Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Die 'Altersweisheit' hat zwei für außergewöhnlich geltende und
sich verstehende deutsche Wissenschaftler dazu verleitet, ihr
Wissenschaftlerleben mit den beiden nachfolgend besprochenen Au-
tobiographien zu krönen. Die Behauptung, daß ihr - entsprechend
interpretiertes - Leben für ihre Lehre und ihre - mit dem eigenen
Werdegang bebilderte - Lehre für ihr Leben einstünde, beruht auf
der unbescheidenen Unterstellung, der Leser werde die Gleichung
von Wissenschaft und Bekenntnis schon mitmachen. Denn nur, wer
Erklärung und Deutung für dasselbe hält, findet auch zu der
Selbststilisierung ergrauter Professoren seine Auffassung bestä-
tigt, sie seien schon immer interessante und großartige Persön-
lichkeiten gewesen. Weil den beiden aber der Ruf origineller und
menschlicher Köpfe vorausgeht, haben sie in aller bekundeten Be-
scheidenheit die Summe ihres wissenschaftlichen Treibens gezogen
und es in zweifacher Hinsicht gekrönt. Erstens haben sie sich
ihre eigenen Nachrufe geschrieben und zweitens damit ihrer Inter-
pretation der Welt eine unübertreffliche Geltung verschafft -
die, 'gelebt' und 'durchlitten' und damit mehr als nur richtig zu
sein.
Es ist allerdings merkwürdig, daß emeritierte deutsche Geistes-
größen sich immer nach Italien zurückziehen müssen -
Mitscherlich: " Das Milieu entspannter Südlichkeit trug dazu bei,
daß ich genügend Distanz und Reflexionsbereitschaft auf-
brachte..."
König: "...genau hier fand ich die Atmosphäre, die der unbefange-
nen Entwicklung einer Situations- und Selbstanalyse günstig war."
-,
um der Mit- und Nachwelt zu schildern, wie sehr sie gekämpft, ge-
stritten, gefühlt, gedacht und sich zeitlebens für den besseren
Fortbestand der Welt gequält haben. Allein das gibt schon zu den-
ken.
Alexander Mitscherlich: Ein Leben für die Psychoanalyse. Anmer-
kungen zu meiner Zeit
ALTERSDUSELEIEN EINES ABGEKLÄRTEN AUFKLÄRERS
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"Ich habe mir in diesen Jahren abgewöhnt, auch nur den Anschein
zu erwecken, als wüßte ich, wie 'es' weitergehen soll." (305)
"Trotz Rückschlägen hat aber die Psychoanalyse genügend Fort-
schritte erzielt, um nicht müde zu werden, mit ihrer Anwendung
auch in weiteren zu erschließenden Gebieten die Idee eines aufge-
klärten Humanismus fortzuführen." (306).
Was seine eigene Botschaft angeht, die Mitscherlich in einem an
Veröffentlichungen reichen Leben an den Mann gebracht hat, weiß
er jedenfalls, wie es auch und gerade nach der Emeritierung wei-
tergeht. Die lebenslange 'Erschließung' so ziemlich aller
'Gebiete' für den psychoanalytischen Grundkalauer, daß alles Aus-
druck der Zerrissenheit 'menschlicher Identität' zwischen Trieb
und Beherrschung sei - ein Langweiler, der Mitscherlich wegen
seiner unverdrossenen und gegen jedes 'Gebiet' gleichgültigen
Entdeckerfreude (Luther, Sucht, Städte, Nachkriegszeit, verwal-
tete Welt, Frieden, Krankheit, Toleranz usw.) den Nimbus eines
gesellschaftskritischen Aufklärers eingebracht hat -, ließ ihm
die Zeit, auch noch das letzte unentdeckte Feld zu erschließen
und seine Forscherpersönlichkeit als solche auf den Buchmarkt zu
tragen.
Mitscherlich ergriff damit die einer Person des öffentlichen Le-
bens gebotene Gelegenheit, die Tatsache ihres Alterns dazu auszu-
schlachten, der Um- und Nachwelt ihr persönliches Gewesensein
nebst Umständen und Altersinterpretatian als Denkwürdigkeit und
Zeiterscheinung anzutragen und bei der Gelegenheit ohne den lä-
stigen Anspruch und Anschein wissenschaftlichen Argumentierens zu
erzählen, was er mag und was er nicht mag. Unter dem Titel "Ein
Leben für die Psychoanalyse" darf sich jetzt alles, woran sich
der Nestor der kritischen Intelligenz noch zu erinnern vermag,
der Bedeutung erfreuen, die Mitscherlich zu Schaffenszeiten mit
seinen psychoanalytischen Opera erlangen konnte. So konnte es
denn nicht ausbleiben, daß noch jede Episode seines an Erlebnis-
sen natürlich reichen Lebens zu einem Dokument der Gefährdung des
Menschen und des "Kritischen Humanismus" geriet, mit dem der Eme-
ritus diese Abgründe in und um sich lebenslang kultivierte.
