Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Entwicklungspsychologie II
6-FEHLER-PROGRAMM ENTWICKELT
Heckhausen stellte in der ersten Sitzung seiner Vorlesung ein 6-
Punkte-Programm der Entwicklungspsychologie vor, das deutlich
macht, zu welchen geistigen Leistungen er sich in diesem Semester
noch aufschwingen will.
1. Der Wandel der Entwicklung erstreckt sich über den gesamten
Lebenslauf-, Entwicklung - Altern.
Wenn man diese Grundannahme lediglich als die banale Feststellung
auffaßt: Die Leute werden älter und ändern sich bis zu ihrem Le-
bensende, hat man das Entscheidende dieser These verpaßt. Um die
"Entwicklung" geht es nämlich, und das ist etwas durch und durch
Psychologisches. Was man sich darunter vorzustellen hat, macht
die 2. These schon deutlicher:
2. Der Entwicklungswandel spiegelt die biologischen, sozialen,
psychischen, physischen und historischen Ereignisse wider. Von
entscheidender Bedeutung ist dabei das timing.
Die erste wichtige Leistung des Psychologen besteht darin, aus
der Tatsache, daß die Leute zu verschiedenen Zeiten unterschied-
liche Sachen machen, unterschiedliche Leistungen bringen, unter-
schiedliche Auffassungen vertreten etc., einen
"Entwicklungswandel" zu machen, womit er sich folgende praktische
Sichtweise eröffnet hat: Er stellt irgendwelche Unterschiede
fest, sagt, dies sei eine Entwicklung, d.h. er nimmt keine Rück-
sicht auf Unterschiede, und erklärt sich diese darin begründet,
daß es sie gibt: "Wandel". So hat er ein eigenartiges Subjekt er-
funden, die Entwicklung, und dessen Tätigkeit, sich zu wandeln.
Der nächste Schritt ist, Faktoren einzuführen, die auf den Ent-
wicklungswandel Einfluß gehabt haben können.
Eines steht für den Psychologen fest: Was die Leute jeweils ma-
chen, ist Resultat ihrer Entwicklung, all ihr Tun und Denken ist
Ausdruck dieses ominösen Subjekts. Er leugnet also, daß s i e
es sind, die ihr Leben in der Auseinandersetzung mit den Anforde-
rungen, die an sie gestellt werden, gestalten. Ihre Handlungen
erklärt er statt dessen als Ausflüsse einer in ihnen wirkenden
Instanz, der Entwicklung. Und diese will er dadurch bestimmen,
daß sie die Spiegelung von diversen Faktoren sei. Er streicht
also den Willen und das Bewußtsein der Individuen weg und läßt
ihr Tun durch die Bedingungen, unter denen es stattfindet,
d e t e r m i n i e r t sein. Logisch ist das Unsinn, denn das,
worauf jemand reagiert, wird als das Subjekt der Reaktion selbst
behauptet, psychologisch ist dieser Unsinn aber sehr fruchtbar:
Es eröffnet das weite Feld der Spekulation darüber, welche Ereig-
nisse und Daten bedeutsam für die Entwicklung gewesen sein könn-
ten. Daß hier Willkür als Prinzip herrscht, ist klar, - schließ-
lich kann alles ein "Einflußfaktor" sein, aber das macht gerade
den Reiz der psychologischen Betrachtungsweise aus.
3. Die Determinanten können konstant oder variabel sein. Sie ste-
hen 1. in einem Wechselverhältnis und wirken 2. kumulativ. Alle
Ereignisse definieren die Lebensbahn. Heckhausen bekennt sich of-
fensiv zu seinem Nichtwissen. Je nachdem ob die Entwicklung fort-
schreitet oder nicht, war die zuständige Determinante konstant
oder variabel (entweder ändert sich das Wetter oder es bleibt wie
es ist); auf jeden Fall hat die Determinante determiniert. Zwei-
tens: ohne daß festgestellt wird, was da was bewirken soll, steht
eines fest, es handelt sich um Wechselwirkungen: alles wirkt ir-
gendwie und ist seinerseits wieder irgendwie bewirkt, und außer-
dem kann da auch noch manches zusammentreffen. Wie gesagt, alles
und jedes spielt letztendlich irgendwie eine nicht zu unterschät-
zende Rolle. Eines wird jetzt schon klar: Der Psychologe weiß
nichts, aber mit der Regel Nr. 3 im Rücken ist er d e r Durch-
blicker.
