Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Erich Fromm: "Die Kunst des Liebens"
       

DIE ALLTÄGLICHE ERSATZRELIGION

Nein, Erich Fromm ist kein Pfaffe. Wenn diese in früheren Zeiten bei Hungersnöten, Fronarbeit und Krieg den sündigen Menschen pre- digten, wie sie durch Nächstenliebe, Bescheidenheit und gläubige Zuversicht in den Himmel kommen könnten, so sieht das bei Fromm ganz anders aus. Zwar leugnet er gar nicht, daß seine "Kunst des Liebens" dem Geist der Bergpredigt näher steht als Oswalt Kolle "Die Liebe, die allen anderen Arten der Liebe zugrunde liegt, ist die Nächstenliebe." (S. 70) Ein paar wesentliche Unterschiede zur christlichen Verkündigung sind jedoch nicht zu übersehen. Zunächst einmal ist Fromms Ab- handlung 1. keine Predigt, ----------------- worin der Menschheit die moralische Notwendigkeit des Liebens beigebracht werden soll. Für Fromm kommt "der Mensch aller Zeiten und Kulturen -" nämlich schon von sich aus um die Frage nicht herum, "wie man das eigene individuelle Leben transzendieren und eins werden kann" (S. 26); eine Frage, die tief im menschlichen Sein wurzelt: "Dieses Bewußtsein seines gesonderten Daseins, das Bewußtsein seiner eigenen kurzen Lebensspanne und der Tatsache, daß er ohne seinen Willen geboren ist und gegen seinen Willen sterben wird,... das Bewußtsein seiner Einsamkeit und Getrenntheit, sei- ner Hilflosigkeit gegenüber den Kräften der Natur und der Gesell- schaft - das alles läßt seine besondere und abgetrennte Existenz zu einem unerträglichen Gefängnis werden." (S. 24) Da die Menschen angesichts solch unüberwindlichen Schreckens al- len Grund hätten, sich wie die Lemminge reihenweise ins Meer zu stürzen, ist es nur ein Glück, daß ihnen rechtzeitig die Antwort auf alle bohrenden Fragen eingefallen ist: "Die eigentliche und totale Antwort auf die existentielle Frage liegt in der zwischenmenschlichen Vereinigung, in der Vereinigung mit einem anderen Menschen, in der L i e b e." (S. 36) So wird aus einem schlichten Faktum eine moralische Botschaft, ohne daß es irgendeines Umwegs über höhere Instanzen bedürfte. Da die Menschen schließlich nicht in völliger Abgeschiedenheit von- einander leben, also auch nicht über dem Bewußtsein ihrer gar nicht existierenden "abgetrennten Existenz" verrückt werden, des- halb sind alle wirklichen Gründe ihrer verschiedenartigsten "Vereinigungen" nur ein einziger Beleg dafür, daß es ihnen um V e r e i n i g u n g ü b e r h a u p t geht. Diese Abstraktion zu praktizieren, bleibt gleichwohl eine "Kunst", bei der es vor allem zu lernen gilt, daß es sich um 2. keine Verzichtsmoral ----------------------- handelt. Ein solches Mißverständnis seines Anliegens hält selbst Fromm für denkbar, weshalb er sich - er ist ja kein Pfaffe immer wieder davon abgrenzt. Er definiert Lieben als "Geben" - "Was gibt eigentlich ein Mensch dem anderen? Er gibt von sich selbst, von dem Kostbarsten, was er besitzt, von seinem Leben." - , bemerkt ausgerechnet an dieser Blutspenderthese, daß so etwas nach Selbstaufgabe aussieht, und präzisiert dementsprechend: "Das bedeutet nicht notwendigerweise, daß er sein Leben anderen zum Opfer bringt, sondern daß er von dem gibt, was in ihm leben- dig ist." (S. 44) Eine ähnlich genaue Auskunft erhalten wir über einen zweiten Aspekt der Liebe, die "Verantwortlichkeit". "Heute versteht man unter Verantwortlichkeit häufig die Pflicht, etwas, das einem von außen auferlegt wird. Aber in ihrem eigent- lichen Sinne ist die Verantwortlichkeit eine völlig freiwillige Handlung." (S. 48) Wir können Fromm in dieser Sache beruhigen. Gegenüber dem pfäffi- schen Materialismus, der Tugendhaftigkeit gerade im Angesicht wirklicher oder eingebildeter N ö t e propagiert, ist seine Vorstellung einer "Liebe" ohne Anlaß, Objekt und Ziel wirklich der reine Idealismus o h n e N o t. Die Frage, ob die daraus entspringenden Verpflichtungen "von außen" oder von innen