Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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KONRAD LORENZ: VERHALTENSFORSCHER, TIERLIEBHABER, MENSCHHEITSKRITIKER

"Donald, es gibt so etwas wie gut und böse, es gibt anständige Menschen und es gibt Schurken, und der Unterschied zwischen ihnen ist zweifellos genetisch." (Brief vom Konrad) Konrad Lorenz ist nicht mehr, Seiner Nachwelt hinterläßt er die etwas umfangreich ausgefallene verwissenschaftlichte Fassung von ein paar moralischen Sentenzen, die zum weltanschaulichen Instru- mentarium des gebildeten Staatsbürgers gehören. Wer von der Schlechtigkeit "des Menschen", seiner Neigung zur Hybris und Um- weltzerstörung, dem Müßiggang als dem Anfang aller Laster und dem Glauben an die Allmacht der Vernunft als die Erbsünde, die in die Katastrophe führt, und überhaupt von einer Menschheit weiß, die sich immerzu gegen ihre höhere Bestimmung vergeht; wer daran die Forderung knüpft, eine höhere Gerechtigkeit müsse die Menschheit mit ihrer Unvernunft auf das richtige Maß zurechtstutzen und sie wieder Bescheidenheit vor Gott und der Natur lehren: der hat - ohne Lorenz' Werk gelesen haben zu müssen - die Lehre diese "großen Österreichers", "Einsteins der Tierseele" und "Menschheitswarners" so intus, als ob er ein nobelpreisverdächti- ges Forschungsschwimmen mit einer Graugans absolviert hätte. Es handelt sich bei Lorenz' vielgeschätzten Erkenntnissen nämlich wieder mal um einen gar nicht so originellen Beitrag zur belieb- ten Sparte Zivilisationskritik, in der in souveräner Absehung von allen praktisch gültigen Verhältnissen das erfundene Subjekt "Menschheit" immerzu angeklagt und zur Besserung aufgerufen wird. Der Vorwurf der "Verhausschweinung" einer Menschengattung, die mitten im 20. Jahrhundert mit "dem Genom - den Erbanlagen - eines Steinzeitmenschen geschlagen" sein soll, ebenso wie das origi- nelle Heilungsrezept einer "Ethik aus den Genen" weisen auf die wissenschaftliche Tour, mit der Lorenz die uralten Gedanken vom menschlichen Sündenfall gegen die Ordnungsgebote der Schöpfung dem aufgeklärten Publikum zu Gemüte führt: Er hat sie dem Tier- reich abgelauscht. Wissenschaftlich begründet sind sie deswegen noch lange nicht. Dafür aber persönliche Überzeugung und mit ent- sprechendem Engagemant vertreten: "Ich zumindest muß mich zu dem Wunsch bekennen, den langweiligen hübschen jungen Männern und - nicht ganz so fest - den bärtigen ungewaschenen Typen einen Tritt in den Hintern zu versetzen." Bei diesem Wunsch des Konrad Lorenz handelte es sich nicht um das gewöhnliche Mißfallen an der heutigen Jugend. Zum einen verriet die unterschiedliche Dosierung gewisse Sympathien eines Naturbur- schen, der selbst aus Eichenholz und Gummistiefeln geschnitzt war. Und zum anderen kündete der seiner selbst gewisse Zwang zum Bekenntnis von einem Professorenamt, das die Moral des gesunden Volksempfindens zu den wissenschaftlichen Ehren einer E t h o- l o g i e gebracht hat. Verhaltenswissenschaft: Die Lehre vom Verhältnis zwischen --------------------------------------------------------- dem Tier im Menschen und dem Menschen im Tier --------------------------------------------- In der Person des Konrad Lorenz war seinerzeit der Nobelpreis - verlegenheitshalber war es für die Medizin - erstmals jener mode- renen Wissenschaft zuerkannt worden, die dem Staat seine Probleme lösen möchte, indem sie "das Verhalten" zum Forschungsgegenstand erklärt: "Bei friedlichen oder kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Nationen geht es in der Hauptsache stets um das Problem der men- schlichen Freiheit und ihrer Kontrolle. Totalitarismus oder Demo- kratie, der Staat oder das Individuum, eine geplante Gesellschaft oder übermäßige Toleranz, der Einfluß von Kulturen auf fremde Völker, der wirtschaftliche Determinismus, die individuelle In- itiative, die Propaganda, die Erziehung, der Krieg der Ideologien - immer geht es um die fundamentale Natur menschlichen Verhal- tens." Ein moderner Vulgärwissenschaftler löst nicht nur alles, was die Menschheit so treibt, in die Abstraktion von jeder besonderen Tä- tigkeit - "Verhalten" - auf; er läßt auch keinen Zweifel daran, weshalb er diese Abstraktion ausgerechnet mit dem Attribut "menschlich" zur Würde eines besonderen Gegenstandes verhilft. Er hat sich der menschlichen Freiheit angenommen, weil sie ihm ein P r o b l e m bereitet und k o n t r o l l i e r t werden muß, er entdeckt also d e n Menschen darin, daß er ausgerechnte in seinen früher einmal gefeierten, altehrwürdigen Prädikaten wie "Bewußtsein" und "Wille" ein R i s i k o darstellt. Vom "menschlichen Verhalten" redet er, weil es ihm um das s t a a t s b ü r g e r l i c h e W o h l v e r h a l t e n zu tun ist - und von dieser sicheren Warte aus wären Krieg und Frie- den, Wirtschaft, Ideologie und Erziehung völlig falsch behandelt, würde man sie erklären. Es g i b t das alles ja, und das einzig interessante "Problem" besteht darin, ob der menschliche Wille, jene ewige Quelle von Widersetzlichkeit und Unordnung, für die Abwicklung dieser schönen Geschäfte auch tauglich bleibt. Solche kritischen Bedenken bezüglich der Menschennatur treiben den Vulgärwisssenschaftler zur Radikalität seines Denkens: Inso- fern er den freien Willen als S c h r a n k e für die Staatsak- tionen betrachtet, hat er den brennenden Wunsch, ihn loszuwerden. Insofern aber selbige Staatsaktionen ohne bewußt handelnde Men- schlein nicht ins Werk gesetzt werden können, quält ihn die Frage, wie ein freier Wille zugerichtet werden kann, daß er gefü- gig ist, als wäre er gar nicht vorhanden. Also schreitet ein Ver- haltensforscher mit Hilfe der Erkenntnis, daß ein Mensch