Frühes Leid
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Z.B. die Hosen, mit denen Papa Mitscherlich am Tag der Einschu-
lung des kleinen Alexander herumlief. In ihnen gelingt es dem Au-
tobiographen, alle Momente zusammenschießen zu lassen, durch die
sich sein weiterer Lebensweg als geprägt durch die "Großprobleme"
menschlicher Kultur schlechthin, wie auch als einzigartig ob der
eigenen Individualität herausstellen läßt. Schon der erste
Schritt aus dem Familienleben hinaus gab Alex die Härte der
"Rollenmuster, welche die Gesellschaft dem Individuum regelhaft
zuweist" zu spüren - aber auch die Möglichkeit, in Auseinander-
setzung damit, seine eigene Subjektivität zur Größe einer Persön-
lichkeit emporzuarbeiten;
"Ein wenig verängstigt durch die für mich neue Situation ging ich
schulwärts. Als ich vor dem Schulgebäude angekommen war, erregte
ich augenblicklich den Spott und den Zorn der anderen Kinder,
zugleich erschrak ich über die vielen, die sich dort eingefunden
hatten. Sie scharten sich um mich und riefen monoton: 'Engländer,
Engländer!' Das hatte darin seine Bewandtnis, daß mein Vater aus
englischen Breechesstoffen gefertigte Hosen trug, die ihn eben
als einen Herrn vom besseren Stande auswiesen. ... Der Effekt
war, daß ich bereits mit dem ersten Schulbesuch durch ein feind-
liches Schema abgestempelt wurde... So verfestigte sich in mir
mit sechs Jahren das Gefühl, zum Einzelgänger verurteilt zu
sein..." (17 f.)
- Was für den kleinen Alexander schmerzlich gewesen sein mag,
gibt dem ergrauten Biographen ein solides Motiv ab, all seinem
späteren Schaffen die stille Größe eines einsamen Ringens mit den
Widrigkeiten der Welt und den Uneinsichtigkeiten der Zeitgenossen
in die Zeitprobleme zu attribuieren. Schließlich konnte er nur
als Einzelgänger den Weg finden, den er schließlich ging:
"Erst wenn der Einzelgänger für sich selbst zu gehen lernt, wird
er zum eigentlichen, zum erprobten Einzelgänger."
Da Alexander schon auf Kindesbeinen erkennen mußte, daß die Läu-
terung des Einzelgängers zum Einzigartigen nur besteht, wer ein-
zeln geht, konnte es seinem späteren Lebensweg nur zugute kommen,
daß er sich entsprechend frühzeitig als "auf sich gestellte Fi-
gur" (zu zweit mit seinem besseren Ich geht sich's auch als Ein-
zelgänger besser) begriff.
Als erprobtem Psychologen fällt es Mitscherlich nicht schwer, in
der Rückschau sein ganzes Erleben zum Durchleben einer inneren
Berufung auszugestalten mit dem weidlich ausgeschlachteten Vor-
teil, "angewandte Psychologie" zu sein: Insofern noch jede der
erinnerten Episoden von irgendwelchen Personen handelt - minde-
stens der eigenen -, fällt dem Autobiographen mit jedem Einfall
unweigerlich das Thema zu, dem er sich zeitlebens verschrieb:
"d e r M e n s c h". Und das gleich so, wie er ihn sehen will:
Seine Erinnerungen wären schließlich nicht die Erinnerungen
d e s Mitscherlich, mündeten sie nicht mit penetranter Regelmä-
ßigkeit in Sentenzen über die tiefen Geheimnisse des Humanums,
welche dieser Sorte Lebewesen seit es auf zwei Beinen steht ("Man
kann sich wahrscheinlich den Übergang von der Altsteinzeit zur
Ackerbaukultur, die immer aggressionsanfälligere Situationen ge-
schaffen hat, nicht nachhaltig genug vorstellen.") so viele see-
lische Gattungsprobleme wie zugleich Anlässe zu deren humaner Be-
wältigung bescheren. Am eindruckvollsten lassen sich solche Tief-
gründigkeiten am eigenen Ego belegen, zeugt dies doch von einer
zutiefst reflektierten Lebenspraxis, wie es andererseits dem auf-
geworfenen Menschheitsproblem besondere Unergründlichkeit ver-
leiht.
