Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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DIE KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
Daß der Computer eine ziemlich atemberaubende Karriere als Ge-
schäftsmittel gemacht hat und noch immer macht, ist eine Sache.
Daß er gleichermaßen Karriere macht als Ideologieproduzent oder
richtiger: Berufungsinstanz einer Ideologie, ist eine andere Sa-
che, die eben wenig zu tun hat mit seinen technischen Qualitäten,
aber sehr viel mit der Sorte falschen Nachdenkens und Urteilens,
die der Gesellschaft, der er dient, nicht minder notwendig ist
als der Gebrauch natur- und ingenieurwissenschaftlicher Einsich-
ten. Gemeint ist die Behauptung einer "künstlichen Intelligenz"
(englisch: "artificial intelligence", kurz "AI"); versprochen
wird der Bau wahrer Denkmaschinen und eine Revolution unseres
Weltbildes.
Was da allerdings behauptet und dann auch wieder bestritten wird,
ist so neu gar nicht, sondern ein Hin- und Herwälzen all der
trostlosen Attribute für den menschlichen Geist, die der Stand-
punkt der Sorge um das Funktionieren des braven Staatsbürgers ge-
boren hat. Wer die Intelligenz als einen Mechanismus betrachten
will - das reicht von volkstümlichen Redensarten ("Schraube loc-
ker") bis zu allerlei hochtrabenden Ansätzen von Philosophen,
Psychologen, Linguisten usw., - feiert den Computer als den end-
gültigen Beleg. Da ist dann jedes Schachprogramm eine Vermehrung
unserer Kenntnisse über die Psychologie, als ob die überhaupt
vorgekommen wäre. Wer dagegen meint, Intelligenz brauche echte
Gefühlsbindungen, lebensgeschichtliche Erfahrungen oder soziale
Kontexte befleißigt sich der vulgärmaterialistischen Denunziation
des Elektronengehirns. Das besteht dann nur aus Schaltern, die
Strom fließen lassen oder sperren (bestehen tut der Mensch frei-
lich auch nur aus Wasser, Maggi und dergleichen), oder es bringt
nur hervor, was vorher in es hineingesteckt worden ist (was für
kein nützliches Gerät, noch nicht einmal für einen Kühlschrank
gilt).
Vom Rechnen
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Der Computer ist eine Rechenmaschine. Er unterscheidet sich zwei-
fach von früheren Geräten. Zum einen ist er eine automatische Re-
chenmaschine, d.h. er führt komplexe Rechnungen ohne menschlichen
Eingriff, einem zuvor festgelegten Programm folgend aus. Und des
weiteren ist er eine universelle Rechenmaschine, d.h. er kann
schlechterdings für jede Rechenaufgabe programmiert werden. Diese
beiden Eigenschaften, zusammen mit der elektronisch erreichbaren
Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit, bedingen seine erstaunliche
Anwendungsbreite, ändern aber nichts an seinem fundamentalen Cha-
rakter.
Das Rechnen kennt heute jeder zumindest als die schriftliche Be-
wältigung der Grundrechnungsarten für Zahlen.
"Dupliren lehret wie du ein zahl zweyfaltigen solt. Thu ihm also:
Schreib die zahl vor dich, mach ein Linien darunder, heb an zu-
forderst, duplir die erste Figur. Kompt ein zahl die du mit einer
Figur schreiben magst, so setz di unden. Wo mit zweyen, schreib
die erste; die ander behalt im sinn. Darnach duplir di ander, und
gib darzu, das du behalten hast, und schreib abermals die erste
Figur, wo zwo vorhanden, und duplir fort bis zur letzten, die
schreibe ganz aus." (A. Riese, Rechenbuch, 1574)
In solchen Algorithmen, hier einem alten Rezept zum Verdoppeln
einer Zahl, erscheint das Rechnen durchaus schon als ein materi-
elles Geschäft. Aus Zahlzeichen, niedergeschriebenen Folgen von
Ziffern, werden schrittweise ander Zahlzeichen gewonnen. Die gei-
stige Leistung des Rechnen besteht wesentlich in Aufmerksamkeit,
in der peinlichen Beachtung eines feststehenden Verfahrens, auf
dessen aktuellen Stand er aufpaßt ("eins im Sinn") und dessen
fällige Schritte er ebenso auswendig, d.h. ohne zu denken, weiß
wie die unterwegs einzusetzenden Teilresultate ("Kleines Einmal-
eins"). Die beiden typischen Fehlerquellen sind deshalb Mängel
des Schriftbildes (z.B. schlampiges Ausrichten von Zahlenkolon-
nen) und ein Erlahmen der Aufmerksamkeit, in dem, soweit es sich
nicht um äußere Störungen handelt, das rechnende Subjekt gegen
die ihm zugemutete Stupidität rebelliert, also etwa nach Abkür-
zungen der Routine sucht oder gleich zum Fenster hinaus denkt.
Man kann sich gegen solche Zwischenfälle durch kariertes Papier,
Durchstreichen erledigter Partien oder Fixieren von Zwischener-
gebnissen zu wehren suchen; die vernünftige Lösung ist es, dieses
Geschäft an einen Mechanismus zu übertragen.
Eine solche Rechenmaschine ist nicht sonderlich verschieden von
einem Gerät, das beispielsweise Pullover strickt. Das Resultat
aber, wie es auf dem Papier steht, befriedigt kein materielles
Bedürfnis; die Umwandlung von Zahlzeichen in andere Zahlzeichen
hat die Zahlen selbst, d.h. Gedanken, zum Zweck. Die volkstümli-
che Bewunderung einer Rechenmaschine als intelligent, vergleich-
bar der naiven Redensart von einem "schlauen Buch", übersieht,
daß die Schlauheit ganz auf die Seite des Benutzers fällt, dem
das Gelesene etwas sagt. Die Zahlzeichen, die der Mechanismus
transformiert, sind für ihn eben überhaupt keine Zeichen; sie
sind materielle Dinge oder Zustände von solchen, beispielsweise
Zahnradstellungen, die auf ganz materielle Weise, dem zweckmäßi-
gen Bau der Maschine folgend, andere Zahnradstellungen bewirken.