ohne Willen und Bewußtsein zum Vieh wird, zur eigentümlichen Leistung seiner Disziplin: Er entdeckt "Verhalten" am T i e r und legt sich damit den M e n s c h e n a l s z o o l o g i s c h e C h a r a k t e r f r a g e zurecht. Was am Menschen n i c h t Tier ist, untersucht er a l s das ihm mit dem Tier Gemeinsame, also a l s das Tierische an ihm; das Tier wiederum unterstellt er in seiner Untersuchung als ein Wesen, das keineswegs bloß un- ter bestimmten Verhältnissen lebt, sondern das "sich verhält", d.h. sein Dasein als b e w u ß t e s, a b s i c h t s- v o l l e s V e r h ä l t n i s zu seinen Lebensbedingungen praktiziert. So l e u g n e t der Verhaltensforscher den Men- schen als freie Subjektivität, indem er die Tierwelt ein- schließlich des Menschen, vom Gen angefangen, als moralische, nämlich auf die "sittliche Ordnung" bezogene Veranstaltung be- trachtet - siehe Motto -, und findet darin s e i n Mittel, zur Moral der Menschen beizutragen. Demokratische Ethologen wie der Amerikaner Skinner - von welchem obiges Zitat stammt - machen sich in der Weise verdient, daß sie durch monströse Dressurleistungen an bornierten Viechern die Be- dingungen einer durchgreifenden demokratischen Menschenbildung erkunden - nach dem Motto: Wenn schon Papageien Rollschuh laufen und Hühner ihr Geld, statt es auszugeben, in die Sparbüchse stecken, wieso sollte man dann nicht Vietnamesen, Nicaraguaner und sonstiges Getier dazu bringen können, sich wie gesittete Amerikaner zu verhalten? Der Lorenz aus Österreich dagegen kultivierte die Vorstellung der Identität von Mensch und Tier unter Verzicht auf jegliche Entartung beiderseits. Sein Material bestand aus Besserem als "empty organisms", und er benötigte weder viel Statistik in der Theorie noch den kleinsten Elektroschock in der Praxis. "Bei der Erziehung eines Hundes spielt die soziale Anerkennung eine gewaltige Rolle. Ich bewundere und lobe ihn, wenn er zum er- stenmal außerhalb des Hauses sein kleines Geschäft verrichtet." Konrad Lorenz betrieb seine Verhaltensforschung vom Standpunkt des Tierfreundes, dem ganz selbstverständlich ist, daß nicht nur er ein Verhältnis zu seiner Katze hat, sondern auch diese sich ein soziales Verhältnis mit ihm ganz absichtlich einrichtet. Die- ser wissenschaftliche Standpunkt beinhaltet einerseits mehr und Größeres, als bloße Wissenschaftlichkeit - er "verlangt eine so unmenschliche Geduld des Beobachters, daß das theoretische Interesse am Tier allein nicht hinreichte, die Aus- dauer zu unterhalten, wäre die Liebe nicht, die gerade im Verhal- ten von Mensch und Tier das Verwandte, das sie fühlte, nun auch zu sehen vermag". Andererseits entschädigt er aber auch mit aktiver Teilhabe an der Borniertheit des schwimmenden Federviehs: "Glückliche Wissenschaft, in der ein wesentlicher Teil der For- schung darin besteht, daß man nackt und wild in der Gesellschaft einer Schar Wildgänse in den Donauauen herumkriecht und -schwimmt". Die höchste, in Konrad Lorenz nobelpreisgekrönte Vollendung dieses Standpunkts bestand eigentlich weniger in der Verfertigung falscher Erklärungen als darin, mit der eigenen entblößten For- scherexistenz, ganz "Gans unter Gänsen" praktisch vorzuführen, daß wahres Menschentum im Tierreich zu finden ist. Lorenz hat sich nicht ohne das modern gewordene methodologische Bescheidenheitsgetue dazu bekannt, wahre Naturwissenschaft be- stünde in der Pflege des volksschulmäßigen Vorurteils, es gälte nur mit Bewunderung auf alles hinzusehen, was da kreucht und fleucht, und schon werde sich die tiefere Ordnung der Natur dem liebevollen Blick von allein erschließen. Diesen Standpunkt hat er in den Rang einer besonderen Methode wissenschaftlichen For- schens, der "Gestaltwahrnehmung" erhoben. Dabei besteht dieses vielgerühmte Verfahren beileibe nicht in besonders genauer Beob- achtung oder unvoreingenommener Wahrnehmung, bestenfalls Voraus- setzungen wissenschaftlichen Erklärens, sondern in der hemmungs- losen Uminterpretation aller Beobachtungen im Tierreich in Sinn- bilder dessen, was als menschlich vertraut bis vorbildlich zählt. Tiere sind die besseren Menschen -------------------------------- Wo findet man z.B. in unserer modernen Zeit noch lebendige Bei- spiele wahrer Kinderliebe - außer unter den Schwimmvögeln? "Diese tief instinktmäßige Abneigung gegen das Alleinsein band Martina (eine Gans) fest an meine Person. Martina folgte mir überall und war vollkommen zufrieden, wenn ich am Schreibtisch arbeitete und sie sich unter meinem Sessel hinlegen durfte. Sie war gar nicht lästig; ich möchte den Menschen kennen, oder bes- ser, ich möchte ihn nicht kennenlernen, den die Anhänglichkeit eines derartigen Gänsekindes nicht entzückte und rührte." Ein Wesen zu besitzen, das instinktmäßig gar nicht anders kann als gehorchen und lieb sein, ist in der Tat das Ideal nicht nur von geplagten Menscheneltern, denen auch das folgsamste Kind doch bisweilen lästig fällt: Welcher Mensch auf dieser argen Welt vermöchte sich dem Gefühl herzentzückender Rührung zu ver- schließen, wenn ein junges Ding ohne Murren vollbringt, was die meisten weniger hochgestellten Menschen einschließlich ihrer Bla- gen nur aus der Not tagaus tagein tun: keine Ansprüche stellen, nicht lästig fallen und Glück über die Anwesenheit des Gebieters zu empfinden! Und wo findet man noch einen Beweis dafür, daß auch unter Erwach- senen "Treue doch kein leerer Wahn" (Kapitelüberschrift) bleiben muß - wo, wenn nicht in der Freundschaft des Menschen mit des Menschen bestem Freund? "Plötzlich, oft innerhalb weniger Tage," (schnell geht es also auch noch!) "entsteht eine Bindung, die um ein Vielfaches fester ist als alle, aber auch alle