"Zeichen sexueller Untaten"
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Ein bißchen demonstrative Ehrlichkeit und psychoanalytische
Selbstanalyse eröffnen das Buch. Am eigenen Leib konstruiert er
sich die Lüge vom faschistischen Vaterkomplex, der ihn ein paar
Jährchen und ein lebensabendliches reifes Bedauern kostet:
"Spät im Leben begann ich zu verstehen, daß es Erfahrungen einer
ziemlich unglücklichen Kindheit gewesen sind, die in eine auch
politische Widerstandshaltung führen können... So übte etwa mein
von mir später so heftig abgelehnter Vater in meiner Pubertät...
in seiner einsichtslos konservativen Art und antidemokratischen
Gesinnung dazumal eine starke Anziehungskraft auf mich aus. Ich
sympathisierte deshalb ganz konsequent mit den damaligen Frei-
korps und anderen paramilitärischen Gruppen, denn diese repräsen-
tierten die gleichen Ideale, wie sie auch mein Vater vertrat. Zum
Beispiel weiß ich noch, daß ich mit einem dieser Grüpp-
chen(!)führer... lange Briefe wechselte, die von außerordentli-
cher politischer Unreife (!) gezeugt haben müssen. Rückschauend
tut es mir leid, daß ich solche Dokumente später, einer altersty-
pischen Anpassungsschwierigkeit folgend, schamhaft verschwinden
ließ." (9) (Du hättest halt eher an Deine Autobiographie denken
sollen, Alexander!)
Ein bißchen aufproblematisierter Schlafzimmerklatsch belebt das
hintere Drittel: Nach ein paar obligaten Mahnungen zu "Sexualität
und Destruktion", "äußere und innere Freiheit", "Schamverlust"
pro und contra, "Reifung - Zeichen wirklicher Humanität" - und
"Verrohung" liefert Mitscherlich ein paar schöne Beispiele intel-
lektuellen Schamverlustes:
"Für mich hatte die sexuelle Liebe eine vielfach mein Leben be-
stimmende Bedeutung. Glück und Rausch war nicht selten mit ihr
verbunden. Sie löste aber auch oft Verwirrungen und tiefe Schmer-
zen aus... Wie die Studenten eigentlich nicht wußten, wie sich
auf der Universität zurechtfinden, so waren wir auch unerfahrene
Liebespartner... Ich heiratete deswegen schon mit 23 Jahren, da
ich meine Freundin, die ein Kind erwartete, nicht im Stich lassen
wollte... Würde ich mein eigenes Leben nach Zeichen sexueller Un-
taten durchforsten, so käme ich ganz gewiß nicht mit jener Quali-
fikation davon, die nach dem zweiten Weltkrieg Anwendung fand,
nämlich 'nicht betroffen'. Aber ich versuchte zumindest, mich da-
gegen zu wehren, Liebe und Sexualität voneinander zu trennen.
Liebe ist ein Kunststück... Es dauerte mehrere Jahre, bis ich
mich dazu überwinden konnte, meinem Partner und den Kindern aus
der vorhergehenden Ehe den mit einer endgültigen Trennung verbun-
denen Schmerz zuzufügen... Ich hoffe, ein wenig von meinem eige-
nen Kampf mit den erotischen Triebkräften, meinen Schwierigkeiten
in der Partnerwahl sowie dem Partnerwechsel und den damit verbun-
denen Schmerzen und Entscheidungsnöten aber auch Glückserfahrun-
gen dargestellt zu haben... den gedanklichen Fortschritt von
christlicher Intoleranz zu größerer Lebensfreundlichkeit habe ich
zu meinem Teil mitvollzogen..." (273 passim)
Angesichts eines beherzten Faustschlags auf die Nase eines Mit-
schülers, mit dem sich der von den "Schmuddelkindern" ständig
gepiesackte Alexander den nötigen Respekt verschaffte, um fürder-
hin unbehelligt nach Hause und einzelgehen zu können, ("Meine
Brutalität war unmittelbar verstanden worden"), entdeckt der le-
bensweise Selbstdarsteller die zerstörerische Unbändigkeit des
Gattungswesens:
"Ich weiß es, als ob es gestern gewesen wäre... Im Grunde eine
schreckliche Erfahrung für mich, ein Schaubild unvergänglicher
Zerstörungskraft, die immer wieder aus den Hintergründen unserer
Kultur hervorbricht." (19) (Kraftprotz!)
