Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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       Die 'Altersweisheit'  hat zwei  für außergewöhnlich  geltende und
       sich verstehende  deutsche Wissenschaftler  dazu  verleitet,  ihr
       Wissenschaftlerleben mit  den beiden nachfolgend besprochenen Au-
       tobiographien zu  krönen. Die  Behauptung, daß ihr - entsprechend
       interpretiertes - Leben für ihre Lehre und ihre - mit dem eigenen
       Werdegang bebilderte  - Lehre für ihr Leben einstünde, beruht auf
       der unbescheidenen  Unterstellung, der  Leser werde die Gleichung
       von Wissenschaft  und Bekenntnis  schon mitmachen.  Denn nur, wer
       Erklärung und  Deutung für  dasselbe hält,  findet  auch  zu  der
       Selbststilisierung ergrauter  Professoren seine Auffassung bestä-
       tigt, sie  seien schon  immer interessante und großartige Persön-
       lichkeiten gewesen.  Weil den beiden aber der Ruf origineller und
       menschlicher Köpfe  vorausgeht, haben sie in aller bekundeten Be-
       scheidenheit die  Summe ihres wissenschaftlichen Treibens gezogen
       und es  in zweifacher  Hinsicht gekrönt.  Erstens haben  sie sich
       ihre eigenen Nachrufe geschrieben und zweitens damit ihrer Inter-
       pretation der  Welt eine  unübertreffliche Geltung  verschafft  -
       die, 'gelebt' und 'durchlitten' und damit mehr als nur richtig zu
       sein.
       Es ist  allerdings merkwürdig,  daß emeritierte deutsche Geistes-
       größen sich immer nach Italien zurückziehen müssen -
       
       Mitscherlich: " Das Milieu entspannter Südlichkeit trug dazu bei,
       daß  ich   genügend  Distanz   und  Reflexionsbereitschaft   auf-
       brachte..."
       
       König: "...genau hier fand ich die Atmosphäre, die der unbefange-
       nen Entwicklung einer Situations- und Selbstanalyse günstig war."
       -,
       
       um der Mit- und Nachwelt zu schildern, wie sehr sie gekämpft, ge-
       stritten, gefühlt,  gedacht und  sich zeitlebens für den besseren
       Fortbestand der Welt gequält haben. Allein das gibt schon zu den-
       ken.
       
       
       Alexander Mitscherlich:  Ein Leben  für die Psychoanalyse. Anmer-
       kungen zu meiner Zeit
       
       ALTERSDUSELEIEN EINES ABGEKLÄRTEN AUFKLÄRERS
       ============================================
       
       "Ich habe  mir in  diesen Jahren abgewöhnt, auch nur den Anschein
       zu erwecken, als wüßte ich, wie 'es' weitergehen soll." (305)
       "Trotz Rückschlägen  hat aber  die Psychoanalyse  genügend  Fort-
       schritte erzielt,  um nicht  müde zu  werden, mit ihrer Anwendung
       auch in weiteren zu erschließenden Gebieten die Idee eines aufge-
       klärten Humanismus fortzuführen." (306).
       
       Was seine  eigene Botschaft  angeht, die Mitscherlich in einem an
       Veröffentlichungen reichen  Leben an  den Mann gebracht hat, weiß
       er jedenfalls,  wie es auch und gerade nach der Emeritierung wei-
       tergeht.  Die   lebenslange  'Erschließung'   so  ziemlich  aller
       'Gebiete' für den psychoanalytischen Grundkalauer, daß alles Aus-
       druck der  Zerrissenheit 'menschlicher  Identität' zwischen Trieb
       und Beherrschung  sei -  ein Langweiler,  der Mitscherlich  wegen
       seiner unverdrossenen  und gegen  jedes  'Gebiet'  gleichgültigen
       Entdeckerfreude (Luther,  Sucht, Städte,  Nachkriegszeit, verwal-
       tete Welt,  Frieden, Krankheit,  Toleranz usw.)  den Nimbus eines
       gesellschaftskritischen Aufklärers  eingebracht hat  -, ließ  ihm
       die Zeit,  auch noch  das letzte  unentdeckte Feld zu erschließen
       und seine  Forscherpersönlichkeit als solche auf den Buchmarkt zu
       tragen.
       