Bindungen, die zwischen Menschen je bestehen. Es gibt keine Treue, die nicht schon gebrochen wurde, ausgenommen die eines wirklich treuen Hundes." Zwar gibt es auch unter diesen edlen Tieren bisweilen skrupellose Materialisten, die ihre schnöde Jagdlust über den moralischen Höchstwert exklusiver Treue zu ihrem Herrchen stellen und folg- lich - zumal wenn sie noch eitel sind - mit des Forschers aller- höchstem Stirnrunzeln rechnen müssen: "Schon den vielen bestechend schönen und formedlen Rassen der langohrigen Jagdhunde" (außen hui, innen pfui!) "nehme ich es übel, daß sie meist mit jedem Menschen mitzugehen bereit sind, der ein Gewehr trägt." Zu solchen Entartungen kann es jedoch nur kommen, wenn der men- schliche Züchter die Stimme des Wolfsblutes im Köter erstickt hat. Denn an sich hat die Natur den Hund mit einer Moral ausge- stattet, von der mancher deutsche Landser, der seinem Führer Treue bis in den Tod geschworen hatte und dann im Feld das Weite suchte, sich eine dicke Scheibe hätte abschneiden können: "Das Wolfsrudel (zieht) durch die Wälder des Nordens als eine verschworene und, wie wir wissen, recht exklusive Gemeinschaft, die wie Pech und Schwefel zusammenhält und deren Mitglieder bis in den Tod füreinander einstehen ... Die zurückhaltende Exklusi- vität und der kämpferische Zusammenhalt um jeden Preis sind die Eigenschaften des Wolfes, die den Charakter aller stark lupusblü- tigen Hunderassen in einem sehr günstigen Sinne beeinflussen." So viel naturwüchsige Moral auf seiten des Hundes verlangt natür- lich auch vom Herrchen einiges. Der zweibeinige Freund hat für "soziale Umstände" zu sorgen, in denen unsere vierbeinigen Tu- gendbolde ihre wahre Menschennatur auch voll ausleben können - damit es ihnen nicht so geht wie den "allermeisten der nordamerikanischen Schlittenhunde, deren tie- fere Seelenwerte fast nie ausgeschöpft werden, wenn nicht ein Jack London sie erkennt und erschließt." Selbstverständlich muß vor allem das Herrchen als solches erhal- ten bleiben. Denn was passiert mit der Tugend unbedingter Treue, wenn ihr der zuständige Führer abhanden kommt? "Mußt du ihn verlassen, so gerät das Tier völlig aus dem Gleich- gewicht, ... sinkt in seinem Schmerz moralisch auf das Niveau ei- nes herrenlosen Straßenhundes" (Auch im Tierreich ist ein Strolch, wer keinen Herrn hat!) "und streunt, Untat auf Untat verübend, in der Gegend umher." (Selbst im Tier bricht das Tier durch, wenn es keine Autorität über sich spürt!) "Der Hund" hat also auch seinerseits sehr weitsichtig gehandelt, als er sich entschloß, fortan das höhere Tier "Mensch" als seinen natürlichen Vorgesetzten anzuerkennen; und solche Klugheit ver- dient Lob: "Für mich ist es ein merkwürdig angenehmer, ja geradezu erheben- der Gedanke, daß der uralte Bund zwischen Mensch und Hund von beiden vertragsschließenden Parteien freiwillig unterzeichnet worden ist. Alle anderen Haustiere sind leibeigene Sklaven, nur der Hund ist ein Freund. Gewiß, ein ergebener und untergebener Freund." Auch wenn "Hund" sich mit seiner kooperativen Einstellung zu den Zwecken der Menschen Kette und Zwinger nicht erspart hat, so ver- mag der gelehrte Tierfreund an ihm dennoch das anheimelnde Ideal wahrer Freundschaft zu entdecken. Denn dieses Ideal einer von partnerschaftlicher Zuneigung getragenen Sklaverei ist nicht nur von unmittelbarster moralischer Nutzanwendung für die einander nur zu häufig abgeneigten menschlichen "Sozialpartner". Mit der Vorstellung vom Hund als jemanden, der von Natur freiwillig in aller Freundschaft seinen hündischen Charakter ausleben will, so daß Freund Mensch zur Herrchenrolle geradezu moralisch verpflich- tet ist, verheißt der Verhaltensforscher darüber hinaus einem je- den Tierfreund seine reelle Chance, wenigstens in e i n e r "sozialen Beziehung" als Befehls g e b e r Anerkennung zu fin- den. Und das ist um so wichtiger, je mehr Herrchen ansonsten sel- ber herumgeschubst wird - ist es doch in Wahrheit erst das Kom- mandieren, was den Menschen zum Menschen macht und ihn seiner Identität versichert: "Ich jedenfalls habe den Hund, der in trüben fremden Städten mir auf den Fersen trottete, sehr nötig gehabt und viel Halt an der Tatsache seiner Existenz gefunden, so etwa, ... wie man Halt an irgendetwas sucht, das einem im filmhaften Dahinfließen des Le- bens sagt, daß man immer noch man selbst ist. Wenige Dinge gibt es, die mir diese Versicherung so deutlich und beruhigend geben, wie die Treue meines Hundes." Die Tierwelt: ein biologisches Sinngebilde ------------------------------------------ Lorenz' Wissenschaft erschöpfte sich allerdings doch nicht völlig darin, daß er solcherlei (dem Tierfreund theoretisch selbstver- ständliche und praktisch geläufige) moralische Nutzbarmachung der Tierwelt bei jeder sich bietenden Gelegenheit verkaufte - etwa im Rundfunk unter der Rubrik "Was ist der Mensch" (Titel einer Sen- dereihe des SR) und in populären Büchern mit hoher Auflage als "Beiträge der Zoologie zum Selbstverständnis des Menschen". Lo- renz wäre trotz allem sicher nicht Nobelpreisträger geworden, noch nicht einmal für die Medizin, hätte er nicht über einen wis- senschaftlich respektablen falschen Gedanken verfügt, mit dem es ihm gelang, seiner moralischen Idealisierung des Hundelebens den Anschein einer zoologischen Begründung zu verleihen. Als ernster Forscher stellte er sich beispielsweise die Frage, weshalb in ei- ner Welt, in der fünfjährige Menschenkinder jedem fremden Onkel nachlaufen, der ihnen ein Bonbon gibt, ausgerechnet das Gänsekind Martina, zu Testzwecken alleingelassen, ein so exzessives Maß von Anhänglichkeit an seine Person aufbringt, und verfiel auf fol- gende wissenschaftliche