge Bauern - was ja ein- leuchtet - wegen des hohen Preises eines bestimmten Viehs auf dieses und tätigen Erweiterungsinvestitionen, so können sie nach Fertigstellung des Produkts - mit welchen Giften sie auch immer ihr Wachstum beschleunigen und/oder Produktions- und Lagerzeit verringern - ihr blaues Wunder erleben. So, wegen des Markts - und nicht wegen des "Marktdirigismus", also Eingriffen i n den Markt, kommt die sogenannte "Überschußproduktion" zustande. Über- schüsse, die natürlich nicht zu viel sind, weil der "Magen be- grenzt" ist - Esser fänden sich genug -, sondern weil sich mit ihnen kein lohnender Preis erzielen läßt. Das Grundeigentum eine einzige Hypothek --------------------------------------- Die Landwirtschaft ist abhängig vom Markt, von der Industrie, die den Markt bestimmt, sodaß ausgerechnet die Natur, die Grundlage jeder Reichtumsproduktion, zum Hindernis wird. An diesem Umstand ändern auch die diversen staatlichen oder privaten Abnahmegenos- senschaften selbst dann nichts, wenn sie wie etwa beim Getreide 60% der nationalen Produktion zu einem fixen Getreidepreis den Bauern abnehmen. Der Preis ist dann eben über die gesamte Ernte- zeit den "marktwirtschaftlichen Besonderheiten" gemäß und in Er- wägung des horrenden "Getreideüberschusses", entsprechend niedrig kalkuliert. Diese Abhängigkeit vom Markt ist der Grund für die Rückständigkeit in der Produktivität im Vergleich mit dem indu- striellen Sektor. Selbst die durch Felderzusammenlegungen und Mo- dernisierung der Produktion erzielten Produktivitätsfortschritte der heimischen Landwirtschaft, die das Bauernsterben der letzten 30 Jahre begleiteten, belegen das. Absolut gesehen, schafft das bäuerliche Gewerbe pro Arbeitskraft im Jahr nicht einmal halb so viel an Wert wie die anderen Wirtschaftssektoren. Und das ist nun mal die Produktivität, auf die es im Kapitalismus ankommt. Der andere Grund für die ökonomische Besonderheit der landwirt- schaftlichen Produktion mitten im Kapitalismus entbehrt nicht ei- ner gewissen Ironie im Reich der Freiheit der Marktkräfte. Das E i g e n t u m, aus dem aller Segen für die Person und auch noch seine eigene Vermehrung kommen soll, stößt dem Bauern unan- genehm auf, obwohl er es hat. (Was freilich noch nicht dazu ge- führt hat, daß die Bauern ihren Stolz darauf aufgegeben haben, freie Bauern mit eigenem Grund und Boden zu sein und an ihrer Scholle zu hängen, bis sie sterben, oder die wirtschaftliche Not sie zur Aufgabe zwingt.) Für kleinere und mittlere Betriebe ist es der Mangel an Grund und Boden, weshalb sie nicht mithalten können. Und dieser hat, noch bevor jemand Arbeit reingesteckt hat, nur weil es einen Eigentümer darüber gibt, einen Preis. Um dazukaufen zu können, damit eine rationellere und im Verhältnis zum notwendigen Maschinenpark lohnende Produktion geht, fehlt das Kapital. Zwar kann der freie Besitzer von Grund und Boden sich ausrechnen, was sein schwerer oder leichter Erdengrund wert ist, aber als Kapital; um die Produktivität zu erhöhen, fehlt ihm diese Summe. Er kann natürlich eine Hypothek aufnehmen auf seinen Dreck, was ja auch viele Höfe, die es früher einmal gab, gemacht haben: aber dann muß er für sein Eigentum sogar noch Zinsen zahlen. Die be- ständige Zunahme von Pachtland ist der Beweis dafür, daß es eben auf Besitz von Kapital, auf dessen Vermehrung, ankommt und nicht auf den Besitz seiner Scholle. Aber auch für diese fortschrittli- chen Betriebe, die sich mit Pachtverträgen eine Größe verschafft haben, die auf dem Markt mithalten und die kleineren Bauern fer- tigmachen kann (daher kommt ja wohl das neue Gelände), bleibt der Widerspruch (kapitalistisch natürlich ganz okay, weil ja alles seinen Preis hat) bestehen, daß sie von ihren Gewinnen eine Grundrente berappen müssen, bloß weil irgendein Depp - oder in- zwischen eine Bank - Eigentümer von dem Grund ist. Agrarsubventionen: Zwang zur freien Konkurrenz ---------------------------------------------- Weil die Bauern mit ihrem eigentümlichen Produktionsmittel 'organische Natur' für den Markt produzieren müssen und Grund- rente oder Bodenpreis als weiteren Konkurrenten in ihre Kalkula- tion einzubeziehen haben, sind die Bauern dauernd die geborenen Stiefkinder der modernen kapitalistischen Volkswirtschaft. Des- halb werden sie vom Staat subventioniert, beherrschen politische Preise den Agrarmarkt (auch in den USA, wo die Agrikultur am wei- testen fortgeschritten ist.) Doch ist das staatliche Unterstüt- zungsprogramm nicht zu verwechseln mit der Sicherung der "Lebensfähigkeit" der Bauern oder dem Erhalt der bäuerlichen Fa- milienbetriebe. Durchgefüttert wird da kein Hof. Seit Mitte der 50-er Jahre beweisen Landflucht, Abwanderung in andere Erwerbs- sparten und die Reduzierung der Höfe um mehr als ein Drittel die gar nicht natürlichen Härten eines einfachen Bauern lebens. 