       Mitscherlich ergriff  damit die einer Person des öffentlichen Le-
       bens gebotene Gelegenheit, die Tatsache ihres Alterns dazu auszu-
       schlachten, der  Um- und  Nachwelt ihr  persönliches  Gewesensein
       nebst Umständen  und Altersinterpretatian  als Denkwürdigkeit und
       Zeiterscheinung anzutragen  und bei  der Gelegenheit ohne den lä-
       stigen Anspruch und Anschein wissenschaftlichen Argumentierens zu
       erzählen, was  er mag  und was er nicht mag. Unter dem Titel "Ein
       Leben für  die Psychoanalyse"  darf sich  jetzt alles, woran sich
       der Nestor  der kritischen  Intelligenz noch  zu erinnern vermag,
       der Bedeutung  erfreuen, die  Mitscherlich zu Schaffenszeiten mit
       seinen psychoanalytischen  Opera erlangen  konnte. So  konnte  es
       denn nicht  ausbleiben, daß noch jede Episode seines an Erlebnis-
       sen natürlich reichen Lebens zu einem Dokument der Gefährdung des
       Menschen und des "Kritischen Humanismus" geriet, mit dem der Eme-
       ritus diese Abgründe in und um sich lebenslang kultivierte.
       
       Frühes Leid
       -----------
       
       Z.B. die  Hosen, mit  denen Papa Mitscherlich am Tag der Einschu-
       lung des kleinen Alexander herumlief. In ihnen gelingt es dem Au-
       tobiographen, alle  Momente zusammenschießen zu lassen, durch die
       sich sein weiterer Lebensweg als geprägt durch die "Großprobleme"
       menschlicher Kultur  schlechthin, wie auch als einzigartig ob der
       eigenen  Individualität   herausstellen  läßt.  Schon  der  erste
       Schritt aus  dem Familienleben  hinaus gab  Alex  die  Härte  der
       "Rollenmuster, welche  die Gesellschaft  dem Individuum regelhaft
       zuweist" zu  spüren -  aber auch die Möglichkeit, in Auseinander-
       setzung damit, seine eigene Subjektivität zur Größe einer Persön-
       lichkeit emporzuarbeiten;
       
       "Ein wenig verängstigt durch die für mich neue Situation ging ich
       schulwärts. Als  ich vor dem Schulgebäude angekommen war, erregte
       ich augenblicklich  den Spott  und den  Zorn der  anderen Kinder,
       zugleich erschrak  ich über die vielen, die sich dort eingefunden
       hatten. Sie scharten sich um mich und riefen monoton: 'Engländer,
       Engländer!' Das  hatte darin seine Bewandtnis, daß mein Vater aus
       englischen Breechesstoffen  gefertigte Hosen  trug, die  ihn eben
       als einen  Herrn vom  besseren Stande  auswiesen. ...  Der Effekt
       war, daß  ich bereits mit dem ersten Schulbesuch durch ein feind-
       liches Schema  abgestempelt wurde...  So verfestigte  sich in mir
       mit sechs  Jahren das  Gefühl,  zum  Einzelgänger  verurteilt  zu
       sein..." (17 f.)
       
       - Was für  den kleinen  Alexander schmerzlich  gewesen sein  mag,
       gibt dem  ergrauten Biographen  ein solides  Motiv ab, all seinem
       späteren Schaffen die stille Größe eines einsamen Ringens mit den
       Widrigkeiten der Welt und den Uneinsichtigkeiten der Zeitgenossen
       in die  Zeitprobleme zu  attribuieren. Schließlich  konnte er nur
       als Einzelgänger den Weg finden, den er schließlich ging:
       
       "Erst wenn  der Einzelgänger für sich selbst zu gehen lernt, wird
       er zum eigentlichen, zum erprobten Einzelgänger."
       
