Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

       zurück

       Psychiatrie:
       

EINE NÜTZLICHE IRRLEHRE VOM "KRANKEN" GEIST

Was die Psychiatrie an Behandlungsweisen zu bieten hat, um ihre Patienten zu kurieren, ist weithin bekannt. Die "ambulanten Fälle" bekommen in der Regel ihre Psychopharmaka, die eindrucks- volle Wirkungen zeigen, ohne daß deswegen Elektroschock und Zwangsjacke in den einschlägigen Heilanstalten ausgedient hätten. Kein Wunder, daß die unübersehbare Rohheit dieses "Therapierens" Einwände human gesinnter Menschen auf den Plan gerufen hat, die sich freilich längst berücksichtigt wissen dürfen. In Gestalt "verbaler Interventionen" und dgl. bearbeiten Psychiater die Aus- geflippten mit Methoden, die sich vergleichsweise subtil und zu- rückhaltend ausnehmen - so daß die Klagen hauptsächlich in die Richtung gehen, derlei verständnissvolle Dinge würden immer noch in viel zu kleinen Dosen verabreicht. Zu solchen und ähnlichen Plädoyers für eine menschlichere Psychiatrie ist zu sagen, daß sie an der Sache vorbeigehen; als Anträge auf freundlichere M e t h o d e n im Umgang mit der Kundschaft finden sie nämlich durchaus nichts Befremdliches an einem seelenmedizinischen Befund, der den Wahnwelten eines Ver- rückten tautologisch attestiert, sie wären Ausdruck eines gestör- ten Verstandes, um sich dieser "Störung" sodann als K r a n k- h e i t d e s G e i s t e s zu widmen. Erst hier beginnt der konstruktive Dissens mit der eher brutal apostrophierten Variante der Psychiatrie; gerechtet wird um den effektiveren und angemesseneren Weg, dem "leidenden Individuum" wieder zurück in die "Normalität" zu helfen. Vom Wahn zum Defekt: -------------------- Das medizinische Hilfsversprechen präpariert sein Objekt -------------------------------------------------------- Würde den Fachmännern für seelische Krankheiten die Wahl, wer in Obhut gehört, nicht durch die Sachwalter der öffentlichen Ordnung abgenommen - s i e wüßten nicht zu sagen, was die Einbildungen eines modernen Jesus oder Napoleon behandlungswürdiger machen sollte als einen Philosophieprofessor, der sich nicht sicher sein will, ob sich nicht die Gegenstände, denen er den Rücken kehrt, treulos in nichts auflösen. An den I n h a l t e n eines Wahns entscheidet sich die Frage, ob daraus ein Fall wird oder nicht, auch durchaus nicht. Die Klienten der Psychiatrie heißen vielmehr ganz zu Recht "Auffällige", weil sie im kapitalistischen Alltag als störend aufgefallen sind. Das ist zwar k e i n Urteil über diese Leute, sondern eines über ihr V e r h ä l t n i s zum ge- wöhnlichen Betrieb, formuliert vom Standpunkt dieses Gewöhnlichen aus, reicht aber dennoch völlig hin für ein psychiatrisches At- test. Wer nämlich der wissenschaftlichen Meinung ist, das staat- lich betreute Leben in diesem unseren Lande sei mit schönfärbe- rischen Pseudonymen wie "Normalität" oder "Realität" zureichend beschrieben, braucht, wenn ihm für dieses Leben unbrauchbare Gei- ster angeliefert werden, nicht viel nachzudenken. Er hat sie nur mit denen zu vergleichen, die munter mitmachen, und siehe da: Verrückte tun das nicht! Es ist daher sehr gerecht, daß Psychia- ter denjenigen, die als erbsündengeschädigte Kinder Gottes wahr- lich kein leichtes Los auf sich genommen haben, nicht auch noch mit falschen Vermutungen, ihren Geisteszustand betreffend, nach- stellen, sondern Entwarnung geben: "...nicht wahnverdächtig ist, wenn sich jemand durch göttliche Fügung für eine Aufgabe, die ihm nahesteht, berufen fühlt." (Bleuler, Lehrbuch der Psychiatrie, 13. Aufl., S. 50) Ebenso in Ordnung geht auch, daß Persönlichkeiten des öffentli- chen Lebens, auf die ein bewährtes Kennzeichen des Wahndenkens wie dasjenige, "daß sich