Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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VERHALTEN

ist der Name für eine Kategorie, vor der alle Unterschiede ver- schwinden - die der wissenschaftlichen Disziplinen ebenso wie die der Gegenstände: "Totalitarismus oder Demokratie, der Staat oder das Individuum, eine geplante Gesellschaft oder übermäßige Toleranz, der Einfluß auf fremde Völker, der wirtschaftliche Determinismus, die indivi- duelle Initiative, die Propaganda, die Erziehung, der Krieg der Ideologien - immer geht es um die fundamentale Natur menschlichen Verhaltens." (Skinner) Was hält dieses Skinnersche Allerlei eigentlich zusammen? Der An- schein, hier solle an der Qualität, am I n h a l t von Demokra- tie, Planwirtschaft, Propaganda usw.usf. der B e w e i s einer gemeinsamen "fundamentalen Natur" geführt werden, kommt nicht einmal andeutungsweise auf. Skinner zitiert die krassesten in- haltlichen Unterschiede - die er also kennt -, um sie erstens als theoretisch nichtig auszugeben. "Es" (egal was) handelt sich "immer" um "menschliches Verhalten". Die ideell hergestellte U n t e r s c h i e d s l o s i g k e i t aller Dinge von "Totalitarismus" bis zum "Krieg der Ideologien" soll deren e n t s c h e i d e n d e s C h a r a k t e r i s t i k u m ausmachen. Zweitens behauptet der Verhaltenstheoretiker, mit dem theoretischen Totschläger "menschliches Verhalten" im Besitz ei- ner Formel zu sein, mit der er die "fundamentale Natur" jeder Sa- che von vornherein in der Tasche hat, ohne die Sache auch nur zur Kenntnis nehmen zu müssen. Mit dem Dogma 'Alles ist als menschli- ches Verhalten zu betrachten' ist nämlich nicht einfach der in seiner Albernheit unwiderlegliche Hinweis ergangen, bei "der Staat oder das Individuum" etc.pp. habe man das Tun und Treiben von Leuten und nicht etwa von Kleiderschränken vor sich. Der Ver- haltensforscher hat mit diesem albernen Hinweis etwas ganz an- deres gesagt, nämlich ein Programm formuliert: Er will jedes be- stimmte Verhalten daraus e r k l ä r e n, daß es "Verhalten" ist. Wo sonst jedermann weiß, daß Politiker, die "Einfluß auf fremde Völker" ausüben, anderen Gründen nachkommen und andere Zwecke verfolgen als Kindergärtnerinnen, die in der "Erziehung" tätig sind, leugnet der Verhaltenstheoretiker die unterschiedli- che Bestimmung des jeweiligen Handelns. Beides - wie jedes andere Tun und Lassen - will er gleichermaßen als Formen des Verhaltens schlechthin betrachten. Sein theoretischer Gesichtspunkt hat mit k e i n e r angesprochenen Sache etwas zu schaffen. Er besteht in dem Unterfangen, j e d e s Treiben unter die leere Idee der Bestimmt h e i t, der A b h ä n g i g k e i t s c h l e c h t- h i n zu subsumieren. Wie das gehen soll? Z.B. mit der Frage: Wodurch bestimmt es sich eigentlich, das bestimmte Verhalten? ------------------------------------------------------------- Umfassende Antwort leitet die folgende, in jedem Seminar über "V" fällige Frage ein: "Warum verhält sich der Mensch so und nicht anders?" Denken soll man jetzt nicht: "Fragen wir ihn doch!" oder: "Schauen wir uns doch mal genauer an, was er tut!" Nein, denken soll man sich vielmehr, daß, wann immer ein Mensch etwas Bestimmtes tut, er genausogut etwas anderes, Gegenteiliges tun k ö n n t e. Hat er nicht seine Gründe und Zwecke? Für einen Verhaltenswissenschaftler sind sie unerheblich. Die zitierte Tat hätte ebensogut unterbleiben können. Der Verhaltensdenker