Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 73, 02.05.1983
Prof. Vinnai: "Psychologie und Marxismus"
DIE SACHE MIT DER DISPOSITION
Die Verfehlung des Marxismus bei der Erklärung von Ökonomie und
Politik besteht darin, daß er etwas u n t e r l ä ß t, die Er-
klärung der Psyche der Subjekte. So lautet das gängige Urteil der
Psychologie, das auch Prof. Vinnai vertritt. Ohne einen einzigen
F e h l e r der Politischen Ökonomie aufzuzeigen, gilt die Tat-
sache, daß sie nicht zugleich einen a n d e r e n Gegenstand
analysiert, die Bestimmungen der Subjektivität eben, als theore-
tisches Verbrechen. D a s allerdings ist ein Verbrechen wider
die Logik erster Güte. Seine Durchführung unter dem Titel
"Psychologie u n d Marxismus", die sich als korrigierende Er-
gänzung versteht, erklärt denn auch weder die Psyche noch die Po-
litische Ökonomie: sie präsentiert eine Ideologie über beide.
"Ordnung und Sauberkeit" - grün oder braun?
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In seiner Veranstaltung gab Prof. Vinnai ein Beispiel. Eine früh-
kindliche Disposition, das Verlangen nach "Reinlichkeit und Ord-
nung", führe zum Faschismus, aber auch zur grünen Ökologiebewe-
gung, je nachdem, auf welche "gesellschaftlichen Bedingungen" sie
treffe.
"In der frühen Kindheit wird die Grundlage für Identifikationsmu-
ster gelegt... Der traditionelle kleinbürgerliche Charakter hat
die Tendenz zu Ordnung und Sauberkeit." (Prof. Vinnai)
Sehr eigentümlich. Wenn die Disposition zu "Ordnung und Sauber-
keit" ins Dritte Reich oder die Grünen, also in b e i d e s
münden kann, dann erklärt sie auch k e i n e s von beiden. Der
Psychologe wittert diese Ungereimtheit. Stets gibt er nämlich Be-
dingungen an, unter denen sich seine Ordnungsdisposition betä-
tigt. Unter der Bedingung des Faschismus wird aus ihr erst ein
Hitlerfan; trifft sie dagegen auf demokratische Verhältnisse,
hält sie lieber die Umwelt sauber und wird grün. Ein zirkulärer
Beweis: zwar soll die Disposition im Beispiel den Faschismus er-
klären. Sie tut es aber nach dem Eingeständnis des Psychologen
erst unter den Voraussetzung, daß sie bereits auf die faschisti-
schen Verhältnisse t r i f f t, die sie allererst hervorbringen
sollte. Dann hat aber diese Sorte politischer Herrschaft ebenso
wie die grüne Politik nicht in den Dispositionen ihren Grund.
Den Schein des begründeten Zusammenhangs erzeugt die Psychologie
mit folgenden Fehlern:
Erstens: Die Disposition "Ordnung und Sauberkeit" hat
k e i n e n bestimmten Inhalt. Ordnung wovon und w o f ü r
denn? Man darf sich zwar für einen Moment die aufgeräumte Kinder-
stube oder die gewaschenen Pfötchen der Kleinen darunter vorstel-
len, um diese inhaltslose Bestimmung gehaltvoll zu finden. Aber
auch nur für einen Moment. Denn von sauberen Händen und sorgsam
geordnetem Spielzeug führt kein Weg hin zum politischen Programm
der NSDAP: "Wir räumen auf mit Volksschädlingen!", das zudem
einen G e g e n s a t z zwischen Staatsprogramm und Untertanen
ausdrückt, der im Verlangen nach sauberen Händen auch nicht ge-
rade beheimatet ist. Man darf sich eben unter besagter Disposi-
tion k e i n e n Inhalt denken, damit sie für alle offen ist -
wie sonst erschiene der grüne Gedanke "Baum ab - nein danke" und
die Steuerspendenklage gleichermaßen als "Ausdruck" der Disposi-
tion "Sauberkeit"!
Zweitens muß der Psychologe also der faschistischen bzw. grünen
Politik auch deren Inhalt nehmen, damit beide als eben dieser
"Ausdruck" desselben dastehen. Hitler hat das Parlament besei-
tigt, die Grünen wollen es wieder glaubwürdig machen (was leider
auch nicht ganz richtig ist; aber das interessiert Psychologen
ohnehin nicht). Hitler wollte seine "Umwelt" erobern, die Grünen
möchten sie sauber halten. Alles eine Wichse, sobald das
A s s o z i i e r e n das Argumentieren ablöst: Grüne = Umwelt-
schutz = (da haben wir's) "Sauberkeit und Ordnung" = (na also!)
