Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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DER INTELLIGENZTEST

Theoretisch gesehen ist das Unterfangen, Individuen hinsichtlich ihrer Intelligenz zu vergleichen, herzlich uninteressant. Der Vergleich unterstellt doch, daß sie allesamt Intelligenz haben, d.h. über einen Verstand verfügen und ihn betätigen. Nach der formellen Seite der Verstandesbetätigung - wie Vorstellungen ge- bildet, Urteile gefällt und Schlüsse gezogen werden - unterschei- den sich die Individuen gerade nicht: d a s können alle, die überhaupt denken, und tun es unablässig. Unbestreitbar gibt es Unterschiede zwischen den Leuten beim Betätigen der Intelligenz. Aber worin bestehen die denn? Zum einen in den gedachten I n h a l t e n. Da gibt es dumme und schlaue Leute, aber was besagt das schon? Wer vor einer Sache wie der sprichwörtliche Ochs vorm Scheunentor steht, weil sie ihm unbekannt ist, der kann und braucht sie sich nur zu erklären oder erklären zu lassen, und seine Dummheit ist verschwunden. Der Verstand kann eine verkehrte Auffassung produzieren, aber er - wer denn sonst? - kann sie ge- nausogut korrigieren. Auf die Unterschiede in dem, w a s Indi- viduen wissen und können, sind sie gerade n i c h t f e s t- g e l e g t. Das gilt auch für solche Unterschiede, die sich aus individuellen V o r a u s s e t z u n g e n f ü r d i e V e r s t a n d e s t ä t i g k e i t ergeben. Wenn sich einer, warum auch immer, b e i m Begreifen schwertut, so verschwindet die Schwierigkeit, wenn er das, worum es gerade geht, begriffen hat. Wie lange jemand braucht und wie sehr er sich anstrengt beim Fassen eines Gedankens, ändert nichts an der 'Intelligenz' des Gedankens, der dann der seine ist. Im Unterschied zur Leibesgröße, der kein Erwachsener mehr etwas hinzufügen kann, sind Unterschiede in der I n t e l l i g e n z das gerade G e- g e n t e i l e i n e r F e s t l e g u n g der Individuen auf diese Unterschiede. Was soll also das vergleichen von Leuten nach dem Grad ihrer Intelligenz? Das psychologische Interesse am Unterschied ------------------------------------------- "Wechsler (1955) interessierte sich vor allem für die Intelligenz im Erwachsenenalter und entwickelte eine Reihe von Aufgaben, die er für alle Personen aller Altersstufen konstant ließ. Er bezog die Leistung eines bestimmten Individuums auf dessen Bezugsgruppe (Altersgruppen zwischen 10 und 60 Jahren) und ermittelte aus dem Abstand der individuellen Leistung vom Gruppendurchschnitt den IQ. Der Durchschnitt wurde für jede gewählte Altersgruppe mit 100 angesetzt. Die Abweichung vom Durchschnitt berechnete man mit Hilfe des Streumaßes (Sigma) und machte sie so für alle Indivi- duen und Gruppen vergleichbar. Auf diese Weise erhielt Wechsler für jedes Individuum einen Intelligenzwert, den man nach wie vor als IQ bezeichnet, obwohl er keinen Quotienten, sondern die Ab- weichung vom Mittelwert der Normgruppe ausdrückt. ... Wenn man die Zusammenstellung solcher Aufgaben ansieht, mag man sich fra- gen: Was mißt der Intelligenztest eigentlich? Und: Wie ist Intel- ligenz definiert? Die Testkonstrukteure haben sich darüber zunächst noch keine ausgiebiegen Gedanken gemacht; ihnen lag ja eine rein praktische Frage am Herzen, nämlich die nach Intelli- genzunterschieden in der Entwicklung bzw. zwischen vergleichbaren Personen. So wird bei Tests der obigen Art Intelligenz zunächst ausschließlich durch den Test bestimmt: Intelligenz ist das, was der Test mißt (operationale Definition). Immerhin ist diese zir- kuläre Definition von pragmatischem Wert, wenn man verschiedene Altersstufen miteinander vergleicht, so kann man beispielsweise feststellen, ob und wie die absolute Zahl der gelösten Aufgaben zunimmt und wie stabil die Intelligenzposition des einzelnen in bezug auf den Gruppendurchschnitt über die Jahre hinweg bleibt." (Oerter/Montada: Entwicklungspsychologie, 1987, S. 205-206) Der Test zielt darauf, einen Intelligenzwert für jedes Individuum zu "erhalten", der die "Abweichung vom Mittelwert der Normgruppe ausdrückt". Was ist damit erreicht? Zuallererst einmal dies, daß die Intelligenz um jeden Inhalt ge- bracht ist. Das ist kein Versehen, sondern ein bewußt