macht die offenkundige Existenz der zur Rede stehenden Handlung zur of- fenen Frage und dann seine blöde Bezweiflung ihrer Existenz zum Argument: wenn eine Handlung existiert, wo sie doch ebensogut nicht sein könnte, dann muß sie von anderer Seite verursacht und bestimmt, kurz: determiniert sein. In english: "V" ist immer con- ditioned! Auf gut deutsch: Schluß mit der verstaubten Vorstel- lung, das handelnde Subjekt unterscheide sich von den Vorausset- zungen und Bedingungen seines Handelns. "Wir möchten das Verhalten des einzelnen Organismus vorhersagen und kontrollieren. Das ist unsere 'abhängige' Variable - die Wir- kung, für die wir eine Ursache finden müssen. Unsere 'unabhängige Variablen' - die Ursachen des Verhaltens - sind die äußeren Be- dingungen, von denen das Verhalten eine Funktion ist. Relationen zwischen beiden sind die Gesetze einer Wissenschaft." (Skinner) Wer s o nach "Ursachen" sucht, der hat seine "Variablen" längst gefunden. Die Denkanleitung ist so einfach wie falsch: Man deute auf irgendetwas, was Leute tun, nenne es "V", definiere es damit als "abhängig" (damit's nicht so billig klingt, wie es ist: "abhängige Variable") und schon weiß man, daß "Verhalten Funktion von Umwelt" ist. Mensch und Welt sind übersetzt in die Tautologie von zwei sich wechselseitig durcheinander definierende Seiten y (Reiz-Reaktion, Stimulans-Response etc). Für's "V" heißt das: d e s s e n Bestimmung besteht darin, ohne e i g e n e Bestim- mungen und daher durch alles andere außerhalb des "V" bestimmt zu sein. Die "Umwelt" andererseits wird so präzise wie monoton da- durch charakterisiert, daß sie Umwelt ist, insofern sie ein "V" erzeugt habe: womit glücklich das Verhalten durch die Umwelt und die Umwelt durch das Verhalten definiert ist. Für die Bebilderung dieses zirkulären Reiz-Reaktions-Modells ist jeder wirkliche Zusammenhang genauseo willkommen wie idiotische Experimente, die eigens zum Zweck dieser Bebilderung erfunden und durchgeführt wurden. Da wird das Erpressungsverhältnis Lohnarbeit (ohne Dienst an fremden Eigentum kein Lebensunterhalt) freudig begrüßt und der Lohn als "Stimulus" mit der "Response" Arbeit verhaltenswissenschaftlich als runde Sache rubrifiziert. Und Leute wie Thornike und Pawlow benutzen fleißig den gewußten In- stinkt ihrer Ratten, Köter und Tauben, um ihnen Picken und Spei- cheln als Resultat von Klingeltönen und Belohnungen anzudressie- ren. Daß der Verhaltenswissenschaftler Parasit ganz anderer als der von ihm ersonnenen Abhängigkeiten ist und deshalb auch immer erst im N a c h h i n e i n zu vermelden bereit ist, ob so etwas ge- wirkt habe: "Das Kriterium (ob etwas ein diskriminativer Reiz ist oder nicht) ist nur, ob (!) der Stimulus irgendeine (!) Wirkung hat..." diese bodenlose, durch die Logik der Kategorie "Verhalten" er- zeugte Ahnungslosigkeit über wirkliche Zusammenhänge hält ihn überhaupt nicht davon ab, sich selbst ungeheure P r o g n o- s e k r ä f t e zu attestieren. Siehe oben: "Wir möchten das Verhalten des einzelnen Organismus vorhersagen und kontrollieren..." Daß er dies m ö c h t e, kann man ihm sicher genauso zugestehen wie man bestreiten muß, daß sein blödsinniges Modell praktische Bedeutung hat. Das wäre ja auch noch schöner, wenn die Welt sich nach der fixen Idee von Gesetzmäßigkeit richten würde, aus der jeder bestimmte Inhalt herausgesäubert ist. Während in der umgangssprachlichen Benutzung des Begriffs: "Wie soll ich m i c h zu