Reichsparteitag = Hitler. Quod erat demonstrandum.
Drittens hat diese Konstruktion einer inhaltslosen Entsprechung
mit dem Charakter eines "Schlusses" von der Disposition auf die
politischen Verhältnisse aber auch rein gar nichts gemein. Nie
schlußfolgert ein Psychologe einmal "vorwärts" aus der Disposi-
tion auf die Politik, in der sie sich angeblich ausdrücken soll.
Wie auch! Stets entnimmt er "rückwärts" den fertigen, von ihm als
"Ordnung" g e d e u t e t e n Verhältnissen, daß sie dann wohl
auch nichts anderes als die verwirklichte Disposition seien.
Der Mann im Kinde
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Diese Schnitzer sind unerläßlich, weil sich die Psychologie das
politische Urteilen und Treiben der Menschen partout als willen-
und bewußtlosen Mechanismus denken will. Zwar weiß der Psycho-
loge, daß Menschen Gründe vortragen für ihre Absicht, nach einem
starken Staat oder die Grünen ins Parlament zu rufen. Deren In-
halt aber nimmt er nie als solchen ernst, den man auf seine Rich-
tigkeit hin zu prüfen hätte. Ihm gelten dergleichen Argumente als
Ausdruck einer tief im Menschen verankerten, seinem Willen entzo-
genen Disposition - so a r g u m e n t i e r t er, der gute
Mann!
Wegen dieses Bildes eines jenseits von Willen und Bewußtsein ge-
steuerten Wesens suchen Psychologen immer gern die
f r ü h k i n d l i c h e Entwicklung auf, die seine Disposition
erzeugen soll. Zeichnen sich Kinder nicht dadurch aus, daß sie
einfach nachmachen und nachplappern, was die Alten ihnen vorma-
chen oder abverlangen? Lassen sie sich also nicht von "Mustern"
leiten, die sie gar nicht aus freien Stücken und Gründen überneh-
men und ein Leben lang mit sich herumschleppen? Daß die Wissen-
schaft zur Plausibilisierung ihres falschen Gedankens vom dispo-
nierten, daher ferngesteuerten Menschen ausgerechnet die Klein-
kinder als Vorbild mißbraucht, gesteht irgendwie ein, daß es sich
bei den "Großen" im Prinzip n i c h t so verhält, wie sie damit
behauptet haben will. übrigens: Nicht einmal die Alete-Bürger be-
weisen, was Vinnai und Kollegen ihnen zu gern unters Lätzchen ju-
beln. Daß Kinder Auffassungen über "Sauberkeit und Ordnung" ver-
treten und befolgen, weil die elterliche Autorität sie ihnen ein-
bleut, also ohne e i g e n e Begründungen dafür zu haben, heißt
doch umgekehrt nicht, daß sie sich grundlos so aufführen. Beuge
dich der Autorität, die Gewalt über dich hat, oder es ist dein
Schaden das i s t der beherzigte verkehrte Grund von kleinen
und großen Untertanen, lauter ihnen diktierte Bedingungen als
Möglichkeiten des Zurechtkommens aufzufassen und zu behandeln.
Keine Disposition, sondern ein Fehler!
Die Nutzanwendung
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psychologischer Fehler hat im Vinnai-Seminar ein Grüner am eige-
nen Leib zu spüren bekommen. Mit dem "Argument" Disposition ist
jeder Gedanke grundlos zu d e n u n z i e r e n: Ist nicht auch
der Umweltschutzgedanke Ausdruck jener Veranlagung, die sich im
unseligen Hitlerfaschismus ausgetobt hat?! Umgekehrt ist aber
auch mit demselben Fehler jedes Urteil der Kritik entzogen und
dem psychologischen V e r s t ä n d n i s anheimgestellt: Ist
nicht der braun eingefärbte"Aufschwung-für-Deutschland"-Gedanke
b l o ß Ausdruck jener unschuldigen Disposition Sauberkeit, die
ebensogut "unsere Stadt" sauber halten könnte?! Und schließlich
ist auch das nicht ganz unwichtig: Der Wünschelrutengang durch
den frühkindlichen Seeleneintopf, aus dem schlechterdings alles
erklärbar sein soll, hat damit jeden politischen Zweck
s e i n e r Erklärung, also auch seiner Kritik entzogen.
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