4. Die Individuen fliegen nicht passiv durch ihre Bahn. Der sich
Entwickelnde schafft selbst die Konstanten und die Variablen. Er
ist entweder in der Lage, etwas konstant zu halten, oder nicht.
Mit dem ersten Satz der These 4 nimmt der Entwicklungspsychologe
keineswegs sein Dogma, daß die Individuen Ausfluß ihrer Psyche
sind, zurück, siehe 3. Satz: von ihrer Entwicklung hängt ab, wie
sie sich entwickeln. (Er spricht ihnen zu, daß sie durchaus aktiv
sind, wobei ihre Aktivität nichts anderes zum Inhalt hat als ihre
Entwicklung.) Die These verdankt sich dem Interesse des Psycholo-
gen die Individuen psychologisch bearbeiten zu wollen, weswegen
sie eine Plastizität besitzen sollen, bei all ihrer Determiniert-
heit (siehe Nr. 6)
5. Jeder neue Jahrgang (= Kohorte = Individuen mit gleichem
Schicksal in altersgleichen Phasen) altert in verschiedenen hi-
storischen Ereignissen. Seine Entwicklung ist abhängig von der
Umwelt wie von der individuellen Reaktion. Verschiedene histori-
sche Epochen unterscheiden sich nach Schnelligkeit und Richtung.
Mit dem letzten Satz deutet sich schon an, welch interessante
theoretischen Probleme demnächst in dieser Vorlesung zur Sprache
kommen: Wie kann man was eigentlich messen? Schon jetzt deutet
sich an, daß Kriege die Entwicklungsgeschwindigkeit jäh erhöhen
(eine Wahnsinns-Kurve!), während wirtschaftlicher Boom die Kurve
abknickt. Ein heißes Thema ergibt sich daraus unmittelbar: Wie
korreliert das wieder mit der Schichtzugehörigkeit, der Ge-
schlechtsspezifik und dem Zahnausfall (Heckhausen wies audrück-
lich auf den wissenschaftlichen Wert interdisziplinärer Zusam-
menarbeit mit Dentisten hin!), man beachte auch die Sonnen-
flecken... Festzuhalten war bereits schon folgende interessante
Fragestellung: "Wenn man die Adoleszenz - in Kriegszeiten
verbringt, was bedeutet das für die Langlebigkeit?"
6. Interventionsbemühungen sind im Alter nach wie vor möglich.
Eine entscheidende Erkenntnis der neueren Forschung ist die Pla-
stizität der Verhaltensmuster vor allem bei Hochbetagten.
Ein Videofilm dürfte in einer der nächsten Sitzungen anschaulich
machen, daß man 90jährigen durchaus noch Laubsägen beibringen
kann. Psychologisch ist das dann hochinteressant und in seinen
sozialpolitischen Konsequenzen bietet das ungeheuren Sprengstoff.
Vor allem wird man daran aber wieder sehen, wie richtig und wie
wichtig die Grundannahmen der Entwicklungspsychologie sind.
Fazit:
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Wer sich in der psychologischen "Weltanschauung" (Heckhausen)
üben will und sich die Betrachtungsweisen der Individuen als Aus-
bildungen psychischer Strukturen (z.B. der Entwicklung) und Defi-
zite aneignen will, sollte auf keinen Fall den Besuch dieser Ver-
anstaltung versäumen. Schon jetzt konnte er einige ausgesprochen
originelle aktuelle Anwendungsmöglichkeiten dieser
"Weltanschauung", die einem akademischen Jungbürger gut ansteht,
mit nach Hause tragen:
"Die Hausbesetzungen heutzutage haben nicht zuletzt etwas mit dem
Problem des 'empty nest' zu tun" oder "Was die Studentenbewegung
mit dem langen Marsch durch die Institutionen gemeint hat, ver-
steht man erst, wenn man sich den Einfluß der Kohorten auf den
Wandel der Institutionen vorstellt."
Uns bleibt nur noch eins: Auch weiterhin guten Flug, Herr Heck-
hausen!
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