Erkenntnis: "Es ist biologisch sinnvoll, daß ein solches verlorenes Schäfchen weder an Essen noch an Trinken oder Schlafen denkt, sondern jeden Funken Energie, bis zur völligen Erschöpfung, für Hilferufe auf- wendet, die es vielleicht die Mutter wiederfinden lassen." Die alleingelassene Fraugans denkt also deswegen nicht ans Fut- ter, weil sie - tugendhafte Person, die sie ist - stets Höheres im Sinn hat: Das "biologisch Sinnvolle", nämlich das Überleben der eigenen Gattung, ist der Grund ihres Handelns. Und weil dies in der Tat ein hoher Zweck ist, ist es doch beruhigend zu wissen, daß überhaupt kein Tier ihn jemals aus dem Auge verliert, noch nicht einmal beim Fressen: "Ganz selbstverständlich hat der Fresser ein brennendes Interesse am Weiterleben der Art von Beute, von der er lebt, sei es Tier oder Pflanze." Das Tier frißt, nicht mehr und nicht weniger; und wenn es schon eine Lüge ist, daß es sich nicht nur mit Zähnen und Magen, son- dern auch noch gedanklich mit seiner Beute beschäftigte, so ist es erst recht aberwitzig, sich vorzustellen, es hätte ein Inter- esse an botanischen oder zoologischen Allgemeinheiten: So sehr ein Affe vom Vorhandensein von Bananen abhängt, so wenig interes- siert er sich für diese als Gattung und ihre Erhaltung zum Zwecke der Erhaltung seiner eigenen Spezies. Genau diese blödsinnige te- leologische Unterstellung ist jedoch der Ausgangspunkt des Ver- haltensforschers; und er erfindet sich damit neben der biologi- schen Wissenschaft seine besondere Fragestellung und sein spe- zielles Forschungsfeld: "Die Tatsache des Angepaßtseins hat eine für die Biologie charak- teristische Frage zur Folge, die in Chemie und Physik unbekannt ist, die Frage 'wozu'. Wenn wir fragen 'Wozu hat die Katze gebo- gene, einziehbare Krallen?' und antworten, 'um damit Mäuse zu fangen', suchen wir nicht nach der endgültigen teleologischen Be- deutung von Katzenkrallen. Wir verwenden nur eine Kurzform, um eine wissenschaftliche Kausalfrage zu stellen, die ungekürzt lau- ten sollte: 'Was ist die Funktion, deren Überlebenswert den Se- lektionsdruck auslöste, durch welchen die Katzen veranlaßt wur- den, diese besondere Krallenform zu entwickeln?'" Die Mühe des Autors, seine Absicht in ein Argument zu kleiden, verdient hier einmal besondere Anerkennung. Zwar folgt erstens aus keiner Tatsache jemals eine Frage. Zweitens hat einer, der von Anpassung spricht, die Suche nach Zwecken schon nicht mehr nötig. Drittens berechtigt selbst der Unterschied von langen und kurzen Sätzen nicht dazu, mit "wozu" den Katzen eine Strategie anzudichten und den "Selektionsdruck" zum historischen Werk der Gattung hochzujubeln. Viertens schließlich ist diese für einen Verhaltensforscher typische Fragerei in Physik und Chemie deshalb unbekannt, weil man in diesen Wissenschaften zufrieden damit ist die G e s e t z e der Natur herauszufinden: Wer weiß, w a r u m sich H mit O verbindet, erfindet keinen A n l a ß dazu für den Wasserstoff mehr - es sei denn, er will eben mora- lisch-religiös die 'sinnvolle' Gestaltung der Natur demonstrie- ren! Dem gelehrten Tierfreund ist es in diesen wenigen Zeilen jedoch gelungen, das Prinzip all seiner falschen Überlegungen aufs Ge- naueste zu umreißen: Neben der Biologie, die seit Darwin daran arbeitet, die Funktionsweise der offensichtlich zweckmäßig gebau- ten Organismen zu begreifen, etabliert die Verhaltensforschung sich als ein Fach, das von den Ergebnissen der Biologie nur die Abstraktion festhält, d a ß lebende Organismen in der Regel überaus zweckmäßig funktionieren; dazu denkt sie sich dann aller- lei Schwierigkeiten aus, in die ein Lebewesen geraten würde, wenn es weniger zweckmäßig eingerichtet wäre, und ernennt die Tatsa- che, daß das Lebewesen aufgrund der Einrichtung, die es h a t, diese Schwierigkeiten n i c h t h a t, zur E r k l ä r u n g seiner Beschaffenheit. Die Verhaltensforschung gründet sich somit einerseits parasitär auf die Erfolge der Z o o l o g i e, ande- rerseits auf den Zirkelschluß, der das Prinzip der S o z i o l o g i e ausmacht: zu dem, was es gibt und zu erklä- ren wäre, ein dadurch angeblich gelöstes Problem zu erfinden, um aus der Leistung, dieses Problem zu lösen, den Grund der zu er- klärenden Sache zu machen: "Wir wissen nämlich, daß es die Leistung des Organs ist, die seine Form verändert." Die Darwinsche Entdeckung der natürlichen Zuchtwahl verwandelt diese Vulgärwissenschaft also in die soziologische Begutachtung der Tierwelt. Kürzt so erfolgreich die Biologie aus der Biologie heraus, ergeht sich statt dessen in beständigen Beglückwünschun- gen der Natur zu den sinnreichen Einrichtungen, die sie fürs Überleben ihrer Lebewesen getroffen habe, und bereitet mit sol- chen Tautologien die Natur auf zum Material für Wünschelruten- gänge mit der S i n n f r a g e. Zum Beispiel: Was hat die Natur sich dabei gedacht, als sie ihrem Getier "das Böse" eingepflanzt hat? "Die Gefahr, daß in einem Teil des zur Verfügung stehenden Biotops eine allzu dichte Bevölkerung einer Tierart alle Nah- rungsquellen erschöpft und Hunger leidet, während ein anderer teil ungenutzt bleibt, wird am einfachsten dadurch gebannt, daß die Tiere einer Art einander abstoßen. Dies ist, in dürren Wor- ten, die wichtigste arterhaltende Leistung der intraspezifischen Selektion." Logisch: Ohne daß die Tiere im Streit auseinandergingen, würden sie immer alle zusammenbleiben wollen und z.B. samt und sonders dieselbe karge Wiese abweiden, während nebenan die saftigsten Gräser wachsen. Oder, noch 'ne Funktion, wenn es nicht immer die Klopperei um die Weiber gäbe, würden auch ausgesprochen schwächliche Kreaturen sich fortpflanzen, die hinterher kaum für ihre Brut