Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn

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WAS ERKLÄRT DIE "HANDLUNGSFÄHIGKEIT"? ODER: DAS MENSCHENBILD DER KRITISCHEN PSYCHOLOGIE

Die Kritische Psychologie faßt in der Kategorie der "Handlungsfähigkeit" völlig entgegensetzte Handlungsweisen - Unterwerfung und Widerstand - zusammen. Das ist kein "Doppelbegriff", sondern eine falsche Doppelabstraktion von j e d e m Handeln. Indem sie alles auf "Handeln" herunterbringt, sieht die Kritische Psychologie nicht nur von jedem wirklichen Zweck, Willen, Tun ab. Sie setzt diesen Fehler auch noch fort, indem sie die "Handlungsfähigkeit" als Ursache des Handelns behauptet. Damit hat sie jedoch nur ihre Abstraktion Handeln verdoppelt in eine Fähigkeit, die dieses Handeln ermöglichen soll, aber durch nichts anderes bestimmt ist als durch das "Handeln", und eben dieses "Handeln", das auf diese Weise als Resultat der ins Individuum projizierten Fähigkeit erscheint. Nachdem die Kritische Psychologie alles Tun der Menschen in Handeln und dieses auf Handlungsfähigkeit reduziert hat, führt sie die gegensätzlichen Handlungsweisen Unterwerfung und Wi- derstand als Prädikate dieser Abstraktion wieder ein: "restriktive" und "verallgemeinerte" Handlungsfähigkeit. Als unterschiedliche "Ausprägung" der Handlungsfähigkeit verlieren Unterwerfung und Widerstand völlig ihren gegensätzlichen Charakter; sie werden ein Mehr oder Weniger auf der Skala der Kraftquelle Handlungsfähigkeit. Erst mit diesem Menschenbild im Kopf schauen sich Kritische Psychologen das wirkliche Treiben der Menschen an und rubri- fizieren "doppelbegrifflich", was und wieviel davon der "restriktiven" und der "verallgemeinerten" Seite der Handlungs- fähigkeit zuzuschlagen sei. So kann man völlig alltägliche Techniken des Zurechtkommens mit den Zumutungen der Konkurrenz und des Liebeslebens "dialektisch" als teils unterwürfig, teils widerständig deuten und bei der psychologischen Beratung das verstärken, was der Kritische Psychologe als Ausdruck der "verallgemeinerten Handlungsfähigkeit" ansieht. Ganz ohne Kritik des Willens zum Mitmachen soll man so das ohne Willen des Klienten zum Widerstand von ihm angeblich längst praktizierte "Widerstandspotential" befördern, von dem der Klient noch nicht einmal zu wissen braucht, (ja nicht einmal wissen darf, sonst wird er ja gleich wieder "mutlos",) was für eine herrschafts- sprengende Wucht er damit - langfristig gesehen - entwickelt. Psychologie vom "Standpunkt der Betroffenen" aus? Nein, solidarisch ist die Kritische Psychologie nicht mit wirklichen Menschen, sondern mit ihrem doppelbegrifflichen B i l d vom Menschen. Sie ergreift Partei für die von ihr verehrte Seite der "Handlungsfähigkeit" in der Absicht, die andere, die "restriktive" zu übertölpeln, ohne daß der Klient jemals bemerkt (und auch nicht zu bemerken braucht), daß er an einen Psychologen geraten ist, der seine mehr oder minder tauglichen "Hilfen" zum alltäglichen Zurechtkommen in einer gesellschaftsverändernden Perspektive sieht. Held hat recht mit dem Einwand, daß die Kritische Psychologie es nicht, wie im Flugblatt behauptet, "als Inbegriff von Freiheit des Subjekts" ansieht, "sich in die geforderte Unterwerfung freiwillig einzufügen". Allerdings bestätigt er gleich darauf, die "eine Seite" der "menschlichen Handlungsfähigkeit" sei die Unterwerfung schon, und zwar eine "sehr reale". Handlungsfä- higkeit soll jedoch zugleich das Gegenteil von Unterwerfung sein: "verallgemeinerte Handlungsfähigkeit", die eher eine Tendenzbestimmung darstellt, also eine M ö g l i c h k e i t menschlichen Handelns kennzeichnen will, die nicht so sehr real, sondern eher potentiell das menschliche Handeln ausmacht. Ein Widerspruch ist das ja schon, für - zunächst einmal - ziemlich gegensätzlich erscheinende Verhaltensweisen, Unterwerfung und Widerstand, ein und dieselbe "Fähigkeit" des Menschen verantwortlich zu machen. Diese menschliche Eigenschaft ist allerdings derart abstrakt bestimmt, daß einen das nicht lange verwundert. Die Kritische Psychologie will mit diesem "Doppelbegriff" das menschliche Handeln überhaupt bzw. das "Verhältnis von Individuum und Gesellschaft" (Held) erklären bzw. "analysierbar" machen. Vernünftig ist dieses Unterfangen nicht zu nennen: Das menschli- che Handeln allgemein, d.h. jenseits dessen, was überhaupt erst spannend wäre, nämlich der jeweiligen sehr unterschiedlichen Zwecke, die der Mensch verfolgt, und der Mittel, die er dafür vorfindet oder sich beschafft, erklären zu wollen, läuft auf ziemliche Banalitäten der Art heraus, daß zum Handeln ein Sub- jekt, ein Zweck, den es sich setzt, und passende Mittel gehören, sonst bleibt es bei der Absicht und das Handeln kommt nicht zu- stande. Erklärt ist damit keine einzige Handlung auf der Welt. Die Polemik Josef Helds gegen uns ist eine unwissenschaftliche Angeberei: Wer hat umfassendere Begriffe? Wer hat bloß einfache, wer doppelte? Wer kann in einen einzigen Begriff auch noch sein Gegenteil hineinpacken? Als wären Begriffe Säcke und der beste Wissenschaftler der, der in seinem Sack am meisten unterbringt: "Sie lieben die klare Alternative: Entweder die Menschen machen ihre Geschichte selbst und freiwillig, oder sie sind dem Kapitalismus ausgeliefert und können deshalb nichts machen." Solche Fragen wie diese, ob der Mensch freiwillig und selbst oder eher als der Gesellschaft, der Geschichte oder wem sonst immer ausgeliefertes Opfer handelt, überlassen wir Philosophen und an- deren Wissenschaftlern, die sich ganz jenseits dessen, w a s "die Menschen" tun, w o z u sie gezwungen werden und w i e das geht, nach einem P r i n z i p erkundigen, das zwar nichts von dem allen erklärt, was die Menschheit so treibt und denkt, dafür aber angeben kann, wer dafür letztlich verantwortlich zu machen ist: "Der Mensch" selber eben oder irgendwelche Mächte oder Strukturen, für die er nichts kann. Die Bemerkung Rosa Luxemburgs, daß "die Menschen" ihre Geschichte a) selber und aus freien Stücken, b) aber unter gesellschaftli- chen Bedingungen und Zwängen machen, halten wir daher nicht gerade für ein Prunkstück des Marxismus, schon gar nicht für einen gescheiten "Ausgangspunkt", von dem aus vernünftig weiter- zudenken wäre. Bestenfalls handelt es sich um ein abstraktes R e s u l t a t, eine dürftige Zusammenfassung dessen, was Marxisten über den Kapitalismus wissen; nämlich - und darin besteht übrigens Dialektik und nicht in der Denkweise, daß jedes Ding zwei Seiten habe - w i e der abstrakt zusammengefaßte Widerspruch der Sache nach (zusammen-)geht, daß im Kapitalismus die Leute mit Willen und Bewußtsein sich Verhältnissen unterordnen und sie dadurch immerzu reproduzieren, die weder von ihnen erfunden und gewollt sind noch den Interessen der meisten von ihnen zur Durchsetzung verhelfen. An den Leuten liegt das nämlich nicht, sondern an der Eigenart des Kapitalismus, daß die in ihm gültigen Zwecke als quasi sachliche Eigenschaften der ökonomischen Mittel existieren, auf deren Gebrauch jedermann verwiesen ist, wie Geld, Kapital und Lohnarbeit. Daher kommt die Vermehrung von Kapital wie ein Sachzwang daher, an dem niemand in der Gesellschaft, egal was er vorhat, als der absoluten Bedingung seines Interesses vorbeikann. Die Frage nach dem Urheber der Geschichte, nach einem Prinzip, wie man sich das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft überhaupt denken soll, ist andererseits, wenn man den Spruch der Luxemburg als Auskunft darüber verstehen will, endgültig beantwortet: sowohl - als auch. Als Ausgangspunkt für die Beantwortung bestimmterer Fragen wie der nach dem Grund von Börsenkrächen, Selbstmorden und falschen Theorien gibt der Lehrsatz einfach überhaupt nichts her. Für die Kritische Psychologie offenbar schon. Sie hat diesem Spruch (oder ähnlichen von Marx) entnommen, daß für die Erklärung "des menschlichen Handelns", das sie sich vorgenommen hat, beides, der Mensch selbst u n d die Gesellschaft, zuständig zu machen sind. Daher hat sie mit der Kategorie der "Handlungsfähigkeit" ein Prinzip, einen theoretischen Allgrund in die Welt gesetzt, der den abstrakten Widerspruch von Freiheit und Zwang, die Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft zum Leitfaden der Erklärung macht: Das "Handlungskonzept" der Kritische Psychologie gesteht dem Menschen also einerseits sein Handeln als freiwilligen, bewußten Akt zu, andererseits reflektiert es seine Bedingtheit durch die Gesellschaft. Daß diese gegensätzlichen Bestimmungen beide in der Handlungsfähigkeit enthalten seien, drückt sie in der Idee aus, von dieser Handlungsfähigkeit gebe es mehr oder weniger, so daß einmal mehr die Gesellschaft den Menschen (fremd-)bestimmt ("restriktive Handlungsfähigkeit"), das andere Mal mehr der Mensch die Gesellschaft (selbst-)bestimmt, in der er sich bewegt ("verallgemeinerte Handlungsfähigkeit"). Der Sache nach ist es eine einzige Tautologie, eine Handlung da- mit zu erklären, daß der Mensch über die Fähigkeit zum Handeln verfüge. Diese Fähigkeit besteht selbst in gar nichts anderem au- ßer darin, sich in genau den Handlungen zu äußern, deren Erklä- rung sie sein soll. So hat man nur die Handlung theoretisch ver- doppelt, statt ihren Grund ermittelt: Im Individuum liegt verbor- gen dasselbe als Fähigkeit, was da als ihre sinnlich wahrnehmbare Äußerung erklärt wird. Ein Katalog der Leistungen, die der Mensch zu bringen hat, um hierzulande zurechtzukommen, läßt sich sehr einfach übersetzen in eine Liste dessen, was "Handlungsfähigkeit" heutzutage ausmacht. Daher kann Holzkamp seine Schlüsselkategorie zur "Fähigkeit, unter fremdbestimmten Bedingungen durch Beteiligung an der gesellschaftlichen Reproduktion sein eigenes Leben erhalten zu können" präzisieren, indem er mit ihr sich die Welt des Ka- pitalismus und das Tun der Individuen in ihr zurechtdenkt. Mal abgesehen davon, daß diese Charakterisierung so wenig mit "unserer Gesellschaft" und dem dort Verlangten zu tun hat, daß sie genausogut in den Feudalismus, Faschismus oder ins alte Indien paßt: Worin diese postulierte Generalfähigkeit denn positiv bestehen soll, erfährt man von der Kritischen Psychologie im Leben nicht, weil sie sie für sich, getrennt von dem, wozu sie befähigt, gar nicht denkt. So läßt sich von jedem Handeln auf eine entsprechende "Handlungsfähigkeit" und deren Entwicklungsstand zurückschließen, wenn man nur eine Idee davon hat, wie "entwickelte Handlungsfähigkeit" in etwa auszusehen hätte, d.h. ein Ideal davon, was ein Mensch vernünftiger- und fortschrittlicherweise heutzutage denken und tun sollte. Ob die jeweilige "Beteiligung" an der Gesellschaft in Schule, Familie, Beruf und Freizeit dann eher auf restriktive, beschränkte Handlungsfähigkeit schließen läßt oder der Tendenz nach auf er- weiterte Handlungsfähigkeit hindeutet, ist, theoretisch gesehen, pure Willkür. Gerade das rechnet Holzkamp sich dann auch noch hoch an, daß er als Psychologe den Vergleich der Klienten mit dem Ideal, das er theoretisch unterstellt, nicht durchzieht und ihr jeweiliges Ver- halten und sie auf "restriktiv" oder "entwickelt" festlegt, sondern es ganz diesen überläßt, mit seiner Sichtweise ausgerüstet ihre "Handlungsmöglichkeiten" selber zu entdecken, in denen sie ihre "Handlungsfähigkeit" entwickeln und erweitern können. Das