Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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"Ein imponierender, aber lebensfeindlicher Standpunkt"
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Betrifft: Titelgeschichte der MSZ 3-4/1985 "Die Deutschen - Ein
Volk von Psychos"
"Beim Lesen Deines Artikels hatte ich den Eindruck, daß Du, ein
sehr intelligenter und mir sympathischer Autor, das alltägliche
Leben aus kritischer Distanz zwar oft treffend kritisieren, zy-
nisch brandmarken kannst, daß Du Dich aber durch diese zynische
Distanzierung vom Alltagsleben, vom Leben selbst auch distanziert
hast. Auf diese Feststellung wirst Du sicherlich ironisch reagie-
ren und dabei wohl auch Richtiges feststellen, aber vielleicht
auch abwehren. Ich weiß nicht, ob Du es schon gewagt hast, Dir
die Ergebnisse der bürgerlichen (im Bürgerlichen steckt ja auch
etwas allgemein Menschliches, nicht nur im neg. Sinn, glaube ich)
Psychologie zueigen zu machen, um dann auch an ihre Grenzen zu
stoßen. Du wertest die Psychologie insgesamt ab, wehrst sie viel-
leicht ab? Auch ganz reaktionäre Typen beschimpfen die Psycholo-
gie, aus anderen Motiven natürlich...
Du schreibst in Deinem Artikel so abwertend von Kinderei, Kin-
dischwerden, und wahrscheinlich findest Du meinen Brief auch kin-
disch. Hältst Du 'kindlich sein' auch für negativ? Versuche doch
mal, weich und offen zu sein, Dich nicht so zu verhärten (jetzt
rede ich wie eine Seelsorgerin, verzeih), gegen die 'linientreuen
Massen' z.B. Du hast so wahnsinnig hohe Ansprüche, und um die zu
erfüllen, bist Du vielleicht auch hart zu Dir selbst.
Dein Standpunkt imponiert mir, aber ich halte ihn für lebens-
feindlich. Da wir ja nicht, wie gläubige Moslems, daran glauben
können, als revolutionäre Kämpfer ins Paradies aufgenommen zu
werden, bleibt uns ja nichts anderes übrig, als aus unserem so
kurzen, fragwürdigen Dasein das Beste zu machen. Und ich glaube,
individuelles Glück ist ein wichtiges Fundament, auch für sinn-
volles politisches Handeln. Da ich ziemlich sicher bin, daß Du
über mein Schreiben spotten wirst, wünsche ich mir, aber auch
Dir, daß es wenigstens keinen zynischen, sondern gutmütigen bzw.
humorvollen Spott hervorruft.
C.W., Saarbrücken
Ein Dokument psychologischer Raffinesse
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Dein Brief ist nicht kindisch. Im Gegenteil: Du verstehst es,
kein einziges Argument des Artikels als Argument - als theoreti-
sches Urteil oder Beweis - zu nehmen, sondern alles in ein Sym-
ptom zu übersetzen, für eine dahintersteckende, ziemlich ver-
werfliche Lebenshaltung nämlich. Auch den Trick beherrschst Du,
die Kritik an der Psychologie pauschal mit einem "oft zutreffend"
anzuerkennen, nur um mit einem "zwar" die Kritik insgesamt für
irrelevant zu erklären und ungerührt einen psychologischen Ver-
dacht auszubreiten, gegen den sich in dem Artikel einige Einwände
finden. Was wäre eigentlich, wenn die "Distanzierung" und
"Verhärtung", die Du als die entscheidende Botschaft des Artikels
entdeckt haben willst, aus den dort angeführten Gründen das ein-
zig Senkrechte wäre? Auch diesen Einwand verstehst Du abzuwehren,
noch bevor er erhoben ist: Mit der Technik, jede 'richtige Fest-
stellung' zuzugeben, um sie mit einem "vielleicht aber auch" und
dem Verdacht auf - psychisch motivierte - 'Abwehr' abzuweisen,
hast Du Dich gegen das Streiten mit und Klären von Argumenten von
vornherein abgesichert.
"Lebensfeindlich" kommt Dir die Tendenz des Artikels vor. Die
Kritik der Abstraktion "Leben" am Anfang des Artikels scheint
also nicht zu den Dir einleuchtenden Teilen gehört zu haben.