aufkommen könnten, was für die Evolution ganz sicher viel hinterlicher ist, als wenn diese Typen erst gar keine Kinder machen. Ein Thema, bei dem natürlich auch die Fälle zu bedenken sind, wo bloße Schönheit beim anderen Geschlecht einen Stich macht, was als Sackgasse der Evolution abgelehnt gehört (vgl. das professorale Bekenntnis vom Anfang). Aber weil am Ende das Böse doch nicht nur gut ist, son- dern, wie der Name schon sagt, auch böse, ist andererseits auch eine Ordnung - z.B. die Hackordnung - sehr nützlich, weil sie all die nützlichen Streitereien wieder einschränkt. Und so weiter und so fort. Wie seine Geschichten für den mitdenkenden Tierfreund haben also auch des Nobelpreisträgers soziologische Gutachten über die sinn- reichen Wege und Methoden der Evolution allesamt dasselbe Resul- tat: Tiere sind so vortreffliche Menschen, weil die Natur sie mit allen Tugenden ausgerüstet hat, die für den edlen Zweck der Ar- terhaltung, also für das große Ganze nötig sind. Bei diesem Kom- pliment an die Tierwelt geht es in gar keiner Hinsicht um die Na- tur. Weder wird sie erklärt, noch kommen Lorenz' Expertisen ihr für die Fortführung der Evolution zugute - trotz Konrads Unterre- dungen mit den intelligenten Hunden und Gänsen ist die Naturnot- wendigkeit nach wie vor nicht nur blind, sondern vor allem auch stur! Es geht vielmehr um den moralischen Haushalt der Menschen, die sich im Unterschied zu der Natur deren "biologischen Sinnge- halt" zu Herzen nehmen können und sollen. Dazu bekennt Lorenz sich ganz offen dort, wo er seinen Adressaten, das höhere Wir- beltier "Mensch", zu seinem Thema macht. Der Mensch: ein Tier, das Probleme macht ---------------------------------------- Zu diesem Thema wird von seiten der Verhaltensforschung nämlich als erstes festgehalten, daß man d a s M e n s c h l i c h e nur dann begreifen kann, wenn man sich vor Augen führt, wohin er es a l s T i e r gebracht hat: "Ich behaupte, daß man die Einzigartigkeit des Menschen erst dann in ihrer ganzen eindrucksvollen Größe zu sehen bekommt, wenn man sie von jenem Hintergrunde alter, historischer Eigenschaften sich abheben läßt, die dem Menschen auch heute noch mit den höheren Tieren gemein sind." Als eindrucksvollste dieser tiergeschichtlichen Eigenschaften des Menschen, die zugleich ein Gutteil seiner Einzigartigkeit er- klärt, entdeckte Lorenz seine eigentümliche "Spezialisierung auf Nichtspezialisiertsein" (deswegen haben menschliche Spezialisten ja auch immer so etwas Unmenschliches an sich). Logischerweise unterscheidet dieses spezielle Spezialistentum ihn nämlich von allen den Beinahe-Artgenossen, die auf Spezialitäten speziali- sierst sind; die Hand reichen kann er aber den Ratten und Raben: "Buchstäblich alle höheren Tiere, die zu Kosmopoliten geworden sind, sind typische unspezialisierte Neugierwesen." Wenn die Menschen somit wesentlich Ratten sind, dann kann der qualitative Unterschied zwischen Tier und Mensch damit allerdings noch nicht gefunden sein: "Dennoch ist die Weltoffenheit des Menschen nicht nur graduell- quantitativ, sondern auch qualitativ von derjenigen tierischer Spezialisten auf Nichtspezialisiertsein verschieden. Dieser so wesentliche Unterschied liegt darin," (jetzt kommt's!) "daß beim Menschen die forschende Auseinandersetzung mit der Außenwelt bis zum Senilwerden erhalten bleibt, während sie bei sämtlichen Tie- ren nur eine kurze Phase der individuellen Entwicklung dar- stellt." Der Mensch ist also dadurch k e i n e Ratte, daß er bis ins hohe Alter eine j u n g e Ratte bleibt, was es bei den Tieren nicht gibt (ein schönes Beispiel für den Umschlag von Quantität in Qualität): "Ein alter Kolkrabe oder eine alte Ratte hat durchaus nichts mehr von jener Weltoffenheit, die uns am jungen Tier als so menschlich und verwandt anspricht." Vom Tier aus gesehen, ist der Mensch ein großes Kind: Er ist "die Folge einer eigenartigen Entwicklungshemmung, die gewisser- maßen eine dauernde 'Verjugendlichung' des Menschen bewirkt." Hier zeichnet sich bereits ab, daß das Einzigartige am Menschen dem Verhaltensforscher, der alles unter dem Kriterium des "biologisch Sinnvollen" und vom Standpunkt der arterhaltend-tu- gendhaften Tiernatur aus betrachtet, vor allem als p r a k t i s c h e s Problem aufstößt. So greift er am Ende zu dem (vielleicht schon etwas gewagten?) Begriff der "Fötalisierung", um klarzustellen, daß das ewig-junge menschliche Bewußtsein seinen Besitzer im Grunde genommen seine natürliche Überlebensfähigkeit kostet. Und mit dem folgerichtig anschließen- den wissenschaftlichen Hinweis, daß der Freiheit die Naturnotwen- digkeit abgeht - "Die spezifisch menschliche Freiheit des Handelns hatte ganz si- cher die Reduktion, die Auflösung starr strukturierter Aktions- und Reaktionsnormen zur Voraussetzung" -, gibt der Ethologe zu verstehen, daß ein eigensinniger Kopf, wie die Menschen ihn haben, in erster Linie ein historischer Mangel ist, der ihn mit Sorge erfüllt. So wägt er ab: "Wie jede starre Struktur haben auch die angeborenen Verhaltens- weisen die Eigenschaft zu stützen" (gut!) "und steif zu machen" (schlecht!) Sollte man es also mehr mit dem Menschen halten, der formbar, eben deswegen aber auch haltlos ist, oder nicht doch lieber mit dem Tier, das unflexibel, aber seines Sinnes sicher ist? Selbst- verständlich ist diese Nutzen-Nachteil-Rechnung mit der "spezifisch menschlichen Freiheit", die Lorenz hier als die ver- haltenstheoretische Grunderkenntnis über den Menschen aufstellt, biologisch der reine Unsinn; denn die Alternative 'lieber ge- stützt und steif oder plastisch und unsicher' existiert für die Natur nicht. Was es allerdings gibt, das ist das Interesse, den Menschen