einer Situation verhalten..." - immer noch gewußt wird, daß sich hier jemand einen Reim auf bestimmte Ver- hältnisse macht und sich für eine Konsequenz entscheidet, sieht ein Verhaltenswissenschaftler sein Geistersubjekt am Werk, näm- lich den G e d a n k e n unausweichlicher Entsprechung von 'input' und 'output': der Mensch w i r d entschieden. Von we- gen: "sich verhalten" sei ein reflexives Verb! Auszuplaudern, daß er am I d e a l d e r M a n i p u l a t i o n entlangdenkt, hat sich noch kein Verhaltenswissenschaftler verkniffen: - schön wär's ja, wenn die Leute ein einziges Abziehbild von "Umwelt" wären - schön wär's ja, wenn Gegensätze zwischen Realität und individu- ellen Interessen prinzipiell unmöglich wären. Darin besteht nämlich das harmonische Fazit der ganzen Verhal- tensmathematik: Mensch und Welt soll man sich als zwei Seiten ei- ner Gleichung denken, die unterm Strich ohne Rest aufgeht. Kein Wunder, daß sich diese Affen so s t u r z z u f r i e d e n in der erfundenen Welt ihrer Boxen tummeln. So sehr solche Borniert- heit einerseits davon lebt, daß es in der Welt gerade ziemlich ungemütlich zugeht, so wenig läßt sich ein Verhaltenswissen- schaftler davon irritieren. Er findet die Welt einfach "reizend"... P.S.: 'Verhalten und seine 'Abweichung' --------------------------------------- Daß die ganze grandiose G l e i c h m a c h e r e i der wissen- schaftlichen Erfindung namens "Verhalten" sehr wohl auch auf das Aufmachen von U n t e r s c h e i d u n g e n am "menschlichen Verhalten" gezielt ist, zeigt unmißverständlich die Beliebtheit, der sich das Dingfestmachen von "abweichendem Verhalten" in der Wissenschaft erfreut. Zwar ist diese Kategorie der schiere Wider- spruch zu der Behauptung, mit der allen Unterscheidungen feind- lichen Totalabstraktion "Verhalten" sei das geheime Gesetz allen Tuns und Treibens erfaßt. Doch erstens kümmert sich die moderne Wissenschaft ohnedies nicht um ihre hausgemachten Widersprüche, und zweitens ist die Zurechnung von "Abweichungen" durchaus die kongeniale Fortsetzung der ideologischen Leistung, auf die es den Erfindern der Verhaltenskategorie ankommt. Schließlich beschwört letztere s o s e h r die Idee der der Festgelegtheit aller menschlichen Aktivitäten, des F u n k t i o n i e r e n - M ü s s e n s der Individuen gemäß ihrer äußeren Voraussetzungen und Bedingungen, daß, mit bedrohlichem Unterton, dabei immer schon der Zweifel mitgedacht ist, ob die Leute das auch wirklich m a c h e n, was sie doch m ü s s e n - nämlich konformes Funk- tionieren nach den Maßstäben ihrer "Umwelt" an den Tag zu legen. "Verhalten" postuliert als theoretischer Begriff das immer schon feststehende G e l i n g e n, den notwendigen E r f o l g die- ses konformen Funktionierens; da braucht man bloß die Betonung innerhalb dieser ideologischen Botschaft etwas zu verschieben, und schon ist aus der fraglosen Norm der Anpassung die Nachfrage geworden, die auf S o r t i e r u n g zielt, ob diese zwingende 'Normalität' auch befolgt oder ob davon 'abgewichen' wird. In letzterem Falle liegt dann "Fehlverhalten" vor; und das M i ß lingen der notwendigen Funktionalität, der Entsprechung von Subjekt und Umwelt, ist ganz automatisch als s u b j e k t i v e Eigenschaft des Abweichlers ausgemacht, ohne daß dessen subjek- tive Zwecke überhaupt zur Kenntnis genommen werden müßten. So entfalten die Fehler der bürgerlichen Wissenschaft ihre ideo- logische Produktivität! zurück