(Das ist dann auch der Unterschied zwischen einem menschlichen
und einem mechanischem Rechner, selbst wenn sie analoge Verfahren
verwenden: Der Mensch braucht für jeden Schritt des Algorithmus
seinen Kopf, weshalb er die Sache auch erst lernen und zur Ge-
wohnheit machen muß.) Das wahre Verhältnis von Intelligenz und
Rechenmaschine ist also dies, daß die Maschine für die Intelli-
genz fungiert; insofern der Mechanismus Repräsentanten für Gedan-
ken manipuliert, ist er nicht intelligent, sondern ein einziger
Verweis auf Intelligenz außerhalb seiner Operationen.
Soweit nun eine Maschine Kopfarbeit ersparen kann, ist damit
zugleich der Gegenstand dieser Kopfarbeit als kombinatorisch cha-
rakterisiert. Daß die Intelligenz ganz allgemein sich Zeichen
schafft und gebraucht, heißt eben noch lange nicht, daß das Ge-
schäft der Intelligenz durch ein geschicktes Operieren mit dem
bloßen Zeichenmaterial, durch ein Kalkül (Spiel mit "Steinchen")
ausgeführt werden kann. Das naheliegende Anwendungsfeld solchen
Rechnens bieten die Zahlen, also Denkinhalte, deren Prinzip die
ganz abstrakte und äußerliche Beziehung ist, ein Zusammenfassen
und Trennen, Prüfen auf Gleichheit und Ungleichheit. Bei den Zah-
len macht die Schwierigkeit, den begriffslosen Inhalt festzuhal-
ten, eine sachliche Darstellung absolut notwendig. Die Entwick-
lung eines Zeichensystems, das Zahlen nicht nur für den Verstand
zu fixieren, sondern auch die ihnen eigentümlichen Operationen
auszuführen erlaubt, ist ein historisch bedeutender, allerhand
Einsicht in die Arithmetik einschließender Schritt; Vgl. die Un-
geschicklichkeit der römischen Zahlen. Die mathematische Wissen-
schaft führt dann in ihrem Fortschritt auf viele andere Gedanken-
dinge (Gleichungen, Funktionen usw.), die dem Rechnen zugänglich
sind und es erfordern, und sie entwickelt dafür Zeichensysteme
und Verfahren. Der Erfolg des Computers, unter dessen Anwendungen
die eigentlich numerischen Aufgaben heute nicht mehr dominieren,
beruht auf der andauernden Entdeckung, wie viele nützlichen Tä-
tigkeiten, auch solche mit materiellem Endzweck, sich auf ein
Rechnen zurückführen lassen. Dem Benutzer eines Textsystems mag
es nicht bewußt sein: befaßt ist er mit einer Art Algebra, deren
Objekte Buchstabenfolgen und deren Operationen Einfügen, Löschen,
Vergleichen u.ä. sind, und die genausogut Gesetze kennt wie z.B.
die Arithmetik.
Die AI-Doktrin
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Vom Rechnen, das Gedanken zum Zweck hat, aber durch die Gegenwart
von Gedanken eher gestört als befördert wird, kann mit Fug und
Recht gesagt werden, daß es sich selbst vom Denken unterscheidet.
Das theoretische Programm der AI, die Identifizierung des Denkens
mit der Leistung von Rechenmaschinen, beginnt deshalb mit einem
geistigen Gewaltakt, der jede Erfahrung von, jedes Wissen über
Rechnen und Denken ein für allemal durchstreicht. Die Magna
Charta der AI ist der vielzitierte Turing-Test. (Der Engländer A.
Turing war ein Mathematiker und Vertreter der Formalen Logik, der
für das Konzept der universellen Rechenmaschine bedeutende Vorar-
beit leistete.) Es handelt sich dabei um ein fiktives Experiment,
dessen Beschreibung weniger zum Zweck seiner Ausführung als zur
Normierung der Frage "Can machines think?" erfolgt:
Man stelle sich ein Ratespiel vor, bei dem der Spieler mit zwei
Versuchspersonen, einem Mann A und einer Frau B, über ein anony-
misierendes Medium, etwa eine Fernschreibeinrichtung, kommuni-
ziert. Der Spieler soll durch gezielte Fragen, die von den Ver-
suchspersonen wahrheitsgemäß oder mit der Absicht der Täuschung
beantwortet werden herausbekommen, wer welches Geschlecht hat.
"Wir fragen jetzt: 'Was wird passieren, wenn eine Maschine die
Rolle von A in diesem Spiel übernimmt?' Wird der Fragesteller
sich dann genau so oft täuschen, wie wenn das Spiel mit Mann und
Frau gespielt wird? Diese Fragen ersetzen die ursprüngliche
Frage, 'Können Maschinen denken?'." (A. Turing, Computing Machi-
nery and Intelligence, 1950)
Dieses Vorhaben ist befremdlich. Rechenmaschinen sind wohldurch-
dachte Artefakte, und was das Denken angeht, so verfügt ein jeder
über reichlich Material: Es ist nicht einzusehen, warum man Ver-
suche anstellen sollte, um das Verhältnis beider zu klären. Umge-
kehrt: Wer hier ein Experiment fordert, der hat nicht eine Ein-
sicht, sondern ein Eingeständnis im Sinn. Er will nicht Meinun-
gen, die er für falsch hält, widerlegen oder eine These beweisen,
sondern den Verstand in die Enge treiben. Eine wissenschaftliche
Frage soll ausgerechnet dadurch entschieden werden, daß einer ge-
nügend oft der Täuschung überführt wird und klein bei gibt.