ist ja höchst zuvorkommend und zeugt von großem Respekt vor dem Individuum, ihm in seine Befindlichkeiten und Probleme nicht reinzureden, sondern ihm nur als Lieferant von Kategorien zur Seite zu stehen, mittels derer er seine Lage selber deuten und seine Handlungsmöglichkeiten finden kann, die es ja immer und überall geben soll - aber was soll daran eigentlich so nützlich und praktisch sein? Handlungsmöglichkeit oder: -------------------------- Das Gesellschaftsbild der Kritischen Psychologie ------------------------------------------------ Spiegelbildlich zur Handlungsfähigkeit hat die Kritische Psychologie die "Handlungsmöglichkeit" konstruiert. Nicht w e l c h e n Notwendigkeiten man sich fügen muß, interessiert die Kritische Psychologie, sondern d a ß man beim Mitmachen A l t e r n a t i v e n hat. Beim Unterwerfen, also bei dem, was die Kritische Psychologie als die Betätigung der "restriktiven Handlungsfähigkeit" nennt, soll es immer noch Spielraum geben für die andere Seite der Handlungsfähigkeit, die "verallgemeinerte". Damit werden alternative Weisen des Mitmachens, andere Touren, Konkurrenz und Familienleben zu bewältigen, zur Wahrnehmung erweiterter Handlungsmöglichkeiten. Unsere Kritik, daß man mit Protesten innerhalb des Systems, mit Appellen an den Staat usw. dem kapitalistischen Geschäftemachen keine einzige seiner "Handlungsmöglichkeiten" bestreitet, keinen einzigen Schritt zur Schwächung der "Handlungsfähigeit" des Staates vorankommt, widerlegt der kritisch-psychologische Josef nicht. Er begegnet ihr mit seinen kritisch-psychologischen Abstraktionen: Den Blick "hinter die Oberfläche" halten nur Kritische Psychologen aus, Normalos sind dazu zu schwach und angesichts der Gefahren "struktureller Änderungen" zu feige. Also führen die starken Persönlichkeiten von der kritisch- psychologisch Zunft die Verdränger und Realitätsausklammerer mit der Handlungsfähigkeits/Handlungsmöglichkeits-Dialektik an der Nase herum. Ohne uns! Die KPs betrachtet die Gesellschaft als Bedingung des jeweiligen Entwicklungszustandes von Handlungsfähigkeit. Daher verfabelt sie die gesellschaftlichen Zwänge in - mehr oder weniger vorhandene - G e l e g e n h e i t e n zum Handeln, in "Handlungsmöglichkeiten". Eine sehr schräge Sichtweise: Dem Anliegen, Handeln bzw. "Teilhabe an der gesellschaftlichen Reproduktion" zu ermöglichen, verdankt sich die kapitalistische oder irgendeine andere Gesellschaft nämlich so wenig wie dem, Handeln oder Handlungsmöglichkeiten zu beschränken. Manche Handlungen sind zwar von Gesetzes wegen verboten, zu anderen feh- len in der Regel die Mittel, so daß sich etliche "Handlungsmöglichkeiten" immerzu als unmöglich herausstellen und manche Vorhaben auf der Strecke bleiben. Dem Kapitalismus aber dafür ein Kompliment auszustellen, daß er - immerhin - auch eine Methode der "gesellschaftlichen Reproduktion" mit Beteiligungsmöglichkeiten darstellt, und dieses mit der kritischen Einschränkung zu versehen, daß er diese Reproduktion "fremdbestimmt" organisiert und deshalb der Entwicklung der Handlungsfähigkeit auch wieder Schranken setzt, erklärt an ihm überhaupt nichts und taugt deshalb auch nichts als Kritik. Mit dieser doppelten Sichtweise verwandelt die Kritische Psychologie all das, was sie vielleicht mal über den Kapitalismus gewußt hat oder noch weiß, in ein Gesellschafts b i l d, das ihr Menschenbild komplementär ergänzt. In ihm bespricht die KPs das Verhältnis der Abstraktionen Individuum und Gesellschaft, als wäre der Kapitalismus eine Antwort auf die soziologisch-psycholo- gische Fragestellung nach den Möglichkeiten (selbstbestimmten) Handelns unter gesellschaftlichen Bedingungen. Held liegt deshalb wiederum schief, wenn er Kritik an dieser hoffnungsfrohen "dialektischen" Betrachtungsweise