der Kranke, völlig unbekümmert um Ansichten, Interessen und Rechte anderer in den Mittelpunkt seiner Überzeugung stellt" (ders., S. 49) lässig anwenden ließe, unbehelligt bleiben. Sie fallen einfach nicht unter den albernen formellen Vergleich der "gesunden" Bun- desrepublikaner mit den "Auffälligen", der als Bestimmung der Psychopathen nichts anderes als den l e e r e n G e g e n- s a t z z u r N o r m a l i t ä t festhält. Für diesen mora- lischen Schuldspruch hat die Disziplin natürlich auch eine wissenschaftliche Redeweise, und statt zu sagen, daß ihnen die Taten und Ideen der Wahndenker ziemlich unsinnig vorkommen, kleiden sie diesen negativen Allerweltsgedanken in die Formel ei- ner "genetischen U n v e r s t e h b a r k e i t" der psychopa- thischen Umtriebe. Aus diesem Fehler, der die Abgrenzung von den Normalen zum Be- griff der Spinner erhebt, läßt sich viel machen. Die Befundlage "Abnormalität" t r e n n t zuallererst den Wahn, in den manches bürgerliche Subjekt sich einhaust, wirksam von der Gesellschaft, in der sich die Gesunden tummeln sollen, so daß sich Analysen des Zusammenhangs zwischen den Formen der gewöhnlichen Selbstbehaup- tung, die sich der Gefahr des Scheiterns an den höheren Interes- sen von Staat & Kapital aussetzt, und einer, die diese Kriterien nach durchlebten Niederlagen f ü r s i c h ideell außer Kraft setzt und eine Welt kreiert, in der das Ich endlich unangefochten triumphiert, von vornherein verbieten. Die Psychiatrie stellt sich einfach auf den Standpunkt des R e s u l t a t s der Lei- stungen eines verrückten Verstands - Unbrauchbarkeit fürs gewöhn- liche Leben - und drückt ihren negativ entschiedenen Vergleich mit den 'Erfolgreichen' als Eigenart der "psychopathischen Per- sönlichkeiten" aus: S i e s i n d g e s t ö r t. Diese posi- tive Leseart der Tautologie, daß Verrückte nicht normal sind, bringt die Seelenmedizin entscheidend weiter. Immerhin ist jetzt ein D e f e k t am Kunden definiert, der dafür verantwortlich sein soll, daß er nicht ist comme il faut. Mangel an Normalität medizinisch verwertet ------------------------------------------ So als wäre die parteiliche Diagnose, im Kopf des Psychopathen herrscht ein Mangel an Normalität, ein medizinisch verwertbarer Gedanke, ernennen die doctores die ihnen Überstellten zu P a t i e n t e n und ihren Geisteszustand zur K r a n k- h e i t. Der heißt dann "Leiden an der Abnormität" und verlangt unbedingt nach den heilerischen Anstrengungen von medizinisch geschultem Personal, das nicht an sein gutes Werk geht, bevor nicht endgültig jede Differenz zwischen einem Hirngeschädigten und einem, der die Pflicht zum nutzbringenden Mitmachen gemäß den Regeln moderner Demokratien in seinem Reich gekündigt hat und nur noch seinen selbstgesetzten Freiheiten/Zwängen lebt, getilgt ist. Diese Philanthropen stellen sich vor, als würden sie jede Spritze im selbstlosen Dienst am leidenden Menschen aufziehen. Dabei kennen sie den Willen, dem sie aufhelfen wollen, nur als seine erwünschte F u n k t i o n, in der der praktische Geist aufgehen soll, so als wäre der Auftrag einen "normalen" Bezug zur "Realität" herzustellen, eine in der Physiologie begründete Notwendigkeit. Bei Mißlingen dieser Funktion ist die Sache daher klar; das Psycho-Organ leidet an einem Funktionsverlust. Sein natürlicher Auftrag in Sachen reibungsloser Mitwirkung an der "Normalität" muß durch entgegenwirkende Ursachen vereitelt worden sein. So fahnden Psychiater nach psychischen und organischen Zwängen, die den Anormalen im Griff haben sollen, und stellen ihrer - wenn man so will - 'Logik der Forschung' ein Armuts- zeugnis aus. Denn die Krankheit, die sie als Unfähigkeit zur Nor- malität konstruiert hatten, hat nichts