"Rätselhafte Phänomene"
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Ein willkommenes Exempel an der eigenen Subjektivität, der trotz
der besten Absichten solch Übles entfuhr, um an ihm das Gene-
ralthema des weiteren Mitscherlichschen Lebensweges anzuschlagen,
dem er sich nach diesem Erlebnis unwiderruflich stellen mußte:
das "Großproblem der Aggression". Dieses stellt man dadurch als
unergründliches Geheimnis in den Raum, daß man über die gar nicht
rätselhaften Zwecke der von Mitscherlich in der Folgezeit zur Ge-
nüge miterlebten Gewalttätigkeiten geflissentlich hinwegsieht, um
angesichts dieser stets von neuem vor der "Aggression" als einer
bleibenden Quintessenz der menschlichen Seele zu erschaudern.
"Wer einmal seine Gleichzeitigkeit mit Millionen Erniedrigter und
Beleidigter erlebt hat, möchte meinen, daß alles, was sich da ab-
gespielt hat, sich nicht wiederholen könnte. Aber es war mög-
lich... Die große Rätselfrage liegt darin, daß wir nicht voraus-
wissen können, wann die sublimierenden Fähigkeiten des Menschen
angesprochen werden und wann die destruktiven durchbrechen." (
296 f.)
Des Menschen Wege sind unergründlich - mit solchen seelentheolo-
gischen Kniefällen zelebriert dieser Mann sein 'Miterlebt'-Haben
nach und gibt damit ein Beispiel davon, zu welch abgeklärter
Dummheit sich das Lebensvermächtnis eines gealterten Aufklärers
zusammenzieht. Mit seinen Ergebenheitsadressen an das Mysterium
der menschlichen Seele, zu denen er die kleinen und großen Ereig-
nisse seiner Lebenszeit aufgestaltet -
"Die Tatsache, daß in den beiden verfeindeten Weltteilen, Rußland
und Europa, annähernd zur gleichen Zeit Diktatoren von entsetzli-
chem Zerstörungswillen erschienen - Stalin und Hitler gehört zu
den großen und rätselhaften Phänomenen unserer Zeit" -
bekundet er nicht mehr als die Fadenscheinigkeit seines penetrant
zur Schau gestellten Anspruches, sein Leben lang schwer an der
Last der
"Großprobleme sozialer Art"
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getragen zu haben. In der Pose des altersweisen Maliners liest er
im Kaffeesatz seiner "Lebenserfahrung" ("Es ist auch heute noch
zu befürchten, daß wir keiner durch Menschenliebe gemilderten Zu-
kunft zustreben") - was dabei herauskommt, sind die ungenießbaren
Zeugnisse des Auguren eigener Eitelkeit, die Bekenntnisse einer
moralischen Kämpfernatur, mit denen er seinem Publikum zu verste-
hen gibt, daß i h m die Welt seit jeher ganz besonders zu den-
ken und zu leiden gibt:
"Das Problem des destruktiven Nationalismus hat mich seit den
30er Jahren, die es uns besonders kraß vor Augen führten, nicht
losgelassen. Gemeinsam mit der Frage nach dem Schicksal kollekti-
ver Verdrängungen führte es uns auch zur Frage nach der aus der
Lähmung des Gewissens entstandenen 'Unfähigkeit zu trauern'...
Ich kann vor meinem innersten Gewissen selbst einen Freiheits-
kämpfer wie Ho Chi Minh, der mit Recht gegen einen grausamen Ko-
lonialismus aufstand, dennoch nicht unkritisch salvieren vor der
Weltgeschichte für die riesigen Opfer, die sein und andere Frei-
heitskriege im Lauf der Geschichte gefordert haben." (239)
Der kritische Humanist weiß eben bei allem, was imperialistische
Politik auf dem Globus zustandegebracht hat, die Pose des zer-
quälten Abwägens "Freiheit - zwar aber" einzunehmen, die Last des
eigenen besseren und weiterblickenden Gewissens der ganzen Welt
zu demonstrieren, und über die Fährnisse der 'immergleichen Men-
schennatur' zu räsonieren, die all das verschuldet haben soll.