       Da Alexander  schon auf Kindesbeinen erkennen mußte, daß die Läu-
       terung des  Einzelgängers zum Einzigartigen nur besteht, wer ein-
       zeln geht, konnte es seinem späteren Lebensweg nur zugute kommen,
       daß er  sich entsprechend  frühzeitig als "auf sich gestellte Fi-
       gur" (zu  zweit mit seinem besseren Ich geht sich's auch als Ein-
       zelgänger besser) begriff.
       Als erprobtem  Psychologen fällt es Mitscherlich nicht schwer, in
       der Rückschau  sein ganzes  Erleben zum  Durchleben einer inneren
       Berufung  auszugestalten  mit dem weidlich ausgeschlachteten Vor-
       teil, "angewandte  Psychologie" zu  sein: Insofern  noch jede der
       erinnerten Episoden  von irgendwelchen  Personen handelt - minde-
       stens der  eigenen -,  fällt dem Autobiographen mit jedem Einfall
       unweigerlich das  Thema zu,  dem er  sich zeitlebens  verschrieb:
       "d e r   M e n s c h".  Und das gleich so, wie er ihn sehen will:
       Seine  Erinnerungen  wären  schließlich  nicht  die  Erinnerungen
       d e s   Mitscherlich, mündeten sie nicht mit penetranter Regelmä-
       ßigkeit in  Sentenzen über  die tiefen  Geheimnisse des Humanums,
       welche dieser Sorte Lebewesen seit es auf zwei Beinen steht ("Man
       kann sich  wahrscheinlich den  Übergang von  der Altsteinzeit zur
       Ackerbaukultur, die  immer aggressionsanfälligere Situationen ge-
       schaffen hat,  nicht nachhaltig genug vorstellen.") so viele see-
       lische Gattungsprobleme wie zugleich Anlässe zu deren humaner Be-
       wältigung bescheren. Am eindruckvollsten lassen sich solche Tief-
       gründigkeiten am  eigenen Ego  belegen, zeugt dies doch von einer
       zutiefst reflektierten Lebenspraxis, wie es andererseits dem auf-
       geworfenen Menschheitsproblem  besondere  Unergründlichkeit  ver-
       leiht.
       
       "Zeichen sexueller Untaten"
       ---------------------------
       
       Ein  bißchen   demonstrative  Ehrlichkeit  und  psychoanalytische
       Selbstanalyse eröffnen  das Buch.  Am eigenen Leib konstruiert er
       sich die  Lüge vom  faschistischen Vaterkomplex, der ihn ein paar
       Jährchen und ein lebensabendliches reifes Bedauern kostet:
       
       "Spät im  Leben begann ich zu verstehen, daß es Erfahrungen einer
       ziemlich unglücklichen  Kindheit gewesen  sind, die  in eine auch
       politische Widerstandshaltung  führen können... So übte etwa mein
       von mir  später so heftig abgelehnter Vater in meiner Pubertät...
       in seiner  einsichtslos konservativen  Art und antidemokratischen
       Gesinnung dazumal  eine starke  Anziehungskraft auf mich aus. Ich
       sympathisierte deshalb  ganz konsequent  mit den  damaligen Frei-
       korps und anderen paramilitärischen Gruppen, denn diese repräsen-
       tierten die gleichen Ideale, wie sie auch mein Vater vertrat. Zum
       Beispiel  weiß   ich  noch,  daß  ich  mit  einem  dieser  Grüpp-
       chen(!)führer... lange  Briefe wechselte,  die von außerordentli-
       cher politischer  Unreife (!)  gezeugt haben müssen. Rückschauend
       tut es mir leid, daß ich solche Dokumente später, einer altersty-
       pischen Anpassungsschwierigkeit  folgend, schamhaft  verschwinden
       ließ." (9)  (Du hättest  halt eher an Deine Autobiographie denken
       sollen, Alexander!)
       
       Ein bißchen  aufproblematisierter Schlafzimmerklatsch  belebt das
       hintere Drittel: Nach ein paar obligaten Mahnungen zu "Sexualität
       und Destruktion",  "äußere und  innere Freiheit",  "Schamverlust"
       pro und  contra, "Reifung  - Zeichen  wirklicher Humanität" - und
       "Verrohung" liefert Mitscherlich ein paar schöne Beispiele intel-
       lektuellen Schamverlustes:
       