als Unsicherheitsfaktor auszuschalten, und damit jener Polizeistandpunkt, von dem aus Lorenz seine Abwägung vornimmt: "Jede neue Plastizität mußte um einen Verzicht auf Sicherheits- grade erkauft werden." Und zu diesem Standpunkt paßt natürlich aufs Schönste der ideolo- gische Gedanke, auf dem Lorenz' gesamte Verhaltensforschung ba- siert: der Einfall, das Problem des Staates, die Freiheit zu kon- trollieren, dem Menschen als seine einzigartige, nämlich proble- matische Sinnbestimmung in die Schuhe zu schieben: "Der Preis, um den der Mensch die konstitutive Freiheit seines Denkens und Handelns erkaufen mußte, ist jenes Angepaßtsein an einen bestimmten Lebensraum und eine bestimmte Form des sozialen Lebens, das bei allen vor-menschlichen Lebewesen durch arteigene, ererbte Aktions- und Reaktionsnormen gesichert ist. Dieses Ange- paßtsein bedeutet in sozialer Hinsicht nichts anderes als die völlige Übereinstimmung zwischen Neigung und Sollen, bedeutet je- nes problemlose Leben im Paradies, das um der Früchte vom Baume der Erkenntnis willen geopfert werden mußte." Mit seiner Weigerung, erwachsen zu werden, hat das Tier "Mensch" sich also den prekären Vorteil der Flexibilität und des Erkennens gegen den sicheren Nachteil des biologischen Sinnverlusts einge- handelt. Und damit ist auch schon klar, was für die menschliche Sinnsicherung verhaltenswissenschaftlich geboten ist: Der Mensch hat Verstand und Freiheit dafür einzusetzen, daß er t r o t z d e m und unter den durch seine naturwidrige Willkür veränderten und erschwerten Bedingungen die "Übereinstimmung zwi- schen Neigung und Sollen" wiederherstellt und durch die Befolgung moralischer Gebote das biologisch Sinnvolle vollbringt: "Tiere können nichts, was sie nicht dürfen, aber der Mensch kann eine Menge Dinge tun, die er nicht darf. Deshalb sind alle Ent- scheidungen, an denen die Zukunft der Menschheit hängt, letztlich ethische Entscheidungen." Zoologisch recht betrachtet i s t der Verstand überhaupt nichts anderes als die Aufgabe, mit Bewußtsein in der modernen Welt g e n a u d a s s e l b e zu machen, was die Tiere von Natur tun, nämlich: alles für die Erhaltung der Art. (Darauf, daß es im Staat wie in der Gesellschaft um die Erhaltung des L e b e n s geht, sind andere Ordnungsfans allerdings auch ganz ohne Verhal- tensforschung gekommen. Sie haben als politische Kritiker der Menschheit, die mit ihren Leistungen Staat und Kapital nie recht zufriedenstellt, befunden, daß das Leben ein Kampf zu sein habe - und von Staats wegen dafür einiges unternommen, daß es auch nichts anderes war!) Mit solchem Einsatz hapert es jedoch, wie jeder weiß, gewaltig: Zwar war der Mensch "vor seiner eigentlichen Menschwerdung zuallermindest ebenso 'gut' wie ein Wolf oder Schimpanse", doch "er ist nicht gut genug für die Anforderung der gewaltig vermehr- ten, anonymen Gemeinschaft späterer Kulturepochen". In denen genügt es eben nicht mehr, bloß die nächsten Stammesge- nossen "unter Einsatz seines Lebens" zu verteidigen, sondern gleicher Einsatz für "ihm völlig unbekannte Mitmenschen" (wie z.B. einen König oder Bundeskanzler) wird verlangt, wozu in der Tat "ein zusätzlicher Ansporn in Form eines kategorischen 'Du sollst' ... auf Schritt und Tritt nötig (ist)." So geht der Verhaltensforscher nun daran, die faschistischen Er- träge seiner moralischen Tierkunde vom Menschen ausdrücklich und ausführlich breitzutreten. Die Verhausschweinung der Krone der Schöpfung: ---------------------------------------------- Er hat keine Lust auf Mühsal ---------------------------- "Kein heutiger Mensch kann seine angeborenen Neigungen uneinge- schränkt ausleben." Und das ist kein Widerspruch zu Lorenz' Komplimenten an die Tier- natur; ganz im Gegenteil. Denn: "Zu einer Zeit, als der Großteil unserer Instinkte programmiert wurde", (durch den lieben Gott mit Hardware aus Urwald und Sa- vanne) "die wir heute noch in uns tragen, brauchten unsere Vor- fahren die Härten des Daseins nicht in 'mannhafter' und 'ritterlicher' Weise zu suchen" (die Glücklichen), "denn diese drängten sich ihnen ... von selbst auf" (damals!!). "Das dem Men- schen von seinem phylogenetisch entstandenen Lust-Unlust-Mecha- nismus" (für einen freien Menschen wäre Schmerz was Schönes!) "aufgezwungene" (der Arme!) "Prinzip, allen vermeidbaren Gefahren und Energieausgaben aus dem Weg zu gehen, war damals durchaus richtig" (Der Autor geißelt "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit"). Ganz anders heute: Da bringt "derselbe Mechanismus" "vernichtende Fehlleistungen" hervor: "Die wachsende Intoleranz gegen Unlust, im Verein mit der verrin- gerten Anziehungskraft der Lust, führt dazu, daß die Menschen die Fähigkeit verlieren, saure Arbeit in solche Unternehmungen zu stecken, die erst in der späteren Folge einen Lustgewinn verspre- chen." Der Professor sieht vornehm darüber hinweg, daß ein ganzer Be- rufsstand seinen Namen davon hat, die "saure Arbeit" anderer in seine (vielleicht weniger spätere Lust, auf alle Fälle aber) Ge- winn versprechenden Unternehmungen zu stecken; er teilt nämlich den Standpunkt derer, die sich ständig mit einem "ungeduldigen Verlangen nach sofortiger Befriedigung aller auf- keimenden Wünsche" herumschlagen müssen, und agitiert daher mit den Härten und bor- nierten Freuden des Lebens in früheren Zeiten gegen den modernen alten Tieradam für Arbeitslust ohne Lustgewinn. "Vor allem ist es Freude, die durch wehleidige Unlustvermeidung unerreichbar gemacht wird." Denn Wünsche werden erst dadurch schön, daß ihre Erfüllung hin- ausgeschoben wird; und die wahrste Freude besteht doch darin, daß der Schmerz nachläßt (kein Irrenwitz): "Das übertriebene Bestreben, die