Es wird eben nicht gesagt, dies ist die Intelligenz und nicht die
Maschine, und jetzt überlegen wir mal. Vielmehr wird, wie bei ei-
nem Ratespiel um Mann und Frau, ein Zustand der Unwissenheit
künstlich hergestellt. Das eigentliche Versuchskaninchen ist dann
der Experimentator selber; ob er diese Unwissenheit überwinden
kann, soll er dartun. Bloß: Was wäre mit seinem Scheitern, wenn
es nicht zustande käme bewiesen? Wenn es der Versuchsperson nicht
gelingt, Computer und Mensch außer durch den Augenschein, also
nach ihrer Physis zu unterscheiden, so kann das eben sowohl an
der Ungeschicklichkeit wie an tatsächlicher Übereinstimmung lie-
gen. Vom Nicht-Unterscheiden-Können gibt es keinen richtigen
Schluß auf Unterschiedslosigkeit; im vorgeschlagenen Experiment
sind eben beide enthalten, beurteilendes Subjekt und beurteilte
Sache.
Was Turing propagiert, ist, daß Intelligenz von Maschinen bewie-
sen werden kann, ganz ohne daß man sagt, was Intelligenz ist. Das
ist ein Widerspruch, ja eine Unverschämtheit, gilt aber als die
beste Stütze des Glaubens an die Denkmaschine, was ja auch wie-
derum gerecht ist. Turings "imitation game" hat Epoche gemacht
unter Computerfachleuten. Sie fühlen sich seitdem berufen, Pro-
gramme zu schreiben, die nachahmen, was als Äußerung von Intelli-
genz gilt, die also einen Zuschauer, wenn er will, ein Stück weit
täuschen oder, richtiger, zur Bewunderung der schlauen-dummen Ma-
schine veranlassen können; es geht dabei zu wie im Zirkus, wenn
das Pferd rechnet und der Affe mit Messer und Gabel ißt. Spitzen-
reiter unter den Beispielen waren von Anfang an Denksportaufga-
ben, insbesondere Schach; man hat dem Computer auch schon die
Verrücktheit als untrügliches Zeichen für Intelligenz beige-
bracht, d.h. ihn Texte produzieren lassen, die von Psychiatern
als Äußerungen eines echten Paranoikers anerkannt wurden. (Das
sachliche solcher Bemühungen, Techniken und Grenzen, besprechen
wir später an wichtigeren Beispielen.)
Bei diesem Mitte der fünfziger Jahre aufblühenden Geschäft merkte
man sehr schnell, daß man sich auf nichts Einfaches eingelassen
hatte. Es ist eben ein Unterschied, ob man auf Basis einer mathe-
matischen Theorie über, sagen wir, eine Sorte Gleichungen Algo-
rithmen zu ihrer Lösung erfindet oder ob man einfach mal damit
anfängt, daß der Mensch dies oder jenes kann. Daher die dauernde
Klage, daß eine objektive Analyse des gewählten Problems schwer
ist oder nichts hergibt, daß aber umgekehrt dem Subjekt schlecht
abzulauschen ist, wie es bei der Bewältigung solcher Aufgaben ei-
gentlich tickt. Dieser mißliche Umstand führt nicht zu einer Er-
nüchterung, sondern zu einer erstaunlichen Neubewertung des eige-
nen Tuns: Wenn wir die menschliche Intelligenz nachahmen, aber
nicht wissen, was wir nachahmen, dann ist unsere Programmiererei
recht eigentlich die Erforschung der menschlichen Intelligenz:
"Die Entdeckung, daß die einzelnen Schritte beinahe allen intel-
ligenten menschlichen Verhaltens unbekannt waren, steht am Anfang
der AI als einer besonderen Abteilung der Computerwissenschaft.
AI-Forscher untersuchen verschiedene Formen des Rechnens und ver-
schiedene Weisen der Beschreibung des Rechnens nicht allein des-
halb, um intelligente Kunstprodukte zu schaffen, sondern auch in
dem Bemühen, Intelligenz zu verstehen. Ihre Grundposition ist,
daß das menschliche geistige Vermögen am besten mit den Mitteln
beschrieben werden kann, die wir erfinden, um AI-Programme zu be-
schreiben." (A. Barr, E. Feigenbaum, Handbook of AI, 1981)
Die Unterstellung, daß die Intelligenz überhaupt wie die Ausfüh-
rung eines Computerprogramms aus einer Folge von "detailed steps"
besteht, ist völlig unbegründet, ja zugegebenermaßen aus der ei-
genen Unwissenheit geboren. Die AI-Ideologie (manche Mitglieder
der Gemeinde verwenden selber dieses Wort) ist damit perfekt.
Während Turing Mensch und Maschine als black box behandelt, die
hinsichtlich ihrer Leistungen übereinstimmen sollen, lautet die
Behauptung jetzt, daß die beiden Kästen selber wesentlich iden-
tisch seien, und dabei glücklicherweise der eine, die Maschine,
gar nicht so schwarz, sondern recht gut zugänglich sei und des-
halb Aufschluß über den anderen, den Menschen liefern könne. Dies
ist ein Widerspruch; wenn der eine Kasten schwarz ist, läßt sich
die Übereinstimmung mit dem anderen nie dartun.
Das neue Selbstverständnis wurde zusammenfassend formuliert in A.
Newells und H. A. Simons Aufsatz "Computer Science as Empirical
Inquiry" (1976), dessen Titel die ganze Paradoxie der AI heraus-
stellt: Eine Ingenieurwissenschaft soll nicht bloß mit einer be-
stimmten Technologie befaßt sein, sondern eben dadurch ein ganz
anderes Stück Realität erforschen. (Die Amerikaner Newell und Si-
mon sind die eigentlichen Pioniere der AI; sie arbeiteten jahr-
zehntelang an einem Wechselbalg namens "General Problem
Solver".)
"Ein physikalisches Zeichensystem besteht aus einer Kollektion
von Dingen, Zeichen genannt, die physikalische Muster sind und
die als Bestandteile anderer Gebilde, Ausdrücke genannt, auftre-
ten können... Neben diesen Strukturen enthält das System eine
Kollektion von Prozessen, die auf Ausdrücke einwirken, um andere
Ausdrücke zu erzeugen...