       "Für mich  hatte die  sexuelle Liebe eine vielfach mein Leben be-
       stimmende Bedeutung.  Glück und  Rausch war  nicht selten mit ihr
       verbunden. Sie löste aber auch oft Verwirrungen und tiefe Schmer-
       zen aus...  Wie die  Studenten eigentlich  nicht wußten, wie sich
       auf der  Universität zurechtfinden, so waren wir auch unerfahrene
       Liebespartner... Ich  heiratete deswegen  schon mit 23 Jahren, da
       ich meine Freundin, die ein Kind erwartete, nicht im Stich lassen
       wollte... Würde ich mein eigenes Leben nach Zeichen sexueller Un-
       taten durchforsten, so käme ich ganz gewiß nicht mit jener Quali-
       fikation davon,  die nach  dem zweiten  Weltkrieg Anwendung fand,
       nämlich 'nicht betroffen'. Aber ich versuchte zumindest, mich da-
       gegen zu  wehren, Liebe  und Sexualität  voneinander zu  trennen.
       Liebe ist  ein Kunststück...  Es dauerte  mehrere Jahre,  bis ich
       mich dazu  überwinden konnte,  meinem Partner und den Kindern aus
       der vorhergehenden Ehe den mit einer endgültigen Trennung verbun-
       denen Schmerz  zuzufügen... Ich hoffe, ein wenig von meinem eige-
       nen Kampf mit den erotischen Triebkräften, meinen Schwierigkeiten
       in der Partnerwahl sowie dem Partnerwechsel und den damit verbun-
       denen Schmerzen  und Entscheidungsnöten aber auch Glückserfahrun-
       gen dargestellt  zu haben...  den  gedanklichen  Fortschritt  von
       christlicher Intoleranz zu größerer Lebensfreundlichkeit habe ich
       zu meinem Teil mitvollzogen..." (273 passim)
       
       Angesichts eines  beherzten Faustschlags  auf die Nase eines Mit-
       schülers, mit  dem sich  der von  den "Schmuddelkindern"  ständig
       gepiesackte Alexander den nötigen Respekt verschaffte, um fürder-
       hin unbehelligt  nach Hause  und einzelgehen  zu können,  ("Meine
       Brutalität war  unmittelbar verstanden worden"), entdeckt der le-
       bensweise Selbstdarsteller  die zerstörerische  Unbändigkeit  des
       Gattungswesens:
       
       "Ich weiß  es, als  ob es  gestern gewesen wäre... Im Grunde eine
       schreckliche Erfahrung  für mich,  ein Schaubild  unvergänglicher
       Zerstörungskraft, die  immer wieder aus den Hintergründen unserer
       Kultur hervorbricht." (19) (Kraftprotz!)
       
       "Rätselhafte Phänomene"
       -----------------------
       
       Ein willkommenes  Exempel an der eigenen Subjektivität, der trotz
       der besten  Absichten solch  Übles entfuhr,  um an  ihm das Gene-
       ralthema des weiteren Mitscherlichschen Lebensweges anzuschlagen,
       dem er  sich nach  diesem Erlebnis  unwiderruflich stellen mußte:
       das "Großproblem  der Aggression".  Dieses stellt man dadurch als
       unergründliches Geheimnis in den Raum, daß man über die gar nicht
       rätselhaften Zwecke der von Mitscherlich in der Folgezeit zur Ge-
       nüge miterlebten Gewalttätigkeiten geflissentlich hinwegsieht, um
       angesichts dieser  stets von neuem vor der "Aggression" als einer
       bleibenden Quintessenz der menschlichen Seele zu erschaudern.
       
       "Wer einmal seine Gleichzeitigkeit mit Millionen Erniedrigter und
       Beleidigter erlebt hat, möchte meinen, daß alles, was sich da ab-
       gespielt hat,  sich nicht  wiederholen könnte.  Aber es  war mög-
       lich... Die  große Rätselfrage liegt darin, daß wir nicht voraus-
       wissen können,  wann die  sublimierenden Fähigkeiten des Menschen
       angesprochen werden  und wann  die destruktiven  durchbrechen." (
       296 f.)
       