vollzogener Schritt, den die Testpsychologen für ihren entscheidenden Fort- schritt halten: sie w o l l e n gar nicht mehr wissen, was In- telligenz ist, und verweisen stolz darauf, daß dieser Wille zur Nichtbefassung mit dem angeblichen Gegenstand ihrer Messung ihnen das r e c h n e r i s c h e V e r g l e i c h e n von Indivi- duen erst ermögliche. Zu diesem Zweck konfrontieren sie Leute mit Aufgaben der bescheuertsten Art - mehr dazu unten - und geben ih- nen eine Zeit zur Lösung vor. Mit dem Einsammeln der Bögen begin- nen sie zu zählen und zu rechnen: Auf jedem Bogen werden Treffer und Fehlschläge gezählt, addiert und zum Durchschnitt dividiert. Das Intelligente an diesem Verfahren soll darin bestehen, daß nicht die Psychologen etwas messen, wovon sie eine Qualität und daher einen Maßstab wüßten - so wie der Schneider den Brustumfang in cm mißt -, sondern daß sie Individuen zwingen, Unterschiede zu produzieren, durch die sie - wodurch auch immer - s i c h ver- gleichen sowie unterscheiden. Der Durchschnitt, den der Testpsy- chologe errechnet, stellt die denkbar gröbste, gedankenloseste Erinnerung daran dar, daß Intelligenz eine a l l g e m e i n e Eigenschaft ist; gedankenlos deshalb, weil in der leeren Zahl des Durchschnitts - 100 - die Eigenschaft überhaupt nicht mehr vor- kommt. Analoges gilt von den Unterschieden: Sie sind nicht als Unterschiede von etwas, sondern tautologisch als l e e r e U n t e r s c h i e d e zum aus ihnen selbst errechneten Mittel definiert. Wäre die selbstgestellte Frage "Was mißt der Intelli- genztest eigentlich?" ernstgemeint, die Antwort wäre leicht zu finden: nichts, was außerhalb des Tests Realität hätte. Dieser Unsinn stellt einen klaren Mißbrauch der Mathematik dar. Die ganze Rechnerei ermittelt keine wirklichen Relationen, son- dern dient nur der Suggestion, daß etwas, was man ausrechnen kann, auch objektiv sein müsse - als ob man nicht mit fiktiven Größen rechnen könnte. Wenn aber ausgezählt und prozentgerechnet ist, dann soll mit den jeweiligen % sehr wohl die vergleichsweise A u s s t a t t u n g d e r I n d i v i d u e n m i t I n- t e l l i g e n z festgestellt sein! Wenn die Intelligenztesterei etwas zutage fördert, dann die Ver- kommenheit der akademischen Disziplin, die ohne ihn nicht auskom- men will. Man hat keine Ahnung von der Intelligenz - dann mißt man sie eben! Was mißt man dann? Darüber hat man "sich keine aus- giebigen Gedanken gemacht". Wozu auch! Es ist ja ein Leichtes, die angebliche Messerei so einzurichten, daß zählbare Unter- schiede der Probanden herauskommen, und das reicht zur Bekräfti- gung des Vorurteils, daß an Individuen je verschiedene Schranken der Intelligenz vorhanden sind, auf die diese wie auf eine Natu- reigenschaft festgelegt sind. Man gibt zu, daß man sich eine leere Gedankenbewegung zum Zweck der Selbstbestätigung geleistet hat, drückt das aber vornehm auf lateinisch aus - "zirkuläre De- finition von pragmatischem Wert" -, und verkündet der beeindruck- ten Menschheit frech, daß man über das Instrumentarium verfüge, ihre intellektuellen Potenzen sowie deren Schranken bis auf zwei Stellen hinter dem Komma ausrechnen zu können. Im übrigen be- schäftigt man sich fleißig mit sich selbst. Von der Intelligenz, von der er nichts weiß, hat ein Guilford 120 Faktoren aufge- stellt, von denen die Zunft durch entsagungsvolle Testreihen in- zwischen zur Überzeugung gelangt ist, daß 80 davon möglicherweise existieren (Fischer Lexikon der Psychologie, S. 190). Die Testkriterien ----------------- Da wäre als erstes die Z e i t. Zwar findet auch die Betätigung des Intellekts in der Zeit statt, aber ihre Dauer hat weder mit der Intelligenz eines Gedankens noch mit derjenigen ihres Urhe- bers zu tun - weder die Relativitätstheorie noch Einstein wären dümmer, wenn letzterer doppelt so lange gebraucht hätte, sie zu entwickeln. Für die Intelligenztester ist die Zeit aber wesent- lich, und zwar als Zeitdruck, der an den Probanden die gewünsch- ten Unterschiede produziert. Dieser testnotwendige Zeitdruck ist übrigens intelligenzwidrig: wer beim Test anfängt, über die Auf- gaben nachzudenken, dem ist ein niederer IQ sicher. Daß die so erzeugten Unterschiede keine der Intelligenz sind, ist