Überleg' Dir vielleicht trotzdem mal, ob das Leben, das die mei-
sten Zeitgenossen hierzulande führen müssen, nicht einige Feind-
lichkeit verdient - mit Argumenten, die für solche Feindschaft
sprechen, könnten wir leicht mehr als jeden Monat eine MSZ fül-
len. Der "Anspruch", der mit solchen Argumenten erhoben wird, ist
im übrigen nicht "wahnsinnig hoch", wie Du vermutest. Es wäre
viel gewonnen, wenn die Leute nur darauf verzichten wollten, dau-
ernd Ansprüchen hinterherzulaufen, die sie zu ihrem Schaden an
sich stellen lassen oder sogar selbst an sich stellen. Dem An-
spruch z.B., "aus unserem so kurzen, fragwürdigen Dasein das Be-
ste zu machen". Diese lockere Aufforderung schließt den kleinen
Schwindel ein, Länge und Anzahl der Lebensjahre - was Du mit
"fragwürdig" meinst, hast Du für Dich behalten - als Grund dafür
zu unterstellen, daß es mit dem "Dasein" nicht zum Besten steht,
"das Beste" also erst daraus "zu machen" ist. An diesem fiktiven
Problem arbeitet sich sicherlich niemand ab; wohl aber an aller-
lei Existenzbedingunge, aus denen bei aller individuellen An-
strengung allenfalls "das Beste", aber n i c h t s G u t e s
zu machen ist. Und genau davon möchten wir abraten: sein ganzes
Dasein mit dem "wahnsinnig hohen" Anspruch und dem hoffnungslosen
Versuch zu vergeuden, aus der Lohnarbeit und einem für die Be-
dürfnisse von Staat und Kapital eingerichteten Welt "das Beste"
fürs "individuelle Glück" zu machen. Anders gesagt: Wenn Du schon
in dieser Bemühung auf ein "trotzdem" und eine dem Individuum
ziemlich widrige Lebenslage stößt, dann mach doch nicht den from-
men Betrug mit, das "Problem" wäre eins der begrenzten Lebens-
jahre und ausgerechnet durch den hartnäckigen Entschluß zu den
"kleinen Freuden des Alltags" zu lösen. (Was die betrifft: Die
stehen doch auf einem ganz anderen Blatt...!)
"Zynismus" wirfst Du dem Artikel vor. Wir kennen Zynismus als
eine Behandlungsart anderer Menschen, die diese wider besseres
Wissen in einem verkehrten, nämlich ihnen selbst schädlichen Tun
und Lassen bestärkt, Fehler wissentlich ausnützt. Wir entdecken
das vorrangig bei Politikern, die ihren Wählern sehr berechnend
den Schaden, den ihre Politik denen zufügt, als applauswürdige
Wohltat vorstellig machen. Zynisch finden wir es aber auch, wenn
Seelsorger ihre Klientel zur Beherzigung von Lebensrezepten ani-
mieren, die keine Schädigung und keinen Fehler ausräumen, statt
dessen die Befassung mit sich selbst, genauer: mit moralisch-psy-
chologischen Bildern von der eigenen verkorksten Persönlichkeit
anleiten.
Eine Anleitung dieser Art liegt z.B. in Deiner Aufforderung zu
dem 'Wagnis', sich "die Ergebnisse der bürgerlichen Psychologie
zueigen zu machen, um dann auch an ihre Grenzen zu stoßen".
Selbst wenn der bürgerliche "Selbsterfahrungs"-Zirkus, den Du
wahrscheinlich im Auge hast, ein Umweg zur besseren Einsicht in
dessen "Grenzen" wäre, sollte man ihn sich sparen. Allerdings ist
er das gar nicht; und das Reden von unbestimmten "Schranken" der
bürgerlichen Psychologie gehört zu d e r e n Kunstgriffen, als
vollends unanfechtbar zu erscheinen: Sie kennt sogar "ihre Gren-
zen". Wir halten die bürgerliche Psychologie jedenfalls nicht für
eine Weltanschauung mit begrenztem Budget, wollen auch nicht ih-
ren Kredit abwerten; uns stört die selbstverliebte Versenkung in
lauter methodische - jedenfalls un-sachliche - Selbstzweifel, mit
der dieser moderne Volksaberglaube seine Kundschaft beschäftigt
und von jeder sachlichen Einsicht und jedem daraus abgeleiteten
Entschluß abhält.
Du meinst, "im Bürgerlichen steckt ja auch etwas allgemein Men-
schliches, nicht nur im negativen Sinn". An die paar wirklich
"allgemein menschlichen" Verkehrsformen des Bewußtseins: an die
abstrakten Bestimmungen von Tätigkeiten wie Wahrnehmen, Bedürfen,
Wollen, Verstehen, Schlußfolgern usw., wirst Du kaum gedacht ha-
ben. Du möchtest eine Ehrenrettung des "Bürgerlichen" an der Psy-
che - also all der Widersprüche und Drangsale, die ein Mensch
sich schafft, wenn er partout aus einer dafür nicht eingerichte-
ten gesellschaftlichen Welt sein privates "Glück" herausholen,
"das Beste machen" will und in betrübte Selbstbetrachtungen ab-
driftet, sofern ihm das nicht gelingt.
Ob Du wenigstens an diesem Hinweis merkst, daß wir die Psycholo-
gie nicht bloß "aus anderen Motiven natürlich" "beschimpfen" als
"ganz reaktionäre Typen", sondern vor allem mit ganz anderen
G r ü n d e n -?
"Kindlich sein" ist weder positiv noch "negativ", sondern die Ma-
nier von Kindern, ihrem praktischen Gefühl zu folgen, auch in An-
gelegenheiten, wo das gar nicht am Platz, sondern schädlich ist.
Etwas anderes ist die Manier erwachsener Psychos, ihren Verstand
und ihren mit allen Techniken der Heuchelei vertrauten Willen
darauf zu richten, daß - entsprechend übertriebene und erkün-
stelte - "spontane" Stimmungen und Launen ihre Aufführung bestim-
men. Schau Dir Deinen Brief an: Welches Kind, und sei es noch so
altklug, brächte eine so konsequente Abwehr jedes Urteils über
die Psychologie und über die Fehler und Konsequenzen psychologi-
scher Selbstbetrachtung zustande?
MSZ-Redaktion
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