Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 9, 06.02.1985
Richter im Audimax: "Psychotherapie und Militarisierung"
FLÜCHTEN ODER STANDHALTEN?
Für den konsequenten Höhepunkt der Vortragsreihe "Wissenschaft
und Friedenssicherung" sorgte letzten Donnerstag Prof. Richter
mit seiner besinnlichen Feierstunde: Dieser Gemütsmensch predigte
seinem Publikum Frieden als einen Zustand der Seele. An der von
"uns allen" gelebten Friedfertigkeit soll die Welt genesen - so
die fromme Botschaft des Mannes, der erst gar kein Wort über die
schlichte Tatsache verlieren mochte, daß noch immer die
S t a a t e n lenker im "Cockpit", nicht "die Insassen" dieses
"Fahrzeugs" bestimmen, was Frieden ist und wie unterdessen der
nächste Krieg vorbereitet wird. Protest ist so höchstens noch als
Protest gegen sich selbst geduldet.
Bei psychologischer Betrachtungsweise sind Politiker nicht die
Sachwalter nationaler Interessen, sondern Menschen wie du und
ich. Waffen haben sich die Führer des Westens demnach nicht als
Mittel ihrer Gewalt zugelegt, sondern halten sie als gefährliches
Spielzeug in ihren schwachen Menschenhänden. Wie kamen sie da nur
hin? Als Menschenkenner hat Herr Richter hier eine ganz eigene
Theorie von der "Militarisierung" der Gesellschaft:
"Friedlosigkeit ist eine psychische Krankheit." Die Menschlein
sind nicht so stabil, die Unwägbarkeiten des Lebens, zu denen
Richter auch die Zumutungen der Politiker zählt, mutig wie dieser
als Schicksal hinzunehmen. Sie vergehen in "Furcht vor der
Angst"' "verdrängen" fleißig und landen bei einem "unverkennbaren
Irrationalismus" einer seelischen Disziplinlosigkeit ohneglei-
chen, die der Psychologe geradezu als Verschmutzung des inneren
Friedens mit der Welt diagnostiziert. Ihn als Richter einer ver-
derbten Menschheit stört damit deren S c h u l d h a f t i g-
k e i t: Diese schlimme Seite ihrer selbst hat sie als Problem
anzusehen und wegzuarbeiten.
In politisch erklärten Vorkriegszeiten gehören sich solche
falschen Ansichten über die wirklichen Zustände offenbar beson-
ders stur verbreitet. Die betroffenen Staatsbürger können sich
mit deren Hilfe bis zum Kriegsbeginn untertänige Sorgen um die
"Gefährdung des Friedens" machen, die ihr friedlos-kranker Cha-
rakter verursacht.
Doch mit moralischer Zurechtweisung des Auditoriums nicht genug -
der Psychotherapeut hatte natürlich daran gedacht, daß ohne eine
praktische Einübung seiner Zuhörer in die erwünschte Ideologie
ein korrektes Friedensverhalten nicht zu haben ist. Zum Friedens-
training sagte er die bislang übliche Diskussion des Vortrags
kurzerhand ab: Es hätte ja Widerspruch geben können, was der be-
schworenen Friedfertigkeit schwer Abbruch getan hätte. Ein wäh-
rend seiner Rede knackendes Mikrophon hatte den Prof. frühzeitig
auf den Gedanken gebracht, seine schöne Friedensfeier solle mit
einem feindlichen "Störsender" kaputt gemacht werden. So sprach
er noch die Worte man möge "lernen, einander zuzuhören" und "in
der Gruppe seine Brüder und Schwestern wahrzunehmen", und eilte
in seinem Verfolgungswahn davon. Dem Rest des Saales sollte das
Gelegenheit geben, geflissentlich in sich zu gehen und sich für
die Menschheitsaufgabe zu "sensibilisieren", einen ordentlichen
Seelenfrieden zu gewinnen: Mit viel "persönlicher Identität" ist
"die Fahrt in Richtung Abgrund zu stoppen".
Freundlicher Beifall der studentischen Insassen der Staatskarosse
des Herrn Richter.
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