gleichgül- tig. Wichtig ist der Schein, daß durch den 'objektiven' Druck gleicher Zeit für alle Probanden der Tester U n t e r- s c h i e d e d e r I n d i v i d u e n s e l b s t e r- m i t t l e. Die Glaubwürdigkeit dieses Scheins beruht einzig auf dem Glauben, daß die Intelligenz eine Natureigenschaft sei, die auf eine Aufgabe reagiert wie der Nervenreflex auf das Neurologenhämmerchen: der Reflex ist vorhanden oder nicht. Umgekehrt bekräftigt die scheinbare Objektivität des Tests diesen Glauben. Darauf kommt es offenbar an. Da wäre zweitens das A l t e r. Daß Testpsychologen den Durch- schnitts-IQ aus Altersgruppen errechnen, trägt zum einen dem Um- stand Rechnung, daß Erwachsene mehr über die Welt (einschließlich dessen, was in Intelligenztests von ihnen verlangt wird) w i s s e n als Kinder. Zum zweiten dient diese Widerlegung ih- rer Auffassung, die Intelligenz sei eine individuelle Natureigen- schaft, zur Pflege eben dieser Lüge. Wenn die 10-15jährigen mehr Treffer erzielen als die 5-10jährigen, dann hält das den Testern als Anschauungsmaterial dafür her, daß die Intelligenz wachse wie die Körpergröße, oder genauer wie die Fingernägel, so daß ein 40jähriger mit der gleichen "Leistung" wie ein 20jähriger eine niedrigere Intelligenz bescheinigt bekommt. Dieser Unsinn hat die Testpsychologie beflügelt, ihn zu verfeinern. Nach einer anderen Formel kehrt sich die Tendenz des natürlichen Intelligenzwachs- tums irgendwann um, womit Psychologen Opas H i r n verkalkung als mehr oder minder altersgemäßen I n t e l l i g e n z zustand auszudrücken lernen... Dank solcher Verfeinerungen bevölkert sich die Welt der Intelligenztester mit einer höchst wohlgeordneten Hierarchie "kognitiver Fähigkeiten", die mit dem, was die Leute denken und wie schlau sie dabei werden, nicht das mindeste zu tun hat. Da wären drittens die T e s t f r a g e n. Manche fragen "Wissenselemente" ab wie ein Kreuzworträtsel. Sie gelten als pro- blematisch, weil den Testern da noch zu viel intellektueller Ge- halt drinsteckt für einen "kulturunabhängigen", rein menschlichen IQ. Unter dem Titel "Verfeinerung der Beobachtbarkeit" verlegen sie sich auf die Mobilisierung von bloßen Voraussetzungen des Denkens von Inhalten, vor allem der abstrakten Vorstellungskraft und des auf reine Mechanik reduzierten Gedächtnisses. Möglichst viele sinnlose Silben zu wiederholen, verschiedene geometrieche Formen nach dem gedankenlosen Kriterium der Ähnlichkeiten zu gruppieren, Zahlen rückwärts zu repetieren, geometrische Figuren aus dem Gedächtnis zu zeichnen, den fehlenden Teil eines Bildes zu finden, das sind die verlangten Leistungen, die den Verstand erschöpfend abbilden sollen: Am liebsten ist es den Testpsycholo- gen, wenn er einem Probanden "Strukturen" vorsetzen kann, daß ihm die Augen flimmern. Ein Elektrointelligenzogramm, das den Geist ohne seine Urteilskraft und die durch sie gewußte Inhalte mißt, also ihn als pure Naturkraft vorführen könnte, das wäre der test- psychologische Stein der Weisen. Die praktische Bedeutung der Testerei ------------------------------------- ist nach alledem kein Rätsel mehr. Ihre vornehmste Aufgabe liegt darin, den Kollegen von der Theoriefront weiszumachen, dasjenige gefunden zu haben, wonach diese noch suchen. Diese theoretische Gewißheit liegt nicht in einer Theorie begründet, sondern darin, daß die maßgeblichen Mächte dieser Gesellschaft, Kapital und Staat, gelegentlich Testpsychologen damit beauftragen, daß diese die fälligen Sortierungen am reichlich sich anbietenden Menschen- material vornehmen und der Willkür dieser Sortierung den Schein der wissenschaftlichen Begründetheit verleihen: wer per Test auf den jeweils feststehenden Dienst eingeteilt und in die Klassen- und Berufshierarchie eingeordnet wird, der ist allemal als Rich- tiger ausgewählt oder als Falscher ausgesondert. Tondokument anhören Veranstaltung Datum: 02.04.1984, Ort: München Dozent: Dr. Karl Held, Dauer: 1:08:19 Veranstalter: unbekannt Thema: Dummheit - Vom berechnenden Gebrauch der Intelligenz Dummheit: Kein Mangel an Verstand, sondern sein falscher Gebrauch Anwendung des Prinzips in Wissenschaft, Sport und Kultur Vom Klassencharakter einer klassenübergreifenden Unart zurück