Quelle: Archiv MG - WISSENSCHAFT PSYCHOLOGIE - Vom Wahn und Sinn
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Zur Fotoausstellung der M. Wex in der ESG
DER FUSS SPRICHT KINESISCH
Eine Woche lang waren in den Räumen der ESG jede Menge Fotos von
Männern und Frauen zu sehen. Mit dem Titel der Ausstellung
"weibliche und männliche Körpersprache" stellte Marianne Wex
klar, daß ihre Fotos nicht einfach anzugucken sind. Der Künstle-
rin kam es vielmehr darauf an, daß nicht "Männer und Frauen
schließlich ihre Körper ja irgendwie halten müssen", sondern daß
es schließlich M ä n n e r und F r a u e n sind, deren
Selbstbewußtsein nach Mariannes Auffassung sich hier mehr oder
weniger spreizt:
"Mann und Frau sitzen auf der Parkbank, beide haben die Beine
auseinander. Scheinbar sieht das ganz und gar gleich aus, aber es
meint was ganz Verschiedenes."
Das fotografische Anliegen
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In eindrucksvoller Optik werden an die 2000 Fußpaare samt zugehö-
rigen Oberkörpern in schwarz-weiß abgelichtet, um den Betrachter
darauf aufmerksam zu machen, wie unverfälscht sich hier der ge-
schlechtsspezifische Unterschied einbildet: während die männli-
chen Quanten allesamt in geöffneter Fußstellung mit geschlossenen
Absätzen "Habt Acht, jetzt komm' ich" demonstrieren, will uns die
umgekehrte Fußhaltung der Frauen das Gegenteil sagen: "Wo ist das
Loch, in das ich mich verkriechen kann?!" Während so sich das zum
Selbstbewußtsein gediehene Gefühl von Herrschern und Beherrschten
in die Füße fortsetzt, geben die weiter oben liegenden Körperpar-
tien anatomischen Aufschluß über dieses Wunder der Füße: durch-
wegs x-beinige Konstruktion der weiblichen Extremitäten mit äu-
ßerst eng zusammengepreßten Knien, andererseits stets weit ge-
spreizte Knie aufgrund nicht zu übersehender O-Beine. In allen
Stellungen des Stehens und Sitzens pflanzt sich dieses Gebaren
penetrant fort - angepreßte Knie bei der Weiblichkeit und weit
geöffnete bei der sich dahinlümmelnden Männlichkeit, obwohl es
genau umgekehrt sein müßte, sollte man denken. Aber entscheidende
Positionen - und hier ist ein wesentlicher Mangel der ganzen Aus-
stellung angesprochen werden so gut wie gar nicht, bestenfalls
als die Regel bestätigende Ausnahme vorgeführt.
Der wissenschaftliche Hintergrund: Kinesik
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Wie es sich für eine neue Wissenschaft gehört, trägt sie auch
einen neuen Namen:
die K i n e s i k ist nach Auskunft ihrer Erfinder die Wissen-
schaft von der Sprache des Körpers. Natürlich wissen auch die
Wissenschaftler, daß der Körper gar nicht spricht, sondern der
Kopf. Deswegen muß man ersteren mit seinem Zubehör wie Füßen,
Knien und Armen zum Sprechen bringen. Damit hier echte Kommunika-
tion gelingt, ist eine vorwissenschaftliche Verständigung der Ki-
nesik unerläßlich, die festlegt, was der Körper sagt, damit er
hinterher auch ausspricht, was er sagen soll. Der wissenschaftli-
che Begleittext der ausgestellten Fotografien bietet dem Betrach-
ter überzeugende Hilfestellungen für das Nachempfinden ihrer Er-
kenntnis:
"Arme und Beine eng am Körper, sich schmal machend, verniedli-
chend, verharmlosend, demütig, sich anbietend für Sex und son-
stige Bedienung, defensiv, sich versteckend..."
Der erste oberflächliche Eindruck, daß hier ein raffiniertes Weib
sich in die Pose der Verführerin begibt, geht weit an der Sprache
des Körpers vorbei. Mit der Kinesik bereits vertraute Besucherin-
nen gaben stattdessen unverfälscht wieder, was der Körper hier
sagte:
"Stimmt, die Frau signalisiert, daß sie Angst hat - ein Opfer
ist."
Der Widerspruch ihrer verehrten Nachbarin dagegen löst sich
schnell auf, weil er sich derselben Interpretation, die der ange-
klebte Waschzettel vorschreibt, auf einem naheliegenden Umweg an-
schließt:
"In diesem Fall finde ich eher, daß die Frau mit ihren Armen und
Beinen zum Ausdruck bringt, daß sie aggressiv ist, aber gelernt
hat, ihre Aggressionen nach innen gegen sich selbst zu richten."
Fazit: Mit der gelungenen optischen Reproduktion des ersten ki-
neaischen Axioms "Setze dich hin und ich sage dir, wer du bist!"
ist der weiteren Popularisierung der Psychologie ein echter
Dienst erwiesen worden. Wer täglich seinem Körper lauscht und
seine Füße im Auge behält, um an ihnen sein eigentliches unter-
drücktes/unterdrückendes Ich zu gewärtigen, der ist schließlich
bestens dazu präpariert, die hierin aufflackernden "Gegensätze
der Geschlechter" an der Sprache seiner Füße und sonstiger Kör-
perteile zu kurieren.
Der Erfolg:
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Für die Tanten aus der Frauengruppe ist mit der neuerlichen theo-
retischen Fundierung ihrer Befreiungsbewegung auch ein neues
Trainingsfeld fürs Gefühl eröffnet:
"Das große Problem besteht darin, daß Frauen mit ihrem Körper we-
niger Raum einnehmen als die Männer. Und wir mußten nicht nur
lernen, uns breiter zu bewegen, sondern auch die entsprechenden
Gefühle dazu zu kriegen."
Für die Befürchtung einer Besucherin, wegen des zukurzgekommenen
Ichs nun das Training des breitbeinigen Durchquerens der Uni auf-
nehmen zu müssen - "Gibt es denn keine individuelle Haltung
mehr?" - gibt es gottseidank kinesischen Rat. Wo es bei Spreiz-
und Stechschritt darum geht, sich a l s Frau voll zu
e n t s p r e c h e n, ist es gleichgültig, wie breit oder
schmal frau geht und steht. Wichtig bei allem ist es doch, als
was man sich als Frau dabei fühlt: ganz frau.
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