als das Zeugnis des Ver- rückten selbst zu ihrem Beleg. Die Helfer und Heiler schließen sich schlicht der Selbstdeutung des "gestörten" Verstands, er sei in Notwendigkeiten eigener Art unentrinnbar verstrickt, an. Da- raus begründen sie ihren Auftrag, dem "leidenden Menschen" die angeblichen Determinationen seines Geistes auszutreiben - im Namen der Rückführung des Kranken in die famose "Normalität", aus der dieser sich gerade verabschiedet hatte, um nur noch seinen Selbstdeutungen zu folgen. Für die Verfahren, die die Mediziner zum Zwecke der Heilung einschlagen, ist es gar nicht störend, daß sie über die Natur des erkrankten Organs, mit dessen Funktions- tüchtigkeit sie eine normale Betätigung des Verstandes wiederher- zustellen versprechen, nach eigenem Bekunden nichts zu sagen wis- sen. Dieser Widerspruch zwischen Hilfsversprechen und Unkenntnis belebt vielmehr die Suche nach dem Ideal, die Geistesfunktionen in seine physiologischen Grundlagen aufzulösen, und hält keinen Doktor davon ab, Schizophrenie einstweilen so zu behandeln, als wäre sie Resultat einer "toxischen Störung des Zellstoffwech- sels". Die wissenschaftliche Konstruktion des verrückten Geistes --------------------------------------------------------- Bevor ein Psychiater sich seinen Patienten zuwendet, steht eines also für ihn fest: Das, was seine Klientel auszeichnet, ist, daß ihnen von ihrer individuellen Natur her, ob erworben oder schon immer, etwas fehlt, und zwar die beim "Gesunden" augenscheinlich vorhandene F ä h i g k e i t z u r N o r m a l i t ä t. Er be- gegnet daher solchen Leuten im weißen Kittel, um an ihnen einen "psychischen Befund" zu erheben, als würde sich seine Arbeit von der anderer medizinischer Disziplinen nur durch die Sorte des Or- gans, mit welchem sie sich befassen, unterscheiden. Dazu muß man sich schon das Denken und das Fühlen wie ein Sekret des Gehirns vorstellen, wenn man deren Qualität durch die Untersuchung der organischen Potenzen des Hirns bestimmen zu können glaubt. Am liebsten würde er die Wahnvorstellungen physiologisch an be- stimmten Teilen des Gehirns festmachen. Für die Gleichsetzung der geistigen Leistungen mit deren organischer Voraussetzung kommen ihm die existierenden "organischen Psychosyndrome" von Hirnver- letzten oder Arteriosklerotikern gerade recht. Wo diese nicht mehr richtig ticken, weil ihre Gehirnzellen tatsächlich nicht mehr funktionieren, leugnet er jeden Unterschied zu solchen, die als Resultat ihrer Willensanstrengung ähnliche oder ebensolche "nachhaltige Wesensveränderungen" präsentieren. Deshalb sieht er zielstrebig von jedem Inhalt der "exploratorisch" erfahrenen Ge- danken- und Gefühlswelt seiner Kundschaft ab, um sie als Ä u ß e r u n g e n v o n H i r n f u n k t i o n e n unter den Titeln "gesund" oder "krank" zu sortieren. Der kranke Geist - in seine Bestandteile zerlegt ------------------------------------------------ Der Psychiater verfolgt das I d e a l, die Verrücktheiten in m e d i z i n i s c h e n Kategorien zu fassen: Verarmungswahn, Größenwahn, Lachen und Weinen, alles wird für das medizinische Denken handhabbar gemacht und steht dann als "formale Denkstö- rung", "melancholisches Wahnerleben" oder "Affektstörungen" etc. für den Beweis, daß das so geprüfte Hirn nicht in der Lage ist, wie ein gesundes zu arbeiten, ganz wie ein Ikterus z.B. eine Gal- leabflußstörung belegt. Das dauernd als in seiner Funktion ge- stört unterstellte organische Substrat hat zwar noch niemand ge- funden, aber das stört die praktische psychiatrische Arbeit auch nicht weiter, schließlich will sie sich über den Stellenwert ei- nes handfesten Hirnschadens gar nicht festlegen, während sie ihn als vorhandenen und den Menschen zu seiner