       Des Menschen  Wege sind unergründlich - mit solchen seelentheolo-
       gischen Kniefällen  zelebriert dieser Mann sein 'Miterlebt'-Haben
       nach und  gibt damit  ein Beispiel  davon, zu  welch  abgeklärter
       Dummheit sich  das Lebensvermächtnis  eines gealterten Aufklärers
       zusammenzieht. Mit  seinen Ergebenheitsadressen  an das Mysterium
       der menschlichen Seele, zu denen er die kleinen und großen Ereig-
       nisse seiner Lebenszeit aufgestaltet -
       
       "Die Tatsache, daß in den beiden verfeindeten Weltteilen, Rußland
       und Europa, annähernd zur gleichen Zeit Diktatoren von entsetzli-
       chem Zerstörungswillen  erschienen -  Stalin und Hitler gehört zu
       den großen und rätselhaften Phänomenen unserer Zeit" -
       
       bekundet er nicht mehr als die Fadenscheinigkeit seines penetrant
       zur Schau  gestellten Anspruches,  sein Leben  lang schwer an der
       Last der
       
       "Großprobleme sozialer Art"
       ---------------------------
       
       getragen zu haben. In der Pose des altersweisen Maliners liest er
       im Kaffeesatz  seiner "Lebenserfahrung"  ("Es ist auch heute noch
       zu befürchten, daß wir keiner durch Menschenliebe gemilderten Zu-
       kunft zustreben") - was dabei herauskommt, sind die ungenießbaren
       Zeugnisse des  Auguren eigener  Eitelkeit, die Bekenntnisse einer
       moralischen Kämpfernatur, mit denen er seinem Publikum zu verste-
       hen gibt,  daß  i h m  die Welt seit jeher ganz besonders zu den-
       ken und zu leiden gibt:
       
       "Das Problem  des destruktiven  Nationalismus hat  mich seit  den
       30er Jahren,  die es  uns besonders kraß vor Augen führten, nicht
       losgelassen. Gemeinsam mit der Frage nach dem Schicksal kollekti-
       ver Verdrängungen  führte es  uns auch zur Frage nach der aus der
       Lähmung des  Gewissens entstandenen  'Unfähigkeit zu  trauern'...
       Ich kann  vor meinem  innersten Gewissen  selbst einen Freiheits-
       kämpfer wie  Ho Chi Minh, der mit Recht gegen einen grausamen Ko-
       lonialismus aufstand,  dennoch nicht unkritisch salvieren vor der
       Weltgeschichte für  die riesigen Opfer, die sein und andere Frei-
       heitskriege im Lauf der Geschichte gefordert haben." (239)
       
       Der kritische  Humanist weiß eben bei allem, was imperialistische
       Politik auf  dem Globus  zustandegebracht hat,  die Pose des zer-
       quälten Abwägens "Freiheit - zwar aber" einzunehmen, die Last des
       eigenen besseren  und weiterblickenden  Gewissens der ganzen Welt
       zu demonstrieren,  und über die Fährnisse der 'immergleichen Men-
       schennatur' zu  räsonieren, die  all das  verschuldet haben soll.
       Und andererseits  schwingt sich  seine von der 'zivilisatorischen
       Radikalität' der Zeitläufte angerührte und zum Sinnieren aufgeru-
       fene intellektuelle Seele zu so großartigen Analysen auf wie: "In
       meiner Lebenszeit  sind mit  Beschleunigung viele und sehr unter-
       schiedliche Phänomene  von radikaler Neuheit entstanden. So haben
       wir uns  zum Beispiel  an die  Existenz von Flugzeugen, die immer
       größer und schneller werden, ohne große Anpassungsschwierigkeiten
       gewöhnt... Wir  müssen Verständnis  aufbringen sowohl  für bisher
       noch nie  Dagewesenes wie  für Regressionen  zu längst überwunden
       geglaubtem   Verhalten.    Vorbilder   sind   verloren   gegangen
       (Beckenbauer?), an  denen wir uns orientieren konnten. Wir suchen
       nach neuen  Paradigmen (Beckenbauer!),  denn wir  werden mit Ent-
       wicklungen konfrontiert,  die uns angst machen. (Beckenbauer!!!)"
       (242)
       
       Wer die  dunkle Ahnung  als Haltung  pflegt, in  der er die Zeit-
       läufte verfolgt,  dem ist  der nachträgliche Hinweis, es ja schon
       immer geahnt  zu haben,  ebenso teuer,  wie er  für ihn jederzeit
       billig zu haben ist. Geschichtsbewußt wie er ist, schlachtet Mit-
       scherlich diesen  Gratisbonus dazu  aus, zum Faschismus schon gar
       nichts anderes mehr vermelden zu wollen, als daß für ihn "der Ja-
       nuar 1933 keineswegs aus blauem Himmel kam".
       