Hypothese: Ein physikalisches Zeichensystem hat die notwendigen
und hinreichenden Mittel für allgemein intelligentes Verhalten."
(a.a.O.)
Was die Autoren als "physikalisches Zeichensystem" definieren,
ist ein komisch-dürftiges Bild von Bau und Funktionsweise einer
Rechenmaschine. Der wissenschaftliche Fortschritt besteht darin,
diesen Bau und diese Funktionsweise als hinreichend und notwendig
für Intelligenz zu behaupten: Der Glaube, daß Menschen intelli-
gent sein können, wird ergänzt um den Glauben, daß intelligente
Wesen Maschinen der beschriebenen Art sein müssen. Ein Argument
gibt es nicht; deshalb verkaufen die Autoren ihre Sache als
"empirische Hypothese" und spekulieren auf den Fortschritt der
Technik, als ob der den fehlenden Beweis erbringen könnte. Sie
schämen sich nicht, ihren Einfall sogar als "substantielle wis-
senschaftliche Hypothese" vom Schlage der Entdeckung der Zelle in
der Biologie, des Atoms in der Physik, der bakteriellen Krank-
heitserreger in der Medizin zu behaupten.
Dabei ist die Vorstellung eines "physikalischen Zeichensystems"
ein Widerspruch in sich. Zeichen sind Dinge, die etwas anderes
vorstellen als sie selber sind: Soweit Zeichen physische Wirkun-
gen erleiden oder ausüben können, tun sie dies nach ihrer eigenen
physischen Beschaffenheit und nicht nach ihrer Bedeutung. Wenn
also Newell und Simon "Bezeichnung" wie folgt definieren, so ver-
fehlen sie vor lauter Interesse an einem physikalischen Zusammen-
hang die Eigenart des Zeichens:
"Ein Ausdruck bezeichnet ein Objekt, falls, bei Vorliegen des
Ausdrucks, das System entweder das Objekt beeinflussen oder sich
seinerseits in Abhängigkeit von dem Objekt verhalten kann."
(a.a.O.)
Eine solche Macht über die Dinge (oder umgekehrt) ist mit dem
Zeichen aber nicht gegeben; außer im Aberglauben, in Magie, Al-
chemie oder Astrologie!
Von der Freiheit der Wissenschaft
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Natur- und Ingenieurwissenschaften sind ein Erfordernis der kapi-
talistischen Produktionsweise; sie lassen sich selber aber kaum
als Geschäft betreiben. Denn die fleißigste Forschermannschaft
kann nicht garantieren, daß sie überhaupt ein Ergebnis zustande
bringt, geschweige denn ein nützliches, gar dem Konkurrenzerfolg
eines speziellen Unternehmens auf den Leib geschneidertes. Der
Staat finanziert deshalb die Wissenschaften und organisiert sie
als allgemeine Vorraussetzung der Profitmacherei getrennt von je-
dem besonderen Interesse. Diese Freiheit zu forschen wird dann
von den Beteiligten konsequent auch nie nur so verstanden, daß
sie sich unbekümmert und vollen Herzens ihrem Lieblingsthema,
seien es Kartoffelkäfer, Benzolringe oder Primzahlen, hingeben
dürfen. Sie stellen allemal die Sinnfrage, was in Form von Re-
klame auch ein Erfordernis der akademischen Konkurrenz um Karrie-
ren und Laborausstattungen geworden ist. Das Bedürfnis, der eige-
nen täglichen Tüftelei ein dickes 'Wozu' anzukleben, setzt lauter
illusorische Zweckbestimmungen in die Welt, in denen sowohl der
wissenschaftliche Inhalt als auch die Logik potentieller Nutznie-
ßer gründlich verfremdet erscheint. Da wird das wirtschaftliche
Überleben der Nation vom Gedeihen speziell des eigenen Fachgebie-
tes abhängig gemacht, obwohl sich das heimische Kapital dumm und
dämlich verdient mit japanischen Bauteilen, amerikanischem know-
how und einem bißchen Währungsspekulation. Oder da wird eine ganz
unwissenschaftliche Alleskönnerschaft reklamiert; man will wieder
das Prinzip entdeckt haben, das die Welt im Innersten zusammen-
hält, oder ein Verfahren, und dies ist immer noch Spitze, den Ho-
munculus zu machen, sei es molekularbiologisch, computertechnisch
oder wer weiß wie demnächst.
Die künstliche Intelligenz wurde unter den Fittichen des amerika-
nischen Verteidigungsministeriums ausgebrütet und hochgepäppelt.
Es ist dies überhaupt die größte und wichtigste Institution der
freien Wissenschaft, und Leute mit Erfahrungen geraten ins
Schwärmen:
"Ich meine, daß ein guter Teil des früheren Erfolgs von RAND
(Denkfabrik des Militärs) auf das Forschungsverständnis der Luft-
waffe zurückgeht, die zur RAND-Leitung sagte: 'Hier ist ein Sack
Geld, gehe hin und gib es zum Wohle der Luftwaffe aus.' Und dann
teilte die RAND-Leitung den Sack auf in eine Reihe kleiner
Säcke... In einer solchen Umgebung kann man Fehlschläge decken,
und folgerichtig war man viel mehr bereit, auf unsichere Vorhaben
zu setzen, die vielleicht eine Erfolgschance von 1:10 hatten...
Diese Strategie funktioniert nur, wenn man sehr gute Leute hat,
und in seinen Anfängen zog RAND einige sehr gute Leute an, weil
das Verfahren ziemlich einzigartig war. Und nachdem man erst ein
paar gute Leute hatte, konnte man leicht mehr kriegen." (P. Mc-
Corduck, Machines who think, 1979)
In den ersten gut zwei Jahrzehnten ihrer Existenz fristete die AI
eine wohldotierte Randexistenz. Sie produzierte Doktorarbeiten
und akademische Querelen, aber weder Waffensysteme noch Profit
und wurde von der Mehrzahl der Computeringenieure als
"praxisfern" verachtet. Das änderte sich schlagartig Anfang der
achtziger Jahre, als Japan einen nationalen Kraftakt an Forschung
beschloß, der die auf dem Computersektor dominierenden USA links
überholen sollte und dazu voll auf AI setzte. Der Grund für diese
Wahl ist wohl einfach der, daß die Initiatoren die AI-Doktrin
glaubten und es für die Chance des Jahrhunderts hielten, daß die
Sache im Ursprngsland bisher so wenig genutzt wurde.