Unnormalität determi- nierenden gleichzeitig immer behauptet. Einerseits gilt für die "endogenen Psychosen" der "offensichtlich" einleuchtende Befund, daß diese "einen eigengesetzlichen, offensichtlich (!) krankheitsbedingten Verlauf nehmen" (Schulte-Tölle, Psychiatrie), andererseits "impliziert man damit nicht unbedingt zugleich eine ätiologische Aussage, etwa in dem Sinne, eine solche Psychose sei erblich be- dingt und von persönlichen und Umweltfaktoren gänzlich unabhän- gig" (ebenda) und verfährt mit den "Neurosen" genau umgekehrt - für diese sei nämlich "allgemein anerkannt", daß sie auf psychoreaktive Weise" entstehen, um sogleich zu vermerken, daß "neurotische Entwicklungen und psychopathische Strukturen auch an konstitutionelle bzw, somatische Grundlagen gebunden sind". Festhalten will die Psychiatrie nur das eine: Im Resultat sind sie alle irgendwie krank, d.h. an ihnen wirken die geistigen "Störungen" als die Instanz, die sie nicht so sein lassen, wie sie sein sollen. Wie man sich den Mechanismus dieser Instanz dann noch vorstellen soll, ganz konkret als Ineinandergreifen von Stoffwechselvorgängen, die mehr oder weniger genetisch bedingt sind, oder mittels einer mehr abstrakten Organbetrachtung, als Apparat bestehend aus "Es", "Ich" und "Über-Ich", oder, was der derzeit gültige Stand des wissenschaftlichen Konsens zu sein scheint, als ein multifaktorielles Gemisch von beiden, ist für diese Absicht gänzlich einerlei. Überflüssig ist der Dauerstreit um die rechte Deutung der Herkunft der Willenskrankheit deswegen aber nicht; in ihm lebt die schöne Selbstdarstellung der Seelenmediziner, sie würden - so die "Organiker" - durch verantwortungsbewußten Einsatz der chemischen Keule für einen nachhaltig "rezidivfreien Krankheits- verlauf" sorgen und nicht wie die Psychotherapeuten durch ihre "klientenzentrierte Aufarbeitung" lauter "Psychotherapiedefekte" produzieren. Diese wiederum stellen ihre Menschenfreundlichkeit dadurch unter Beweis, daß sie die gestörte "Ich-Es-Konstellation" problematisieren, als Handlungsauftrag für die gesprächstherapeu- tische Formung einer ordentlichen Psychostruktur, die die medika- mentöse Dämpfung nur verhindere. Ihre praktische Verlaufsform findet diese Debatte in der chemisch unterstützten Psychotherapie ebenso wie in der gesprächsbegleitenden Medikation der Patienten: Die endlose Fortsetzung des einvernehmlichen Methodenstreits ist damit gewährleistet. Mit gesundem Menschenverstand den kranken Geist sortieren --------------------------------------------------------- Die psychiatrische Kunst des medizinischen Alltags fängt auf die- ser Grundlage erst an. In ihrer Arbeit an den Patienten prakti- ziert sie ihren Wahn, ihr eigenes Vorurteil, diese Leute litten an Geisteskrankheiten, durch diese selbst zu belegen. Dies ist durch die sicher geschulte und durch die Realität des verrückten Verstandes unbeeindruckte Verwandlung von Geistesleistungen in Symptome gestörter Organfunktionen einerseits sehr billig. Ande- rerseits schafft sie sich dabei ganz eigene innerwissenschaftli- che "Probleme". "Wenn man definieren soll, was Wahn ist, stößt man auf erhebliche Probleme. Bei der Durchsicht der Literatur findet sich keine in jeder Richtung befriedigende Definition des Wahns. Denn es ist schwierig, Wahn in einer allgemein gültigen, wissenschaftlich ex- akten Formulierung vom normalen Erleben und anderen psychopatho- logischen Phänomenen abzugrenzen, obwohl diese Unterscheidung in der Praxis, d.h. im konkreten Fall durchaus möglich ist." (Schulte-Tölle) Da sind die von der Existenz des Wahns als einem Krankheitssym- ptom ersten Ranges überzeugt und vertreten gleichzeitig, daß er als solcher gar nicht zu bestimmen ist! Wenn dann auch noch