kommen, erledigt sich über den Inhalt dieses Ideals. Wer sich von der "Mutterliebe" - "(diese) bedingungslose Liebe entspricht einer der tiefsten Sehnsüchte nicht nur des Kindes, sondern jedes menschlichen We- sens" (S. 64) über das "Geben" - "Geben bringt mehr Freude als Empfangen, nicht weil es ein Opfer ist, sondern weil in der Handlung des Gebens der Ausdruck meiner Lebenskraft liegt." (S. 42) - bis zur "erotischen Liebe" - "Die erotische Liebe ist ausschließlich, liebt jedoch im ande- ren die ganze Menschheit, alles Lebende." (S. 80) - und zur "Nächstenliebe" - "da wir Menschen sind, brauchen wir Hilfe - heute ich, morgen du." (S. 71) die disparatesten Verhältnisse zwischen Menschen als Ausdruck ein und derselben Haltung, als Befriedigung ein und desselben Bedürf- nisses vorstellen kann, der definiert "die Liebe" ja ausdrücklich als spezifisch g r u n d l o s e n W e r t. N u r der Gegen- satz zu jedem bestimmten Interesse, das einer verfolgen könnte, die unterschiedslose Subsumtion aller denkbaren Zwecke und Le- bensbereiche unter den absoluten Vorrang eines nicht weiter be- stimmten "Zusammen" ist der Inhalt dieses Ideals. Die Frage, wes- halb man es verfolgen sollte, ist mit der Auskunft "Bedürfnis" von vornherein vom Tisch. Ein tiefes Desinteresse am t a t s ä c h l i c h e n "Zusammen", das keineswegs für die Be- tätigung "reifer und schöpferischer Charaktere" im Dienste der "Lebenskraft" eingerichtet ist, bahnt hier der liebevollen Deu- tung jeglichen Umgangs von Zeitgenossen miteinander als Tummel- platz der "Liebe" den geistigen Weg. Dennoch: man sollte das ein letztes Mal nicht für pfäffisch hal- ten. Das Konzept der universalen Liebe ist nämlich 3. eine Gesellschaftskritik --------------------------- aus geradezu marxistischem Geiste. Denn ist es nicht so: "Kapital beherrscht die Arbeitskraft; leblose Dinge haben einen höheren Wert als Arbeitskraft; menschliches Können und alles, was lebendig ist. Haben ist mehr als Sein." (S. 114) Und das heißt ja nicht, daß die Mehrzahl der Bevölkerung deswegen nichts ist, weil sie nichts hat. Umgekehrt! "Kapital beherrscht die Arbeitskraft", das bedeutet recht betrachtet, daß es allen Leuten nur noch um ihr Vergnügen geht, und daß der "moderne Kapi- talismus", dieser Nachfolger Babylons, ihnen diese unmenschliche Haltung eingetrichtert hat. "Das Glück des Menschen besteht heute darin, sich zu vergnügen. Vergnügen liegt in der Befriedigung des Konsumierens und 'Einverleibens': von Waren, Bildern, Essen, Trinken, Zigaretten, Menschen, Zeitschriften, Büchern und Filmen. Alles wird konsu- miert, wird geschluckt. Die Welt ist nur für unseren Hunger da," (hört, hört!) "ein riesiger Apfel, eine riesige Flasche, eine riesige Brust..." (S. 117 f.) Ja, diese Vision ist grauenerregender jede philosophische Ein- sicht in das "Getrenntsein" des Menschen! So vage "die Liebe" in ihrer positiven Darstellung erscheint, so scharfe Konturen ge- winnt sie als A n t i-Materialismus, der noch dazu s o z i a l kritisch sein soll - im Interesse "des Menschen", der mit seiner andauernden Verwöhnung durch das Kapital, das "nur für unseren Hunger da" ist, gar nicht leben kann. Erich Fromm trägt seinen Namen also tatsächlich nur zufällig. Er schmarotzt nicht wie die Pfaffen von ehedem am E l e n d der Leute, um sie auf bessere Zeiten und aufs Jenseits zu vertrösten, sondern an der staatlich propagierten Meinung, daß es ihnen so- wieso z u g u t geht, um ihnen ein für allemal das typisch ka- pitalistische Schielen nach dem "Haben" und Vorteil madig zu ma- chen. Welcher Lohn dafür winkt, mache man sich an der "Praxis des Liebens" klar: "Der wichtigste Schritt ist, zu lernen, mit sich selbst allein zu sein, ohne dabei zu lesen, Radio zu hören, zu rauchen oder zu trinken." (S. 146) Denn überhaupt: "Wenn man konzentriert ist, spielt es fast keine Rolle, w a s man tut..." (S. 147) Genau wie bei diesem Weltbild insgesamt! zurück