"Japan wird inzwischen weltweit als ökonomische Macht angesehen.
Wenn wir deshalb überlegen, in welche Richtung sich unsere Indu-
strie entwickeln soll, so wird klar, daß wir nicht länger den
besser entwickelten Ländern hinterherlaufen müssen, sondern Maß-
stäbe der Führerschaft und Kreativität in Forschung und Entwick-
lung zu setzen beginnen sollten...
Mit diesem Projekt spielt Japan eine weltweit führende Rolle in
der Computer-Technologie. ...Der Computer der fünften Generation
wird bei der Lösung sozialer Engpässe helfen, beispielsweise dem
Energieproblem oder dem Problem einer altenden Gesellschaft. Er
wird ebenfalls als Motor im industriellen Bereich wirken ...
Durch die Förderung von AI-Forschung sollte sich ein besseres
Verständnis der Mechanismen des Lebens herstellen lassen." (T.
Moto-oka, Fifth Generation Computer Systems: Challenge for Know-
ledge Information Processing Systems, 1981)
Die engeren technischen Ziele des Projekts sind nicht glaubwürdi-
ger als dieses Menschheitsbeglückungsprogramm:
"Die Intelligenz-Kapazität von Computern muß in dem Umfang ge-
steigert werden, daß sie die Umwelt erfassen können...
...urteils- und entscheidungsfähig sind...
...unsere Gedanken verstehen und entsprechend antworten können...
...automatisch in mehrere Sprachen übersetzen...
...das Wissen, das der Mensch über Jahrhunderte hinweg angehäuft
hat, gespeichert und effektiv genutzt werden kann." (a.a.O.)
Der nächste Effekt dieser durch reichlich Yen substantierten Flö-
tentöne war, daß die imperialistische Konkurrenz dasselbe be-
schloß und den Topf mehrfach aufdoppelte; in den USA gibt es
seitdem eine "Strategic Computing Initiative", und seitens der EG
einen "European Strategic Plan for Research in Information Tech-
nology", die ebenfalls heftig auf AI spekulieren. Und gemacht
wird in all diesen Projekten auch etwas, wenn auch nicht genau
das, was die illusorischen Titel besagen. Erstens führt auch die
Suche nach Denkmaschinen zu besseren Chips, leistungsfähigerer
Grundsoftware, Rechnernetzen etc., d.h. der "mainstream" der Com-
putertechnologie wälzt sich unter diesem Vorzeichen um so schnel-
ler fort. Zweitens aber findet innerhalb der Anstrengungen, die
zugunsten von Turings "imitation game" und Newell und Simons
"cognitive science" unternommen wurden, eine Sortierung statt: Da
gibt es durchaus ein paar verheißungsvolle Ansätze, mechanische
Leistungen des Geistes zu verselbständigen und, wie früher mit
dem Zahlenrechnen geschehen, auf Maschinen zu übertragen.
"Ob solche Entwicklungen zu einem besseren Verständnis des Gei-
stes führen oder nicht, es ist jedenfalls klar, daß sie zu einer
neuen intelligenten Technologie führen, die dramatische Auswir-
kungen auf unsere Gesellschaft hat. Prototypische AI-Systeme ha-
ben schon Interesse und Begeisterung in der Industrie erweckt und
werden gegenwärtig komerziell entwickelt. Zu solchen Systemen
zählen Programme, die
1. schwierige Probleme in Chemie, Biologie, Geologie, Technik und
Medizin auf dem Niveau menschlicher Experten lösen.
2. Roboter steuern, die nützliche repetitive sensomotorische Auf-
gaben wahrnehmen,
3. Fragen beantworten, die in einem Teilsystem des Englischen
(oder anderer sogenannter natürlicher Sprachen) gestellt werden."
(Handbook of AI)
Im folgenden sollen diese drei Gebiete noch etwas näher betrach-
tet werden. Der Witz ist, daß praktikable Systeme die AI-Glei-
chung von Geist und Computer gerade nicht als bloß gleichgültig
erscheinen lassen, sondern der Sache nach wiederlegen.
Die Praxis der AI
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Angesichts der Inkongruenz von Rechnen und denken verwundert es
nicht, daß die AI eine Technik benutzt und kultiviert, die zwar
ein Rechnen ist, sich aber von dessen landläufigen Ausprägungen
durch einen Mangel an Zielstrebigkeit und Effizienz unterschei-
det: The work horse of AI is search. Egal, ob es sich um die Lö-
sung einer Schachaufgabe oder um das Austüfteln der Molekülstruk-
tur einer Chemikalie handelt, der typische Ansatz der AI ist ein
systematisches Raten und Ausprobieren, ein Generieren von Mög-
lichkeiten und Abgleichen mit den Bedingungen des Problems. Und
die keineswegs kleine Kunst und Anstrengung des AI-Programmierers
besteht darin, dies Grundmuster jeweils durch geeignete Repräsen-
tation, Suchstartegien und vor allem drastische Beschränkung des
Suchraums überhaupt praktikabel zu machen und auf den Rechner zu
bringen. (Die Vermehrung nackter Computerpower, Geschwindigkeit
und Speichervermögen, ist eine materielle Bedingung für den ge-
genwärtigen AI-Boom.)