diese Sorte problembewußt vorgetragenen Unwissens bezüglich des Wahns für seine praktische Feststellung und Behandlung durch Psychiater k e i n Problem darstellen soll, so kann sich dies nur anderen als wissenschaftlichen Einsichten verdanken. "Nicht der Inhalt ist das eigentlich Pathologische, sondern sein Stellenwert innerhalb des Erlebens, seine Ich-Bezogenheit. Wenn der Kranke etwas auf sich bezogen hat, fehlt ihm die Freiheit, wieder davon abzurücken. Schon daraus ergibt sich die Unkorri- gierbarkeit als eine der wesentlichen und bei voll ausgeprägter Psychose obligaten Merkmale des Wahns." (ebenda) Das mal ernst genommen, müßten sich die Psychiater selber statio- när einweisen. Von ihrer Fiktion, die Verrücktheit sei ein Auf- trag für sie als Mediziner, wollen sie ja wohl auch nicht "abrücken" und erweisen sich darin als recht "unkorrigierbar". Die Wahrheit über die praktische Souveränität in der Diagnosti- zierung des Wahns liegt da wohl eher in der Mitte: Zum sturen Festhalten gehört immer noch die "Auffälligkeit" der untersuchten Gefühle und Gedanken, über deren Inhalt die Psychiatrie sich nicht aufhalten will, die sie aber dennoch permanent als Abwei- chung bewertet. So rühmen sich die wissenschaftlichen Experten in Sachen Verrücktheit, in letzter Instanz ihre Arbeit durch nichts anderes als durch die goldenen Weisheiten des Alltagsverstandes zu begründen. Diese sind es, die ihnen nach eigener Aussage die Sicherheit geben bei der Sortierung der ihnen vorgelegten Gei- stesleistungen innerhalb des von ihnen erstellten Scheingebäudes psychiatrischer Krankheitslehre: "Um mit dem Begriff der Wahnidee umgehen zu können, braucht es Lebenserfahrung: Man muß dabei wissen, was für unkorrigierbare Irrtümer der Gesunde häufig zu bilden pflegt und welche sicher nicht." (Bleuler, Lehrbuch der Psychiatrie) Da mag es dann den Streit unter "konservativen" oder mehr "fortschrittlichen" Fachleuten geben, ob dieser oder jener "Befund" schon Krankheitswert hat oder noch zu den "Variationen seelischen Wesens" gerechnet werden müsse. Auf Grundlage der den Psychiatern gesellschaftlich zugestandenen M a c h t in bezug auf die Beurteilung des bürgerlichen Willens, adelt dabei in je- dem Fall das Maß an Toleranz die getroffenen Entscheidungen, die festlegen, was sich der Mensch leisten darf, um nicht als Gei- steskranker medizinisch traktiert zu werden. Die Diagnose: Definieren, Zuordnen und Festsetzen ------------------------------------------------- Ist dergestalt der "psychische Befund" erhoben, und sind die "Auffälligkeiten" des untersuchten Menschen, ganz analog zu z.B. pathologischen Erscheinungen auf einem Laborblatt, als Abweichun- gen zum Normalzustand festgestellt, kommt es zur Krönung psychia- trischer Anstrengungen, den verrückt gewordenen Verstand in sei- nem "Wesen" zu überführen: Der Psychiater stellt seine D i a g n o s e. Die Aufbereitung der Verrückten in spezielle Krankheitsfälle ist bereits geleistet und die Psychiatrie verfügt über das Material, wie sie es braucht, um freihändig durch F e s t s e t z u n g e n u n d Z u o r d n u n g e n dem je- weiligen Fall seinen medizinischen Namen zu verpassen. Wenn die Psychiatrie ungeniert ausposaunt: "Die Diagnostik der Schizophrenie ist abhängig von der Definition der Schizophrenie" (Prof. Modestin, in: Deutsche Medizinische Wo- chenschrift), dann bekennt sie sich offen zu ihrem eigenen Fehler, daß in ihrer Abteilung das Vorliegen einer Krankheit nicht durch den Zustand des Patienten bestimmt ist, sondern von ihren eigenen Entschei- dungen abhängt. So erstellt sie also ihre Diagnose durch das Zu- sammenfassen der als pathologisch bewerteten "Auffälligkeiten" und behauptet dies als das jeweilige "Erscheinungsbild