geringste Unlust um jeden Preis zu vermeiden, (hat) zur unausbleiblichen Folge, daß bestimmte Formen des Lustgewinns, die eben auf Kontrastwirkung beruhen, un- möglich gemacht werden." Und so bringt der Mensch, weil er die Kosten seiner Lust ewig drücken möchte und darin seiner Natur in der falschen Weise folgt, sich nicht nur um die eigentlichen und tiefsten Genüsse seines Lebens - "Zur Freude, die man beim Klettern empfindet, wenn man oben ange- kommen ist, gehören die zerschundenen Hände - leider sieht diese Welt das nicht ein." "Dem Leide aus dem Wege gehen zu wollen heißt, sich nicht den ganzen Reichtum sozialer Gefühle zu erschließen" und "endet in der Rauschgiftsucht" und anderen gemeinschaftsschä- digenden Lastern. Er verscherzt sich so überhaupt den ganzen bio- logischen Sinn seiner Existenz: "Die heutzutage in ständigem Wachsen begriffene Unlust-Intoleranz verwandelt die naturgewollten Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins in eine künstlich planierte Ebene." Er ist geldgierig und hat zu viele Bedürfnisse ---------------------------------------------- Dem Professor, der für sich die Kunst erfunden hatte, mit Faulen- zen Geld zu machen - "Ein konstitutionell tätiger, fleißiger Mensch würde wahnsinnig werden, mutete man ihm zu, einen Sommer lang als Gans unter Gän- sen zu leben, wie ich es getan habe. Ich bin ein sehr fauler Mensch" - war die Arbeitslust des Volkes zu gering und seine Geldgier zu groß. Auf gut faschistisch kritisierte er die Zwänge der Konkur- renz als Eigennutz der Arbeiter: "Man muß sich fragen, was der heutigen Menschheit größeren Scha- den an ihrer Seele zufügt, die verblendete Geldgier oder die zer- mürbende Hast." Die Hast ist natürlich die Folge der Geldgier, weil die Menschen unvernünftigerweise "Angst" haben, im Wettbewerb um das dickste Geld - der andererseits natürlich auch wieder etwas ganz Natürli- ches ist: Selektion in der Tierfamilie "Geschäftemacher" - zu verlieren. Die Hast greift die Gesundheit des Volkskörpers an, und das ist schlimm; das Schlimmste aber kommt erst noch: "Außer der kommerziellen intraspezifischen Selektion auf ein ständig sich verschnellerndes Arbeitstempo" (einerseits arbeiten die Massen zu wenig, andererseits zu schnell - einem Verhaltens- forscher kann man es auch nicht recht machen!) "ist noch ein zweiter gefährlicher Kreislaufprozeß am Werke, ... der eine pro- gressive Steigerung der Bedürfnisse der Menschen im Gefolge hat." Dem Professor, der sich vom Gehalt für sein konstitutionelles Faulsein alle Genüsse der modernen Welt leisten konnte, waren selbstverständlich diejenigen zu gierig, die schnell und viel ar- beiten müssen, um trotzdem mit einem spärlichen Akkordlohn aus- kommen zu müssen. Die drohende "Verweichlichung" der vom Luxus verwöhnten Massen "beunruhigte" den demokratischen Weltbürger, der bei "den Menschen" durchaus zu unterscheiden wußte und seine Sorgen beim Kampf ums Überleben entsprechenden Ausdruck verlieh: "Die Luxusbildungen ... werden den westlichen Ländern, vor allem der USA, früher oder später dadurch zum Verderben werden, daß ihre Bevölkerung gegen die weniger verwöhnte und gesündere der östlichen Länder" (nach dem Motto 'Gelobt sei, was hart macht' hat noch jeder Faschist im verabscheuten Bolschewismus Vorzüge gegenüber dem Liberalismus des Westblocks entdeckt!) "nicht mehr konkurrenzfähig" (die ökonomische Konkurrenz kann ja wohl kaum gemeint sein) "sein wird." So packt man als Nobelpreisträger die Amis bei ihrer Ehre: Wer gen Osten ziehen will, muß mehr aushalten als die dort! Die letzte Hoffnung für die Evolution: Äffische Begeisterung ------------------------------------------------------------ für den ethischen Höchstwert eines Menschheitskampfes ----------------------------------------------------- Folgerichtig spitzten sich auch Lorenz' andere zahlreiche Klagen - die Kinder parieren nicht mehr, die Inder werden nicht an end- loser Vermehrung gehindert, die Menschen folgen den falschen Dem- agogen usw. - auf die eine Frage zu: Kann man mit dem heutigen Menschen noch einen anständigen Krieg führen? Oder andersherum: Kann es noch gelingen, ein Stagnieren der Evolution zu vermeiden und, nachdem und obwohl der Mensch mit seinem unseligen Verstand "alle selektiven Faktoren ... ausgeschaltet" hat, trotzdem eine gescheite Selektion, also eine biologisch sinnvolle Elimination unter den Menschen zu etablieren, auf daß die gesunde Art erhal- ten bleibe? Gott sei Dank, noch gibt es Rat: Die Natur läßt auch die ihr ent- fremdeten Menschenkinder nicht ganz im Stich. Noch existiert näm- lich, von Schimpansenzeiten her, ein natürliches "Gefühl für Werte", das, in die zweckdienliche Richtung gelenkt, den Kampf für den wahren Fortschritt der Menschheit kräftig anheizen könnte: "Wir wollen uns unumwunden eingestehen, daß es ein wunderschönes Erlebnis ist, vom 'heiligen' Schauer überlaufen die Nationalhymne zu singen, und es ist leicht, zu vergessen, daß der Schauer ein Sträuben des alten Schimpansenpelzes ist und daß die gesamte Re- aktion grundsätzlich gegen irgendeinen Feind gerichtet ist, und vor allem ... dieser Feind stets eine Gemeinschaft von Menschen ist, die sich genauso begeistert zur Verteidigung ihrer Sozietät verpflichtet fühlt" (das macht einen Angriff natürlich riskant, was man besser nicht vergessen sollte). "Der sicher vorhandene soziale und im tiefsten Sinne des Wortes ethische Wert, der in der einigenden Wirkung der in Rede stehenden Reaktion des Men- schen liegt, wird der Menschheit erst dann zugänglich werden, wenn wir es gelernt haben, in das 'Schema' des Feindes nicht eine dem Demagogen beliebige Gruppe von Menschen, sondern die wirklich die