Natur und Grenzen der AI treten an diesem speziellen Gebrauch der
Rechenmaschine noch deutlicher zutage. Zum einen geht es beim Ra-
ten auch dem Inhalt nach um ganz begriffsloses Zeug; was die De-
mokratie ist, läßt sich nicht erraten, wohl aber, wie der Kanzler
heißt und dergleichen. Zum anderen stellt das Verfahren, in dem
das Nichtwissen zum Ziel führt, durchaus Ansprüche an vorhandenes
Verständnis und Material; um ein Examen mit Glück zu machen, ist
auch Vorbereitung nötig. Beide Aspekte erweisen den Computer wie-
der als selber unintelligentes Werkzeug der Intelligenz. In der
beliebten Debatte, ob der Computer kreativ sei und etwas Neues -
ohnehin ist Neuheit das dümmste, weil bloß mit der Existenz be-
faßtes Lob einer Sache - schaffen könne, haben beide Seiten un-
recht: Die Domäne des Computers ist das Kombinieren. Wenn er, im
obigen Beispiel, schon zur Aufklärung komplizierter Molekülstruk-
turen und damit dem glücklichen Benutzer ohne weiteres zu einer
wissenschaftlichen Veröffentlichung verholfen hat, so hat nicht
die Maschine etwas erkannt, sondern die Erkenntnis ist auf dem
Punkt gewesen, wo ihr bloß noch die maschinenmäßige Knobelei ge-
fehlt hat.
Expertensysteme
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Das ist zur Zeit der größte Schlager der AI-Szene, prospektiver
Geschäftsartikel großer Firmen ebenso wie mancher Goldrausch-
Neugründung. Die Idee ist, die Arbeit teurer Fachleute durch ein
Programm zu ersetzen oder abzukürzen; als "Wissensverarbei-
tungskomponente" gehört die Sache zu allen AI-Anwendungen.
Geistige Arbeit, soweit nicht Ideologieproduktion, besteht heute
großenteils in der Anwendung vorhandenen Wissens. Wenn Mediziner
Infektionskrankheiten diagnostizieren, Versicherungsjuristen
Schadensfälle einordnen oder Maschinenbauer eine Kupplung nach
vorgegebenen Leistungsmerkmalen entwerfen, dann findet eine ganz
mechanische Subsumtion des vorliegenden Falles statt, eine Kombi-
nation von Indizien, ein Ausschließen von Alternativen. Man denke
an botanische Bestimmungsbücher, mit deren Hilfe sich auch der
Laie an Merkmalen entlang zum Hirtentäschelkraut vorarbeitet. Ex-
pertensysteme verfahren ähnlich, sind aber weniger systematisch
durchgebildet als klassische Bestimmungstabellen und leichter än-
der- und erweiterbar. Das Wissen wird repräsentiert durch einen
großen Haufen von Wenn-dann-Beziehungen, die ein Programm, Inter-
ferenzmaschine genannt, zu verketten sucht; unterwegs mag es den
Benutzer zum Abprüfen fälliger Bedingungen auffordern.
Die formale Logik läßt offenbar schön grüßen. Wie wenig deren An-
spruch, das Denken, damit es nicht länger in die Irre gehe, als
ein Rechnen zu rekonstruieren, gerechtfertigt ist, läßt sich auch
an solchen Expertensystemen ersehen. Sie unterstellen einen ver-
ständigen Benutzer, der sich über die allgemeine Natur der Gegen-
stände im klaren ist, die er identifizieren möchte. Wer sich mit
einem rostigen Nagel in der Hand ans botanische Bestimmungsbuch
wendet, wird sicher ein Stück weit kommen - Größe, Farbe, Fundort
hat auch das Stück Eisen -, aber dadurch auch bloß ein Stück in
die Irre gegangen sein. Die Klage des "knowledge-engineers", daß
seine Systeme leider keinen common sense haben und speziell nicht
die eigenen Grenzen kennen, ist konsequent, aber ungerecht: ken-
nen tun Experten-Systeme eben überhaupt nichts.
Sprach- und Bildverstehen
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Hier geht es um die Schnittstellen des Computers zu einer nicht
ganz für ihn präparierten Umwelt; er soll als Roboter auf die
wechselnde Gestalt eines Werkstücks reagieren oder als Auskunfts-
system einem ungeschulten Benutzer dienen können. Die Schwierig-
keiten, aus der bloßen Physik (Optik, Akustik) herauszukommen,
sind immens; beim Sprachverstehen setzt man meistens beim maschi-
nengeschriebenen Text an.
Einfache Sprachprogramme suchen lediglich nach Schlüsselwörtern,
deren Vorkommen dann eine Aktion, eben die Antwort, auslöst. (Das
berühmteste und bis heute in der Sphäre der Computerspiele nicht
totzukriegende Programm dieser Art ist "Eliza" alias "Doctor";
seine Überzeugungskraft rührt daher, daß es einen Gesprächsthera-
peuten nachäfft, also die eigene Gedanken- und Inhaltslosigkeit
durch seine angenommene Rolle überspielt.) Weil das einzelne Wort
nicht reicht, es könnte zum Beispiel negiert sein, hat sich die
AI der ohnehin kongenialen Linguistik in die Arme geworfen. Diese
verspricht, die Bedeutung eines Satzes über die Analyse seiner
"syntaktischen Struktur" zu gewinnen. Bloß ist es nicht möglich,
die Beziehung zwischen den Satzteilen allein an Äußerlichkeiten
wie Wortstellung oder Endungen zu klären, was von der Linguistik
in der Beschwerde über die "inhärente Mehrdeutigkeit natürlicher
Sprachen" zugestanden wird. Das ganze Unternehmen dreht sich des-
halb im Kreis, man muß erst den Satz verstehen, um ihn korrekt
gliedern zu können.
Praktisch durchbrochen und theoretisch bestätigt wird dieser Zir-
kel durch eine drastische Einschränkung der möglichen Bedeutung.
Das Programm nimmt hypothetische Klassifizierungen von Satzteilen
vor und schaut, ob es, gemessen am vorgegebenen Gesprächszweck,
widerspruchsfrei durchkommt. Es gibt praktikable Systeme für al-
lereinfachste Zwecke, Reiseauskunft, Hotelreservierung und der-
gleichen. Es ist keine Kunst, sie aufs Kreuz zu legen, aber das
wollen die Benutzer ja nicht; sie werden zu Computern ohnehin re-
den wie zu Ausländern.