Und andererseits schwingt sich seine von der 'zivilisatorischen
Radikalität' der Zeitläufte angerührte und zum Sinnieren aufgeru-
fene intellektuelle Seele zu so großartigen Analysen auf wie: "In
meiner Lebenszeit sind mit Beschleunigung viele und sehr unter-
schiedliche Phänomene von radikaler Neuheit entstanden. So haben
wir uns zum Beispiel an die Existenz von Flugzeugen, die immer
größer und schneller werden, ohne große Anpassungsschwierigkeiten
gewöhnt... Wir müssen Verständnis aufbringen sowohl für bisher
noch nie Dagewesenes wie für Regressionen zu längst überwunden
geglaubtem Verhalten. Vorbilder sind verloren gegangen
(Beckenbauer?), an denen wir uns orientieren konnten. Wir suchen
nach neuen Paradigmen (Beckenbauer!), denn wir werden mit Ent-
wicklungen konfrontiert, die uns angst machen. (Beckenbauer!!!)"
(242)
Wer die dunkle Ahnung als Haltung pflegt, in der er die Zeit-
läufte verfolgt, dem ist der nachträgliche Hinweis, es ja schon
immer geahnt zu haben, ebenso teuer, wie er für ihn jederzeit
billig zu haben ist. Geschichtsbewußt wie er ist, schlachtet Mit-
scherlich diesen Gratisbonus dazu aus, zum Faschismus schon gar
nichts anderes mehr vermelden zu wollen, als daß für ihn "der Ja-
nuar 1933 keineswegs aus blauem Himmel kam".
Welch ein Glück für den autoschwadronierenden Menschenkenner, daß
er eines Tages "noch vor der Machtergreifung, die Würfel waren
noch nicht gefallen"! - im Münchner Cafe Annast dem nachmaligen
Führer vis-a-vis zu sitzen kam:
"Ich sehe die Szene noch vor mir, wie Hitler ruhig zusah, wie ir-
gendwelche SA-Führer miteinander Schach spielten. Über diesen
Mann ist mittlerweile so viel geschrieben worden, daß für mich
aus meiner Erinnerung an ihn nicht viel Neues zu sagen bleibt.
Wichtig ist mir aber, daß ich als ahnungsloser Student vollkommen
sicher in meinem Urteil war, hier hätte ich es mit einem grauen-
haften Menschen zu tun. ... Warum hatte ich dieses Urgefühl von
Abscheu und hatten viele andere Intellektuelle von nicht geringe-
rem Urteilsvermögen es offensichtlich nicht? Es erstaunt immer
wieder, daß gegen Verblendung sogenannte Intellektuelle, also
'Einsichtige', keineswegs gefeit sind. (Derwall?)" (92 f.)
"62 Jahre wie ein Tag"
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Es erstaunt immer wieder, mit welcher Unverfrorenheit Mitscher-
lich auf jeder der 323 Seiten seiner Lebens-Nachbetrachtungen al-
les, was nicht seinem eigenen Hirn entsprang, mit dem Ausdruck
unterschiedsloser Verwunderung quittiert. Indem er Gott und die
Welt in notorischer Frageform als "eigentümliches Phänomen" regi-
striert, das ihn ein um's andere Mal in seinen Lieblingszustand
"Angst", "Betroffenheit" versetzt, und indem er vor vorschnellen
Antworten warnt, setzt er sich als "kritischer Humanist" in Szene
und erweckt den Eindruck ganz vornehmer Bedächtigkeit und auf-
richtiger Selbstzerquälung vor dem sich der Rest der Welt als
eitles Gewimmel vielfältiger "Selbsttäuschungen" ausnimmt.
"Gerade das Wissen um die Gefahr des Selbstbetruges, dem man im-
mer wieder anheimfällt, hat im Laufe des Lebens meinen Hochmut
gedämpft und mich schließlich zu Skepsis mir gegenüber gebracht.
Es erschreckt mich deshalb jetzt nicht mehr, von der einen Seite
als Vertreter der Libertinage, von der anderen als ängstlicher
Moralist oder elitärer Idealist eingeschätzt zu werden." (299)
Wir wollen ihm weder die eine noch die andere Beschimpfung antun.