der Gesellschaft als Gegenposition zu seiner verkehrten Fragestellung liest: "Diese Gesellschaft ist in allen ihren Aspekten und ausschließ- lich ein System zur Unterdrückung der Menschen. Da gibt es keine Widersprüche, an denen man ansetzen könnte." So einen Mist haben wir nun gerade nie behauptet. Wir haben die Erklärung der KPs, die kapitalistische Gesellschaft erstens als Schranke, aber zweitens auch als Chance zur Beteiligung zu be- trachten als wissenschaftlichen Fehler und affirmative Sichtweise kritisiert. Damit haben wir aber nicht die erste Hälfte des kri- tisch-psychologischen Doppelbegriffs zu unserer Gegenthese ge- macht und behauptet, im Kapitalismus sei pure Unterdrückung und Knechtung der Zweck. Deshalb haben wir auch nicht gegen das Bemü- hen der KPs, sich hoffnungsfroh sich zu jedem Scheiß eine fort- schrittliche Perspektive auszudenken die Parole ausgegeben: "Beteiligt euch bloß nicht an so einer Gesellschaft, die euch nicht nutzt!" Wir haben doch nicht dazu aufgerufen, dem Kapita- lismus beleidigt die kalte Schulter zu zeigen und auf die Alb oder nach Tonga auszuwandern, sondern dazu, ihm den Kampf anzusa- gen. Irgendwie muß man schon sehr in den Alternativen befangen denken, in denen die Kritische Psychologie immerzu dialektisch hin- und herdenkt, um unseren Publikationen nicht zu entnehmen, daß wir der sehr entschiedenen Auffassung sind, daß die B e n u t z u n g der Menschheit für die Vermehrung von Kapital- reichtum der in der Gesellschaft gültige Zweck ist und nicht so ein Unsinn wie pure Unterdrückung. Die Auskunft, daß bei der pro- duktiven Benutzung durch das Kapital und ihrer staatlichen Durch- setzung notwendig jede Menge Schädigungen anfallen, daß ohne ein gerüttelt Maß an Unterdrückung und Gewalt ein erfolgreicher Kapi- talismus nicht zu haben ist, kann man doch nicht dahingehend miß- verstehen, wir würden in Spontimanier den Staat für einen (sinn- und zwecklosen) Moloch halten, der - auch noch - "die Menschen" unterdrückt, weiß der Teufel warum, und dagegen die Freiheit des Individuums hochhalten! Dieses dürftige Ideal und die aus ihm re- sultierende Manier, bei jedem Schaden, der einem eingebrockt wird, zu reklamieren, daß damit der Respekt vor dem eigenen freien Willen, dem alle Instanzen der bürgerlichen Welt eigent- lich verpflichtet sein müßten, (und nicht etwa das eigene Inter- esse durch ihm entgegenstehende) verletzt werde, kritisieren wir gerade immerzu. Allerdings: An allen gesellschaftlichen Ecken und Enden, und zwar bevor man diese unvoreingenommen besichtigt hat, "Widersprüche, an denen man ansetzen kann" zu vermuten, diese hoffnungsfrohe Sichtweise der Gesellschaft halten wir nicht für sehr vernünftig. Auch nicht wenn, wie Held aus seinem psychologischen Menschenbild ableitet, der Mensch die zu befürchtende "Ausweglosigkeit", die aus unserer Kritik folgen könnte, im Kopf nicht soll aushalten können. Die Reihenfolge geht bei uns etwas umgekehrt: Erst überlegen, was los ist, dann, was dagegen zu tun ist. Dann erübrigt sich auch die verkehrte Frage, ob man das Bewußtsein der sich daraus ergebenden Konsequenzen auch aushält. Daher haben wir uns dafür entschieden, daß die Verhältnisse sehr viel weniger auszuhalten sind als die ständig praktisch widerlegte Illusion, daß sie lauter Chancen für ihre Verbesserung bereithielten. Schließlich geht die Fahrt mit dem Karussell von Hoffnungen und Enttäuschungen nicht ohne geistige - und psychische - Verrenkungen ab: immerzu bei den Zuständigen die bessere Berücksichtigung der Anliegen anmahnen, die bei deren Geschäft unter die Räder kommen; sich immer wieder enttäuschen lassen und sich stets aufs neue zu dem verkehrten Gedanken durchringen, beim nächsten Anlaß zu Protest wäre vielleicht mehr drin. zurück