Das Computer-Sehen geht ganz analog. (Schon dieser Analogie
könnte man den Unterschied zum eigentlichen Sprachverstehen und
Sehen entnehmen.) Es wird versucht, in ein Kamerabild eine Kol-
lektion von Helligkeitswerten, Linien zu legen und diese als Au-
ßenkanten, einspringende Kanten usw. eines geometrischen Körpers
zu klassifizieren, um dann auf dessen Gestalt und Ausrichtung zu
schließen. Solche Klassifizierung ist wieder ganz hypothetisch
und uneindeutig, es müssen ein bestimmter Typus von Objekt und
feste Beleuchtungsverhältnisse vorgegeben sein. Ein Roboter kann
mit solchen Vorrausetzungen leben, und auch die automatische
Luftbildanalyse, dies ist der wichtigste selbständige Zweck des
künstlichen Sehens, wird mit brauchbarem Erfolg russische Panzer
von russischen Traktoren unterscheiden können.
Roboter
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Techniker definieren Roboter so:
"Industrieroboter sind universell einsetzbare Bewegungsautomaten
mit mehreren Achsen, deren Bewegung hinsichtlich Bewegungsfolge
und -wegen bzw. -winkel frei programmierbar (d.h. ohne mechani-
schen Eingriff veränderbar) und ggf. sensorgeführt sind. Sie sind
mit Greifer, Werkzeugen oder anderen Fertigungsmitteln ausrüstbar
und können Handhabungsund/oder Fertigungsaufgaben ausführen."
(VDI-Entwurf 2860)
Roboter sind Mechanismen, die Werkzeuge, d.h. Mittel der Einwir-
kung auf einen Arbeitsgegenstand, führen. Im Unterschied zu her-
kömmlichen Maschinen, die um ihre Werkzeuge gleichsam herumgebaut
sind, operieren Roboter nicht in festgelegten Bahnen; sie sind
allgemeine Handhaber. Ihr mechanischer Bau erlaubt grundsätzlich
jede wünschenswerte Bewegung des Werkzeugs; der jeweilige Ablauf
wird durch einen Computer gesteuert und durch dessen Programm
spezifiziert.
Der gelegentliche Streit, was genau den Titel eines Roboters füh-
ren darf, also wieviel frei programmierbare Achsen u.ä. er haben
muß, mag die Leistung des Konstrukteurs messen oder japanische
Weltrekordansprüche im Roboterbau in Zweifel ziehen. Vom ökonomi-
schen Standpunkt aus taugt solche Definitionskunst nichts, inso-
fern sie die Aufgabe solcher Maschinen im Produktionsprozeß igno-
riert. Die volkstümlich-literarische Meinung, nach der der Robo-
ter ein guter oder böser Kamerad aus Blech ist, irrt sich hin-
sichtlich der inneren Werte und der äußeren Gestalt. Einem Men-
schen ähnlich ist ein Roboter, insofern er dessen Platz in der
Produktion einnehmen kann. Dazu hat aber der menschliche Arbeiter
vorher selber den Charakter einer bloßen Naturkraft zugewiesen
bekommen. Er wird als lebendiges kybernetisches Element, als Ver-
bindung von Auge, Hirn und Hand, von einem Maschinensystem ange-
wendet, das selber die Spezifik und Zweckmäßigkeit des produkti-
ven Vorgangs verkörpert und als dessen übergreifendes Subjekt er-
scheint.
Ingenieure halten die menschliche Arbeit heute für ein weitgehend
entbehrliches Element in der Produktion, solche Ersparnis aber
für unwirtschaftlich: Ein entsprechend perfekt durchgebildetes
und damit zum Beispiel unflexibles Maschinensystem gilt ihnen als
Vorstoß gegen den Geschäftszweck der Sache. Daher der Einfall,
den menschlichen Handlanger, der, wie das schöne Wort lautet, die
Maschine bedient, seinerseits durch eine besondere Maschine zu
ersetzen. Im Vergleich zum eigentlichen Produktionsapparat er-
scheint die Leistung eines solchen Roboters ausgesprochen
schlicht und kläglich; er bewegt nur ein einzelnes Werkzeug, wo-
möglich gar ein primitives Substitut der menschlichen Hand. Seine
Bestimmung ist eben auch nur, eine unter Umständen profitable Al-
ternative zur einfachen Arbeitskraft zu bieten. Für ihr "rein
technisch" eher hirnrissiges Programm - erst schafft man Fließ-
bandarbeitsplätze und dann besetzt man manche von ihnen mit Auto-
maten - wissen Techniker gute Gründe anzugeben, die alle auf eine
Kampfansage an den menschlichen Kostenfaktor hinauslaufen:
"Stillstandzeiten, aus welchem Grund auch immer, müssen minimiert
und womöglich vermieden werden. Menschliche Arbeiter tragen wahr-
scheinlich mehr zu Ausfällen bei als Automaten. Zu den Gründen
zählen Unfall, Verletzung, Krankheit, Überdruß, Langeweile, Nach-
lässigkeit, Verspätung, Müdigkeit, Aufs-Klo-Gehen, Waschen und
Essen, Abwesenheit, Streiks usw. Roboter und Automaten haben die
meisten dieser menschlichen Schwächen nicht...
Idealerweise sollten Produktionselemente eingesetzt werden, die
jederzeit an die Arbeit gestellt werden können, keine häufigen
Ruhepausen brauchen, ohne große Vorwarnung und zu unsozialen Zei-
ten, einschließlich Feiertagen arbeiten können, ohne dauernde
Aufsicht arbeiten können, unangenehme Arbeitsumstände aushalten
können und häufigen Wechsel tolerieren und bewältigen... Die Ko-
sten des Robotereinsatzes bleiben ungefähr gleich, was auch immer
der Einsatzzeitpunkt. Die Kosten für menschliche Arbeit können
sich beträchtlich erhöhen durch Überstunden, unsoziale Zeiten
oder Feiertage...