       Welch ein Glück für den autoschwadronierenden Menschenkenner, daß
       er eines  Tages "noch  vor der  Machtergreifung, die Würfel waren
       noch nicht  gefallen"! -  im Münchner Cafe Annast dem nachmaligen
       Führer vis-a-vis zu sitzen kam:
       
       "Ich sehe die Szene noch vor mir, wie Hitler ruhig zusah, wie ir-
       gendwelche SA-Führer  miteinander Schach  spielten.  Über  diesen
       Mann ist  mittlerweile so  viel geschrieben  worden, daß für mich
       aus meiner  Erinnerung an  ihn nicht  viel Neues zu sagen bleibt.
       Wichtig ist mir aber, daß ich als ahnungsloser Student vollkommen
       sicher in  meinem Urteil war, hier hätte ich es mit einem grauen-
       haften Menschen  zu tun.  ... Warum hatte ich dieses Urgefühl von
       Abscheu und hatten viele andere Intellektuelle von nicht geringe-
       rem Urteilsvermögen  es offensichtlich  nicht? Es  erstaunt immer
       wieder, daß  gegen Verblendung  sogenannte  Intellektuelle,  also
       'Einsichtige', keineswegs gefeit sind. (Derwall?)" (92 f.)
       
       "62 Jahre wie ein Tag"
       ----------------------
       
       Es erstaunt  immer wieder,  mit welcher Unverfrorenheit Mitscher-
       lich auf jeder der 323 Seiten seiner Lebens-Nachbetrachtungen al-
       les, was  nicht seinem  eigenen Hirn  entsprang, mit dem Ausdruck
       unterschiedsloser Verwunderung  quittiert. Indem  er Gott und die
       Welt in notorischer Frageform als "eigentümliches Phänomen" regi-
       striert, das  ihn ein  um's andere Mal in seinen Lieblingszustand
       "Angst", "Betroffenheit"  versetzt, und indem er vor vorschnellen
       Antworten warnt, setzt er sich als "kritischer Humanist" in Szene
       und erweckt  den Eindruck  ganz vornehmer  Bedächtigkeit und auf-
       richtiger Selbstzerquälung  vor dem  sich der  Rest der  Welt als
       eitles Gewimmel vielfältiger "Selbsttäuschungen" ausnimmt.
       
       "Gerade das  Wissen um die Gefahr des Selbstbetruges, dem man im-
       mer wieder  anheimfällt, hat  im Laufe  des Lebens meinen Hochmut
       gedämpft und  mich schließlich zu Skepsis mir gegenüber gebracht.
       Es erschreckt  mich deshalb jetzt nicht mehr, von der einen Seite
       als Vertreter  der Libertinage,  von der  anderen als ängstlicher
       Moralist oder elitärer Idealist eingeschätzt zu werden." (299)
       
       Wir wollen ihm weder die eine noch die andere Beschimpfung antun.
       Er ist halt bloß ein zu einigem Renommee gelangter zeitkritischer
       Psychologe, der  sich als  moralinsaurer  Zeitgenosse  mit  einer
       besonderen 'Fähigkeit zum trauern' vorführt, und am Schluß seines
       Buches in  einer geistigen  'Tour  d'horizon'  durch  die  "Groß-
       probleme" galoppiert, daß es vor Senilität nur so staubt:
       