psychia- trischer Krankheiten", von denen gar nichts anderes bekannt ist, als daß sie eben aus solchen Symptomen, deren zeitlichem Auftre- ten und Verlauf etc. bestehen. Deshalb herrscht in der Psychia- trie zwischen Symptom und Diagnose überhaupt kein anderer Zusam- menhang als der, den sie sich selber herstellt. Entsprechend wer- den hier laufend Tabellen erstellt und Zuordnungen getroffen, die auch noch feststellen sollen, welche Ersatzkombinationen zu den "klassischen Fällen" es erlauben, daß der Doktor eine Krankheit diagnostiziert, auch wenn diese gar nicht so erscheint, wie es sich definitionsgemäß gehört: "Fehlt das Leitsymptom der depressiven Verstimmung, kann sich der Untersucher an die beiden anderen depressiven Achsensymptome hal- ten: Antriebsverlust und Schlafstörungen." Der Fortschritt dieser Wissenschaft, die psychiatrische Klärung der Frage, worin das "Wesen" der Schizophrenie, Cyclothymie etc. besteht, präsentiert sich deshalb als eine endlose Diskussion über "Grund-" oder "akzessorische Symptome" der jeweils postu- lierten Krankheiten und dem wissenschaftlich kreativen Auffüllen der Zwischenräume im Spektrum dieser Krankheitsdefinitionen durch Neuschaffungen wie "Grenzpsychosen", auf englisch "borderline syndrome" und ähnliches. Lebenshilfe fürs Gemeinwesen ---------------------------- So ist die Psychiatrie eine echte Wahnsinns-Wissenschaft: - Sie geriert sich als medizinisches Fachgebiet und findet nichts dabei, immer nur Definitionen zu diagnostizieren. - Sie steht vielmehr ehrlich dazu, daß sie ihre Gegenstände nicht "wissenschaftlich exakt abgrenzen" kann und tröstet sich damit, daß es die "Praxis" und die "Lebenserfahrung" des Seelenarztes schon richten werden, wo er als psychiatrischer Definitionen-Rei- ter mit der Subsumtion eines speziellen Spleens nicht klarkommt. - O b überhaupt ein "psychisches Leiden" vorliegt, ist leichter zu entscheiden, stehen doch lauter Verrückte und Polizisten als Kronzeugen der Wissenschaft parat: Die einen, wenn es darum geht, zu bestätigen, daß nie und nimmer die Irren selbst es sind, die da herumspinnen, sondern etwas Zwang- und Krankhaftes i n ih- nen; die anderen, indem sie als uniformierte Spezialisten für ab- norme Persönlichkeiten einen Teil des "Patienten-Gutes" vorsor- tieren und anliefern. Gerade mit solcherlei Unsinn erfüllt die psychiatrische Wissen- schaft offenbar manch ideologisches und praktisches Bedürfnis der Gesellschaft, die sich den Unfug leistet. Während deren politi- sche Verwalter für Finanzierung und Anerkennung dieses Treibens sorgen und dessen Notwendigkeit im Dienste der seelischen Volks- gesundheit bestätigen, betrachtet der gewöhnliche Sterbliche die Zunft der Irrenärzte eher mit einer Mischung aus Belustigung und Mißtrauen: Das eine wegen des gerechten Vorurteils, daß die Er- finder und Anwender von Tranquilizern, Stromstößen und tiefem psychologischen Alternativ-Irrwitz bestimmt selber nicht mehr richtig ticken; das andere, weil es bekannt ist, daß man sich vor den Mühlen der Psychiatrie un den Mittelchen und Methoden der dort wirkenden Helfer & Heiler hüten sollte. Das finden diese an- gesichts ihrer Bemühungen um die leidende Kreatur natürlich unge- recht. Pflegen sie doch von sich die Auffassung, ihre Profession sei ein ausgesprochen gutes Argument für sie selbst und die Ge- sellschaft, die in ihnen einen Ausweis des Fortschritts zu mehr Humanität besäße. Daß weniger moderne Staatswesen in früheren "finsteren" Zeiten sich um ihre Verrückten einfach weniger kümmerten oder solcherma- ßen "Besessene" zuweilen als Agenten des Beelzebub verbrannten, soll einen dankbar stimmen gegenüber den wissenschaftlich aufge- klärten Sittenwächtern der Normalität heutzutage, die