Fixe Kosten sind solche, die unabhängig von der Ausbringung an-
fallen. Es folgt, daß aus Effizienzgründen entweder die Produk-
tion für ein gegebenes Niveau fixer Kosten maximiert werden muß,
oder, insofern die Produktion nicht ins Unendliche wachsen kann,
solche Kosten auf ein möglichst niedriges Niveau gedrückt werden
müssen. Fixe Kostenelementem, die zum Betrieb von Robotern gehö-
ren, schließen ein Programmierung, Wartung, technische Produkti-
onsplanung, Preisverfall usw. Fixe Kosten, die zum Gebrauch men-
schlicher Arbeit gehören, entstehen aus juristischem Aufwand, So-
zialleistungen und Sicherheitsvorkehrungen, Aufsicht, Zeitüberwa-
chung, Arbeitsplanung und Administration, Gestaltung der Ar-
beitsumgebung usw. Ganze Abteilungen sind oft für solche Betreu-
ung der eigentlichen Arbeitsmannschaft nötig." (B. Leatham-Jones:
Elements of Industrial Robotics, 1986)
Vor solchen Gesichtspunkten blamiert sich die beliebte Problema-
tisiererei, ob jetzt die Arbeit ausstirbt. Ausgangspunkt des Ro-
boters ist der kapitalistische Arbeitsplatz, und sein Lebensprin-
zip ist die Gewinnkalkulation: Technisch wie ökonomisch unter-
stellt der Roboter die Lohnarbeit, mit der er sich vergleicht.
Die Autoren halten ihn deshalb nicht für das ausgezeichnete Mit-
tel des Sozialismus. Soweit er die Arbeit e r l e i c h t e r t,
kommt er zum Einsatz; wenn er aufgrund seiner Beschränktheit die
eine oder andere Sache genauer zu erledigen gestattet als es der
menschliche Organismus wegen der dazugehörigen und spürbaren Be-
schränkungen vermag. Freilich nicht, um dann seine Bedienungs-
mannschaft zum achtstündigen disziplinierten Anhängsel zu ernied-
rigen.
Industrieroboter sind historisch ein Produkt der Maschinenbauer,
das erst jetzt mit der einschlägigen AI-Forschung zu verschmelzen
beginnt. Das Bedürfnis, Handhabungsautomaten "intelligenter" zu
machen, rührt einerseits aus den Schwierigkeiten ihrer Program-
mierung. (Das wichtigste Verfahren ist immer noch, daß der Robo-
ter, um die richtige Bewegung zu lernen, d.h, die einzelnen Win-
kelstellungen zu registrieren, zunächst geführt wird.) Zum ande-
ren soll der Roboter keine genau definierte und konstante Umge-
bung brauchen, also, wiewohl programmiert, noch Variationen in
Position, Orientierung oder Art des zugeführten Arbeitsgegenstan-
des verkraften. Statt also einer minutiös vorweg definierten Be-
wegung zu folgen, soll der Roboter deren Details selbständig an-
hand einer Beschreibung des Ziels und einer Wahrnehmung der aktu-
ellen Situation aussuchen und zusammensetzen; man bemüht sich
deshalb, ihm die oben beschriebenen Techniken der Bild- und Wis-
sensverarbeitung aufzupfropfen.
Zur Herkunft des Programms
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Am Roboter wird deutlich, was Kisten und Kästen praktisch mit In-
telligenz zu tun haben. Sie wird nicht nachgebaut und ersetzt,
sondern a u s g e s c h a l t e t, weil sie sich in der kapita-
lisitisch organisierten Arbeit und dem zugrunde liegenden Rech-
nungswesen s t ö r e n d bemerkbar macht. Das ist insofern zu
machen, als zuvor die Inhaber der Intelligenz beim Arbeiten auf
deren Gebrauch verzichtet haben, soweit es die "Natur" ihrer Tä-
tigkeit erforderte. Zugunsten ihrer Funktion im Arbeitsprozeß,
die auf dem ausgiebigen Gebrauch der mechanischen Leistungen des
Menschengeistes beruht, haben sich Willen und Bewußtsein darauf
zu richten, daß der Einsatz dieser mechanischen Fertigkeiten ge-
wohnheitsmäßig und effektiv erfolgt. Wegen der ruinösen Folgen,
die das auf Körper und Geist hat, haben dann manche das Loblied
auf den technischen Fortschritt angestimmt, als die Konstruktion
tatsächlich abgetrennter, selbständiger Mechanismen gelang.
Die Ideologie der k ü n s t l i c h e n Intelligenz kennzeich-
net ihre Anhänger nicht nur als Leute, die mit der gewöhnlichen
v o r h a n d e n e n Intelligenz nichts Besseres anzustellen
wissen, als sie mit Apparaten zu simulieren. Ihr Programm besteht
im theoretischen Fanatismus der Einstellung, die in der bürgerli-
chen Arbeitswelt so ausgiebig zum Zuge kommt: Intelligenz gilt
ihnen schlicht als ein Set b r a u c h b a r e r
F ä h i g k e i t e n, deren Äußerungen anderen von Nutzen zu
sein hat. Dieser A n s p r u c h an das unbekannte Wesen, auf
dessen "Anpassungs"leistungen die Forscher so neugierig sind,
bildet die Quelle und den Motor des ständigen Vergleichs, den sie
anstellen. Stur verlegen sie sich auf die Begutachtung von Iden-
tität und Differenz, wie sie aus F u n k t i o n e n ihrer
hard- und software und dem Vermögen der tatsächlichen Intelligenz
hervorgehen. Daß die Computerforschung immer nur flinkere Rechen-
maschinen immer größerer Kapazität hervorbringt, macht ihnen da-
bei gar nichts aus. Der Wille zum Vergleich stammt ja nicht aus
der Erklärung ihres Objekts, sondern aus dem bedingungslosen
F u n k t i o n a l i s m u s, den sie für das einzig Senkrechte
in der Wissenschaft halten.
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