Menschheit bedrohenden Gefahren einzusetzen". Nicht daß unser nobelpreisgekrönte Tier- und Menschenfreund um- standslos für einen bewaffneten Überfall seines Heimatlandes auf einen der roten Brüder im Osten eingetreten wäre; in dem Punkt macht er sich die Gedanken der für so etwas zuständigen Staats- männer und fand heraus, "daß der Krieg nicht mehr zweckmäßig ist" - schon gar nicht für Österreich, das lieber froh sein soll, im Sy- stem des Weltimperialismus seine ökologische Wintersportnische gefunden zu haben. Von höherer Warte, a l s W i s s e n- s c h a f t l e r, spekulierte er mit dem und auf den eliminations- und selektionsintensiven, daher arterhaltenden Nut- zen jener "Reaktion", die dem Menschen den "im tiefsten Sinne des Wortes ethischen Wert" eines großen Völkerkampfes erschließen würde; vorausgesetzt nur, es gelingt, ihn unter dem Titel eines Feldzugs gegen "die wirklich die Menschheit bedrohenden Gefahren" zu führen. Von der höheren Warte des Z i v i l i s a t i o n s k r i- t i k e r s, der sich über die politischen Verhältnisse erhebt und dem Publikum sein Ideal einer gesunden Weltordnung vor Augen hält, lieferte er dabei selber eine lange Liste von Bebilderungen des Übels, an dem die Menschheit eigentlich krankt und wogegen das erhebende Gefühl einer verschworenen Gemeinschaft von Staatsbürgern anzukämpfen hätte: Werteverlust und Unmoral, die sich in Rauschgift, Umweltzerstörung, analytischer Wissenschaft, moderner Technik und anderern gemeinschaftsschädigenden Auswüch- sen mehr zu erkennen gibt. Beschimpfung und Erklärung waren für diesen Intelligenzler eben dasselbe, weil er ohnehin nur das Urteil unter die Leute bringen wollte, daß der Mensch eine Sau ist, die sich nicht beherrschen kann. So schwadronierte er verächtlich über "die Masse", "die vielköpfige Menge, die blöd ist" und kam zu dem Schluß, daß diese Mißgeburt nichts anderes verdient, als "von Steinzeitmenschen regiert" und von "Intelligenzverbrechern" in den Geschäftsetagen geleimt und "verführt" zu werden, solange sie nicht zur Besinnung kommt. Deshalb hat er auf seine alten Tage der sittenmäßig verlotterten Krone der Schöpfung auch immerzu einen globalen Katastrophen- Tritt in den Hintern gewünscht, auf daß sie sich endlich zusammenreißt. Dabei ist ihm zu guter Letzt auch "eine gewisse Sympathie für Aids" "angesichts der Überbevölkerung" eingefallen, was ihm einige Fans zu Unrecht als Zynismus übel genommen haben. Solch ein Radikalismus ist nur konsequent für einen Moralapostel, der frisch, fromm, fröhlich und frei immerzu den Gedanken predigt, daß die Todsünden der Menschheit auch mit den ent- sprechenden Plagen bestraft gehören und die Sittengesetze des natürlichen Gleichgewichts unerbittlich ihr Recht fordern. P.S.: Verfehlt wäre es, darauf herumzureiten, daß Konrad Lorenz es mit- ten im Nationalsozialismus mit seinem Arterhaltungsgedanken zum Professor brachte, zumal sich nachträglich ja herausgestellt hat, daß die ungebildeten Nazis auf ähnliche Weise manchen Gegner för- derten. Und unfair wäre solche Krittelei ohnehin; denn der aufge- klärte Zoologe hatte nichts gegen die Juden und die Neger in ih- rer Eigenart, schätzte selbst die Homosexuellen angesichts dro- hender Übervölkerung und wußte: "Hitlers Erfolg in Deutschland ist der Beweis eines gefährlichen Mangels an Idealen, für die man eintreten kann." Mit Konrad Lorenz ließ sich also auch und heute noch Staatspropa- ganda machen. Und eine Umweltbewegung dazu. Einheit mit und Ehr- furcht vor der Natur, Abscheu vor den Sünden der Menschheit wider die Bescheidenheitsgebote der Schöpfung, Liebe zu Hain, Flur und Heimat, diese artgerechte Grundausstattung eines moralisierneden Naturdeuters machte ihn zum Parteigänger der Ökologiebewegung, als seine geliebten Donauauen einem Atomkraftwerk zum Opfer zu fallen drohten. Zwar waren des Forschers Mahnappelle immer nur als wissenschaftliche Aufrüstung eines gesunden Staatsbürgeremp- findens gemeint gewesen - deswegen war Lorenz zunächst keineswegs glücklich, daß er zum "Vater" einer Opposition gegen Regierungs- beschlüsse erkoren wurde. Schließlich müssen allemal die Rudel- führer das Sagen haben. Im Nachhinein konnte aber die Interpreta- tion nicht ausbleiben, daß mit Hainburg "der Mensch" einen Beweis dafür erbracht habe, daß er sich doch der Natur unterwerfen und ihr gemäß leben könne. Wenn Lorenz außerdem völlig überzeugend den Eindruck erweckte, er sei faschistisch gesonnen, dann bloß deshalb, weil er als echter Naturfreund so einen geraden, offenen Charakter hatte, der sich die Probleme des demokratischen Staatslebens ohne viel Wenn und Aber zu Herzen nahm, und weil deshalb der reaktionäre Kern des Rufs nach Verantwortung für das Überleben der Menschheit und sei- ner Umwelt und seinen Gedankengängen eine so unmittelbar wahr- nehmbare Gestalt annahm. Dies dürfen wir nicht zuletzt dem Schluß jenes Briefes an Donald (nicht die Ente, sondern der Psychologe) Campell entnehmen, in dem dieser große Mann sein Herz öffnete und aussprach, worum es ihm im Innersten zu tun war: "Kein lebendes System kann jemals ohne Elimination existieren, wie menschlich es auch gehandhabt werden mag, und wie sehr man sich bemüht, es nicht als Strafmaßnahme erscheinen zu lassen. Ich kenne Wissenschaftler, für die es schmerzhafter ist als Zähnezie- hen. Wir wissen, daß die Entwicklung auf ihrem Weg aufwärts ste- hen bleibt und rückwärts schreitet, wenn die schöpferische" (wer schöpft denn da?) "Selektion aufhört zu funktionieren. Der Mensch hat alle selektiven Faktoren außer seinem eigenen nicht ver- nunftsmäßigen Gefühl für Werte ausgeschaltet. Wir müssen lernen, uns darauf zu verlassen. Herzlichst Ihr Konrad." zurück