sich eben- sowenig wie ihre rohen Vorgänger um Grund und Inhalt des Wahnsinns kümmern, das allerdings mittels Schreibens dicker Bücher. Sie wollen dafür gelobt werden, daß sie es mit ihrer Wissenschaft bis zu der Vorschrift gebracht haben, daß Abnor- mitäten größeren Kalibers in der besten aller Welten letztlich nur als Krankheit erklärt werden dürfen. Und zusammen mit ihrer kulturstaatlich-demokratischen Obrigkeit halten sie es für den Gipfel der Humanität, wenn ihr rassisti- sches Argument über die biologische Begründetheit geistiger Ab- weichung zu lauter "Fällen" für das Gesundheits- und Sozialwesen führt und nicht - wie vor ca. 50 Jahren, auch unter Assistenz von Psychiatern - zur schlichten Ausrottung des "ungesunden" und des- halb "unwerten" Lebens. Sie lassen es dabei bewenden, unter dem Titel der Heilung von krankhaftem inneren Zwang, gegen den Willen vorzugehen, der nicht mehr so funktioniert wie er soll, indem sie mit Psychopharmaka dessen physiologische Grundlage attackieren oder ihm per Gesprächs- oder Verhaltenstherapie alternative Sichtweisen der Umstände anbieten, über die er verrückt wurde. Der schöpferischen Kombination von "Therapieansätzen" ist keine Grenze gesetzt. Knast oder Irrenhaus - Die Psychiatrie weiß gute Gründe ------------------------------------------------------- Mit ihren staatlichen Sponsoren verbindet - wie bereits erwähnt - die Psychiatrie ein recht konstruktives Verhältnis: Die politi- sche Gewalt sichert die Lebensumstände, in denen sich die Mensch- heit bis zum Verrücktwerden abarbeitet und ist zugleich zuständig für die Verwaltung des dabei zwangsläufig anfallenden menschli- chen Schrotts. Dabei stehen ihr die Fachleute mit Rat und Tat zur Seite: Nicht nur, daß sie Leuten, die eine Willenskrankheit bei sich vermuten, mit bunten Pillen auf die Sprünge helfen; auch wenn die Staatsorgane bei einem "auffällig" Gewordenen dessen funktionellen bürgerlichen Verstand anzweifeln, geht ihnen die Psychiatrie, die mit ihrem Dogma von der Krankhaftigkeit des Un- Normalen dem staatlichen Ordnungsgesichtspunkt die wissenschaft- liche Weihe erteilt hat, mit gutachterlichen Empfehlungen aus dem Fundus ihrer theoretischen Dummheiten und Erfahrungen zur Hand. Diese Handreichungen weisen Gerichte manchmal zurück, wenn ihnen das Ergebnis nicht gefällt, oder entscheiden "aus eigener Kennt- nis" zwischen widerstreitenden Gutachten, weil sie ja auch ihre Erfahrung haben und entschieden werden muß. Meistens aber wird der fachliche Rat dankbar angenommen und in all seiner wissen- schaftlichen Verkehrtheit buchstäblich ins Recht gesetzt. Wenn es denn dazu kommt, daß einem die "Geschäftsfähigkeit" abge- sprochen wird oder die Motive einer Straftat einem Richter ums Verrecken nicht einleuchten, und deswegen nach Begutachtung die fehlende "genetische Verstehbarkeit" eines kriminellen Willens zum Ausschluß der strafrechtlichen Schuld führt, dann schlägt die Psychiatrie nach ihrem Auftritt als theoretische Hilfswissen- schaft des Rechtsstaats gleich noch einmal zu: Mit ihrem System von "Heil- und Pflegeanstalten" ist sie als praktische Abteilung des Sozialstaates etabliert. Dort soll der dysfunktionale Wille als defekter Geist traktiert und so wieder für die harten Maß- stäbe der Normalität hergerichtet werden oder, wenn der "Patient" sich nicht auf die Rückkehr zu ein paar normalen Gewohnheiten verpflichten lassen will, dieser dauerhaft verwahrt werden. Daß derlei Brutalitäten in Ordnung gehen, daß es, wie für jede Zumutung in diesem schönen Land, auch für das Wegräumen von "Abnormalen" gute Gründe vor allem respektable wissenschaftliche Notwendigkeiten gibt, dafür stehen die psychiatrischen Fanatiker des ganz n o r m a l e n Wahnsinns ein. zurück