       "Sehr weit  von der  Mode des 16. Jahrhunderts scheinen wir heute
       in unseren  modischen Bedürfnissen  nicht entfernt  zu sein, wenn
       wir an die plastischen Hervorhebungen in den Blue jeans vorne und
       hinten, männlich und weiblich denken... (275)
       Kommen wir  nochmals auf die gelockerten sexuellen Sitten zurück.
       (277)
       Die Versagungen,  die man  als Analytiker  auf sich nehmen muß im
       Rahmen der Übertragung und Gegenübertragung, sind ungewöhnlich...
       (292)
       Ein Großproblem ist zweifellos die Aggression... (293)
       Hat sich auf der geschichtsfähigen emotionalen Seite des Menschen
       wirklich seit der Altsteinzeit nichts geändert? Es hat sich gewiß
       vieles verändert  zahlreiche Wandlungen  haben stattgefunden. Al-
       lein die  Tatsache, daß die Menschheit sich seit der Altsteinzeit
       um ein Vielfaches vermehrt hat... (295)
       Unbestritten ist  es, daß  Tugenden wie  Treue, Selbstüberwindung
       und Opferfähigkeit  zu den großen Leistungen gehören, die im Rah-
       men der  Kultivierung des Menschen entscheidende Bedeutung gewon-
       nen haben... (298)
       Als das  vielleicht schmerzlichste  der psychologischen  Großpro-
       bleme empfand  ich die zunehmende Entleerung der menschlichen Ge-
       fühlswelt... (299)  zunehmende Zahl  der Süchtigen, Bürokratie...
       verhilft zur  emotionellen Versteinerung und ist damit das Gegen-
       stück zur  Sucht. Das  ist eine  verblüffende Einsicht..."  (300)
       usw. usw.
       
       Mit der  ständigen Beteuerung,  daß er  so viele  "Krisen" erlebt
       habe, daß  ihn nichts  mehr schrecken  könne, trägt der gealterte
       Allerwelt-Psycholog der  Nachwelt das  Vermächtnis an, daß er mit
       der Welt  im Reinen ist, wobei er sich nicht scheut, seinen eige-
       nen Nachruf mit einem "Epilog" zu krönen, in dem er mit weinerli-
       cher Akribie  die Entwicklung  seines körperlichen  und geistigen
       Verfalls schildert.
       
       "Mit sechs  stopften sie  einem die  spitze Tüte  in den  Arm und
       schickten einen  zur Schule.  Und dann  wird man eines Tages (vor
       Mitscherlichs Lebenserfüllungslauf sind 62 Jahre wie ein Tag) ge-
       zwungen, seinen Schreibtisch leerzuräumen - beides im Grunde eine
       Zumutung." (307)
       
       Er hat  sich's  nicht  verdrießen  lassen  und  seinen  geistigen
       Schreibtisch abgeräumt.  Das Ergebnis: Ein kunterbuntes Sammelsu-
       rium von intellektuellen Standardseichtigkeiten, mehr psycho- als
       logisch vorgebracht  als Lebensvermächtnis eines gealterten Kämp-
       fers wider  die "Unvernunft",  der vom  Aufklärer und Tabubrecher
       zur Abgeklärtheit  einer geistigen Größe fortgeschritten ist, die
       niemandem weh  und allen wohltun will; der  nichts 'Menschliches'
       fremd ist, weil ihr alles zu 'Großproblemen', also zum Teil ihrer
       kulturkritischen Weltschau  wird. Um diese ist - wie jede Kultur-
       kritik -  das geistlose  Vermächtnis eines  Möchtegern-Propheten,
       dem nichts  mehr weiter  einfällt als  der ewig grüne reaktionäre
       Dualismus von  'Erneuern und  Bewahren in  einer heillosen Welt'.
       Vom krittelnden  Psychoanalytiker zum  schon leicht verschrobenen
       Prediger in  der Unwirtlichkeit  unserer  Gesellschaftswüste  ist
       also nur  ein Schritt:  Man muß  sein Lebensanliegen  nur   a l s
       s o l c h e s   aussprechen und an und mit der eigenen Person be-
       kennen, dann  zieht sich  ein ganzes  vorbildliches  bürgerliches
       Wissenschaftlerleben auf  so umwerfend originelle Botschaften zu-
       sammen wie:
       
       "In den  Kosmos unserer  Wertwelt sind fundamentale Einbrüche er-
       folgt, die jetzt die Szene beherrschen." (297)
       "Falsche Freiheit wird in Masse angeboten. Es ist ein tiefes, um-
       stürzendes Erlebnis,  wenn Tabus  vor unseren Augen in Staub zer-
       fallen." (288 f.)
       

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