Er ist halt bloß ein zu einigem Renommee gelangter zeitkritischer
Psychologe, der sich als moralinsaurer Zeitgenosse mit einer
besonderen 'Fähigkeit zum trauern' vorführt, und am Schluß seines
Buches in einer geistigen 'Tour d'horizon' durch die "Groß-
probleme" galoppiert, daß es vor Senilität nur so staubt:
"Sehr weit von der Mode des 16. Jahrhunderts scheinen wir heute
in unseren modischen Bedürfnissen nicht entfernt zu sein, wenn
wir an die plastischen Hervorhebungen in den Blue jeans vorne und
hinten, männlich und weiblich denken... (275)
Kommen wir nochmals auf die gelockerten sexuellen Sitten zurück.
(277)
Die Versagungen, die man als Analytiker auf sich nehmen muß im
Rahmen der Übertragung und Gegenübertragung, sind ungewöhnlich...
(292)
Ein Großproblem ist zweifellos die Aggression... (293)
Hat sich auf der geschichtsfähigen emotionalen Seite des Menschen
wirklich seit der Altsteinzeit nichts geändert? Es hat sich gewiß
vieles verändert zahlreiche Wandlungen haben stattgefunden. Al-
lein die Tatsache, daß die Menschheit sich seit der Altsteinzeit
um ein Vielfaches vermehrt hat... (295)
Unbestritten ist es, daß Tugenden wie Treue, Selbstüberwindung
und Opferfähigkeit zu den großen Leistungen gehören, die im Rah-
men der Kultivierung des Menschen entscheidende Bedeutung gewon-
nen haben... (298)
Als das vielleicht schmerzlichste der psychologischen Großpro-
bleme empfand ich die zunehmende Entleerung der menschlichen Ge-
fühlswelt... (299) zunehmende Zahl der Süchtigen, Bürokratie...
verhilft zur emotionellen Versteinerung und ist damit das Gegen-
stück zur Sucht. Das ist eine verblüffende Einsicht..." (300)
usw. usw.
Mit der ständigen Beteuerung, daß er so viele "Krisen" erlebt
habe, daß ihn nichts mehr schrecken könne, trägt der gealterte
Allerwelt-Psycholog der Nachwelt das Vermächtnis an, daß er mit
der Welt im Reinen ist, wobei er sich nicht scheut, seinen eige-
nen Nachruf mit einem "Epilog" zu krönen, in dem er mit weinerli-
cher Akribie die Entwicklung seines körperlichen und geistigen
Verfalls schildert.
"Mit sechs stopften sie einem die spitze Tüte in den Arm und
schickten einen zur Schule. Und dann wird man eines Tages (vor
Mitscherlichs Lebenserfüllungslauf sind 62 Jahre wie ein Tag) ge-
zwungen, seinen Schreibtisch leerzuräumen - beides im Grunde eine
Zumutung." (307)
Er hat sich's nicht verdrießen lassen und seinen geistigen
Schreibtisch abgeräumt. Das Ergebnis: Ein kunterbuntes Sammelsu-
rium von intellektuellen Standardseichtigkeiten, mehr psycho- als
logisch vorgebracht als Lebensvermächtnis eines gealterten Kämp-
fers wider die "Unvernunft", der vom Aufklärer und Tabubrecher
zur Abgeklärtheit einer geistigen Größe fortgeschritten ist, die
niemandem weh und allen wohltun will; der nichts 'Menschliches'
fremd ist, weil ihr alles zu 'Großproblemen', also zum Teil ihrer
kulturkritischen Weltschau wird. Um diese ist - wie jede Kultur-
kritik - das geistlose Vermächtnis eines Möchtegern-Propheten,
dem nichts mehr weiter einfällt als der ewig grüne reaktionäre
Dualismus von 'Erneuern und Bewahren in einer heillosen Welt'.
Vom krittelnden Psychoanalytiker zum schon leicht verschrobenen
Prediger in der Unwirtlichkeit unserer Gesellschaftswüste ist
also nur ein Schritt: Man muß sein Lebensanliegen nur a l s
s o l c h e s aussprechen und an und mit der eigenen Person be-
kennen, dann zieht sich ein ganzes vorbildliches bürgerliches
Wissenschaftlerleben auf so umwerfend originelle Botschaften zu-
sammen wie:
"In den Kosmos unserer Wertwelt sind fundamentale Einbrüche er-
folgt, die jetzt die Szene beherrschen." (297)
"Falsche Freiheit wird in Masse angeboten. Es ist ein tiefes, um-
stürzendes Erlebnis, wenn Tabus vor unseren Augen in Staub zer-
fallen." (288 f.)
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