40% der heute noch existierenden bäuerlichen Betriebe haben den Über- gang zum "Nebenerwerbsbetrieb" gemacht, was nichts anderes heißt, daß sie für den Erhalt ihres Eigentums auch noch als Lohnarbeiter schuften. Wenn man vom Hof nicht mehr leben kann, von der Lohnar- beit aber auch nicht gerade besser, soll es eben die Kombination bringen. Das akkumuliert den nicht lohnenden und ruinierenden Einsatz der Arbeitskraft gewaltig. Bei Siemens, Elin, Voest und anderswo können echte Lohnarbeiter aus der Stadt an ihren von der Luft frischen Kollegen vom Land studieren, wovon die lohnabhängi- gen Hofbesitzer in Gesicht und Figur gezeichnet sind. Der Staat läßt sich seine Landwirtschaft etwas kosten. Die viel- beklagten Kosten sind freilich Unkosten, die wegen der Vorteile der sonstigen nationalen Wirtschaft gezahlt werden und gerade deshalb überhaupt nicht sinnlos. Für die Verbilligung der staat- lichen Unterstützungsprogramme sollen einerseits die Höfe konkur- renzfähig gemacht werden. Mit Landwirtschaftskrediten, Steuerver- günstigungen und gesetzlichen Erleichterungen in Sachen Pachter- werb wird die Vergrößerung und Kapitalkraft der Höfe gefördert. Auf der anderen Seite steht der Beschluß der Regierung, daß sie sich die Subventionierung der Bauern gerne verbilligen möchte. Insofern gibt es vor allem bei Getreide inzwischen finanzielle Anreize, die Produktion zu beschränken, bzw. ein System von Ab- satzförderungsbeiträgen, wo die Bauern per Beitragspflicht für die Kosten des Geschäfts mit ihren Produkten mitaufkommen müssen. Das neue Weingesetz, das eine Hektarertragsbegrenzung vorsieht - dieser offensichtlichsten Form des Bauernlegens hat die schwarze Bauernpartei bislang noch die Zustimmung verweigert -, leistet ebenso wie die neue Milchabgabenordnung Sterbehilfe für eine Vielzahl kleiner und kleinster bäuerlicher Betriebe. Die derzeit ebenfalls diskutierten "Flächenstilllegungsprämien" sind ein wei- terer Versuch, die Kosten der "Überproduktion" zu mindern, indem man den Bauern für die N i c h t nutzung ihrer Äcker ein Armen- brot anbietet. So sehen die Maßnahmen für erfolgreiche und weniger erfolgreiche bäuerliche Konkurrenten aus. Das Ganze nennt sich "konti- nuierlicher Prozeß der agrarstrukturellen Anpassung". Der ideale Zweck ist die Schaffung von Höfen, die vor dem Markt bestehen können, der bei Preis und Angebot immer ausschließlicher vom produktiveren EG-Kapital bestimmt ist. Die bleibende Subven- tionierung soll lohnender werden. Ein Witz, daß dieses Programm unter Titeln wie "Dämpfung der Überschußproduktion" daherkommt. Auch wenn demnächst die Getreideproduzenten vermehrt - wie vorge- sehen - auf Eiweißfutterpflanzen bzw. Ölsaatenanbau umgestellt werden sollten - das Gegenteil ist die Folge: wenn mehrere grö- ßere Höfe mit entsprechend größerem Kapitaleinsatz der Natur auf die Sprünge helfen, ist für den Fortbestand der Berge, Seen und Halden garantiert gesorgt. Erst recht geht es bei diesen "Strukturverbesserungsmaßnahmen" keiner Sau um den Verbraucher. Zum Schluß noch zwei Anregungen: 1. Keine Sympathie für die Bauern, solange die nicht kapieren wollen, daß ihr arbeitsames Unternehmertum, mit dem sie ständig auf keinen grünen Zweig kommen, dem Segen der kapitalistischen Marktwirtschaft zu verdanken ist. 2. Wer gegen die Freie Marktwirtschaft nichts hat, der soll sich auch nicht über mit Gift hochgepäppelte Kälber, über "Marktdiri- gismus" künstlich aufregen, der angeblich "Milchseen" erzeugt und Milliarden verschleudert, während die Butter sündhaft teuer bleibt. Weil das Kapital und sein Markt, das Recht auf Eigentum die Ökonomie bestimmen, steht es mit der Landwirtschaft, den Nahrungsmitteln und den Preisen so, wie es steht. zurück